#140 Julia Wolf: „Ich mag dieses elf Mal wieder bei null anfangen und den Ball nochmal werfen“ [28:37]

28. Oktober 2026

Julia Wolf
© Franziska Rieder

Nicht ein langer Text, sondern elf Stories stecken in Julia Wolfs Erzählband Du, hier. Elf Geschichten über Frauen, die alle an einem Wendepunkt stehen. Dabei ist das Sich-Selbst-Behaupten zentrales Thema. Die Figuren hinterfragen lang verinnerlichte Ansprüche und wehren sich gegen sie: mal als drastischer körperlicher Befreiungsakt, mal in fast stillen Entscheidungen gegen Erwartungen von außen. Wieso Julia Wolf vom Scheitern und Widersetzen so fasziniert ist, erzählt sie Moritz Kalvelage in der neuen Episode des Literaturhaus-Podcasts.

Julia Wolf liest am 03. November 2026 im Rahmen unserer Reihe Satzwende in Bremen. Hier gibt es mehr Informationen zur Lesung.

Zum Nachlesen

Moritz Kalvelage:
Mit Moritz Kalvelage. Julia Wolf ist Schriftstellerin und Übersetzerin, sie ist zweifache Mutter, lebt in Berlin und hat neben Stücken fürs Radio und Theater auch Romane sowie einen Kollektivroman veröffentlicht. Ihr neuestes Buch aber ist ein Erzählband und heißt „Du, hier. Stories“. Elf Erzählungen, elf Episoden von verschiedenen Frauen, verschiedene Geschichten, zwar mit verbindenden Elementen und Motiven, aber mit Figuren, die in doch sehr unterschiedlichen Lebenssituationen sind. Ein Erzählband, den ich sehr gerne gelesen habe und mich deshalb auch so freue, jetzt mit der Autorin darüber sprechen zu können. Hallo Julia.

Julia Wolf:
Hallo.

Moritz Kalvelage:
Du stellst in all deinen Erzählungen Frauen ins Zentrum. Was würdest du sagen: Wie geht es denn den Frauen in deinen Geschichten?

Julia Wolf:
Ah, das ist eine gute Frage, die wurde mir so auch noch gar nicht gestellt. Ich glaube, es ist natürlich unterschiedlich in jeder Geschichte, aber sie sind vielleicht auf irgendeine Weise alle in einer Situation in ihrem Leben, in der sich was verändert, auf die eine oder andere Art und Weise. Vielleicht manchmal groß, manchmal klein. Genau, aber für alle verändert sich was.

Moritz Kalvelage:
Und diese Veränderung hat ja auch verschiedene Intensitäten, ich glaube, das darf ich ruhig verraten, also die erste Story macht Leser:innen deutlich: ein Faust als Befreiungsschlag, als emanzipatorischer Akt. Wieso ist das für dich so ein übergreifendes Thema für deine Geschichten geworden?

Julia Wolf:
Ja, also ich glaube, also es gibt dieses Motiv der Selbstbehauptung in den Texten, würde ich sagen. Und da ist das mit dem Faustschlag in der ersten Geschichte der offensichtlichste Akt der Selbstbehauptung. In den anderen Erzählungen ist es vielleicht eher subtiler, sind es kleinere Akte. Muss man beim Lesen vielleicht auch im Moment überlegen, was genau jetzt da der Akt der Selbstbehauptung drin ist. Ich glaube, was mich umgetrieben hat, ist ein Gefühl von in der Lebensmitte sein. Wie gehe ich als Frau damit um, jetzt nicht mehr ganz jung zu sein, aber halt auch noch nicht alt. Schon auf ein Stück gelebtes Leben zurückzublicken, aber auch noch viel hoffentlich vor sich zu haben. Und was macht das mit mir, was macht das mit meiner Haltung zum Leben. Es gibt aber natürlich auch den größeren Kontext, dass es politisch gerade auf allen Ebenen für Frauen und queere Menschen schwierig ist. Ich glaube, dass diese Texte sich auch in diesem größeren politischen Kontext bewegen. Und auch da die Selbstbehauptung und das Einfordern dafür, das Leben so zu leben, wie ich das möchte, immer wichtiger wird.

Moritz Kalvelage:
Im Konkreten geht es öfter um die Vorahnung vom Nicht-Mutter-Werden, vom gewünschten oder nicht-einvernehmlichen Sex, um Partys, um enge Räume auch. Damit verbunden ja auch die größeren Erwartungen von außen, oder? Also gesellschaftliche Verpflichtungen ja auch, an Frauen besonders.

Julio Wolf:
Genau, und welche Erwartungen, die ich vielleicht jetzt die ersten Jahrzehnte meines Frauseins mit mir getragen habe und nicht hinterfragt habe, hinterfrage ich jetzt und wende mich vielleicht davon ab. Das ist auf alle Fälle auch ein wichtiges Thema dieser Geschichten.

Moritz Kalvelage:
Ich selbst als Leser habe nicht so häufig so viele Geschichten von Frauen auch, du hast es selbst ja schon gesagt, mittleren Alters, von Frauen, die schon ein Stück Leben hinter sich haben, gelesen. War das für dich auch was Spannendes am Schreiben daran?

Julia Wolf:
Genau, also das natürlich aus der eigenen Lebenssituation heraus. Generell gibt es ja so ein bisschen diese Beobachtung – ich wollte jetzt erst Klischee sagen – ich glaube nicht, dass es ein Klischee ist, diese Beobachtung, dass Frauen ab einem gewissen Alter unsichtbar werden in der Gesellschaft. Das waren so Dinge, die mich beschäftigt haben und an die ich rangehen wollte mit diesen Texten.

Moritz Kalvelage:
Aber dieses Unsichtbarwerden – das habe ich mir auch aufgeschrieben – also manche Figuren in den Geschichten wünschen sich zum Teil auch lange und wiederkehrend unsichtbar zu sein, körperlos zu werden, sich aufzulösen. Das habe ich als krassen Kontrast zu so vielen körperlichen Szenen und Lebenssituationen wahrgenommen. Also nicht nur zum Thema Mutterschaft, aber auch dazu. Es gibt ja viele sehr körperliche Szenen in deinem Buch.

Julia Wolf:
Ich glaube, dass dieser Wunsch nach Unsichtbar bei den Figuren ein Wunsch nach Transzendenz ist. Also das, was den Körper und die Person, die Frau hat, die ihr zugeschrieben wird, die sie irgendwie erfüllen muss, als die sie agieren muss, zu übersteigen und irgendwie sich in etwas Größeres aufzulösen. Ich glaube, das steckt dahinter.

Moritz Kalvelage:
Es gibt auch noch andere Bezüge zur echten Lebenswelt, die Corona-Pandemie zum Beispiel, aber die Erzählungen sind auch aufeinander verweisende Folien, oder?

Julia Wolf:
Ja, also ich hatte irgendwann im Schreibprozess, als ich so vier oder fünf Erzählungen hatte, wurde mir klar, dass es eben da Motive gibt, die zusammengehören. Und hab dann den Rest der Erzählung schon auch so konzipiert, dass es da eben Querverweise und Momente gibt, die irgendwie zueinander gehören. Das waren jetzt nicht elf Erzählungen, die ich zufällig hatte und dann in einem Buch zusammengepackt habe, sondern das war dann schon natürlich nach einem Konzept geschrieben und aufeinander, ja, orchestriert.

Moritz Kalvelage:
Es gibt nämlich die letzte Geschichte, der Handel von Pferdemädchen und dieser Begriff Pferdemädchen taucht auch – beim zweiten Lesen habe ich es dann gemerkt – auch in einer anderen Geschichte auch auf, genauso wie das Motiv des Nerzmantels, auch der Nerzmantel taucht noch mal woanders auf in einer anderen Geschichte. Das waren so ein paar Easter Eggs für mich beim anderthalbten, zweiten Mal Lesen eigentlich dann.

Julia Wolf:
Ach schön, ja, das freut mich total, dass das funktioniert.

Moritz Kalvelage:
Hattest du die Querverbindung quasi beabsichtigt. Also für mich wirkte quasi jede Geschichte, die ich gelesen habe, als würde ich so einen Gang höher schalten, weil ich die dann im Hinterkopf hatte und die aktuelle Geschichte wurde dann umso intensiver, weil ich schon wusste, was haben denn die anderen Frauen vor dieser Frau erlebt.

Julia Wolf:
Das ist ein sehr schöner Leseeindruck, über den ich mich freue. Was ich vielleicht dazu sagen kann, ist, dass die Reihenfolge der Geschichten nicht von Anfang an feststand. Also ich wusste, dass ich mit diesem Satz „Du stehst an der Bar und trinkst ein Glas Sekt“ in der ersten Geschichte anfangen wollte. Und ich wusste, dass ich mit dem letzten Satz von der letzten Geschichte aufhören wollte. Also der Rahmen war gegeben. Und dann ging es im letzten Prozess des Lektorats darum, innerhalb dieses Rahmens diese Geschichten so zu arrangieren, dass da irgendwie Bögen und Bewegungen so entstehen. Und wenn das dann aber den Eindruck jetzt erweckt, dass das mit jeder Geschichte nochmal irgendwie einen Zahn zuzieht, finde ich das sehr schön und freut mich das total. Also ja, es war dann irgendwie auch teilweise eine technische Überlegung. Also wo will ich jetzt alle Erzählungen in der dritten Person hintereinander weghaben? Also sie haben ja alle unterschiedliche Formen, dass das irgendwie ausgeglichen ist. Und dass es da als Ganzes dann stimmig ist. Das waren dann die letzten Überlegungen bei der Fertigstellung des Buchs.

Moritz Kalvelage:
Diese Haltung, die diese Frauenfiguren haben, bist du mit dieser Haltung an Schreiben gegangen, beziehungsweise mit der Absicht deinen Frauenfiguren diese Haltung der Widerwehr mitzugeben?

Julia Wolf:
Wahrscheinlich, ja. Ich kann immer gar nicht so genau sagen, mit welcher Haltung ich ans Schreiben... Doch, kann ich doch. Ich gehe vor allem mit einer suchenden Haltung ans Schreiben ran. Und versuche mir in den Texten immer auf irgendeine Art und Weise selber etwas zu erschließen oder zu erklären. Und dann war es vielleicht für diese Texte der Moment, okay, ich stecke sie in diese Situation, weil die mich aus diesen und diesen Gründen interessiert. Und wo kann in dieser Situation der Akt der Selbstermächtigung stecken? Wo finde ich ihn? Also, das war, glaube ich, die Suchbewegung beim Schreiben.

Moritz Kalvelage:
Und vor dem Akt der Selbstermächtigung steckt aber eigentlich auch immer so dieser Punkt, der erreicht wird, wo die Figuren zweifeln oder fast scheitern…

Julia Wolf:
Ja, ich glaube aber, das ist wahrscheinlich nicht nur auf dieses Buch von mir beschränkt. Ich habe immer Figuren, die zweifeln und fast scheitern, also das ist für mich so der Grundzustand, glaube ich.

Moritz Kalvelage:
Es gibt auch Männer, häufig etwas abwesend, sowohl räumlich als auch emotional nicht so involviert in das Leben ihrer Partnerin. Welche Funktionen hatten die Männer für dich?

Julia Wolf:
Die waren erst mal natürlich einfach da, weil Männer da sind. Einfach hatten sie als Erstes die Funktion, dass sie Partner und Freunde sind und Väter von Kindern und so weiter. Und dann war mir ganz wichtig, dass es eben nicht um sie geht, sondern dass es dezidiert um diese Frauen geht und dass die Männer in diesen Texten vielleicht eher als Sparing-Partner im besten Fall da sind, aber nicht jetzt irgendwie als zentrale Figuren des Textes. Mir war aber auch wichtig, da keine Karikaturen zu schaffen, sondern eben auch verschiedene Männer zu zeigen, die jetzt nicht irgendwie einfach nur doof und ätzend sind, sondern dass es eben auch bei den Männerfiguren eine Bandbreite von Persönlichkeiten gibt und dass auch in diesen Nebenfiguren, den männlichen, eine Komplexität vorhanden ist.

Moritz Kalvelage:
Genau das fand ich spannend, diese Komplexität, aber nicht nur auf die Männer bezogen, sondern auch auf die Frauen, weil ich dachte: „aha, so nimmt die Frau diesen Mann wahr.“ Also das hat dann auch immer sehr viel über die Frau verraten. Also ich habe mir hier etwas hingelegt, bei Alles öffnet sich, ziemlich am Anfang der Geschichte, da kriegt die Protagonistin einen Korb von einem Date und scheint aber eigentlich gar nicht so erschüttert davon zu sein und führt so mit ihrem Tag fort und denkt dann aber auch: „Der Mann war in Ordnung, er hat gut gerochen und halbwegs interessante Dinge erzählt. Meine sexuelle Befriedigung war ihm ein Anliegen. Wahrscheinlich hätte ich mich weiter mit ihm getroffen, immer weiter, bis in alle Ewigkeit.“ Also gelinde gesagt ist das ja ein etwas genügsamer Blick auf die Funktion des Mannes, auch für diese Frau.

Julia Wolf:
In dieser Geschichte ist das definitiv so. Sie hat jetzt lange vorhin gesprochen vom Erfüllen von Erwartungen. Sie hat jetzt lange diese heterosexuellen Erwartungen an sie erfüllt und war erst verheiratet mit dem Vater ihrer Tochter, der dann weitergezogen ist und hat dann eben versucht, einen neuen Partner zu finden, in dem sie datet. Aber eigentlich liegt ihr romantisches und erotisches Interesse ganz woanders, weil sie hat nämlich eine Frau kennengelernt und konnte sich das vielleicht jetzt im letzten Jahr noch gar nicht so richtig eingestehen. Aber das Date, das Platz, und zwar muss ich darauf bestehen, ein sehr verbindliches Date, die waren nämlich für den Weihnachtsabend verabredet. Als das Date platzt, ist das quasi der Moment, in dem sie die Möglichkeit hat, was Anderes zu machen. Und deswegen ist sie überhaupt nicht traurig darüber. Sie weiß das nicht gleich, aber sie ist überhaupt nicht traurig darüber, dass dieses Date platzt, weil es ihr die Möglichkeit gibt, zu dieser Frau zu fahren.

Moritz Kalvelage:
Und nicht nur Männer spielen eine mal kleine, mal große Nebenrolle. Auch Kinder spielen mal große und mal kleine Nebenrollen. Mal als Nervgeister, mal als Wunschvorstellung oder als Teil eines Familienidylls. Wozu sind die Kinder da oder wieso sind die Kinder da?

Julia Wolf:
Ähm, die Kinder sind vor allem auch dank meiner Lektorin da. Also, ich hatte beim Schreiben immer so dieses... diese, äh, Angst, ähm, Vision im Kopf. Ich will auf gar keinen Fall ein Buch über Mutterschaft schreiben. Und das ist definitiv verinnerlichte Misogynie, weil irgendwie über Bücher über Mutterschaft auf eine bestimmte Art und Weise gesprochen wird oftmals, die ich nicht so angenehm finde. Und dann hab ich immer versucht, die Kinder aus den Texten rauszuschreiben und irgendwie versucht, diese Texte zu schreiben, ohne dass die Kinder, ähm, zu viel Bedeutung bekommen. Und dann sagte meine Lektorin irgendwann, das ist doch Quatsch. Also, die sind halt da. Also, die sind halt da, wie andere Sachen auch da sind. Und die sind Teil des Lebens dieser Frauen. Warum solltest du versuchen, die rauszuschreiben? Und das fand ich irgendwie, das war eine totale Befreiung. Das klingt jetzt nach so was Offensichtlichen und Klein. Aber es hat bei mir so eine Selbstzensur im Schreiben so ein bisschen gelockert. Also, ich hab ja auch schon über Mutterschaft geschrieben und war auch, ähm, im Kontexten tätig, in den Mutterschaften oder Elternschaften eine wichtige Rolle gespielt hat. Ich dachte nur so, bei diesem Buch will ich mir das verbieten, weil ich dann nicht will, dass es heißt, es wäre ein Buch über Mutterschaft. Und meine Lektorin hat mir dann so diese Angst genommen. Und das war irgendwie sehr befreiend. Und so sind sie jetzt einfach da als Teil des Lebens, als Menschen, die in diesem Leben der Frauen eine Rolle spielen.

Moritz Kalvelage:
Ist die Angst auch nachhaltig weg? Ich habe vorhin nämlich auch schon eine Frage zur Mutterschaft oder zur Rolle des Mutterseins gestellt. Gibt es da noch so ein Zucken in deinem Nacken, dass du dich darüber ärgerst, dass du diese Frage bekommst?

Julia Wolf:
Also eigentlich will ich, will ich, es war, ich habe mich über mich geärgert, als ich diese Angst bei mir erkannt habe beim Schreiben und deswegen war der Austausch mit meiner Lektorin an der Stelle so wichtig. Eigentlich will ich, dass Mutterschaft ein Thema ist wie alle anderen, was in der, ein literarisches Thema sein kann, ohne dass es dann irgendwie gleich ein Label bekommt und wegen in eine bestimmte Ecke geschoben wird. Das muss eigentlich das Ziel sein, dass Mutterschaft als Thema für literarische Texte und ich glaube, das ist ja auch, ja, es ist ein zweischneidiges Schwert. Also es gibt viele Texte über Mutterschaft, aber sie werden eben schnell auch in eine Ecke gestellt, in die ich nicht gestellt werden wollte. Aber eigentlich muss das Ziel sein, dass das ein Thema wie viele andere ist, ist, das literarisch behandelt wird.

Moritz Kalvelage:
In deinen Erzählungen verknüpfst du häufig Inhalt und Form, Überschrift und Form. Also bei der Erzählung Kopfbewohner auch zum Beispiel ist mir das extrem stark aufgefallen. Ist das etwas, was dir einen roten Faden gegeben hat und Struktur oder was dich auch beschränkt hat?

Julia Wolf:
Nee, beschränkt hat es mich nicht. Also, das ist wie so ein Schreiben, der Schreibprozess ist ja schon sehr einsamer, also ich verbringe viel Zeit allein. Und dann stelle ich mir selber gerne manchmal auch unterbewusst wie so Aufgaben. Und in dem Fall habe ich mir die Herausforderung gestellt, dass, oder an mich selbst den Anspruch formuliert, dass jeder diese Geschichten ihre ganz eigene auf den Inhalt abgestimmte Form hat. Und das sollte jetzt vielleicht auch selbstverständlich sein, dass die Form auf den Inhalt abgestimmt ist. Aber ich wollte eben für jede dieser Geschichten so eine eigene Form finden. Und dann bei Kopfbewohner war halt die Übereinstimmung von Form und Inhalt dann irgendwie besonders stark. Und eigentlich hat mich das eher gefreut, als ich den Titel gefunden habe und gedacht habe, ah, wie cool, das passt ja total auch zu dieser Form des sehr assoziativen inneren Monologs. Da springen in ihren Gedanken, springen die Halbsätze und Wörter, in ihrem Kopf springen die Halbsätze und Wörter herum. Und das ist ja genau wie bei den anderen Sachen, die auf ihrem Kopf herumspringen.

Moritz Kalvelage:
Sind die Begriffe welche, die dir in deinem echten Leben auch begegnet sind. Also für die Hörerinnen und Hörer: Kopfbewohner sind dann Läuse, vor denen gewarnt wird. Ich habe mich gefragt, ob du wirklich Teil dieser WhatsApp-Gruppe warst, in der das mitgeteilt wurde.

Julia Wolf:
Also bei mir ist es selten genauso, wie es dann im Text steht, aber es gab tatsächlich mal einen Austausch mit einer pädagogischen Kraft, in der das Wort fiel und ich dachte, was für ein Euphemismus, das ist wirklich verblüffend, diese ekligen Viecher und das ist ja auch ein fürchterliches Prozedere, das der Entlausung und langwierig und dann kommen sie wieder und so, was für ein Euphemismus, das als Kopfbewohner zu bezeichnen.

Moritz Kalvelage:
Wir haben schon gesagt, die Frauen eint, dass sie sich immer widersetzen. Du hast dich bei deinem Schreiben auch der großen Form widersetzt. War das auch eine Absicht?

Julia Wolf:
Das war total eine Absicht. Und ich bin auch da sehr dankbar meiner Lektorin, dass sie das quasi relativ schnell gesagt hat, das machen wir. Weil es ja nach wie vor immer noch im deutschsprachigen Raum diese wahnsinnigen Vorbehalte gegen Erzählbände gibt. Das verkauft sich nicht, das wollen die Leute nicht lesen und so weiter und so fort. Und ja, also ich liebe die kurze Form. Ich lese gerne Kurzgeschichten. Es entspricht meinem Arbeitsalltag mit zwei Kindern total, immer wieder zu einem kürzeren Bogen anzusetzen, statt zu einem langen Bogen anzusetzen, der irgendwie in verschiedenen Ebenen sich verästelt. Genau, also ich liebe die kurze Form. Jetzt muss man sagen, meine Romane waren jetzt auch nicht irgendwie 700-Seiten-Wälzer, sondern auch, also der letzte Roman kann man sagen, waren eigentlich auch drei Erzählungen. Deswegen, ja, es ist eine Form, die mir sehr entspricht und die ich einfach liebe.

Moritz Kalvelage:
Dein Erzählband heißt ja auch „Du, hier. Stories“, er heißt nicht „Du, hier. Erzählungen“. Ist das dann auch quasi der Schritt gewesen, sich in angloamerikanische, angelsächsische Tradition zu stellen, eben wegen der Wertschätzung, die du gerade angesprochen hast?

Julia Wolf:
Gar nicht wegen der Wertschätzung, sondern wegen der Tradition, in der ich mich so ein bisschen da verorten möchte. Also, ich habe Nordamerika-Studien mit Schwerpunkt Literatur studiert. Also, ich bin sehr geprägt von nordamerikanischer Literatur. Meine Vorbilder jetzt in Bezug auf die Short-Stories sind... Also, vor allem aus dem anglosächsischen Raum. Genau, also eher so eine Verortung von mir selber. Ich finde, Erzählung klingt auch immer so ein bisschen sperrig und bieder und verstaubt, also einfach das Wort. Deswegen war das so ein bisschen so ein Versuch, meine Verortung in der Tradition da sichtbar zu machen.

Moritz Kalvelage:
In deinen Storys spielst du mit verschiedenen Perspektiven, also es sind elf Geschichten. Die erste ist im Duo, wir kommen ins personale erzählen, wir kommen zum Ich, wir kommen zum kollektiven Wir. Das lese ich sehr selten. Wieso diese Vielfalt?

Julia Wolf:
Ja, das war eben diese Überlegung, dass jede, jede dieser, dieser Geschichten eben eine Form findet, die, die zu ihrem Inhalt, also maßgeschneidert ist auf ihren Inhalt so. Zum Beispiel die Wir-Form in der letzten Geschichte, das ist eben die Gruppe von Pferdemädchen. Und natürlich hätte ich das auch irgendwie personal erzählen können oder in die Perspektiven der verschiedenen Mädchen in der Gruppe reinspringen oder das aus der Sicht der Frau erzählen, die da dazukommt. Aber mich hat eben die Gruppe interessiert und der Zusammenhalt in dieser Gruppe und diese Bande, die da entsteht und die eben mehr ist als die drei Mädchen, sondern eben da entsteht ein richtiges Wir und deswegen wollte ich auch aus dem Wir heraus erzählen. Also ich finde auch, es ist nicht so oft, aber ich weiß auch, warum es nicht so oft ist, weil es schwierig ist, in der Wir-Form zu erzählen, finde ich. Aber eben das mochte ich auch, diese Herausforderung.

Moritz Kalvelage:
Ich fand nämlich auch schön, weil in diesem Wir, das Wir verändert sich ja voll. Also das sind diese Pferdemädchen und diese Pferdemädchen treffen auf eine, im Vergleich zu den Pferdemädchen, deutlich ältere Frau und dieses Wir, was erst so abgeschottet ist, weicht ja auch auf mit der Zeit. Es wird ja viel offener, dieses Wir.

Julia Wolf:
Also die Frau drängt sich denen quasi auf, also die fordert das so ein bisschen ein in diese Gruppe aufgenommen zu werden und reingelassen zu werden. Ihre genauen Beweggründe kennen wir gar nicht, weil wir ihre Perspektive nie kennenlernen. Aber genau, das Wir öffnet sich und nimmt sie da am Ende ein Stück weit zumindest auf.

Moritz Kalvelage:
Du hast gerade gesagt, das ist sehr schwierig, im Wir zu schreiben. Machen dir diese Perspektivwechsel Spaß, also vorrangig Spaß oder ist das etwas, was dann quasi notwendig ist für die Art, wie du erzählen möchtest?

Julia Wolf:
Ne, also es ist notwendig, aber es macht mir auch Spaß. Also ich, ja, damit rumzuprobieren und irgendwie verschiedene Sachen auszuprobieren, macht mir sehr viel Spaß und ich habe auch das Gefühl, also die Perspektive hat ja dann auch viel mit dem Ton der Erzählung zu tun. Und ich habe immer das Gefühl, wenn ich den Ton gefunden habe, dann ist alles andere kein Problem mehr. Also irgendwelche Herausforderungen in Bezug auf Plot oder Dramaturgie, das löst sich, da finde ich Lösungen für. Das ist nicht so das Problem. Die große Herausforderung ist, den Ton zu finden, der das Ganze trägt und dann kriege ich das hin so. Genau, deswegen ist da für den Ton die Perspektive eben auch ganz wichtig.

Moritz Kalvelage:
Du hast ein Kollektivroman auch veröffentlicht und vielleicht ist das eine naive Wahrnehmung, aber ich hab gedacht, war dieser Erzählband auch sowas wie kollektives Schreiben, aber alleine?

Julia Wolf:
Ähm...das ist eine total interessante Frage. Also, ich habe in diesem kollektiven Schreibprozess, vielleicht muss man es kurz erklären, wir haben zu achtzehnt ein Buch über Begehren und Alter geschrieben. Und das hat so funktioniert, dass wir in einem Google-Dokument am Anonymisier-Zusammen geschrieben haben. Also, alle konnten einfach das schreiben, was sie schreiben wollten. Und also, natürlich, also nichts Rassistisches, nichts Sexistisches und so weiter. Da gab es schon irgendwie so ein paar Grundregeln. Und dann wurde das, daraus ist ein riesen Text-Konvolut entstanden, dass dann am Ende wir HerausgeberInnen kollagiert haben. Und also diese sehr offene Arbeitsweise hat mich auf alle Fälle sehr geprägt, auch für die Arbeit jetzt an den Erzählungen, was irgendwie Spontanität und Sachen ausprobieren angeht. Ich habe Ideen bekommen im Schreibprozess. Ähm...Ich versuche deine Frage zu beantworten, ist das kollektives Schreiben aber alleine? Naja, also auf eine Art und Weise ist ja auch, also jetzt verlinke ich mich ein bisschen aus dem Fenster, ist ja auch jedes Schreiben kollektives Schreiben, weil die anderen Stimmen aus der Literatur, die Stimme der Lektorin, die Stimme des Erstlesers und so, das ist ja auf eine Art und Weise immer mit drin, wird aber nicht als eine andere Stimme markiert, sondern wird einfach so vereinnahmt in den Text, in dem dann mein Name draufsteht. Also auf einer Meta-Ebene ist Schreiben vielleicht immer kollektives Schreiben. Ja, das ist ein bisschen eine vage theoretische Antwort, aber ja, ich habe auf alle Fälle viele Ideen aus diesem kollektiven Schreibprozess mitgenommen und auch nochmal die Auseinandersetzung mit Alter und Sex war ja auch dann für diese Geschichten wichtig.

Moritz Kalvelage:
Offen war dann scheinbar nicht nur der Prozess, sondern auch deine Geschichten sind offen. Die sind eigentlich in der Regel nicht abgeschlossen erzählt. War das auch immer dein Plan schon beim Schreiben oder hat sich das auch so ergeben im Prozess?

Julia Wolf:
Das ist, glaube ich, wahrscheinlich das, was ich an der Kurzgeschichte so liebe, dass Sachen nicht auserzählt werden müssen, dass da was hingestellt wird und das dann nicht zu Ende erklärt oder zu Ende erzählt werden muss. Joy Williams, eine amerikanische Autorin, die ich auch übersetzt habe, die eine Meisterin der Kurzgeschichte ist, die hat mal im Interview gesagt, der Roman will dein Freund sein, das will die Kurzgeschichte nicht. Und das deute ich so ein bisschen dahingehend, dass es eben, es wird ja nicht alles erklärt und nicht alles bis ins Letzte näher gebracht, sondern bei der Short-Story musst du einfach auch Sachen akzeptieren, dass sie so stehen bleiben. Und das ist etwas, was ich als Leserin sehr gerne mag, aber eben auch als Autorin.

Moritz Kalvelage:
Was ist der Reiz daran? Für dich als Schreibende…

Julia Wolf:
Ich hatte neulich ein Gespräch mit einer anderen Autorin, die auch Kurzgeschichten schreibt, und dann hat sie gesagt, sie redet auch nicht so viel, deswegen schreibt sie auch eher so kurze Texte. Und ich fand das irgendwie, das war so einfach, aber ich konnte mich damit identifizieren. Ich glaube, ich kann das gar nicht nur als Autorin beantworten, ich muss das immer auch als Leserin beantworten. Ich liebe das, wenn ich mir meine eigenen Gedanken zu so einem Text machen kann, wenn ich da nicht so gelenkt werde, wenn mir das nicht so vorgegeben wird, wo ich in meinen Gedanken jetzt damit hingehen soll. Sondern wenn ich da eben selber, das arbeitet dann danach noch in mir und ich mir selber Gedanken dazu machen kann. Ich mag das als Leserin einfach sehr gerne und ich glaube, deswegen habe ich als Autorin auch Freude daran, diese Leseerfahrung meiner Leserinnenschaft zu geben. Also etwas hinzustellen, zu sagen, so ein Licht auf etwas zu werfen, das ist das, so steht es da. Und alles andere musst du auch in deinem Kopf machen.

Moritz Kalvelage:
Also, ich als Leser kann auch nur sagen, es gibt vielleicht schon so eine Art Spotlight, aber auf jeden Fall werden auch um die Geschichte immer viele Lichterketten gelegt. Also es gibt träumerische, albträumerische Gedanken, es gibt Möglichkeitsräume, die aufgemacht werden. Deine Figuren kommen voll oft ins Schweifen. Also die, ähm, man weiß dann auch bei den ersten Sätzen nicht ganz, ob dir gerade weg träumt oder ob das wirklich Teil der Geschichte ist. Also es scheint ja auch ein Anliegen zu sein, in der Kürze trotzdem eine Komplexität zu entwickeln.

Julia Wolf:
Auf alle Fälle. Also ich wollte das mit dem Spotlight, das soll jetzt nicht irgendwie, dass das so ein Hyperfokus auf etwas ist, sondern es wird wie so ein Bild, so eine Szenerie wird aufgemacht. Und die wird dann aber so stehen, also auch stehen gelassen. Das ist so ein bisschen das, was ich damit meine. Und dieses Schweifende finde ich interessant, dass du das erwähnst. Es ist natürlich, im Roman gibt es da natürlich viel mehr Platz für. Und ich mache das aber in der Kurzgeschichte auch. Ich glaube, in der Kurzgeschichte muss es noch stärker an das, was da passiert, angebunden werden als jetzt vielleicht im Roman so.

Moritz Kalvelage:
Zu diesem Schweifen ist mir aufgefallen, unter anderem auch in deiner titelgebenden Geschichte „Du, hier“, komme ich mal aber auf den Titel „Du, hier“, ich war mir nicht ganz sicher, ob der als Feststellung gedacht ist, also einfach nur „Du, hier“ oder auch als Frage oder Verwunderung, wie die Protagonistinnen in der jeweiligen Situation gelandet sind.

Julia Wolf:
Also, die Offenheit war mir auch wichtig. Wir hatten natürlich kurz diskutiert, ob da im Titel ein Fragezeichen dahinterkommt. Aber es war mir ganz wichtig, dass da kein Fragezeichen ist und dass der Titel dadurch so eine gewisse Offenheit auch erhält. Ja, ich glaube, ich habe ihn relativ spät, die Erzählung, die so heißt, hieß, hatte verschiedene Arbeitstitel, relativ spät erst für diese Erzählung dann gefunden, so beim letzten Überarbeiten, und war dann total glücklich, als ich realisiert habe, das trifft auf jede dieser Figuren, trifft dieser Moment von hier befindest du dich jetzt in deinem Leben und das kann irgendwie verwundert, das kann ärgerlich, das kann alles mögliche sein, aber du bist jetzt hier und was machst du? Oder was machst du nicht? Und dass das dann irgendwie sich dieser Ziel gefunden hat, der auf alle elf Erzählungen zutrifft, hat mich sehr glücklich gemacht.

Moritz Kalvelage:
Ist das auch der Grund, warum du elf Geschichten erzählt hast und nicht eine große? Also ich meine, die Geschichten laufen schon auch auf den Titel zu. Und es gibt jetzt elf verschiedene Möglichkeiten, „Du, hier“ zu denken. Und es gibt nicht nur eine riesige Möglichkeit, „Du, hier“ zu denken.

Julia Wolf:
Genau, aber das war nicht der Arbeitsprozess, dass der Titel da war und dann habe ich das in elf Varianten ausgearbeitet, sondern es war eben so, ich habe diese Texte geschrieben und dann kam der Titel für diese eine titelgebende Geschichte und dann habe ich realisiert, ah ja, das passt auf alle anderen auch und das ist irgendwie eine glückliche Fügung. Genau, ja, also ich mochte einfach im Arbeitsprozess, ich mag dieses elf Mal neu ansetzen, elf Mal wieder bei null anfangen und den Ball nochmal werfen, so, ich mag diesen, ja, ich mag den Arbeitsprozess an so einem Format, ja.

Moritz Kalvelage:
Und wer mehr von Julia Wolff hören möchte, ist für den 3. November in Bremen eingeladen. Denn dann liest und spricht Julia im Rahmen der Satzwende aus und über ihr Buch „Du, hier Stories“. Liebe Julia, vielen Dank für deine Zeit.

Julia Wolf:
Danke dir für das schöne Gespräch.

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Der Text wurde KI-gestützt transkribiert.