Berlin, das Schreiben und der Fuchs
Gleich am ersten Morgen sah ich den Fuchs. Ich hatte andere Pläne gehabt; seit Wochen schmiedete ich Pläne. Google Maps war voll mit gespeicherten Orten in Berlin: Cafés, Museen, Geschäfte, Parks. Sie gaben mir ein Gefühl der Sicherheit, all diese Orte. Mit ihnen fühlte ich mich gewappnet für meine Schreibzeit – zwei Wochen allein in Berlin. Aber jetzt regnete es, und die WetterApp zeigte ein tiefblaues Regengebiet über der kleinen roten Stecknadel, die mein Standort war.
Im Nachhinein denke ich, dass er ein Glück war, dieser Regen an meinem ersten Morgen in Berlin. Weil ich so den Fuchs sah. Und weil ich mein Manuskript auspackte und mit der Überarbeitung meines Romans begann.
Wie war Berlin?, wurde ich gefragt, als ich zurück in Bremen war. Groß, antwortete ich. Ich weiß nicht, warum ich das jedes Mal sagte, wahrscheinlich, weil es eben so ist. Wenn man aus Bremen kommt, ist Berlin groß. Zum Glück hatte ich ja mein Bremen in Berlin. Die Bremer Landesvertretung und das dazugehörige Gästehaus. Wenn ich kam oder ging, grüßten mich die Bremer Stadtmusikanten. Sie waren rotweiß und aus Plastik, aber fast so groß wie die Original-Stadtmusikanten, die ja bekanntermaßen für die meisten Besucher enttäuschend klein sind. Unverdrossen trotzen die Berliner Bremer Stadtmusikanten der Größe der Nachbarn, der Friedrich-Ebert-Stiftung zur einen Seite und der Botschaft der Vereinigten Arabischen Emirate zur anderen. Bremisches Understatement eben.
Das Apartment im Gästehaus war mein Ruhepol. Im Treppenhaus herrschte meditative Stille. Während der zwei Wochen, die ich hier wohnte, begegnete ich nicht einem Menschen, und der Fahrstuhl war bei jeder Rückkehr verlässlich dort, wo er sich auch bei meinem Fortgehen befunden hatte. Sommerzeit in Berlin. Ich öffnete die Tür zu meinem Apartment. Auf dem Abtropfbrett standen Gläser und die bunte Cornflakesschale, die ich mir im KaDeWe gekauft hatte. Rechts der Ess- und Schreibtisch, dahinter das Sofa, die Treppe hinunter zum Schlafzimmer. Es war groß und gleichzeitig klein in Berlin. Das hätte ich auch antworten können. Denn jeden Morgen saß ich an dem kleinen Kiefernholztisch und kehrte zurück in die Miniaturwelt, in der mein Roman spielt: zwei Häuser auf einem Grundstück in Bremen-Oberneuland. Nicht irgendeine Welt, sondern mein Zuhause. Der Abstand und die Größe des Außen ermöglichten mir einen anderen Blick auf meinen Text. Ich nahm sie mit, die Welt meines Romans, wir liefen durch Berliner Straßen, fuhren kreuz und quer mit dem Bus, waren in Cafés in Charlottenburg und Kreuzberg.
Der Text in meinem Kopf begleitete mich zur Marina-Abramović-Ausstellung im Gropius-Bau und zu Gerhard Richter in der Neuen Nationalgalerie. Und wir saßen gemeinsam auf einem 60er-Jahre-Sofa in einem nachgestellten Wohnzimmer in der Fotoausstellung „No Place like home“. Lee Shulman hat mit The Anonymous Project rund eine Million herrenloser Dias zusammengetragen und daraus eines der weltweit größten Privatarchive analoger Amateurfotografie erschaffen. 12.000 dieser Dias wurden in der Fotografiska Berlin ausgestellt. Auf ihnen begegnete ich meinen jungen Eltern.
Die Bilder von Feiern, von Autos, von Weihnachtsbäumen, aufgenommen in Houston und in Brighton, hätten genauso gut aus den Fotoalben meiner Eltern stammen können. In meinem Text, in meinem Kopf waren meine Eltern alt, ich schrieb über den Abschied von ihnen, das Haus, das sie mir hinterließen. Aber jetzt sah ich sie mit Silvesterhüten auf dem Kopf vor dem Lametta-Weihnachtsbaum tanzen, mit einem Baby im Arm (mir!) in einem Vorgarten stehen. Sie berührten mich, diese anonymen Menschen, wie vertraut sie mir waren, wie lebendig auf diesen fast vergessenen Bildern.
Den Fuchs sah ich nur ein einziges Mal, an jenem ersten regnerischen Vormittag. Er schien noch jung zu sein, sein Körper zu schmal für seine langen, dunklen Beine. Er lief über die Terrasse, sprang auf eine breite Brüstung, blieb dort stehen, lange genug, dass ich ein Foto von ihm machen konnte, bevor er sich wegduckte und verschwand.
Katrin Heins wurde 1969 in Bremen geboren, sie ist ausgebildete Schifffahrtskauffrau und Germanistin ohne Abschluss und lebt und arbeitet in Bremen. Bereits vor dreißig Jahren erhielt sie das Bremer Autorenstipendium zum ersten Mal. Sie hat Kurztexte und Erzählungen in Literaturzeitschriften veröffentlicht, war Teilnehmerin einer Romanwerkstatt des Literaturhauses München und hat eine Drehbuchausbildung absolviert. Nach einer langen Pause hat sich das Schreiben in den letzten Jahren seinen Platz in ihrem Leben zurückerobert. Zurzeit arbeitet sie an einem autobiographischen Roman. Sie bekam eins der drei Projektstipendien des Bremer Autorenstipendiums 2025.