Sibel Schick ist bekannt für ihre klaren Thesen. Seit Jahren ist sie politisch aktiv, arbeitet als Journalistin und Autorin. Ihr neuestes Buch Mein Körper, wessen Entscheidung? Warum wir reproduktive Gerechtigkeit brauchen geht dem Thema Selbstbestimmung auf vielen Ebenen nach. Mit Frieda Ahrens spricht sie darüber: Wann sind Entscheidungen selbstbestimmt und freiwillig? Wie kann reproduktive Gerechtigkeit funktionieren?
Sibel Schick kommt am 27. Mai 2026 im Rahmen unserer Reihe queer.lit! nach Bremen. Der Eintritt ist frei, eine Voranmeldung ist notwendig.
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Zum Nachlesen
Frieda Ahrens:
Hallo und herzlich willkommen zur neuen Folge des Literaturhauses Bremen, diesmal mit Frida Ahrens und zu Gast in dieser Folge ist Sibel Schick. Herzlich willkommen!
Sibel Schick:
Hallo!
Frieda Ahrens:
Für alle, die ich noch nicht kennen, stelle ich dich kurz vor. Wenn ich dabei irgendwelche Fehler mache oder was falsch recherchiert habe, unterbricht mich einfach direkt gerne. Du bist Journalistin, Podcasterinnen und Autorin, und du hast schon diverse Kolumne geschrieben, unter anderem ein Missy-Magazin, bei nd, bei der Taz, bei Campact. Und der erste größere längere Text von dir ist 2019 erschienen, er heißt “Deutschland schaffe ich ab - ein Kartoffelgericht”. Seitdem hast du nicht aufgehört zu schreiben. Du hast unter anderem das Buch “Weißen Feminismus canceln. Warum unser Feminismus feministischer werden muss” im Jahr 2023 veröffentlicht. Und dieses Jahr kam dein neuestes Buch auf den Markt, über das wir sprechen wollen. “Mein Körper, wessen Entscheidung? Warum wir reproduktive Gerechtigkeit brauchen.” Stimmt bisher alles so?
Sibel Schick:
Ja, ich würde das Leseheft “Deutschland schaffe ich ab” nicht als meinen ersten langen Text bezeichnen, weil ich davor schon so ähnliche Längen geschrieben habe. In dem Sammelband beispielsweise “Freie Stücke”, herausgegeben von der Missy Redaktion, eine ähnliche Länge, also 20 Normseiten. Und das ist 2017 oder so erschienen. Das war ein Essay. Ansonsten: definitiv ja. Vielen Dank für die Vorstellung.
Frieda Ahrens:
Aber das ist vielleicht ein ganz guter Einschub auch weil ich dachte, wir fangen vielleicht als erste Frage gar nicht so spezifisch zum Buch an, sondern allgemeiner. Weil wir sind ja ein Literaturhaus, und ich wollte noch mal fragen, wie du so zum Schreiben gekommen bist. Also weil du es machst es ja schon ganz lange auch und auch unterschiedliche Themen. Also immer mit so einer intersektionalen Überklammer würde ich sagen, aber ja mit unterschiedlichem Fokus. Hat sich dein Verhältnis zum Schreiben vielleicht auch geändert über die Jahre?
Sibel Schick:
Also ich hab als Jugendliche sehr, sehr kurze Texte, kurze Geschichten geschrieben und auch Tagebücher geführt, wie man es halt macht als junge Person. Aber so wirklich angefangen mit dem Schreiben habe ich mit dem Aktivismus tatsächlich. Obwohl auch nicht so wirklich. Warte mal, ich muss jetzt selber ganz kurz drüber nachdenken. Ich glaube, die Politisierung liegt schon einige Jahre zurück. Da habe ich noch in der Türkei gelebt. Durch das erste, heimlich gedrehte Peta-Video von einer Pelzfarm hat das angefangen, weil ich nicht wusste, dass Pelz so hergestellt wird. Das war der Moment, an dem ich zum ersten Mal mit dieser Brutalität, mit dieser Gewalt konfrontiert wurde. Und das hat wirklich mein Leben komplett verändert. Und da hab ich mich angefangen für Tierrechte einzusetzen und mit unserem Umgang mit Tieren und mit der Umwelt zu interessieren. Und das war so ein bisschen der Start. Und nach und nach habe ich auch angefangen auf Social Media vor allem darüber zu schreiben. Und dann habe ich mit einer anderen feministischen Kollegin, die auch aus der Türkei stammt, wie ich, allerdings zu der Zeit in Paris gelebt hatten. Da habe ich schon in Köln gewohnt. Gemeinsam mit anderen Aktivistinnen haben wir auch eine Plattform gegründet, erktolia.org, auf der wir uns gegen Sexismus engagiert haben. Wir hatten verschiedene Verantwortungsbereiche. Ich war unter anderem für die inhaltliche Seite verantwortlich, für die Aktionen, die wir ins Leben gerufen haben. Und da habe ich das kurze Schreiben geübt, sozusagen. Und auf Social Media weiterhin geschrieben. Aber so die feministische Politisierung war tatsächlich erst dadurch zustande gekommen, dass diese Freundin mir immer wieder gesagt hat “Du bist die richtige Person”. Und ich so “Ne ne ne”. Und sie so “doch doch doch” und quasi sie mich da halt mit hineingezogen hat. Zum Glück, weil das für mich eine brandneue Welt eröffnet hat. Und dann habe ich durch eine Kollegin angefangen, für die Taz zu schreiben, als Freie und dann dort auch ein Redaktionspraktikum absolviert. Ich war neun Monate da. Und so wirklich Fahrt hat das erst da aufgenommen, als ich da in der Redaktion mit dabei war. Auch für eine lange Zeit, was eigentlich unüblich ist für die Taz. Normalerweise bieten sie so für drei Monate an. Aber war dann halt irgendwie so die gemeinsame Entscheidung, dass ich ein bisschen länger bleiben sollte. Es war halt irgendwie kein offizielles Volontariat, aber ging in meiner Erfahrung schon ein bisschen in die Richtung. Und so hat das Ganze angefangen.
Frieda Ahrens:
Und du bist irgendwie beim Text geblieben, also das Schreiben als Ausdrucksform hat dir anscheinend gefallen - das lege ich dir jetzt so hin.
Sibel Schick:
Ja, es gefällt mir. Vor allem, weil ich mich selber nicht dabei irgendwie so stark angucken muss. Ich mache zwar auch Videos, ich habe jetzt zum Beispiel eine Videokolumne für nd. Einmal im Monat drehe ich eine Social Media Video über intersektional, feministische Themen. Und ich finde es halt nicht immer so leicht, mir diese Videos anzugucken, weil ich das irgendwie nicht so gerne mag, mich auf dem Bildschirm zu sehen. Deshalb ist der Text da für mich ein bisschen… Da ühle ich mich freier. Da fühle ich mich nicht so beobachtet.
Frieda Ahrens:
Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Um jetzt auf das aktuelle Buch zu kommen. Du willst mit dem Buch einiges klarstellen, hatte ich das Gefühl beim Lesen. Es geht in es viele verschiedene Aspekte rein, was in unserem Gesundheitssystem alles falsch läuft oder auf einer größeren gesellschaftlichen Ebene eigentlich alles falsch läuft. Das Überthema ist ja so ein bisschen Abtreibung, das Recht auf die eigene Entscheidung. Und du sagst auch ganz am Anfang, du willst irgendwie mit diesem Spruch “Mein Körper, meine Entscheidung” - nicht direkt aufräumen, aber du sagst schon, dass er dir nicht reicht als Spruch. Warum?
Sibel Schick:
Also ich finde den Spruch zuerst einmal nicht schlecht oder so. Aber wie wie du jetzt abgesagt hast, er greift zu kurz. Weil ich gemerkt habe, auch auf Grund der ganzen Recherchen, die ich im voraus schon zu dem Thema gemacht hatte für andere Texte. Das halt viele Aspekte, die eigentlich zum Thema sexuelle Selbstbestimmung gehören, da irgendwie keinen Platz finden. Es geht natürlich um die Körperlichkeit im Großen und Ganzen. Aber es sollte auch darum gehen, was eine Entscheidung ist, wie eine Entscheidung überhaupt entsteht, welche Aspekte dabei eine Rolle spielen, dass Menschen gewisse Entscheidungen treffen, beispielsweise, welche Voraussetzungen sie haben.Und auch das Entscheidungen gewisse Folgen haben, gewisse Konsequenzen, für die Menschen sich eigentlich nicht entscheiden. Also das hat halt auch ganz oft vor allem in Fragen der Fortpflanzung Folgen, unter denen Menschen leiden und leiden können. Und da habe ich gemerkt: Okay, ja, es gut als so ein Slogan. Es ist kurz und knapp. Man kann sich das gut merken, und man kann es auf Demos hervorragend aus der Seele schreien. Aber eigentlich, wenn man sich so ein bisschen detaillierter mit dem Thema beschäftigen möchte, dann reicht es nicht aus.
Frieda Ahrens:
Du meinst damit, dass der Part “Meine Entscheidung” so ein bisschen in Frage gestellt wird, weil - du hast es angedeutet - wie frei kann eine Entscheidung sein in unserer Gesellschaft, je nachdem, wie man aufgestellt ist?
Sibel Schick:
Ja. Aber auch der Teil mit dem Körper. Also im Idealfall gehören unsere Körper uns. Allerdings ist es im kapitalistischen System auch ein bisschen fraglich, welche Erfahrungen diese Körper machen müssen, welcher Gewalt der Körper ausgesetzt wird. Also ja, ich finde das, um eine freie Entscheidungen treffen zu können, müssen Menschen gute Optionen haben. Aber wenn Menschen zwischen dem kleineren und größeren Übel auswählen müssen, dann ist es eben keine Selbstbestimmung. Und das ist leider ganz oft so in unserer Gesellschaft, das Menschen eben vor die Wahl gestellt werden: Gehe ich jetzt einen Weg, der weniger schlimm ist oder den, der halt viel schlimmer ist. Und natürlich auch die Frage, inwiefern uns unsere Körper vollständig gehören können, wenn wir gleichzeitig mit so viel Gewalt konfrontiert sind. Aber auch wenn dieser Körper so viel arbeiten muss, wie wir das derzeit machen.
Frieda Ahrens:
Du nennst auch in deinem Buch Beispiele, wann man wahrscheinlich nicht von Freiwilligkeit sprechen kann, wenn man sich für bestimmte Sachen entscheidet. Zum Beispiel, wenn es um Geldnot geht. Also sowohl sprichst du ja auch darüber, wie viele Kosten damals auf dich zugekommen sind - um die 2000 Euro -, die du dann nicht bezahlen musstest, weil du dagegen angehen konntest. Aber das ist halt nicht immer möglich. Und auch in einem anderen Aspekt schreibst du über Leihmutterschaft, wo es ja auch die Frage ist: Wer kann sich das leisten und wer vermarktet seinen Körper damit oder muss es auch tun? Warum ist dir das so wichtig, das aufzuzeigen?
Sibel Schick:
Weil ich diese ganze Mittelstands-Perspektive im Feminismus, die ja auch so dominiert, nicht ausreichend finde. Wir gehen davon aus, dass Menschen ihren Träumen folgen können. Das können aber nur die wenigsten. Ganz oft nehmen Menschen jene Arbeit an, die ihnen gegeben wird. Sie können ganz oft gar nicht wählen. Und deshalb finde ich halt diese ganzen Diskussionen um Geld und Arbeit und Karriere und gläserne Decken und Gender-Pay-Gap einfach total lückenhaft. Das war deshalb super wichtig für mich, aufzuzeigen, um welche Lücken geht es denn jetzt überhaupt? Worüber sprechen wir denn eigentlich nicht, wenn wir von der Arbeit so sprechen, als wäre es etwas, das per se Menschen erfüllt oder erfüllen muss. Das ist überhaupt nicht der Fall. Ich halte das auch für einen Missstand, dass man davon ausgeht, dass Menschen von einer bestimmten Arbeit träumen müssen. Menschen müssen nicht von Arbeiten träumen. Sie können träumen von Erfahrungen, von Erlebnissen oder von Sachen. Aber diese Erwartung, dass die Arbeit auf emotionaler und psychischer Ebene so erfüllend sei, das ist für die wenigsten der Fall. Und eigentlich auch eine verkehrte Perspektive auf unsere Welt und auf die Strukturen, in denen wir existieren. Und dann hast du aber noch einen zweiten Teil gehabt zu dieser Frage, das hab ich jetzt vergessen. Kannst du es noch mal wiederholen?
Frieda Ahrens:
Also Abtreibung als Maßnahme, die Geld kostet, die nicht alle Menschen sich leisten können. Und das ist ja ein großer Block in deinem Buch und der andere Blog, wo es ja auch darum geht, wie freiwillig Sachen sein können, ist, wenn Frauen ihren Körper verkaufen, indem sie - also es klingt so hart, aber das ist, was passiert - indem sie Leihmutterschaft anbieten.
Sibel Schick:
Ja, genau. Also ich wollte mich auch wirklich mit diesem Aspekt beschäftigen: Was ist überhaupt Kinderwunsch? Ich bin jetzt nicht sehr tief in diese Frage hineingegangen, aber mich hat das schon beschäftigt. Bedeutet ein unerfüllter Kinderwunsch per se, dass Menschen ein Recht auf ein eigenes Kind haben, auf ein Kind aus dem eigenen Körper? Oder können wir vielleicht nicht ein bisschen mehr darüber nachdenken, darüber diskutieren und vielleicht auch streiten, ob auch andere Familienmodelle da genauso erfüllend sein können. Ich verstehe, dass ein unerfüllter Kinderwunsch mit sehr viel Leid verbunden sein kann. Mich habe das aber beschäftigt, ob sich dann diese Rechnung aufmacht, beziehungsweise ob sich das halt so ergibt als logische Schlussfolgerung, dass man dafür eine andere Person beauftragt für die Austragung des eigenen Kindes oder für die Geburt des eigenen Kindes. Was das bedeuten kann, welche Folgen das für die Leihmutter haben kann. Also das ein bisschen aufzeigen, dass das nicht immer bedeutet, dass diese Personen selbst nicht gebären könnten, sondern inzwischen auch sehr oft es so ist, dass Menschen einfach nicht gebären wollen. Nicht selber gebären wollen, obwohl sie es eigentlich könnten, reiche Menschen beispielsweise oder prominente Menschen, die auch sehr viel mit ihrem Körper in der Öffentlichkeit stehen. Und ich zitiere auch aus der Website einer Vermittlungsagentur aus den USA, die damit auch Werbung machen, wenn eine Person beispielsweise als Hobby tagtäglich intensiv Sport treibt, dann wäre das ja nicht vereinbar mit einer Schwangerschaft. Da kann man das da doch einfach auf andere auslagern. Und eine andere Person könnte diese Aufgabe doch eigentlich genauso gut für sie übernehmen gegen eine gewisse Summe. Da wollte ich tatsächlich so ein bisschen zeigen, dass es inzwischen oder vielleicht war das auch immer so, dass eben die Leihmutterschaft eigentlich aus einem sehr, sehr großen Machtgefälle entsteht oder entstehen kann. Und das Bild, dass die Leihmutter das immer absolut frei entscheiden, freiwillig machen und es machen, um Menschen, die irgendwie einen unerfüllten Kinderwunsch haben und deshalb total drunter leiden, eine Freude zu machen und die Freude zu teilen, irgendwie als eine selbstlose Akt der Solidarität verstanden wird. Das ich da nochmal aufzeigen wollte: Hey, es ist inzwischen wirklich ein sehr, sehr großes Geschäft und Leihmütter können enorm darunter leiden, weil die menschliche Geburt auch mit so vielen Risiken verbunden ist.
Frieda Ahrens:
Was mir vor deinem Buch auch nicht klar war und was Leihmütter ja auch machen, wenn es ein Geschäftsmodell ist, dass sie ganz viele Schwangerschaften austragen. Ich habe das Gefühl, ich beschäftige mich schon viel damit. Eine gute Freundin von mir ist Gynäkologin. Schwangerschaften sind viel Thema, und ich weiß, die Geburt ist nicht zu unterschätzen daran, dass immer noch ganz viele Frauen daran sterben können. Es ist einfach unglaublich schlimm. So. Und trotzdem, also es ist die logische Konsequenz, aber ich muss das lesen, damit ich es checke ist, dass man, wenn man viele Schwangerschaften austrägt natürlich die Lebenserwartung sinkt, weil man wahrscheinlich seinem Körper immer wieder ein total krassen Prozess aussetzt. Und dass die Wahrscheinlichkeit höher wird, dass man Herz-Kreislauf-Krankheiten hat. Das schreibst du, und ich muss es einmal lesen, damit es in mein Gehirn sinkt, obwohl ich ja weiß, was für ein wahnsinnig krasser Akt eine Geburt ist. Warum haben wir so ein falsches Bild von Schwangerschaften in unserer Gesellschaft?
Sibel Schick:
Ich glaube, das ist eine pronatalistische, also eine geburtsbefürwortende Erzählung, dass die Schwangerschaft eine total schöne und emotional erfüllende Zeit ist, wo eine gewisse Verbindung mit dem Kind im Bauch entsteht und dass es ausschließlich Freude bringen kann. Damit Menschen sich auch wirklich für Schwangerschaften und Geburten entscheiden können, wird über diese Risiken nicht ausreichend informiert, aufgeklärt und gesprochen. Und das führt aber auch dazu, dass nicht genug Mittel in die Forschung hineinfließen, um diese Missstände zu beseitigen. Wenn alle Menschen wüssten, wie gefährlich eine Schwangerschaft wirklich ist und wie nah Menschen damit den Tod kommen könnten. Ich glaube, dass Menschen ganz andere Fragen stellen würden, was das angeht. Ich will damit nicht sagen, dass sich Menschen dann per se für weniger Geburten entscheiden würden. Das behaupte ich nicht. Aber ich behaupte und ich bin mir eigentlich sicher, dass die Fragen eben andere wären und dass die Diskussion eine andere wäre. Und damit wird diese Diskussion auch im Keim erstickt. Also das wird damit verhindert, dass da auch eine gewisse Entwicklung zustande kommt.
Frieda Ahrens:
Ich habe das Gefühl, über den Missstand, das eine Abtreibung noch im Strafgesetzbuch steht, wird seit Jahren gesprochen. Und du schreibst auch in einem Buch das, wenn man mal die Gesellschaft fragt, dass - Warte, ich habe es mir rausgeschrieben. Ich kann es genau zitieren. “80 Prozent der Menschen in Deutschland finden die Rechtswidrigkeit falsch und 75 Prozent finden, dass Abbrüche zukünftig nicht im Strafgesetzbuch geregelt werden sollten.” Da fragt man sich: Warum ist es dann noch so ein, wenn die klare Mehrheit das eigentlich schon begriffen hat?
Sibel Schick:
Wir leben hier in diesem kapitalistischen Wirtschaftssystem, und dieses System ist eigentlich nicht nur das Wirtschaftssystem sondern eigentlich auch schon zu unserer Kultur geworden. Und dabei spielen die Verwertungslogiken auf eine sehr große Rolle. In diesem System muss es Menschen geben, die arbeiten und die den Wohlstand irgendwie gewährleisten mit ihrer Arbeitskraft. Und dafür sind die Staaten auf hoher Geburtsraten angewiesen. Und daran liegt es, dass Schwangerschaften immer noch in einem Strafgesetzbuch verhandelt werden können, obwohl das eigentlich nicht dem gesellschaftlichen Konsens entspricht. Wenn die Gesellschaft gegen eine Maßnahme ist, dann sollte sich das eigentlich ändern, weil die Gesetze sind ja dafür da, dass Menschen ein gutes Leben führen können. Und das ist eigentlich nicht vereinbar mit unserem Demokratieverständnis, dass etwas so selbstverständlich ist, wenn 75 bis 80 Prozent seiner Bevölkerung etwas will, dass das eben nicht passiert, das ist eigentlich unvorstellbar. Und in irgendeiner anderen Frage hätte das auch gar nicht so lange gedauert. Und es wäre auch gar nicht so ein Kraftakt wie bei diesem Thema, das irgendwie in die Wege zu leiten. Und weil wir uns auch gar kein anderes System als den Kapitalismus vorstellen können, bleiben wir eben bei diesen Maßnahmen. Und ich glaube, da müssen wir uns einfach grundlegend fragen: Was für eine Welt muss eigentlich her? Also wie gehen wir miteinander um? Wir betrachten uns als potenzielle Arbeitskräfte. Es ist selbstverständlich, dass eine Gesellschaft solidarisch sein muss. Dem widerspreche ich gar nicht. Aber das ist ja eigentlich gar nicht die Solidarität, was hier beansprucht wird. Ganz im Gegenteil wird Solidarität durch die Hypeindividualisierung der Menschen eigentlich total verhindert. Also, dass wir uns zusammenschließen können, dass die Verbundenheit einfach total verhindert wird. Dass Menschen sich per se als Bedrohung finden, dass Menschen sich per se als Belastung empfinden sollen. Und das ist alles politisch gewollt. Also geht es da gar nicht um eine Gesellschaft, die sich gegenseitig unterstützt, sondern eher, dass eine große Mehrheit der Menschen mit dem Körper und mit der Arbeit, die durch diese Körper zustande kommt, den Wohlstand für sehr wenige in der Gesellschaft gewährleisten können. Weil Reichtum ja auch nicht gerecht verteilt wird. Menschen arbeiten mehrheitlich sehr, sehr, sehr, sehr viel und bekommen dabei sehr wenig Geld, obwohl ihnen eigentlich viel mehr zustünde. Und jetzt diskutieren wir darüber, dass die Rente ausfallen soll. Darüber, dass die Krankenversicherung bald auch Luxus sein könnte. Und das geht in eine Richtung, die total düster ist. Und das sind Anzeichen dafür, dass in absehbarer Zukunft die Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft wachsen wird. Und dem muss dringend ein Ende gesetzt werden. Und da wäre zum Beispiel die Abschaffung von Paragrafen 218 aus dem deutschen Strafgesetzbuch ein erster Schritt finde ich.
Frieda Ahrens:
Ich finde es auch immer Wahnsinn, wie die Narrative so gedreht wird, dass wenn man nicht Kinder kriegen will, als sei das das Egoistische. Als sei die Entscheidung gegen ein eigenes Kind eine egoistische Entscheidung, wo ich mit meinen Freundinnen darüber diskutiere, das ich finde, man kann kaum aus unegoistischen Gründen Kinder kriegen. Also ein Kind zu kriegen ist eigentlich egoistisch. Weil warum macht man das? Weil man ein Kind haben will. Also es ist im besten Falle, will man ein Kind haben, und sonst ist es zufällig. Aber auch das. Das ist ja die Frage: In welcher Welt setzen wir diese Kinder eigentlich? Fürs Kind machen wir es wahrscheinlich nicht. Ich finde es Wahnsinn, dass die Narrative immer wieder andersherum gedreht wird, dass den Frauen vorgeworfen wird, dass man Egoistisch ist, wenn man kein Kind haben möchte, obwohl das ja gar nicht bedeutet, dass man sich nicht um Kinder kümmern kann, nur weil man kein eigenes hat.
Sibel Schick:
Ja. Aber unter den hiesigen Umständen ist es tatsächlich so, dass Menschen sich nicht kümmern, wenn es nicht die eigenen Kinder sind. Oder mehrheitlich - ich meine, natürlich gibt es auch andere Lebensmodelle. Natürlich gibt es auch sehr solidarische Menschen, die irgendwie schon ein Solidaritätsbewusstsein haben und für andere da sind. Erstens hat haben sehr viele Menschen überhaupt gar keine Kraft für Solidarität, um für andere da zu sein, weil sie sich kaputt schuften. Und andererseits ist es gar nicht vorstellbar, dass dieses Kümmern um die Kinder der anderen genau so erfüllend sein kann und genauso glücklich machen kann. Dieses Bewusstsein ist noch nicht flächendeckend da. Und deshalb kommen dann eben diese pronatalistische Narrative zustande, die Menschen eben überreden sollen, dass Kinder zu bekommen per se eine Tugend sei. Ein Akt der Selbstlosen sozusagen. Wobei ich überhaupt nicht nachvollziehen kann, warum das problematisiert wird, ein Selbstbewusstsein zu haben. Warum soll man so selbstlos sein jetzt plötzlich in so einer egoistischen Gesellschaft? Also das ist schon ein ziemlicher Widerspruch.
Frieda Ahrens:
Ja und auch natürlich ein Anspruch, der primär Frauen gegenüber getreten wird.
Sibel Schick:
Ja, das ist natürlich auch eine Sache. Gewisse Menschen, die können es ja gar nicht richtig machen, ganz unabhängig davon, für wofür sie sich entscheiden. Es ist irgendwie immer falsch. Entweder ist es falsch, dass sie sich für einen gewissen Weg entschieden haben. Oder es ist falsch, wie sie damit umgehen und was sie daraus machen. Also da muss man wirklich mit Müttern sprechen, wenn man sich ein klares Bild davon machen möchte, inwiefern eine Mutter es in den Augen der Gesellschaft so falsch machen kann. Das ist schon krass, wie viel Projektion da stattfindet und wie viele Vorurteile und wie viel Verurteilung auch.
Frieda Ahrens:
Ja, dazu kann ich allen die Zuhörer:innen nur empfehlen, ein paar Folgen vorher zu hören, weil da haben wir Lena Gorelik interviewt zu “Alle meine Mütter”, wo es darum geht, das Mütter kaum was richtig machen können in unserer Gesellschaft. Da geht es auch um viele verschiedene Formen der Mutterschaft. Es geht um die eigene Mutter, das Verhältnis zum Kind, die Entscheidung, nicht Mutter zu werden und das im Grunde in jeder dieser Entscheidung, in jeder dieser Beziehung immer eine große gesellschaftliche Kritik an Frauen herangetragen wird, weil man nicht so richtig man kann. Die Ansprüche an Frauen, man kann den nicht entsprechen. Es ist nicht möglich, in keiner Realität.
Du sprichst in deinem Buch von reproduktiver Gerechtigkeit. Darüber haben wir noch gar nicht gesprochen. Und das ist ein großer Begriff, den wahrscheinlich viele noch gar nicht kennen. Eventuell magst du den noch mal erklären und vielleicht auch, ich weiß es immer so eine große Frage, aber wir dahin kommen können. Vielleicht ist es genau dieses, was wir gerade schon angesprochen haben, dass man sich bewusster macht, dass man nicht nur für eigene Kinder verantwortlich ist, sondern auch für andere Kinder, dass es Systeme gibt, in denen es besser laufen kann. Vielleicht ist das schon ein Schritt in die richtige Richtung, wie man reproduktive Gerechtigkeit erzeugen kann. Aber vielleicht am Anfang noch mal: Was genau ist das? Und wie kommen wir dahin?
Sibel Schick:
Also reproduktive Gerechtigkeit ist eigentlich eine Debatte, die in den 90er-Jahren in den USA durch schwarze Aktivist:innen und Akademiker:innen erfunden wurde, um ihre eigenen Lebensrealitäten in den Mittelpunkt der Debatte über sexuelle Selbstbestimmung zu rücken. Weil diese Fokussierung auf Schwangerschaftsabbrüche allein auch ihnen nicht ausgereicht hat. Und sie das ein bisschen geöffnet haben, diese Debatte, um intersektionale Perspektiven. Und daraus ist eben das entstanden, dass wir jetzt heute davon sprechen, das reproduktive Gerechtigkeit nicht nur den bedingungslosen Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen umfasst, sondern auch das Recht darauf, Kinder zu bekommen und sie frei von Gewalt und Diskriminierung aufzuziehen, um es mal kurz zusammenzufassen. Und das ist eine sehr, sehr notwendige Debatte, auch hier bis heute. Und wie wir da hinkommen, ist natürlich eine sehr große Frage. Aber ich glaube, es gibt so ein paar Missstände, über die wir definitiv jetzt schon diskutieren können und die sich auch ändern könnten. Wie zum Beispiel eine Diskussion darüber, wie ich vorhin auch gesagt hatte, wie gehen mir denn miteinander überhaupt um? Wie sehen mir andere Menschen, wie betrachten wir sie? Sind das für uns einfach andere auf einem Spielfeld, von denen wir auf irgendeiner Weise profitieren könnten? Oder sind wir Menschen, die auch irgendwie durchaus verbunden sind? Und wir sind wie ein Team oder ist jeder für sich allein sozusagen? Ich finde, das ist eine sehr, sehr notwendige Diskussion, um klarzumachen, was fehlt uns überhaupt in dieser Gesellschaft. Und wie könnten wir dann unsere Probleme lösen? Ich finde, dass wir auch nicht ausreichend über unsere Probleme sprechen, weil es einfach keine Grundlage dafür gibt. Irgendwie wirst du von jeder Seite gefühlt total angegriffen dafür, dass du über strukturelle Probleme sprechen möchtest, weil du ja nicht rumheulen sollst, weil du dich nicht beschweren sollst, weil du das alles irgendwie über dich ergehen lassen sollst. Warum? Weil das bisher auch so war, schon immer. Und die vorigen Generation das irgendwie auch schon durchgezogen haben und die das auch irgendwie geschafft haben. Aber das ist doch eigentlich super, dass die kommenden Generationen eben nicht dieselben Probleme haben sollen wie ihre Eltern und Großeltern. Also ich verstehe auch nicht, warum diese Lebensfeindlichkeit, aber auch dieses sich festbeißen an eine alte Zeit oder an alte Strukturen und Zustände, die angeblich doch so gut sein sollen. Aber irgendwie leiden ja hier mehrheitlich darunter. Das ist wirklich in meiner Wahrnehmung total verkehrt. Und ich finde, dass die deutsche Gesellschaft es wirklich bitter nötig hat, darüber zu sprechen, wie wir es wirklich schaffen, als Gesellschaft uns füreinander verantwortlich zu fühlen. Und wenn das dann passiert, wenn sich die “weiße Mehrheitsgesellschaft” für muslimische, als muslimisch gelesene, für Schwarze, für transgeschlechtliche, für anderweitig queere Personen und für chronischkranke und behinderte Personen, für arme Menschen verantwortlich fühlt, dann wäre ein positiver gesellschaftlicher Wandel unvermeidbar.
Frieda Ahrens:
Ich würde sagen, das sind eigentlich schon sehr schöne Abschlussworte. Vielen Dank dir.
Sibel Schick:
Vielen Dank für die Einladung für das Gespräch, liebe Frieda, es war mir eine Freude. Und ich hoffe, dass wir uns bald wiedersehen.
Frieda Ahrens:
Und auch vielen Dank allen Zuhörerinnen und Zuhörern, wie immer, auf Wiederhören!
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Der Text wurde KI-gestützt transkribiert.