Vom 20. bis 24. April 2020
und im Herbst 2021
Corinna Gerhards (*1977): Gelernte Tischlerin, später Studium der Germanistik und Kulturwissenschaften. Heute arbeitet die alleinerziehende Mutter als freie Schriftstellerin, ausgebildete Drehbuchautorin, Jugendbuch-Gutachterin, Journalistin und Dozentin für Kreatives Schreiben.
Frühjahr 2020
Tag 1, Montag, 20. April 2020
Eigentlich geht es mir gut
Ich bin ein grundsätzlich optimistischer Mensch. Zumindest so lange mir andere dabei zugucken. Ich habe ein Dach, das mir auf den Kopf fallen kann. Ich kann mich darüber beschweren, dass ich immer dicker werde, so ohne richtige Bewegung und Fitnessstudio, weil ich einen vollen Kühlschrank habe. (Das mit dem Fitnessstudio steht an dieser Stelle symbolisch, natürlich gehe ich da sonst auch nicht hin, es geht ums Prinzip). Ich habe keine Eltern oder älteren Verwandten mehr, um die ich mich sorgen müsste, und keine kleinen Kinder, denen ich zum 27. Mal „Das Kleine Ich bin Ich“ vorlese, während ich auf allen Vieren als Wauwau durch die Wohnung robbe und sie das Sofa mit Fingerfarben verzieren.
Eigentlich geht es mir gut.
Ich suche nach den positiven Nachrichten, schaue mir immer wieder Fische in den Kanälen Venedigs an, die sinkenden CO2-Zahlen und Videos von Zusammenhalt und singenden Menschen auf Balkonen. Aber dann drücke ich einmal nicht schnell genug den Stopp-Knopf und statt glücklichen Delphinen sehe ich weinende Krankenschwestern. Und dann denke ich an den alten Mann, der im Kino immer in der Reihe vor mir sitzt. Und an meine Lieblings-Kioskverkäuferin, die das Rentenalter längst überschritten hat. Ich frage mich, ob sie noch da sind. Ich denke daran, wann ich das letzte Mal jemand umarmt habe, wann ich meine Freunde das letzte Mal gesehen habe und wann ich das letzte Mal im Kino, auf einer Lesung, einem Konzert oder einfach in einem Straßencafé gewesen bin und dabei noch nicht einmal wusste, dass es ein letztes Mal war. Ich versuche, nicht daran zu denken, dass ich keine Ahnung habe, wo meine nächsten Aufträge herkommen sollen, ohne die üblichen Netzwerk-Veranstaltungen. Ohne Filmproduktionen. Ohne Lehre. Ohne Menschen! Und es funktioniert nicht ganz mit dem Nicht-daran-Denken.
Dann bricht alles zusammen.
Für einen Augenblick, vielleicht auch für mehrere, vielleicht für Stunden, legt sich die Angst schwer auf meine Brust – ob es jemals wieder so wird, wie es war, und wie lange dauert es noch? Und dann schäme ich mich, so zu fühlen, weil es anderen so viel schlechter geht.
Ich setze meine selbstgemachte Schutzmaske auf und gehe unter Einhaltung aller Sicherheitsregeln eine Runde in der Sonne spazieren und für einen Moment fühlt es sich wieder fast normal an.
Fast.
Eigentlich geht es mir gut.
Tag 2, Dienstag, 21. April 2020
Die Sache mit der Schlafanzughose
Wir sind aufgeflogen.
Normalerweise geschah das, was wir Autoren den ganzen Tag machen, hinter verschlossenen Türen. Es hatte etwas Magisches, Geheimnisvolles, wenn der Schreiberling sich in sein Sanktum zurückzog und mit einem fertigen Manuskript wieder hinauskam.
Jetzt fühle ich mich durchschaut.
Selbst in meiner eigenen Vorstellung sitzt der Autor hübsch gestriegelt wahlweise in Tweetanzug oder im fließenden Gewand an einem Jugendstil-Schreibtisch, krault gelegentlich die Katze auf dem Schoß und nippt an einem Rotwein oder einer Teetasse, während er unermüdlich entweder sehr intelligent vor sich hin sinniert oder mit fliegenden Fingern die Tasten bearbeitet.
Da die meisten Autoren das immer schon in ihren eigenen vier Wänden machen, handelt es sich sozusagen um den Prototyp des Homeoffice.
Was für viele bisher ein mystisches Wort, vielleicht im besten Fall eine Traumvorstellung war, ist von heute auf morgen Alltagsrealität geworden.
Die meisten Ratschläge für die Arbeit im Homeoffice, beginnen mit den gleichen zwei Punkten:
Stehen Sie auf!
Ziehen Sie sich eine Hose an!
Da man das „normal“ arbeitenden Menschen ja auch nicht extra auflistet, wird somit automatisch unterstellt, dass Menschen im Homeoffice das nicht zwangsläufig tun.
Ich möchte mich dazu an dieser Stelle nicht weiter äußern …
Dennoch bin ich mir bewusst, dass, wenn ich jetzt sage, ich arbeite von zu Hause, mir ein wissendes, leicht spöttisches Nicken entgegengebracht wird, vielleicht sogar gemischt mit ein wenig Mitleid. Denn jeder weiß jetzt, dass das heißt:
Stundenlange „Recherche“ (Nur noch ein Artikel, dann lege ich wirklich los!), zahlreiche, über den Tag verteilte Ausflüge zum Kühlschrank (nur noch ne Kleinigkeit Essen, dann lege ich wirklich los!!). Schnell noch einmal checken, ob auf Social Media nicht was ungemein Wichtiges passiert ist (nur noch…) und der plötzliche unerklärliche Drang, die Badezimmer-Armaturen mal wieder richtig gründlich zu polieren … Bis es schon fast Abend ist und man verzweifelt versucht, das Tagespensum noch zu schaffen.
Immerhin – während ich mir sehr intensiv vornehme, gleich richtig los zu arbeiten, liegt tatsächlich ein Kater auf meinem Schoß und sabbert ein bisschen im Schlaf. Wenn er wieder aufsteht, hinterlässt er eine Wolke seines Winterfells auf meiner Schlafanzughose.
Es wird Frühling. Auch im Homeoffice.
Tag 3, Mittwoch, 22. April 2020
Die Sache mit David Lynch
David Lynch sagte kürzlich in einem Interview, er glaube daran, dass die Welt nach Corona „more spiritual and much kinder“ wird. Mal ganz abgesehen von seiner sehr privilegierten Sicht der Dinge, mit Haus und Geld und Sicherheiten, weiß ich nicht ganz, was ich davon halten soll. Obwohl das ganze Szenario gerade durchaus an einen Lynch-Film erinnert, ist er ja nun nicht gerade für seine strahlenden Happy Ends bekannt.
Als albtraumhaft und surrealistisch beschreibt Wikipedia Lynchs Filme. Und irgendwie trifft es die Zeit gerade ganz gut. Aber so geheimnisvoll und gegen unsere Sehgewohnheiten diese oft sind, verfolgen sie doch immer einen dramaturgischen Bogen, angeführt durch eine innere Getriebenheit.
Zurzeit fühlt es sich dagegen eher an wie „zwischen den Jahren“, jene dumpfen Tage einer eingefrorenen Nicht-Zeit, nur mit mehr Warm. Und dass wir nicht wissen, wann Silvester ist.
Dabei wäre es so schön, dieses eine Datum zu haben, an dem mit einem Knall auf der ganzen Erde die Türen wieder auffliegen, die Menschen sich auf der Straße in den Armen liegen, Samba-Bands durch die Straßen ziehen und alle wild tanzend den Neubeginn begrüßen.
Stattdessen mutet es eher an wie eine mittelmäßige Serie, “Lost” vielleicht, die recht spannend anfängt, dann aber immer mehr nachlässt, viel zu oft verlängert wird und am Ende in Banalitäten versiegt, weil sich herausstellt, dass selbst die Macher lange nicht wussten, wie sie eigentlich enden sollte.
Was wird dann aus all den Rufen nach einer neuen Welt? Nach mehr Solidarität und den ganzen Dingen, von denen wir jetzt entweder merken, dass wir sie gar nicht brauchen oder dass wir sie ganz dringend brauchen und viel zu lange für selbstverständlich genommen haben? Schütteln wir uns in einigen Wochen oder einigen Monaten oder einigen Jahren wie ein nasser Hund und machen einfach so weiter wie zuvor?
Irgendwann fragen unsere Enkel uns dann vielleicht nach “damals, als die Welt still stand”, und alles, an das wir uns erinnern, ist irgendetwas Diffuses mit Toilettenpapier …
Tag 4, Donnerstag, 23. April 2020
Die Sache mit den Gummibären
Immer wenn ich zurzeit mit anderen Filmemachern spreche, kommt irgendwann das Thema auf, ob wir (logistisch und finanziell beiseite gelassen) überhaupt noch „ganz normale“ Filme machen können, wenn das alles ansatzweise vorbei ist. Wenn ich jetzt an einem Drehbuch arbeite, dürfen sich die Leute darin umarmen? Dürfen sie dichtgedrängt in Clubs rumhängen und ohne Gesichtsmaske einkaufen gehen? Oder heißt es dann gleich: „Ach! Du drehst historisch!“
Sprich: Werden wir in Zukunft Filme und Bücher in „Before Corona“ (BC) und „After Corona“ (AC) einteilen müssen? Zucken wir nicht jetzt schon leicht zusammen beim Fernsehen und möchten den Schauspielern zurufen: Wo ist denn hier der Mindestabstand??
Seit Stunden scrolle ich hin und her, wechsle zwischen Netflix und Prime, schaue die ersten Minuten einer neuen Serie, über die ich schon ganz viel gehört habe, und gehe wieder raus.
Seit wann sind eigentlich alle Serien so düster? Selbst solche, die noch nett angefangen haben, werden ab der dritten Staffel spätestens deprimierend und dunkel. Als ob eine gute Charakterentwicklung nur stattfinden kann, wenn wir uns nach anfänglichem In-Sicherheit-Wiegen, erst langsam und dann immer rasanter ihren Abgründen nähern.
Wenn ich gerade Abgründe sehen möchte, schalte ich die Nachrichten ein.
Als der Streamingdienst Disney+ im März in Deutschland an den Start gegangen ist, haben alle damit gerechnet, dass „The Mandalorian“ sprunghaft an die Spitze der meist geschauten Serien schnellt. Stattdessen fand sich auf Platz Eins etwas gänzlich anderes wieder:
Die Gummibärenbande.
Und ich traue mich mal zu behaupten, dass das nicht nur an den ganzen gelangweilten Kindern lag …
Um ehrlich zu sein, hat mich diese Plattform bisher null interessiert. Aber auch mein erster Gedanke war: Es gibt die Gummibärenbande?? Wie sieht das noch mal mit dem Probemonat aus?
Ich glaube tatsächlich, dass sich etwas in der Filmwelt ändern wird.
Ich glaube, die Zeit des „dunkler, schwerer, grausiger, depressiver“ ist vorbei.
Es ist als ob wir all diese dystopischen Serien, Filme und Bücher brauchten, weil wir tief in uns wussten, dass wir uns darauf vorbereiten mussten, dass es bald sehr viel härter wird, dass die Freiheit und die Sicherheit, in der wir uns so selbstverständlich wiegten, auf sehr dünnem Eis steht.
Aber jetzt, wo wir es erleben, wird es wieder Zeit uns zu erinnern, was wir eigentlich wollen, statt uns damit zu beschäftigen, wo wir hinkommen könnten, wenn alles den Bach runtergeht. Ziemlich viel ist in einem wahren Wasserfall, viel schneller und unerwarteter flussabwärts gegangen, als wir je gedacht hätten. Nun brauchen wir wieder Medien, die uns zeigen, wo wir hinkommen könnten, wenn alles ein bisschen besser wird, mit Hoffnung und Utopien, vielleicht genauso überzeichnet wie vorher die Dystopien.
Es lebe die Gummibärenbande und das kleine Stückchen heile Welt!
Tag 5, Freitag, 24. April 2020
Ruhe
Ich weiß noch, dass es mich immer ein wenig gewundert hat, in Filmen oder Literatur über Krieg zu beobachten, dass trotz aller schrecklichen Dinge, die passierten, der Alltag irgendwie weiterging. Kinder wurden geboren, Menschen verliebten sich, Kuchen wurden gebacken.
In jenen ersten verwirrenden, überwältigenden Tagen des Lockdowns, die so gar nichts mit Alltag zu tun hatten, fast undenkbar. Da fiel in einem amerikanischen Magazin ein Satz, der mir seitdem immer wieder durch den Kopf geht:
„The feeling you are feeling now is grief.“
Wir hatten nicht nur unsere momentane Freiheit, Treffen mit Freunden und Familie und eventuell unseren Job verloren, sondern vor allem ein Sicherheitsgefühl, mit dem die meisten von uns aufgewachsen sind. Wir mussten plötzlich erfahren, dass die Welt, wie wir sie kannten, von jetzt auf gleich eine ganz andere werden konnte, oder noch schlimmer – eine Welt, von der wir noch immer nicht wissen, wie sie in einem Monat oder einem Jahr aussehen wird. Da war Trauer doch ein sehr angebrachtes Gefühl.
Durch unsere globalisierte Vernetztheit konnten wir also plötzlich beobachten, wie Milliarden von Menschen auf der ganzen Erde geschlossen wie nie die berühmten 5 Phasen durchliefen:
Angefangen beim Leugnen – „Alles nicht so schlimm“, „Nur ´ne Grippe“, „Kann uns nicht gefährlich werden“ – ging es nach den ersten Einschränkungen und der Erkenntnis, dass uns das sehr wohl doch passieren kann, schnell in Zorn über. Von „Wie kann man uns nur so maßregeln!“ bis hin zu einem exemplarischen Dieter Nuhr, der wettert, dass er gefälligst auftreten will.
Dann folgte das Verhandeln, zu dem durchaus auch Verschwörungstheorien gehören, die im Grunde nur ein verzweifelter Versuch sind, dem Ganzen einen Sinn zu geben. Aber auch das konstante Aufzählen der vielen guten Seiten, die Bilder von einer sich erholenden Natur und dem Zusammenhalt der Menschen verfolgen eigentlich das gleiche Ziel.
Die vorletzte Stufe ist die Trauer selber, bis hin zur Depression, das langsame Abschiednehmen von der Welt, die wir kannten.
Wir haben viele Dinge, die wir liebgewonnen haben, zumindest vorübergehend verloren. Eine melancholische Schwere drückt mittlerweile auf die panische Aufregung der ersten Wochen, und zu wissen, dass sie da auch noch eine Weile liegen bleiben wird, drückt auf unsere Schultern.
Aber wenn die erste Schockstarre vorbei ist, wenn die Phasen der Trauer durchlaufen sind, egal ob es sich um einen Krieg, eine Trennung, den Verlust eines geliebten Menschen oder eine weltweite Pandemie handelt, wenn Leugnen, Zorn, Verhandeln und Depression überwunden sind, dann tritt die Akzeptanz ein, die uns letztendlich wieder handlungsfähig macht.
Es hat nur wenige Wochen gedauert und wir wechseln automatisch die Straßenseite, können uns eine Welt ohne Zoom kaum noch vorstellen, wundern uns, wenn wir einen Laden direkt betreten können, ohne vorher in zwei Meter Abständen davor auf Einlass gewartet zu haben.
Kinder werden geboren, Menschen verlieben sich, Kuchen werden gebacken (oder in unserem Fall eher Unmengen an Brot). Die Welt dreht sich weiter. Und zusammen mit der Akzeptanz kommt nach all den Wochen des emotionalen Chaos’ endlich wieder Schritt für Schritt ein bisschen von der inneren Ruhe zurück, die wir so vermisst haben.
Auch wenn selbst diese Ruhe jetzt eine andere ist.
Herbst 2021
WEG
Ich will weg, irgendwohin wo nicht hier ist, nicht, dass ich wüsste wohin genau, aber eineinhalb Jahre das eigene Wohnzimmer angucken, ist ganz schön langweilig. Viele Menschen in meiner Umgebung haben die Herbstferien genutzt, um endlich mal wieder „richtig weg“ zu fahren, das habe ich irgendwie verpasst oder ich hatte einfach nur Schiss.
Vielleicht hätte ich auch gar nicht wegfahren wollen, wenn ich es die ganze Zeit gekonnt hätte, das kann man jetzt rückblickend schwer sagen, natürlich will man genau das, was man nicht kann, das Gehirn funktioniert da ein bisschen seltsam.
Ich google Seychellen und Thailand und dann doch Mallorca, weil mir mein Kontostand wieder einfällt. Ich verbringe Stunden bei der Auswahl des besten Hotels, dass ich nicht buchen werde und übe mit dem Finger auf dem Globus das Verreisen.
Ich habe in meinem Leben schon viele verschiedene Versionen von weg probiert. Erst zwei Straßen weiter, dann in einen anderen Stadtteil, das Umland, die nächste große Stadt, das andere Ende des Landes. Weg beginnt erst, wenn sich die Luft um einen spürbar ändert, wenn die Gerüche einem fremd werden, man sich fehl am Platz fühlt zwischen all den Einheimischen. Aber das Gefühl hält vielleicht zwei Tage an, maximal drei, dann kennt man die Gerüche und die Haut hat sich an die Luft gewöhnt und ich mich an die Menschen oder anders herum. Dann kaufe ich mir ein T-Shirt oder ein paar Postkarten, die ich vergesse abzuschicken, aber mit denen ich mir später beweisen kann, dass ich wirklich da war.
Ich habe sogar versucht, so weit weg zu sein, mich so sehr an das Weg zu gewöhnen, dass mir beim Zurückkommen, das Hier wie Weg vorkommt. Aber das habe ich nie geschafft.
Vielleicht wird es Zeit zu akzeptieren, dass das WEG immer nur da sein kann, wo ich nicht bin.
Ich weiß, wir „dürften“ wieder (zumindest für den Moment), aber ich weiß auch, dass es damit eigentlich gar nichts zu tun hat, weil das, wovor ich weg will, so viel weiter geht als Regen und ungesaugte Schlafzimmer.
Also bleibe ich wohl hier.
Meine Wohnung ist hübsch.
Und warm.
Und ich weiß, wo ich was zu essen finde.
Alles Variablen, deren man sich beim Wegsein nicht sicher sein kann.
ZWISCHEN DEN STÜHLEN
Gestern war ich im Kino. Volle Auslastung, voll besetzt, 3G wurde nicht kontrolliert und die Masken hätten wir auch nicht aufsetzen müssen, taten aber trotzdem alle, der Mensch ist ein Gewohnheits-Tier. Hinterher ging es in die semi-volle Kneipe, immerhin wurde ein kurzer Blick auf den Impfpass geworfen, die Gespräche gingen darum, wie viel Tage oder Wochen wir wohl noch bis zum nächsten Lockdown hätten, während man sich eng aneinander gedrängt zuprostete.
Ich bin aufgeschmissen, zerrissen, zwischen den Stühlen.
Gestern hatten wir die bis dato höchste Inzidenz in Deutschland seit Ausbruch der Pandemie, ist aber eh schon wieder überholt, die von heute war höher, bis dieser Artikel veröffentlicht wird, erscheinen uns wohl auch jene Rekord-Zahlen schon fast lachhaft.
Twitter ist voll von den Berichten erschöpfter Intensiv-Mediziner, Köln ist voll mit feiernden Jecken.
Gestern sind knapp hundert Leute in Deutschland an dem Virus gestorben. Etwa so viele, wie in den voll besetzten Kinosaal passen.
Ich bin aufgeschmissen, zerrissen, zwischen den Stühlen.
Ich denke kurz darüber nach, ob wir wirklich mit fünf Leuten in meinem Wohnzimmer sitzen sollten und sitze am nächsten Tag im vollbesetzten Theater-Saal. Mit schlechtem Gewissen, wenn ich zulasse darüber nach zu denken, aber ich tue es trotzdem, weil ich es kann, weil ich das Gefühl habe, ich habe es verdient, ich habe so lange gewartet, so lange keine Live-Kultur gesehen, ich habe so viel aufzuholen und natürlich weiß ich, dass es all den viel beschimpften Karnevalisten genauso geht und finde sie trotzdem scheiße.
Ich bin aufgeschmissen, zerrissen, zwischen den Stühlen.
Ich wünsche mir eine 0-Covid-Strategie, um endlich aus diesem Mist raus zu kommen, aber ich will weiter ins Kino und ins Theater gehen. Ich wünschte mir, die Leute wären vorsichtiger und bin selber in vielen kleinen Punkten so viel verantwortungsloser als vor einem Jahr. Ich habe diese Masken so satt und funkel jeden böse an, der es wagt sie kurz unter die Nase zu ziehen. Ich will endlich wieder Normalität und denke gleichzeitig darüber nach, dem Kino einen bösen Brief zu schreiben, weil ich es nicht gut finde, dass sie die 3G nicht mehr kontrollieren.
Ich bin aufgeschmissen, zerrissen, zwischen den Stühlen.
Eigentlich möchte ich mich einfach wie ein trotziges Kind auf den Boden werfen, mit den Fäusten und Füßen trommeln und schreien – es soll alles aufhören und zwar jetzt!
Oder ich mache Winterschlaf. Ich lege mich in mein Bett, mache die Augen zu, schütze mich und andere damit, lasse alle, die noch Kraft haben, ihre Kämpfe alleine ausfechten, muss keine Entscheidungen mehr treffen und wenn ich meine Augen wieder aufmache, ist alles vorbei.
Man wird ja noch träumen dürfen.