Inga Machel erzählt in ihrem neuen Roman Harte Strandparty drei Geschichten von Figuren, die sich nie begegnen: ein Mädchen in einem ostdeutschen Dorf, ein Outlaw in Neuseeland und eine Frau in einer texanischen Todeszelle. Alle drei verbindet der Wille zu überleben und ein Messer, das ein Eigenleben führt. Mit Jonas Dahm spricht Machel über das Eigenleben von Geschichten, die Rhythmen des Schreibens und wie man sich die Welten anderer erschließt, ohne für ihre Bewohner*innen zu sprechen.
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Jonas Dahm
Literaturhaus Bremen, der Podcast…. und damit herzlich willkommen zu einer neuen Folge. Bei mir zu Gast ist heute Inga Machel.
Ich freue mich sehr, dass du da bist.
Inga Machel
Ich freue mich, dass ich eingeladen wurde.
Jonas Dahm
Dein Debütroman „Auf den Gleisen“ stand 2024 auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse und dein neuer Roman heißt „Harte Strandparty“, ist im Juni bei Rowohlt erschienen. Du bist Autorin, Journalistin und Heilpraktikerin für Psychotherapie. Und ich sage deine drei Berufe, weil sie für mich vielleicht was damit zu tun haben könnten, was dieses Buch ausmacht. In “Harte Strandparty” erzählst du drei Geschichten: von einer Kindheit in einem ostdeutschen Dorf, von einem Mann in Neuseeland und von einer Frau kurz vor ihrer Hinrichtung in Texas. Die drei kennen sich nicht, sie leben auf unterschiedlichen Kontinenten. Wie sind aus diesen drei Orten, diesen drei Figuren und drei Geschichten für dich ein Buch geworden?
Inga Machel
Das ist so ein bisschen eine natürliche Entwicklung, wenn ich mich für Dinge gleichzeitig interessiere. Das war tatsächlich beim ersten Buch auch schon so. Und in dem Fall gab es einerseits dieses ganze Thema rund um Erwachsenwerden, sogar in Anführungszeichen dieses “Wann fängt das an”: dass Strategien entwickelt werden, um mit der Umgebung klarzukommen, die manchmal natürlich auch nicht unbedingt langfristig produktiv sind, aber im ersten Moment gut funktionieren. Und diese komische Stimme, die in einem entsteht, die sozusagen nicht mehr das ganz authentische Kind ist, das einfach alles nach außen trägt, was in einem vorgeht, sondern, dass irgendwas dazwischen entsteht. Das Abwägen, das Einschätzen und das auch Performen, diese ganze Welt, die sich eröffnet, in einem bestimmten Alter – wobei mir aber auch vollkommen unklar ist, welches das sein soll –, das hat mich interessiert. Da gab es einen Text, den ich mal geschrieben habe, schon während des Studiums, den ich da immer noch liegen hatte, und das hat mich nie so richtig losgelassen. Und gleichzeitig gab es einen Menschen, den ich getroffen habe in Neuseeland, als ich da ein Jahr lang war, der tatsächlich Paul heißt, an den ich die Hauptfigur im zweiten Teil angelehnt habe. Nicht den Plot, aber quasi die ‘Art of being in life’. Und als ich den kennengelernt habe, war mir klar, irgendwann muss ich was Großes über den schreiben. Ich habe dann irgendwann auch mal eine Kurzgeschichte über den geschrieben und da wusste ich, es war noch nicht genug. Und das hat sozusagen parallel die ganze Zeit stattgefunden. Dann gab es zugleich ein Buch, das ich gelesen habe, von Denis Johnson. „Angels“ heißt das, “Engel“ auf Deutsch. Und im letzten Moment dieses Buches wird jemand hingerichtet, jemand, den man im gesamten Buch kennenlernt und nicht unbedingt lieben lernt, beziehungsweise nicht mögen lernt, aber vielleicht doch am Ende liebt, wo es fast nicht auszuhalten ist, diese Hinrichtung mitzuerleben. Das ist aus seiner Perspektive erzählt. Da fing dieses ganze Thema mit der Hinrichtung und USA an, und was ist da eigentlich los und sowas an – und habe mich so ein bisschen darauf eingelassen. Aber vor allem dieses Gefühl von: Ich mag jemanden eigentlich und will aber plötzlich doch nur das Allerbeste für diese Person und möchte, dass sie lebt und dass sie weiterlebt und so weiter.
Jonas Dahm
Wann verliebst du dich in deine Figuren? Gibt es da bestimmte Momente?
Inga Machel
Wahrscheinlich musst du schon einen großen Crush haben von Anfang an und dann intensiviert sich das einfach. Aber der Crush war wahrscheinlich schon von Anfang an da für alle. Also, was auf jeden Fall ein ganz, ganz großer Wunsch war, die ganze Zeit beim Schreiben und auch schon von vornherein, war, dieses Gefühl oder der Wunsch für die Figuren, dass die Lesenden, obwohl sie es vielleicht gar nicht wollen, am Ende sich verliebt haben. Also in die Figuren und verliebt natürlich nicht im romantischen Sinn unbedingt, wobei es natürlich auch passieren kann. Aber erst mal wirklich in dem Sinn, dass du so nahe gekommen bist, dass du im Grunde erst mal für alle willst, dass sie überleben. Aber du willst auch für alle, dass sie eigentlich ein gutes Leben haben, dass es ihnen gut geht. Und das war mein Wunsch. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das für alle geklappt hat, aber für mich hat es auf jeden Fall funktioniert: beim Schreiben immer mehr verliebt, sozusagen.
Jonas Dahm
In allen drei Geschichten findest du andere Rhythmen, du findest andere Tempi, du findest auch einen anderen Ton der Erzählung. In Ostdeutschland ist es eine atemlose Innenschau, in Neuseeland ist es ein bildgewaltiges Roadmovie und in Texas kam es mir recht dokumentarisch vor. Du sitzt jetzt da und schreibst: Wie stellt sich das in diesen Unterschieden für dich her?
Inga Machel
Es ist ein Findungsprozess, auf jeden Fall. Also für den ersten Teil war es für mich relativ schnell klar, dass das nur eine Ich-Erzählerin sein kann, weil ich, glaube ich, Schwierigkeiten oder ich hatte das Gefühl, das muss so unmittelbar sein. Und im zweiten Teil hat sich das entwickelt, weil ich ein Buch von Hanya Yanagihara gelesen habe und fand das einfach ultra-flashig, wie sie das schafft, mit dem personalen Erzähler so nah quasi den Figuren zu kommen und dann immer wieder ins Auktoriale abzudriften. Also, dass du die Möglichkeit hast als lesende Person, also es wirkt so unaufdringlich im Vergleich zu so einer Ich-Stimme. Es wirkt eher so, ich habe die Wahl, ob ich da mitgehe oder nicht. Aber dadurch, dass man meint, man hätte die Wahl, wird man viel subtiler mit reingezogen und diese Technik fand ich krass und wollte das ganz gerne auch einfach mal ausprobieren. Das war so meine Lust an dieser Erzählform und das mal zu testen. Und im dritten Teil hat sich das viel deutlicher noch durch den Inhalt selber auch wieder für mich herausgestellt, dass du auch, wenn du den gefühlt vielleicht größten Abstand hast zu einer Situation, also eben was du gerade schon sagst, also sachlich oder dokumentarisch oder irgendwie neutral, dass du trotzdem nicht drumherumkommst, mitzufühlen.
Jonas Dahm
Ja, wir können ja bei dieser dritten Geschichte mal anfangen. Das ist Jessie Mann, die sitzt in einer Todeszelle und sie verzichtet auf den Versuch, Einspruch einzulegen. Also du schreibst ja, sie ist eine der Freiwilligen, aber du zeichnest eben gleichzeitig auch und da muss ich an die Journalistin denken, die Umstände dieser sogenannten Freiwilligkeit nach. Also, warum ist diese Person in dieser äußeren, aber auch inneren Situation, in der sie sich nicht wehren kann? Das liest sich für mich wie eine politische Reportage, auch wenn es natürlich fiktional ist.
Inga Machel
Ja, ich meine, es liest sich deswegen auch wie eine Reportage, weil es ja gleichzeitig auch die Position dieser Wärterin, Connie Meyers, die quasi das Gegenüber, das direkte Gegenüber von Jessie Mann in diesem Text ist, mittransportiert. Also es gibt ja, es gibt sozusagen die ganze Zeit eine gewisse Form oder ein gewisses Ausmaß an Spiegelung zwischen diesen beiden Figuren und Connie Meyers wiederum hat die Aufgabe und das gibt es tatsächlich in einigen Bundesstaaten in den USA als Auflage, als gesetzlich festgelegt, dass du, dass die letzten 24 Stunden oder ich glaube 48 Stunden in einigen Fällen der zu Tode Verurteilten und die dann quasi hingerichtet werden, die letzten 24 oder 48 Stunden minutiös aufgezeichnet werden müssen. Und diese Aufgabe hat also Connie Meyers und um quasi in diese Form von Aufgabe oder um das spürbar zu machen, bin ich auch quasi aus ihrer Perspektive oder sehr nah an ihr dran, in dieser berichtenden, dokumentierenden Erzählstimme drin, obwohl es natürlich immer wieder abrutscht ins vollkommen, ja fast schon surreal Subjektive.
Jonas Dahm
Connie Meyers, aus deren Perspektive du schreibst, steht dem Ganzen nicht wirklich begreifend, nicht richtig fassend gegenüber und sie identifiziert sich mit ihrem Gegenüber, die hingerichtet werden soll. Was die beiden gemeinsam haben, ist das Gefühl, dass es falsch ist, was passiert, dass sie selbst aber vielleicht auch falsch sind. Das kam mir bei allen deinen Figuren so vor und das wäre jetzt vielleicht so eine Frage an die Psychologin. Welche Freiheit haben diese Figuren denn?
Inga Machel
Also, was sie haben, ist der unbedingte Reflex, irgendwie zu überleben. Das ist, glaube ich, das, was mich auch viel, viel mehr beschäftigt hat. Oder was heißt Reflex? Menschliches Design, weiterzumachen und Wege zu finden, in irgendeiner Weise klarzukommen. Und das machen die Figuren in den verschiedenen Textteilen auf unterschiedliche Weise, aber immer irgendwie mit einem ähnlichen Drive, würde ich sagen. Also ich habe immer das Gefühl, es gab auch beim Schreiben dieses Schöne, das ist so passiert, das habe ich mir nicht extra vorgenommen, aber dass die immer wieder in Momenten dieselben Gefühle hatten, also durch dieselben Emotionen gegangen sind oder mit denselben Emotionen konfrontiert sind, aber unterschiedliche Umgangsweisen damit finden.
Jonas Dahm
Die leben ja alle in wirklich ziemlich furchtbaren, nicht gleich furchtbaren, aber alle in furchtbaren Umständen.
Inga Machel
Na, das weiß ich immer gar nicht. Das ist ganz oft, wo du das jetzt auch gesagt hast, so ‘abgründig’ und so ‘am Rand der Gesellschaft’ und so. Also klar, das steht ja auch auf dem Klappentext, aber zumindest das mit dem Rand der Gesellschaft im zweiten Teil, da trifft das ja auch einfach zu. Aber ich finde, dass das nicht so ist. Ich habe Schwierigkeiten, das so richtig zu qualifizieren. Gerade auch im dritten Teil – gut, jetzt hat man natürlich dort, es ist auf jeden Fall eine extreme Zuspitzung – aber auf jeden Fall nicht was Seltenes, nicht irgendwas, was es nur ab und an gibt oder sowas. Und genauso ist Vernachlässigung von Kindern, glaube ich, kein sehr abwegiges Thema – wie im ersten Teil – oder Substanzkonsum und Gewaltbereitschaft – wie im zweiten Teil – als Umgangsweise oder Selbstermächtigung oder sowas. Also das sind, also ich weiß immer nicht genau – ich habe irgendwie Probleme damit, das als so extrem, extrem, extrem einzustufen, ehrlich gesagt. Auch wenn ich weiß, dass es natürlich Menschen gibt, die es extrem gut haben und viel besser haben, aber ich glaube nicht, dass das irgendwie der Mainstream ist, ehrlich gesagt.
Jonas Dahm
Die Umstände sind ja konkret, das der eine, die eine Person mit Substanzen handelt, mit Substanzen in Berührung kommt, auch mit dem Tod in Berührung kommt und viel Gewalt lebt. Und die dritte Person sitzt ja eben in der Todeszelle für über 20 Jahre. Das meine ich mit sozusagen durchaus einschränkenden Lebensumständen, die natürlich…
Inga Machel
Ja, okay, da gehe ich mit, auf jeden Fall.
Jonas Dahm
Da kann man ja nicht viel machen. Also, die Todeszelle ist wahrscheinlich einer der Orte auf der Erde, wo sozusagen meine Selbstwirksamkeit doch durchaus eingeschränkt ist. Und ich habe mich da eben gefragt – sie entwickeln, und dadurch entwickelt deine Geschichte, einen tollen Drive, einen Drive zu überleben. Aber die Wahlmöglichkeiten, die scheinen mir doch beschränkt, und damit legst du…
Inga Machel
Die finden nur im inneren Statt. Ich glaube, du kannst genauso gut im Inneren rumwühlen und solche Sachen finden und irgendwie in einem Reihenhaus in, weiß ich nicht, Britz oder so sein. Es ist eigentlich ganz interessant, warum ich nicht im Reihenhaus in Britz gelandet bin. Wahrscheinlich auch zufällig. Also, wenn ich dir erzählt habe, wie sozusagen die drei Interessengebiete zustande gekommen sind. Ich meine, sonst wäre ich niemals auf dieses ganze Neuseeland-Aotearoa-Setting gekommen, wenn ich nicht wirklich selber da gewesen wäre und diese eine Person getroffen hätte. Und die gibt es, in ihrer Art des Weltzugriffs. Genauso wie dieser Übergang vom Kindsein zum Erwachsenenleben, glaube ich, wirklich für viele Leute eine crazy Zeit war, die ich selber natürlich auch erlebt habe, die jeder erlebt hat, der quasi jetzt älter als zwölf ist, und der deswegen relativ relatable ist. Und dann der dritte Teil durch dieses Buch entstanden. Es ist nicht irgendwie so ein extra Wunsch von mir, immer in so bestimmte Milieus reinzugucken. Es ist tatsächlich… passiert mir das vielleicht auch, ohne dass mir das so klar ist, dass das viele Leute nicht haben oder nicht tun oder kennen. Mir kommt das ganz natürlich vor.
Jonas Dahm
Hilft dir das beim Schreiben? Also macht es das praktisch einfacher, dass es zumindest von einem Reihenhaus in Britz gesehen doch extremer ist?
Inga Machel
Ja, vielleicht schon. Vielleicht habe ich schon so einen leichten Hang zur Zuspitzung. Oder einen starken Hang zur Zuspitzung. Das kann sein. Oder auch einfach ein bisschen angstbefreit, kann auch sein. Ja, ich bin mir nicht ganz sicher, was es damit auf sich hat. Tatsächlich gab es ja auch eine Rezension, die das sehr kritisch aufgegriffen hat und meinte, grenze an Fetischisierung oder sowas wäre natürlich übel als Gedanken, als Vorstellung. Für mich ist da irgendwie die Grenze zwischen dem Normalen und dann dem Extremen anscheinend irgendwie derartig verwischt, dass ich das nicht so richtig mehr wahrnehmen kann, muss ich sagen. Muss ich wirklich zugeben. Vielleicht, weil ich mich sehr viel mit bestimmten Themen beschäftige und das für mich dann schon normal ist.
Jonas Dahm
Du schreibst ja vielleicht auch so ein bisschen gegen den Trend, eben nicht autofiktional. Die drei Figuren, Linda, Pauli und Jessie, das sagst du im Nachwort auch selbst, eben nicht Teil deiner eigenen Erfahrungswelt. Wie gehst du dabei vor?
Inga Machel
Ich glaube, es ist tatsächlich gar kein Erschließen, sondern es ist so ein Hingezogenfühlen und der Wunsch, dem auch nahe zu kommen. Also gerade auch dem nahe zu kommen, das vielleicht zu wenig Aufmerksamkeit bekommt oder bekommen hat. Also jetzt erst mal so thematisch, aber auch wirklich den Menschen oder den Figuren sozusagen nahekommen zu wollen. Und dann entsteht automatisch dieser Wunsch, darüber zu schreiben. Also wirklich, das ist, glaube ich, ein Beziehungswunsch zu diesen Existenzen und auch zu diesen Menschen, die vielleicht häufig ausgeschlossen werden und disqualifiziert werden und weniger Chancen haben oder schnell stereotypisiert werden und so weiter. Also, ich glaube, das ist dann vielleicht sogar fast noch so ein kleines Helfer-Syndrom. Aber ich glaube eigentlich eher wirklich ein Hingezogensein.
Jonas Dahm
Gleichzeitig präzisierst du ja auch im Nachhinein interessanterweise, dass du gerade nicht für andere sprechen willst.
Inga Machel
Also nicht als Romanautorin, weißt du, so. Ich meine, das ist ein Roman, das ist auf meinem absolut subjektiven Mist gewachsen. Mein Versuch, eben diesen Figuren nahe zu kommen, mein Versuch, darüber zu sprechen und nachzudenken. Aber es ist definitiv nicht als irgendeine Form von Sprachrohr oder Aufklärungsarbeit oder sowas gedacht gewesen, zu keinem Zeitpunkt. Und das ist mir aber auch erst deswegen auch quasi nicht ein Vorwort, sondern ein Nachwort. Das ist mir tatsächlich selber erst beim Schreiben und richtig in vollem Ausmaß erst nach dem Schreiben klar geworden, dass das aber so lesbar wäre. Und es gab zum Beispiel einen fürchterlichen Satz, der da kurzzeitig mal fast in der Vorschau und dann auch auf dem Klappentext gestanden hätte. Da hätte dann gestanden: „Der Maori mit einer Leiche und einem Haufen Drogen im Gepäck”. Also klischeehaft und auch destruktiv, wie man es sich eigentlich nur vorstellen kann, wenn man sich in die Lage von Maorikultur in Neuseeland hineinversetzt, wo diese Diskriminierung und dieser Rassismus ein absolut gegenwärtiges Thema sind und quasi jeder Zweite, der eine andere Hautfarbe hat, so abgestempelt wird, als wäre er natürlich auch noch kriminell und hätte die Leiche im Gepäck. Das ist mir aber tatsächlich erst die Gefahr darin, so einen Plot irgendwie zu entwickeln mit dieser Hauptfigur Paul. Das ist mir quasi erst im Nachgang richtig bewusst geworden. Und deswegen wollte ich da so eine bestimmte Lesart verbieten und ausschließen.
Jonas Dahm
Gibt es im Schreiben etwas, was du machst, um das zu verhindern? Abgesehen davon, dass es einen Disclaimer gibt, dass man es nicht so lesen sollte?
Inga Machel
Durchdrehen. Sich komplett der Verzweiflung zum Teil natürlich auch hingeben – und die Grenzen und den Respekt und die Achtsamkeit und alles Erdenkliche versuchen, permanent am Laufen zu haben, während man spricht und Geschichten erzählt. Das ist auf jeden Fall ein Prozess, des sehr, sehr hart mit sich selber auch Seins. Mit den ganzen Bildern, den vorgefertigten Bildern, schnell entstehenden Bildern, die man einfach hat und schnell bekommt, wenn man über andere Menschen spricht oder liest oder hört. Man ist einfach immer dann doch man selbst und fängt an, die anderen Menschen zu kategorisieren oder irgendwie festzuhalten oder einzufangen und dabei in den meisten Fällen auch wirklich kleiner zu machen oder ihnen irgendwie anders nicht wirklich nicht gerecht zu werden. Da kommst du sowieso nicht raus, das ist eh klar und ich habe jetzt nicht das Gefühl, dass mir das jetzt perfekt gelungen wäre mit diesem Buch – aber der Versuch ist auf jeden Fall enorm groß gewesen und trotzdem war mir wichtig, das noch mal im Nachwort quasi als Intention irgendwie festzuhalten.
Jonas Dahm
Schreibst du schnell und guckst es dann noch mal an oder wie machst du das?
Inga Machel
Ganz verschieden, wirklich ganz, ganz verschieden. Der zweite Teil hat sich schön schnell geschrieben, so wie er, glaube ich, sich auch im besten Fall liest. Aber ich bin, also ich lese mir die ganze Zeit vor beim Schreiben, das ist für mich auch ein super klanglicher Prozess. Deswegen ist es nicht nicht dieses wahnsinnige Runterschreiben. Also ich weiß nicht, das Schnellste, was ich vielleicht schreibe sind so drei, drei Seiten, drei, vier Seiten am Tag. Aber beim ersten und beim dritten Teil war es auch noch mal ganz anders. Den ersten Teil habe ich super, also da ging es so die ganze Zeit so vor, zurück, vor, zurück, weil es mir so schwer gefallen ist, als mittlerweile 40-jährige Person reinzukommen in diese Welt, in der sich Linda da befindet, die definitiv sich erwachsener fühlt, als sie ist, aber auch noch nicht erwachsen ist. Und irgendwie da die Stimme zu finden und in ihre Gedankenwelt zu finden, war ein sehr, sehr langwieriger und auch unangenehmer Prozess, muss ich sagen. Und beim dritten Teil, ja, da gab es auch viel mehr strategische Erwägungen: Wann machst du was, wann streust du welche Informationen, wie, ohne dass es belehrend wird, ohne dass es wirkt, als ob jetzt irgendwie hier ein Vortrag über die Todesstrafe dir gehalten wird oder irgendwas so in der Richtung. Und dann natürlich auch immer die Frage: Wie tief gehe ich jetzt in welche Figur? Das ist ja quasi bei dem dritten Teil auch so ein Wechselspiel. Das war ein deutlich more thoughtful process, I would say, im dritten Fall. Und im zweiten Fall war es auf jeden Fall so, als hätte ich mich neben Paul ins Auto gesetzt und wäre einfach mitgefahren, so ein bisschen. Also das ging deutlich leichter von der Hand.
Jonas Dahm
Was in deinem Buch immer wieder passiert, ist, dass die Welt lebendig wird. Ganz besonders wird ein Messer lebendig – das ist auch das, was alle drei Figuren verbindet. Wie ist das Messer bei dir im Schreiben aufgetaucht?
Inga Machel
Ja, das ist tatsächlich mit Linda aufgetaucht. Was ich vorhin schon gesagt habe, war, dass es ja schon so ein Stückchen Text gab, das ich mal irgendwie während des Studiums geschrieben habe, an dem ich mich so ein bisschen festgeklammert habe, als etwas, wo ich selber nicht verstanden habe, was ich da eigentlich geschrieben habe. Und da dachte ich so: Wow, wo warst du da? Und da war ich sozusagen, habe ich schon mal so Linda quasi aus der Linda-Perspektive geschrieben und war mir aber nicht ganz klar, was ich da eigentlich gemacht habe. Und das hat mich nicht losgelassen. Und dieses Buch, das war damals meine Diplomarbeit für den Studiengang Kreatives Schreiben in Hildesheim. Und da wollte ich, dass davor steht: „Dieses Buch ist ein Messer.“ Das war so meine Vision, es sollte unbedingt da so stehen – und da kam das Messer sozusagen mit diesem Textbaustein rein in meinen Kopf. Dass sich das Messer dann durch alle drei Geschichten ziehen würde, war nicht von Anfang an geplant, sondern ist tatsächlich beim Schreiben passiert.
Jonas Dahm
Haben die Figuren eine Macht darüber oder hat das Messer die Macht über sie?
Inga Machel
Ich glaube, das ist der ganz große Wunsch, Verantwortung abzugeben in diesem Überleben-müssen-Prozess. Der Fokus für mich war ja: Wie kommen die Menschen weiter, wie kommen die klar, wie machen die weiter. Ich glaube, ein ganz großer Schlüssel auch für alle Menschen ist es, eine gewisse Form oder ein ganz großer Reflex der Entlastung, der Stress-Entlastung, ist, Verantwortung abzugeben. Ich glaube, wir befinden uns ja eigentlich momentan in einer Gesellschaft, wo das das Größte ist, was wir die ganze Zeit machen. Das ist aber, glaube ich, wirklich eine Strategie der Selbstentlastung. Und auch ein bisschen das, auch wenn das jetzt wirklich abgehoben klingt, aber so ein bisschen das Sich-Selber-Überlassen, sich einer größeren Kraft überlassen. Jetzt ist es normalerweise vielleicht Gott oder eine andere spirituelle Größe oder sowas, die Menschen dafür geeignet halten. Aber in dem Fall ist es dann anscheinend eher das Messer. Bis hin zu Jessie, die ja bis zum Schluss nicht ganz sicher ist, ob sie das überhaupt war oder eben das Messer.
Jonas Dahm
…die ihre Stiefeltern erstochen hat.
Inga Machel
Genau, genau. Der need, nicht allein zu sein mit dem Ganzen und das zu teilen und abzugeben, ist, glaube ich, ungeheuer groß im Menschsein.
Jonas Dahm
Schreibst du gerade an einem neuen Buch?
Inga Machel
Innerlich, aber noch nicht real. Ich bin gerade in so einer krassen Transitsituation hier und das ist im Grunde auch das Thema: Auflösung. Vor allem auch Auflösung von Bildern und Vorstellungen, wie Dinge zu sein haben. Aber dadurch, dass ich mich selber in einer faktischen Auflösungssituation befinde, habe ich jetzt irgendwie nicht so diese Struktur gerade, die ich auf jeden Fall brauche zum Schreiben. Also so berufliche Einsätze und Arbeitszeit. Und klar kommen jetzt Ideen und Gedanken zusammen, aber nichts Richtiges, Handfestes jetzt auf dem Papier oder auf dem Computer oder sowas. Aber das kommt bestimmt dann.
Jonas Dahm
Du reist gerade durch Kanada.
Inga Machel
Also, ich bin jetzt hier erst mal gerade angekommen vor ein paar Tagen und bin hier noch so ein bisschen so Family Life machen und die Leute hier kennenlernen. Ich war noch nie hier und muss jetzt erst mal meine Neffen, angeheirateten Neffen kennenlernen. Aber dann wollen wir auf jeden Fall auch ein bisschen unterwegs sein und dann tatsächlich in Neuseeland Paul besuchen, dem das gesundheitlich nicht so gut geht. Und dann wollen wir da noch mal hin und ein paar Freunde treffen und dann gucken, wo das alles hinführt. Ja, ist ein bisschen aufregend, aber auch gut. Sehr gut.
Jonas Dahm
Auf jeden Fall ist dein Buch eine gute Gelegenheit, sich große Fragen zu stellen.
Inga Machel
Das stimmt vielleicht, ja.
Jonas Dahm
Inga Machel, „Harte Strandparty“, bei Rowohlt erschienen, hat 224 sehr schnell lesbare Seiten. Liebe Inga, vielen, vielen Dank für dieses schöne Gespräch.
Inga Machel
Ich danke dir.
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Der Text wurde KI-gestützt transkribiert.