#137 Julia Weber: „Ich hab versucht, eine Welt zu beschreiben, in der etwas mehr möglich ist.“ [30:22]
Julia Weber setzt sich in ihren Romanen mit den oft auch nicht so schönen Facetten des Lebens auseinander und wie man diese angehen kann. So auch in ihrem neusten Roman Weil ich Ruth bin. Die Figur Ruth sieht auf die Welt und ihre Probleme etwas anders. Und auch im echten Leben versucht Julia Weber mit den Herausforderungen der Welt umzugehen: 2015 gründete sie zum Beispiel mit einer Kollegin die Kunstaktionsgruppe Literatur für das, was passiert zur Unterstützung von Menschen auf der Flucht. Über soziales Engagement, über Ruth und die Magie, die in dem Buch steckt, haben sich Julia Weber und Frieda Ahrens unterhalten.
Zum Nachlesen
Frieda Ahrens
Hallo und herzlich willkommen zur neuen Folge des Literaturhaus-Podcasts. Diesmal mit Frieda Ahrens und zu Gast in dieser Folge ist Julia Weber. Herzlich willkommen, Julia.
Julia Weber
Hallo.
Frieda Ahrens
Für alle, die zuhören und nicht so richtig wissen, wer du bist, stelle ich dich kurz vor. Ich habe recherchiert, wenn da Fehler sich einschleichen, dann unterbricht mich gerne direkt. Du bist Schriftstellerin und wohnst in der Schweiz und dort hast du auch literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel studiert. Und dein erster Roman erschien 2017, er heißt “Immer ist alles schön” und der wurde auch mehrfach ausgezeichnet. Dann kam 2022 dein Buch “Die Vermengung” und jetzt in diesem Jahr das Buch “Weil ich Ruth bin”, über das wir heute sprechen wollen. Das als kleines Intro. Und normalerweise versuche ich am Anfang dieser Folgen dann für die HörerInnen immer so ein bisschen grob zu skizzieren, worum es in dem Buch geht und das fällt mir bei deinem Buch ausgesprochen schwer. Es war, es ist auch ganz witzig, ich hab währenddessen, es war ja so ein schöner Sommer und ich saß ein paar mal am See mit Freunden, hab dein Buch gelesen und hab auch ein bisschen vorgelesen und wollte davor immer einführen, worum es geht oder an welcher Stelle wir gerade sind. Und das ist irgendwie gar nicht so einfach bei deinem Buch. Ich versuch's jetzt mal grob. Es geht um Ruth, die man begleitet von der Kindheit an und Ruth kommt mit Fell zur Welt und im Laufe des Romans verliert sie dann das Fell. Man ist sich nicht ganz sicher wann, ich würd sagen vielleicht mit so acht, neun Jahren, irgendwie so. Und dann kommen aber auch andere Besonderheiten dazu, die sie hat, und zwar kann Ruth Menschen in Tiere verwandeln. Und das hört sich jetzt alles so super übernatürlich an, es ist aber ja gar nicht in irgendeiner Weise ein Fantasy-Roman oder irgendwie in diese Richtung. Deswegen meine erste Frage, was für eine Welt wolltest du da denn skizzieren?
Julia Weber
Ich habe es mir gar nicht so genau überlegt, wie eigentlich bei vielem, was mein Schreiben betrifft, was auch immer wieder so ein bisschen schwierig ist, weil es ist ja auch nicht einfach so entstanden. Das hat dann wieder so etwas komisches, ja, irgendwie als hätte ich mit meinem eigenen Schaffen gar nichts zu tun. Aber ich habe mir nicht irgendwie vorgenommen, eine bestimmte Welt zu skizzieren oder zu beschreiben. Und deswegen finde ich dieses Fantastische auch immer wieder… also vor allem am Anfang, als das Buch rausgekommen ist, war ich auch so erstaunt darüber, dass Menschen das jetzt so fantastisch finden und so, oder wie haben sie gesagt, märchenhaft.. Da dachte ich so: Nein, aber das meine ich überhaupt nicht. Ich glaube, ich habe eher so versucht, eine Welt zu beschreiben, in der etwas mehr möglich ist, als wir es leben, weil ich das Gefühl habe, wir leben eher in einer Gesellschaft, die die Dinge eingrenzt. Also gar nicht das Unmögliche, sondern vielleicht könnten wir auch mehr von dieser Magie und diesem Zauber haben, den Ruth lebt, also so ein gesteigertes Existieren vielleicht. Aber nicht völlig an einem anderen Ort oder eine andere Welt.
Frieda Ahrens
Ich fand es nämlich sehr spannend. Ich hatte auch überhaupt nicht das Gefühl, wir befinden uns an einem anderen Ort oder in einer anderen Welt. Und gleichzeitig ist es ja sehr, auch durch die Sprache, es ist sehr… Ja, ich habe es versucht, Leuten zu beschreiben. Abstrakt vielleicht? Ich weiß es nicht. Also du hast eine Art, vielleicht für alle, die das Buch nicht kennen, eine sehr sinnliche und poetische Art zu schreiben. Und auch die Dialoge, die stattfinden, oft haben so eine Art von “Ah, so würden Menschen sich nicht wirklich unterhalten" oder “jemand in dem Alter würde nicht wirklich sowas sagen". Also die beschriebenen Szenen haben irgendwie eine totale Distanz zu der Realität, die so stattfindet. Und gleichzeitig durch diese poetische Beschreibung und Poesie, die ja ganz anders funktioniert, also oft viel emotionaler oder direkter, es ist dann doch nicht so distanziert, sondern sehr unmittelbar vielleicht. Genau, also irgendwie in diesem Spannungsverhältnis bewegt sich so der Text. Und ich hab mich gefragt, was da dein Anspruch an einer Authentizität war. Also, genau, weil es eben diese beiden Pole irgendwie gibt, die so miteinander spielen?
Julia Weber
Ja, ich glaube, über die Dialoge, das ist auch irgendwie spannend, da bin ich mir gar nicht so bewusst, was die für eine Funktion haben oder wie die da rein... Aber sie sind auf jeden Fall ins Buch reingekommen, aus dem Grund, weil das dieses Extremen Geruchs. Also das Beschreiben, alles riecht so und alles ist so viel und all diese Bilder, wollte ich schon auch einfach ein bisschen etwas Realität hineinbringen und so auch Dialoge sind ja auch so verrückt, wenn man es versucht, so zu beschreiben, wie wir wirklich miteinander sprechen, gibt es ja so viele Wiederholungen und auch viele Banalitäten, einfach indem man so, “ja, okay, gut,” und immer so hin und her. Und das habe ich schon als Gegenstück zu diesen sehr intensiven Beschreibungen von Ruth, also um es irgendwie auch so ein bisschen vielleicht konsumierbarer zu machen, weil das andere so dann irgendwann zu intensiv wird.
Frieda Ahrens
Dein Anspruch an dem Text ist schon, dass Menschen den lesen und denken: Ah ja, da kann ich jetzt, - um mal so Jugendsprache zu benutzen - voll zu relaten, also das fühle ich total?.
Julia Weber
Ja, das ist natürlich schon ein Wunsch oder so, der Anspruch, glaube ich, generell. Man weiß ja nie, was man da kreiert, weil es ja auch kein Prozess ist sozusagen, ich mache einfach etwas und das wird dann nicht von jedem Menschen so wahrgenommen, wie ich es produziert habe, sondern ich gehe auf die Menschen zu und die, die dann auf mich zukommen und es so verstehen, dann trifft man sich irgendwo. Und bei gewissen Menschen trifft man sich halt nicht, weil die irgendwo ganz anders hinlaufen und ich dann mit meiner Sprache zu denen gar nicht hinkomme. Aber ich glaube, das Auf-die-Menschen-Zugehen ist so ein bisschen ähnlich. So stelle ich es mir vor, wie auch Ruth das im Buch macht. Sie geht ja auch auf die Menschen zu und berührt sie, aber sie nimmt nicht ihren Zauberstab hervor und sagt, “Hex, Hex, jetzt bist du eine Schnecke”, sondern es funktioniert nur, wenn der andere Mensch mitmacht und in dieser Berührung und auch Zugewandtheit und irgendwie Fürsorge entsteht dann etwas Neues und so stelle ich es mir mit der Kunst eigentlich auch ein bisschen vor, dass man so irgendwas Neues macht. Und auch Angebote schafft, auf die dann eventuell eingegangen wird oder auch nicht nach Geschmack vielleicht oder nach nach Willen. Oder Möglichkeiten.
Frieda Ahrens
Du machst in deinem Roman ja auch durch verschiedene Figuren, also so Nebenfiguren immer wieder, unterschiedliche Nebenspielräume oder Themen auf, die ja auch das schaffen, dass es sich irgendwie ein bisschen in der Realität verankert, würde ich sagen. Also zum Beispiel gibt es die Freundin Lu, das ist eine Kindheitsfreundin, die hat irgendwann eine Essstörung. Dann gibt es Toni, den man auch in der Kindheit kennenlernt, wo man irgendwann mitkriegt, dass der in einem Haushalt groß wird, wo der Vater gewalttätig ist. Alles Themen, die dann sehr schnell sehr real werden, weil sie in der Realität einfach so stattfinden und auch, wie ich finde, es dir sehr gut gelingt, die auch realistisch, oder sagen wir mal, so darzustellen, wie sie halt sind, trotz dieser poetischen Sprache oder vielleicht auch wegen der poetischen Sprache. Ich hab mich gefragt, ob du, also das geht jetzt ein bisschen weg von der Sprache, aber ob du bei diesem Erzählen dieser Themen irgendwie einen bestimmten Anspruch hattest, bestimmte Themen mit reinbringen zu wollen, vielleicht auch so einen feministischen Anspruch? Wie hat die Auswahl dieser Nebenspielräume quasi stattgefunden?
Julia Weber
Ja, also auf jeden Fall den feministischen Anspruch hatte ich von Anfang an, aber nicht unbedingt, indem ich mich hingesetzt habe und gedacht habe, ich will jetzt ein feministisches Buch schreiben, sondern weil diese Themen mich sowieso in meiner Biografie betreffen und in meinem Umfeld und in meiner Arbeit auch oder sonst irgendwie auch der künstlerischen Arbeit begleiten. Und mit der Figur Ruth, die innerhalb sehr kurzer Zeit entstanden ist, irgendwie auf fünf Seiten, habe ich eigentlich schon etwas skizziert, was das sozusagen bedingt hat oder was diese Themen dann auch ein bisschen gefordert hat. Ja, dass ihre Kraft und ihre Art und Weise, durch die Welt zu gehen, ist ja schon so sozusagen ein … Also für mich, ich habe sie auch ein bisschen als Vorbild geschaffen, als ein sehr autonomer Mensch. Und sie kann so gut wütend sein und sie hat so ganz viele Attribute, von denen ich das Gefühl habe, die sind mir als Mädchen oder als weiblich sozialisierter Mensch eher aberzogen worden. Und durch diese Vorbildfunktion und diese Kraft, die sie in dieser Weiblichkeit hat, sind dann halt auch automatisch irgendwie die Gegenerzählungen hineingekommen. Also ich habe es nicht skizziert oder irgendwie dramaturgisch festgehalten, sondern ich habe sie einfach durch die Welt gehen lassen, und dann hat sie diese Figuren gesucht, sozusagen.
Frieda Ahrens
Ja, ich fand's auch spannend, weil ich hatte auch das Gefühl, Ruth zeigt so eine Figur auf, die… Ja, der viel mehr möglich ist, als, sagen wir mal, einer Frau, also einer weiblich sozialisierten Person in unserer Gesellschaft zu sonst an die Hand gegeben wird. Sie hat ganz früh ja schon eine totale Selbstverständlichkeit zu, wer sie ist und was sie kann. Sie muss ja auch irgendwie damit klarkommen, dass auf sie anders geblickt wird, wegen dieses Fells, was sie am Anfang der Kindheit hat. Und gleichzeitig hat sie ja auch Fähigkeiten. Also sie hat nicht nur Fähigkeiten, Menschen und Tiere zu verwandeln, sondern merkt immer mal, dass sie auch so ein bisschen Situationen beeinflussen kann. Also man ist sich da nicht so ganz sicher, ist jetzt gerade was umgekippt, weil sie es gemacht hat, oder ist es einfach nur so umgekippt? Genau, also sie hat ja irgendwie so eine Macht on top, die sie so ein bisschen angstfrei machen lässt, hatte ich das Gefühl. Und das ist ja dann doch etwas, was, was Frauen oft nicht haben, leider, weil wir immer noch in einer Gesellschaft leben, wo es naiv wäre zu sagen, ich gehe einfach angstfrei durch die Welt und dann wird mir schon nichts passieren. Also dieses Spannungsfeld fand ich auch spannend, weil ich dachte, Ruth als Vorbildfunktion, aber gleichzeitig auch als unrealistisches Vorbild, weil ich habe diese Macht einfach auch gar nicht?
Julia Weber
Ja, auf jeden Fall. Aber ist es unrealistisch, hast du jetzt gesagt? Es stimmt eigentlich, aber wenn man sich die Gesellschaft und das Zusammenleben anders vorstellt und die Fürsorge und Zugewandtheit Werte wären, die angestrebt werden würden und nicht Dominanz und Stärke und Rücksichtslosigkeit, dann wäre das durchaus eine Möglichkeit für weiblich sozialisierte Menschen, so wie Ruth, durchs Leben zu gehen. Aber dadurch, dass es eine andere Gesellschaft ist, hat sie auch etwas Hexerisches oder ist sie auch so eine Zauberfigur, also eben eine Figur, eine fantastische Figur. Weil die Welt halt so ist, wie sie ist, sozusagen.
Frieda Ahrens
Sie ist ja aber auch eine sehr beliebte Figur. Also es ist eine Figur, die in ihrer Art total gut ankommt. Auch die Fähigkeit, die sie hat, ist sehr beliebt. Viele “Menschen wollen von ihr verwandelt werden. Also ich habe das den Leuten erklärt. Sie verwandelt Menschen in Tiere” und dann haben Freunde mich immer gefragt: Ah, und ist das cool? Und ich war so, ja, irgendwie wollen das alle machen.
Julia Weber
(lacht) Das ist aber auch so eine gute Frage. Und ist es cool? Ja, logisch!
Frieda Ahrens
Ja! Hallo! Na klar, es ist cool. Wer will keine Schecke sein? Genau, und ich glaube, es ist ja auch diese Pause des Lebens, die sie diesen Menschen so gönnt, was, glaube ich, so das ist, was die so toll finden daran, vielleicht auch mal nicht man selbst zu sein, sondern so eine kleine Auszeit zu haben oder so. Ich habe mich gefragt, ist es einfach das? Steht diese Verwandlung einfach dafür, Menschen eine Auszeit zu schaffen? Oder hast du dir noch eine Meta-Ebene darüber gedacht? Weil auch dieses Menschen in Tiere verwandeln ist ja ein Motiv, was in Literatur, in Filmen ganz oft immer wiederkommt.
Julia Weber
Ja, ich glaube, es gibt schon verschiedene Dimensionen. Eben einerseits ist es dieses Fürsorgliche und dieses überhaupt in so einer Art und Weise miteinander in Berührung kommen, was natürlich auch, weil es ist ja auch an Sexualität angelehnt, also die Handhabung oder wie sie das macht, hat ja auch irgendwie sexuelle Züge. Aber gleichzeitig habe ich einfach probiert, eine ganz neue und völlig andere Art der Sexualität oder Sinnlichkeit oder auch Erotik zu schaffen. Und da bin ich dann einfach schnell bei der Verwandlung ins Tier. Ich glaube, da geht es auch viel um die Oberfläche der Tiere und das Anfassen und sozusagen diese Bewegungen des Fisches oder der Hummer, der diese Punkte mit seinen Fühlern, so Punkte auf der Haut macht, ist einfach so eine Art der Wahrnehmung und des Seins, die den Menschen in ihrem Alltag gar nicht möglich ist, weil sie so viel sein müssen und so viel nach vorne, nach hinten denken. Und deswegen die Verwandlung in Tiere, weil meine Vorstellung zumindest ist, dass der Esel jetzt irgendwie nie sich überlegt, wie wäre es, ein Wurm zu sein. Aber das wissen wir natürlich nicht oder ich weiß es nicht. Aber ich stelle mir so das Dasein der Tiere einfach so sehr viel präsenter vor, als wir es oft sind. Und dann ist es eigentlich nicht nur einfach eine Auszeit der Menschen von ihrem Leben, sondern wirklich eine Transformation in ein wertfreies Dasein, wo es keine Rolle mehr spielt, wie man aussieht, was für ein Geschlecht man hat, wo man herkommt, wie alt man ist, das fällt dann alles weg. Das ist dann so eine Art des Daseins, dass ich mir irgendwie … Ja, einfach schön vorstellen, oder wichtig eigentlich auch in den Begegnungen. Mhm, ja.
Frieda Ahrens
Ich fand's auch spannend, weil ich dann auch mit ...Ich komme immer wieder auf diese FreundInnen, mit denen ich gesprochen habe. Ich habe viel über dein Buch gesprochen.
Julia Weber
Ja, ich finde das super.
Frieda Ahrens
Das ist ja ein gutes Zeichen für ein Buch. Es wurde nämlich auch gefragt, ob es denn auch was Sexuelles hat. Und ich habe das immer so total verneint direkt, weil ich dachte, Körperlichkeit, also es wird intim und es wird körperlich und natürlich ist auch viel mit Küssen und so, aber das, finde ich, muss aber nicht immer direkt Sex bedeuten. Und ich bin natürlich auch darauf gestoßen, dass es 2021 schon einen Text von dir gab, ”Ruth” hieß er, der damals auch für den Ingeborg-Bachmann-Preis eingeladen wurde und wo die Jury – ich habe mir dann auch mal die Jurybesprechung durchgehört, wo es ja wirklich gespaltene Meinungen zu dem Text gab. Und da ging es ja aber um eine Prostituierte. Also da hatte dieses Sex-Thema noch mehr Präsenz, würde ich sagen. Ist das auch eine Entscheidung gewesen jetzt in diesem Buch? Also erst mal, ich bin so ein bisschen davon ausgegangen, vielleicht ist es auch falsch, dass es mit so einer Weiterentwicklung des Textes war, dieses Buch jetzt, vielleicht auch nur wegen “Ruth”, wegen des Namens. Aber ist es auch so eine Entscheidung gewesen, von diesem Sex-Thema so ein bisschen wegzukommen, weil es darum eigentlich gar nicht so geht?
Julia Weber
Nein, ich glaube, es ist umgekehrt. Ich arbeite schon so lange an diesem Buch und ich weiss gar nicht mehr ganz genau, wann genau was gekommen ist. Aber ich weiss auf jeden Fall, dass die Verwandlung in die Tiere und eben gar nicht so nah an der Sexualität, das war vorher. Ich habe dann für den Bachmann-Preis versucht, einen Ausschnitt von so einer Verwandlung zu nehmen und habe dann aber in der Überarbeitung irgendwann klar geworden, dass das irgendwie zu viel ist. Also, dass ich eigentlich einen Aspekt von diesem Text, dass ich in diese wenigen Seiten einfach nicht so viel reintun kann. Und so ist es eigentlich so wie ein Text. Einfach eine Art, auf diese Verwandlungen zu blicken, aber halt jetzt ohne die Verwandlung sozusagen. Also, ja. Weißt du, was ich meine?
Frieda Ahrens
Ja, total, dass man das dann rausnimmt, als das ist vielleicht auch für so einen kleinen Text dann eine sehr komplexe, noch eine Komplexität, die dann on top kommt, dann auch noch die Verwandlung mit reinzunehmen, so vielleicht?
Julia Weber
Genau, genau. Und sonst hat für mich die Verwandlung – das ist nur ein Teilaspekt. Ich finde es schön, wenn du das sagst. Für mich hat das auch nicht hauptsächlich mit irgendeiner Art von Sexualität zu tun, sondern von Zugewandtheit und Liebe und einander wahrnehmen. Und das muss nicht unbedingt dann direkt das sein. Aber das ist ja auch spannend. Wo ist da die Grenze? Und was könnte Sexualität überhaupt auch sein? Und was macht eine Gesellschaft oder eine Porno-Industrie zum Beispiel aus Sexualität? Das ist ja Horror. Und deswegen habe ich schon versucht, das irgendwie auch mit reinzunehmen, um das neu zu beschreiben. Weil es hat so oft mit Macht zu tun und irgendwelche komischen, absurden Verhältnisse, die da hineingebracht werden. Und von denen habe ich es versucht, loszulösen.
Frieda Ahrens
Ja, man kann ja Sex und auch Sexarbeit in dieser kapitalistischen Gesellschaft gar nicht ohne Machtdimensionen und Umdeutungen, die man gar nicht will, sehen. Also Sexarbeit ist ja als Thema auch so komplex. Deswegen hab ich immer gedacht, für mich ist es einfacher zu verstehen. Es hat gar nicht so viel mit Sex zu tun. Dieses ganze Gewaber war für mich da gar nicht drin, sozusagen, auch nicht diese Frage von “Ist das jetzt Sexarbeit?”, war es für mich, glaube ich, die Frage hat sich mir nicht gestellt, sozusagen. Aber auch, ich weiß gar nicht, ob du drüber reden willst, wenn nicht, ist es total okay, aber ich hatte ja das Buch gelesen, dann habe ich mir diese Jury-Besprechung angeguckt. Dann sieht man dich ja auch immer so ein bisschen, wie du reagierst. Ich habe mich gefragt, wie das so ist, weil ich dann auch dachte, irgendwie ist die Jury des Bachmannspreises sich ja nie immer total einig über die Texte. Aber bei dir wurde ja auch viel hin und her gestritten, was natürlich vielleicht auch ein schönes Gefühl ist, über den eigenen Text so unterschiedliche Meinungen oder Gefühle auszulösen. Aber wie war das so für dich? Ist es was, was man dann so mitnimmt? Oder ist es eher so was, was man da lässt sozusagen?
Julia Weber
Ich habe es dort gelassen. Auch schon von Anfang an irgendwie sehr stark versucht, weil ich von Menschen weiß, die noch ganz lange irgendwie darunter gelitten haben, dass das polarisiert. Es kann ja auch desillusionierend sein, wenn dann Menschen so unterschiedliche Meinungen sind und man denkt, eigentlich versuchen wir beim Schreiben ja doch alle zu erreichen. Aber ja, man weiß ja eigentlich, dass es nicht geht. Aber ich glaube, für mich war es wichtig, das irgendwie dann dort zu lassen. Und zwar natürlich auch viel einfacher, weil ich war ja zu Hause und konnte einfach den Computer zuklappen und in den Zürichsee springen und dann war es auch relativ schnell irgendwie wieder weg. Weil ich glaube, sonst, ja, ich kenne schon Leute, bei denen ist es dann irgendwie zu lange hängen geblieben. Ja, ich glaube, das ist auch wichtig.
Frieda Ahrens
Genau, ich glaube, es ist eine Stärke, sich dann davon frei machen zu können, die Kritikpunkte nicht so an sich ran zu lassen, beziehungsweise nicht allen immer gefallen zu wollen vielleicht, oder es auch als gut zu empfinden, wenn Texte nicht allen immer gefallen. Ich finde es ja auch spannend, also wenn sich so Sachen reiben.
Julia Weber
Das stimmt. Ja.
Frieda Ahrens
Du hast ja jetzt, darauf wollte ich noch eingehen, das habe ich am Anfang in deinem Intro gar nicht erwähnt, aber neben deiner literarischen Arbeit nutzt du diese, oder sagen wir mal, nutzt du die Literatur auch für soziales Engagement, so würde ich es nennen. Du hast ein feministisches Autorenkollektiv, RAUF, hast du mitgegründet. Du hast mit Gianna Molinari die Kunstaktionsgruppe “Literatur für das, was passiert” gegründet. Da macht ihr so kleine Kunstaktionen, also Literaturaktionen, um Geld zu sammeln, um Menschen auf Flucht zu helfen. Und das finde ich irgendwie spannend, weil wir gerade auch innerhalb des Romans so viel über wie ist die Gesellschaft zueinander und Fürsorge und so gesprochen haben. Ich habe mich gefragt, ob du es irgendwie auch als Aufgabe der Literatur siehst, diese Themen zu verschränken, also dieses soziale Miteinander und das Engagement, für das du dich einsetzt, ob du die Literatur da auch in einer Verantwortungsrolle siehst?
Julia Weber
Ja, auf jeden Fall. Ich glaube, die Kunst an sich ist ja sozusagen dazu da, oder das ist meine Meinung, würden wir wahrscheinlich Menschen widersprechen, aber schon in einem wichtigen Teil davon, Räume zu schaffen und die sozusagen begehbar zu machen für andere Menschen und Empathie. Gerade in der Literatur irgendwie Menschen zu beschreiben, die dann anderen, wenn sie das Buch lesen, möglich ist, dieses Leben und diese Menschen nachzuvollziehen und irgendwie diese Empathie zu schaffen, zu üben oder zu erlangen. Und das ist ja das soziale Zusammensein. Und eben Räume auszuweiten, also irgendwie wieder mehr Platz zu schaffen, überhaupt nachzudenken und lebendig zu sein und dann so auch in Verbindung zu treten. Ich glaube schon, dass Kunst da eine wichtige Rolle hat. Aber bei mir gibt es immer so ganz stark so Unterschiede zwischen: Da will ich jetzt einfach irgendwie politisch mich einsetzen und irgendwas pragmatisch was tun. Und in der Kunst ist es dann eher so ein Kratzen an der Kruste der Welt. Also es ist so, wenn ich denke, oh jetzt muss ich irgendwas machen, das alles ändert, dann wird es ganz bestimmt ganz verkrampft und unsinnlich und nicht nachvollziehbar für die Menschen. Oder es wird dann so, wenn dieses Ich-Will-Irgendwas drin ist, habe ich das Gefühl, glauben es die Menschen ja nicht mehr.
Frieda Ahrens
Ich find's spannend, dass du Kratzen an der Kruste sagst, weil das sich so ein bisschen, also nicht gewaltvoll, aber weil sie es so ein bisschen auch frustrierend gerade gelesen hat und ich habe gerade gedacht, du sagst jetzt, das ist für mich eher wie so ein Handreichen, weil wir darüber ja am Anfang gesprochen haben. Du bietest irgendwie einen Text an und reichst die Hand und mal gucken, wer so die Hand nimmt. Ich hätte das in diesem Buch viel eher gelesen, auch mit diesen sozialen Themen, dass man da anbietet, einen Perspektivwechsel einzunehmen oder eine Hand zu reichen und das ist genau das Gegenteil von dem, was du gesagt hast.
Julia Weber
Ja, aber das ist ja eigentlich dann schon wieder das, was aus dem Handreichen heraus passiert, das meine ich. Dass ich nicht um irgendwie gesellschaftliche Umwälzungen das Gefühl habe, ganze politische Systeme verändern sich durch das, was ich in der Kunst mache, sondern eben es sind diese kleinen Gesten oder das Handreichen, das dann aber wieder dazu führt, dass vielleicht an der Kruste der Welt gekratzt wird, die wir nicht mehr wollen.
Frieda Ahrens
Ich hab mich auch gefragt, wie schwer es dir gefallen ist, die Entscheidung zu treffen, dass Ruth als Person mit Magie und Auszeit und einem Weiterdenken oder einer Vorbildfunktion, dass es auch Ruth nicht am Ende schafft, alles zu ändern sozusagen oder alles zu retten oder so. Es macht das Ganze viel realistischer, weil natürlich ist es so, aber genau, irgendwann habe ich gedacht, “ach schade” und ob es dir schwergefallen ist, irgendwie das dann so zu entscheiden? Oder ob es überhaupt eine Entscheidung war, meistens sind so Schreibprozesse ja, man entscheidet dann gar nicht mehr so viel irgendwann, sondern es schreibt sich einfach, genau, aber wie du das so siehst?
Julia Weber
Ja, also es war schwer. Ich habe es versucht, anders zu schreiben, und es ging aber nicht. Aber ich habe relativ lange noch in die Richtung, obwohl ich schon gemerkt habe, dass es kein Sinn macht. Ja, es hat ja was Utopisches in diesem Buch, aber es kann nicht zu Ende erzählt werden, die Utopie. Sonst wäre es wieder eine andere Geschichte. Das konnte ich nicht. Und ich fand es aber auch schade. Ich habe es wirklich versucht. Ich habe es lange versucht, aber ich glaube, es geht auch irgendwie mit dem Gefühl, dass halt noch viel zu tun ist. Also sonst hätte es sich ja so aufgelöst. Und ich glaube, das hat dann einfach nicht funktioniert. Aber ich hatte auch irgendwo ein Interview, mit einer Journalistin, die war fast ein bisschen wütend. “Nein, aber das hättest du doch jetzt machen können”, ja, Entschuldigung. Aber das wiederum ist ja auch eine super Reaktion. Also auch irgendwie dieses Schade-Finden hat dann vielleicht mehr Energie als einfach etwas zu erzählen, das aber noch nicht stattgefunden hat.
Frieda Ahrens
Ja, ich habe da drinnen auch viel gelesen, dass eine einzelne Personen einen Unterschied machen, aber auch nicht alles retten können. Also, dass es irgendwie mehr als eine Person braucht und mehr als ein Individuum, sondern dass es dann vielleicht natürlich auch irgendwie auf systematischen Hilfen ankommt oder irgendwie nicht nur die Gesellschaft als solche, die Menschen, die irgendwie alle mit anpacken, sondern auch wirklich Systeme, die sich ändern, damit Hilfe anders gegeben werden kann, sagen wir es mal so. So verklausuliert, um hier nichts zu spoilern.
Julia Weber
Nein, aber das hast du schön gesagt, das muss ich mir merken. Sehr schön formuliert. Ja, das stimmt. Und auch, dass Ruth eben dieser Mensch bleibt, der sie ist. Sie soll ja kein Überwesen oder nichts irgendwie Unerreichbares sein. Und das hat auch nicht funktioniert. Wenn sie das dann alleine schafft, genau wie du sagst, dann ist es nicht mehr realistisch. Und mir war es wichtig, dass sie – ich sehe sie auch zum Beispiel so eitel. Sie ist ja auch nicht in allen feministischen Perspektiven so ein Vorbild, weil sie auch so sehr Angst hat davor, irgendwie nicht mehr schön zu sein, wenn sie alt ist. Und diese Eitelkeit. Und das war mir sehr wichtig, dass sie so ambivalent ist und nicht einfach so eine Heldinnen-Überfigur, sondern jemand, der wir das alle auch sein können irgendwie.
Frieda Ahrens
Ja, so ein bisschen die Fehlbarkeit in Ruth. Ich hatte auch Momente, wo ich mich mit ihr gerieben habe, wo ich dachte, ah, da ist sie entweder jetzt sehr streng oder sehr selbstgerecht oder… wo ich dachte, ach da bin ich jetzt nicht dabei, aber das ist ja auch gut, wenn man nicht die ganze Zeit eine Figur hat, wo man die ganze Zeit denkt, ja ja super super super - die sind ja auch total langweilig.
Julia Weber
Ja, oder? Das erschöpft sich dann.
Frieda Ahrens
Sehr schnell, glaube ich auch, ja. Eine letzte Frage, ich glaube, das interessiert dann vielleicht nur die Menschen, die das Buch auch schon gelesen haben. Aber ein paar Menschen bleiben ja Tiere. So habe ich es auf jeden Fall verstanden. Warum? Also ich habe mich gefragt, ist es teilweise eine Bestrafung oder ist es eine Erlösung?
Julia Weber
Beides, aber in einem. Und es ist auch ein Moment, in dem Ruth dann entscheidet, dass diese Figur jetzt ein besseres Leben hat, wenn sie ein Molch ist, als wenn sie ein Mensch ist, was ich jetzt als Autorin des Buches auch nachvollziehen kann, dass sie das denkt, aber ob sie das jetzt tun darf oder darüber entscheiden, das ist dann natürlich Selbstjustiz. Aber es ist schon einerseits, eben sie will vor allem vermeiden, dass diese Figur noch irgendwas Blödes anstellt, aber auch nicht bestrafen im Sinne von Schmerz bereiten oder irgendwie sondern dann auch noch ein besseres Dasein.
Frieda Ahrens
Die Figuren, die Tiere bleiben, bleiben ja auch bei ihr, also sie pflegt die dann ja auch.
Julia Weber
Genau, sie sorgt für sich.
Frieda Ahrens
Super, vielen Dank für das Gespräch, Julia.
Julia Weber
Sehr gerne.
Frieda Ahrens
Und danke natürlich auch allen HörerInnen, die bisher dran geblieben sind für das Interesse und eure Zeit. Vielen Dank, Julia.
Julia Weber
Danke auch!
Frieda Ahrens
Auf Wiederhören.
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Der Text wurde KI-gestützt transkribiert.