#134 Son Lewandowski: „Ich wollte die routinierten Erzählungen rund um Sport dekonstruieren.“ [32:33]
In ihrem Debütroman Die Routinen seziert Son Lewandowski das System Leistungssport und nimmt uns mit in das Leben von Turnerin Amik. Im Gespräch mit Anna Maria Stock geht es darum, wie die kindliche Freude an der Bewegung in extremen Leistungsdruck umschlägt. Es geht um eingeübte Grenzverletzungen und Missbrauchsstrukturen. Und darum, wie man all das in Sprache fasst: Wie kann man die Ästhetik des Turnens abbilden, ohne das problematische System dahinter zu reproduzieren?
Son Lewandowski ist am 7. Mai 2026 in unserer Reihe Satzwende zu Gast in Bremen.
Zum Nachlesen
Anna:
Hallo und willkommen zur neuen Folge. Ich bin Anna Maria Stock und mir gegenüber, virtuell gegenüber, sitzt Son Lewandowski. Sie ist Autorin und Kuratorin in Köln. Moin und willkommen, Son.
Son:
Hi, ich freue mich da zu sein.
Anna:
Ich freue mich auch. Ich freue mich, jetzt mit dir über deinen Roman zu sprechen. „Die Routinen“ heißt der. Und ich habe ganz am Anfang eine Frage, die dir bekannt vorkommen dürfte. Und zwar: Kannst du ein Rad schlagen?
Son:
Ja, die Frage kenne ich gut und das Rad kenne ich auch gut. Ich glaube, ich kann es noch. Also einen Handstand kann ich auf jeden Fall noch und vielleicht habe ich letzten Sommer das letzte Mal ein Rad gemacht, ja.
Anna:
Und turnst du selber auch? Also auch regelmäßig im Verein oder so?
Son:
Nee, gar nicht mehr. Ich habe relativ früh aufgehört. Also so mit der Pubertät habe ich aufgehört. Da, wo ja auch ein bisschen der Konflikt im Roman einsetzt. Und ich habe aber auch niemals auf dem Niveau geturnt, wie ich es im Roman beschreibe. Also ich war mal Stadtmeisterin von Köln. Das ist mein ganzer Stolz. Aber weiter habe ich es nicht geschafft. Und das Interesse kam dann auch sehr viel später über die Dokumentationen, die ich dazu geschaut habe, zum Beispiel.
Anna:
Ah, das wäre jetzt auch meine nächste Frage gewesen. Also was genau hat dich denn an diesem Thema so interessiert, dass du dann ein Buch zu schreiben wolltest? Weil ich meine, das ist ja schon immer ganz schön intensiv, wenn man ein Buch zu irgendwas schreibt, da muss man ja ganz schön viel Zeit auch mit verbringen dann.
Son:
Ja, das merkt man dann im Nachhinein auf jeden Fall. Aber ich glaube, dass… Also ich habe da gar nicht so bewusst drüber nachgedacht, dass ich jetzt einen Roman über das Turnen schreibe. Ist ja auch ein wahnsinniges Nischenthema und das kam dann aber eher, weil ich, ja, ich schaue schon auch gerne Turnen als Sport noch an und habe dann über Netflix die Dokumentation „Athlete A“ gesehen oder entdeckt und die hat mich nicht mehr losgelassen. Und das ist eine Dokumentation, in der die US-amerikanischen Turnerinnen, also über hunderte waren das, beschrieben haben, wie sie über Jahrzehnte eigentlich missbraucht worden sind vom US-amerikanischen Teamarzt, damals Larry Nassar, und um diesen Fall ging es und wie dieser Fall verschleppt wurde und nicht aufgeklärt wurde, wie diese Turnerinnen im Stich gelassen wurden. Und das hat mich sowohl emotional nicht mehr losgelassen, aber auch eben sprachlich hat mich da einiges, ja, also musste ich da irgendwie weiter daran arbeiten. Ich habe mir die Verhöre angeschaut, in denen dieser Teamarzt aussagt, was er da gemacht hat mit den Turnerinnen. Und mir wurde so bewusst, dass diese Grenze so schwammig ist für diese Mädchen und jungen Frauen, dass sie gar nicht wissen, ob ihnen, oder ganz lange gar nicht wissen, ob ihnen Gewalt angetan wird oder ob das nicht dazugehört zu so einem Trainingsalltag, was ihnen da passiert ist.
Anna:
Wir kommen da auf jeden Fall gleich nochmal drauf zu sprechen. Vielleicht vorher nochmal: Welche Rolle spielt denn diese Frage, die ich dir gerade gestellt habe, nämlich die Frage nach dem Radschlagen, welche Rolle spielt die in dem Buch?
Son:
Ja genau, also die Frage „Wer von euch kann ein Rad?“, steht relativ, oder ja auch der erste Teil ist so benannt, und steht relativ am Anfang. Und es ist eben eine Frage, die in den 60er, 70er Jahren in Rumänien ein damaliger Trainer gestellt hat, der auf die Schulhöfe oder vermeintlich auf die Schulhöfe und in die Kindergärten gegangen ist und da kleine Kinder gescoutet hat und geschaut hat, wer von denen kann eben ein Rad und die dann mitgenommen hat in sein Trainingslager. Und es ist, diese Frage hat so etwas wahnsinnig Unschuldiges und Harmloses und Verspieltes, aber es ist eben gleichzeitig so das Einfallstor gewesen, dass diese Kinder mitgenommen wurden, isoliert wurden im Training und ihnen eine unheimliche Gewalt auch angetan wurde, weil sie eben noch so klein waren, sich nicht wehren konnten, wie gesagt, nicht wussten, ob das hier so sein muss oder nicht. Und diese Doppeldeutigkeit der Frage fand ich so bezeichnend für dieses ganze System Leistungssport, dass es ja eigentlich etwas ist, was einem Spaß macht, womit man auch als Kind so ein bisschen gelockt wird. Man bewegt sich, man freut sich, man probiert sich so aus, man entwickelt sich in seinen Bewegungen, was was unheimlich Schönes ist, aber andererseits eben so schnell auch in Drill kippen kann und in eine Gewalt, die einem angetan wird. Und diese Frage drückt das für mich alles aus eigentlich.
Anna:
„Die Routinen“ heißt das Buch. Und das ist dein Debütroman, Anfang des Jahres erschienen. War dann auch gleich für den Debütpreis der lit.COLOGNE nominiert. Und es geht darin, das ist ja jetzt schon angeklungen, um Leistungssport, um extremen Leistungsdruck im Turnen. Was sind denn die Routinen, auf die sich dieser Titel bezieht?
Son:
Die Routinen – also es gibt so zwei Bedeutungen eigentlich. Im Englischen heißt „routines“ „die Übungen“, die die Turnerinnen tun. Und das erklärt sich, glaube ich, von selbst, warum der Roman dann so heißt. Aber auf der anderen Seite sind eben Routinen auch sehr eingespielte Handlungen. Also eigentlich sind das so automatisierte Handlungsabläufe, die wir nicht mehr so richtig hinterfragen können. Also wir alle in unserem Alltag, wenn wir uns bewegen, wenn wir irgendwie ein Glas nehmen oder uns auf einen Stuhl setzen. Wir können nicht die ganze Zeit reflektieren, was wir tun, weil wir dann die ganze Zeit uns durch unser Denken stören würden in unseren Handlungen. Und das ist einerseits total wichtig, um vorwärts zu kommen, um sich zu entwickeln. Aber andererseits, und das hat mich halt in Bezug auf den Roman interessiert, hat mich schon so die Frage umgetrieben, durch wie viel Wiederholung werden eben Handlungen zu Routinen und damit unsichtbar und nicht mehr hinterfragbar. Und wie kann darin eben dieser Kippmoment liegen hin zur Gewalt oder hin zu dem, dass man nicht mehr weiß, was einem gut tut zum Beispiel.
Anna:
Die Hauptfigur ist Amik, die Ich-Erzählerin. Magst du vielleicht da auch einmal für die Hörer:innen erzählen, die das Buch jetzt noch nicht gelesen haben: Wer ist diese Amik?
Son:
Ja, Amik ist 32 Jahre alt und steht eigentlich am Ende ihrer Karriere und wollte eigentlich nochmal zu den letzten Europameisterschaften mit nach Antalya und wurde aber nicht qualifiziert oder hat sich nicht qualifiziert und fliegt dann aber trotzdem mit. Den Grund erfährt man dann im Laufe des Romans, warum sie überhaupt noch da ist. Und sie wechselt aber von Anfang an die Perspektive. Also das ist sozusagen der Ansatz oder der Anfang des Romans, dass sie die Perspektive wechselt, nicht mehr in der Halle steht und mitturnt, sondern auf den Zuschauer:innen-Tribünen ist und das erste Mal so richtig sich anschauen kann, was da eigentlich passiert. Und ihre jüngere Kollegin Izzy, die wirklich am Anfang ihrer Karriere steht, 16 Jahre alt ist, hat einen sehr schweren Sturz. Und über diesen Sturz fängt sie an zu reflektieren, in was für einem System sie eigentlich da groß geworden ist, beziehungsweise was sie eigentlich selbst für eine Leidenskarriere hinter sich hat und zu was für einem Menschen sie sich da eigentlich entwickelt hat, in so einem hermetisch abgeschlossenen Leistungssystem, in dem alles über Wettkampf funktioniert, über dieses Vergleichen der Körper und der Fähigkeiten über diesen Drill, aber auch über diese ganzen Bodyshaming-Praktiken, unter denen sie so gelitten hat, was das mit ihrem Körper gemacht hat, mit ihrem Selbstwert, was das aber auch mit ihren Beziehungen gemacht hat, das hat mich interessiert. Und deswegen habe ich diese Figur so angelegt, dass sie eigentlich recht alt ist und schon aus diesem System rausfällt, weil sie erst da eigentlich anfangen kann, zu reflektieren, was vielleicht da drinnen nicht so stimmt. Weil wenn man so mitten im System steht und nichts anderes kennt, kein Außen kennt, das nicht abgleichen kann, ist es eben sehr schwer. Dann macht man eben weiter, dann sind das alles weiter unsichtbare Routinen eben.
Anna:
Was ich da ganz schön fand als stilistisches Mittel war, dass immer, wenn die Ich-Erzählerin Amik Izzy adressiert, dann springt das Ganze in die Du-Form. Also sie spricht immer in der Du-Form von Izzy. Das hat natürlich den Effekt, dass man dann als Leserin quasi zu Izzy wird und sich dann direkt angesprochen fühlt von Amik. Wieso hast du dich für diese Du-Form entschieden?
Son:
Ja, der Roman changiert jetzt ständig zwischen verschiedenen Erzählperspektiven. Aber ja, also ich glaube, ich habe diese Du-Perspektive gewählt, weil das einerseits etwas sehr Fürsorgliches hat und eine Hinwendung hat hin zu dem Gegenüber. Und das ist eben eine Frage, die ich mir so ganz grundsätzlich stelle. Was wird eigentlich aus uns und wie stehen wir eigentlich zu unserem Gegenüber? Was wird aus unseren Beziehungen, wenn wir permanent in Konkurrenz zueinander stehen? Und in dieser Du-Perspektive kann Amik eben, ja, oder diese Perspektive kann ganz gut erzählen vielleicht, wie sie selber steht zu ihrer jüngeren Konkurrentin. Also das ist ja kein reines Freundschaftsverhältnis, sondern vielleicht sogar im Gegenteil. Und das hat mich einerseits interessiert, wie darin auch Fürsorge entstehen kann und ja, eine Form von Mitgefühl. Aber andererseits ist diese Du-Perspektive… Wir kennen die eigentlich so ganz gut aus Trainingsalltagen oder aus dem Sport, weil da so auch eine Form von Imperativ drin ist oder so eine Form von Ratgeben: Du musst das machen, ihr müsst jetzt bei der nächsten Übung das machen. Also auch eine Form von… Oder so eine seltsame trainierende Erzählperspektive steckt da noch mit drin. Oder so eine Ratgeber:innen-Instanz, die vielleicht auch vergiftet ist. Und das hat mich an dieser Du-Perspektive so gereizt.
Anna:
Und dann gibt es ja auch noch eine Wir-Perspektive. Wann taucht das Wir auf in dem Buch?
Son:
Ja, das wirkt jetzt wahrscheinlich total verwirrend für die Zuhörer:innen, die das noch nicht gelesen haben. Aber genau, dieser Roman ist ja nicht nur eben ein fiktionaler Roman, sondern er wechselt ja auch immer zu so einer literarischen Essayebene, in der reflektiert wird grundsätzlich über dieses System Leistungssport. Und darin entsteht auch so ein Wir. Und dieses Wir ist auch wieder eine ambivalente Erzählperspektive, also auch leicht vergiftet. Es ist so ein Team-Wir, aber es ist eben so ein problematisches, fragwürdiges Team-Wir, wo sich immer die Frage stellt, wer spricht denn da eigentlich und wer wird ausgegrenzt oder wer ist nicht mit gemeint? Und erstmal ist es so ein Wir an Gewinnerinnen, die erzählen, was sie alles so erlebt haben, was sie alles so mitgemacht haben, auch mit so einem gewissen Stolz. Und dann merkt man aber, wie dieses Wir anfängt auch zu zweifeln oder ja auch kritischer zu werden und sich so ein bisschen gegen das System zu stellen, aus dem sie stammen oder das sie gemacht hat, und so ein bisschen wütender zu werden. Und im Grunde genommen sollte dieses Wir erstmal so ein überhistorisches Wir an Turnerinnen sein, die über die Jahrzehnte immer wieder das Gleiche an Gewalt erleben. Und vielleicht nochmal als Hintergrund dazu: Was mich so sehr interessiert, ist … Ich weiß nicht, ob du von Olga Tokarczuk die Nobelpreisrede kennst? Aber da spricht sie von so einem liebevollen Erzähler, den sie irgendwie sucht, und so einer liebevollen Erzählinstanz, die überzeitlich eigentlich etwas erzählen kann. Und das hat mich sehr beeindruckt, was sie da schreibt, und das war so ein bisschen was, was ich in diesem Text immer wieder gesucht habe, um auch zu zeigen, wie so ein System historisch funktioniert oder wie lange sowas auch anhalten kann, so eine Form von System und wie das historisch gemacht ist. Und da fand ich dieses Wir… Oder das war ein Versuch, in diese überzeitliche Erzählperspektive zu kommen, die gleichzeitig aber aus Sicht der Mädchen und jungen Frauen spricht und nicht so einen männlichen Erzähler irgendwie hat.
Anna:
Was ich da auch total interessant finde, also Stichwort „Historie“: Amik und Izzy heißen ja eigentlich gar nicht so. Also man erfährt gar nicht, wie sie eigentlich heißen. Was man aber erfährt, ist, dass sowohl Amik als auch Izzy Namen von ehemaligen Maskottchen sind, von Olympiaden. Wie kam das, dass du dich entschieden hast, diese beiden Figuren nach Maskottchen zu nennen?
Son:
Ja genau, also die heißen Amik und Izzy. Also Amik ist das Maskottchen von Montreal gewesen, von 76. So ein sehr lustiger Biber. Also erstmal war das so ein bisschen, habe ich so eine kleine Leidenschaft entwickelt für Maskottchen und deren Geschichten, weil es so wahnsinnig lustig ist, wie da wirklich ganze Geschichten gebaut werden um diese Maskottchen und was die auch so erleiden müssen, das fand ich irgendwie so ein ganz, also da bin ich in so ein Rabbit Hole gefallen in den Recherchen. Und gleichzeitig haben jetzt Amik und Izzy, na ja, also die haben eben keine richtigen Namen oder man erfährt die richtigen Namen nicht im Roman. Und das zeigt eben auch wieder, was das für Stellvertreterinnen eigentlich sind oder selbst auch für Maskottchen im Konzept Leistungssport, was total viel über Inszenierungsformen arbeitet und was die Athlet:innen so häufig auch instrumentalisiert für die Olympischen Spiele und für eine Nation und für Propaganda oder im Sinne von Propaganda. Und es ist natürlich nicht nur Turnerinnen passiert, aber wie dahinter auch innerhalb dieses Systems von Inszenierungen eben diese Leute oder diese Turnerinnen, Athletinnen verschwinden und ja, dann einfach nur noch wie so Maskottchen dastehen und durch die Halle geschleppt werden, eigentlich egal, ob sie gerade gefallen sind oder nicht. Und ja, also einfach nur noch so öffentliche Figuren sind, in die man ganz viel hineinlesen kann, die lachen sollen am besten, die glitzern sollen, die eine gewisse Form von Kleidung tragen müssen, die eben… Also so ein Beispiel ist ja, dass es Punktabzug gibt, wenn man die Unterwäsche sieht von Turnerinnen, beispielsweise, oder wenn sie sich den Turnanzug nochmal zurechtzuppeln, um so ein bisschen, wenn der Stoff verrutscht ist und solche Sachen. Also auch die Frage von: Wie sehr werden diese Turnerinnen auch zum Objekt innerhalb des Sports?
Anna:
Du hast ja gerade schon mal angedeutet, dass es ja eben nicht nur Fiktion ist. Also es steht zwar „Roman“ vorne drauf, aber es hat ja durchaus essayistische dokumentarische Passagen auch, in denen es ja auch viel um reale Turnerinnen der Weltgeschichte geht. Wieso hast du dich denn dafür entschieden, in diesem Buch beides miteinander zu verzahnen?
Son:
Also das ist so… Ein bisschen hängt das mit der Entstehungsgeschichte des Textes zusammen. Es gab eben zuerst diese literarische oder diesen literarischen Essay, in dem ich mich so sehr an dem System Sport oder auch so an der Sprache rund um Leistungen und Leistungsethik auseinandergesetzt habe, und da immer wieder so Teile genommen habe aus Dokumentationen rund um Turnerinnen und mich daran so literarisch abgearbeitet habe. Also diese sehr eingespielten – oder jetzt könnte man auch wieder sagen – routinierten Erzählungen rund um Sport habe ich eben mir zuerst angeschaut. Und die wollte ich irgendwie so dekonstruieren, um sie zu stören und auch um zu zeigen, was das eigentlich für ein auch seltsames System ist. Und genau, das war relativ lange da als erstes. Und dann hat mich eben diese zweite Ebene interessiert. Wie, was macht das mit Menschen, in so einer Leistungsdystopie zu leben vielleicht? Und deswegen kam diese Roman-Ebene dazu. Und dann habe ich gemerkt, dass das eigentlich gar nicht so schlecht ist, beide Ebenen zu haben. Also sowohl eine einzelne Geschichte von zwei Turnerinnen und wie die sich eben durchkämpfen durch dieses System. Und aber gleichzeitig immer auch diese Struktur im Hinterkopf oder auch im Hintertext, sage ich jetzt mal, zu behalten und zu schauen, was ist denn passiert? Also wie konnte es so weit kommen, dass Turnerinnen so missbraucht werden im Training oder beim Teamarzt und das auch annehmen? Und deswegen habe ich dann eben diese historische Dimension immer, oder ich zappe ja immer so hin und her zwischen der historischen Ebene, wo ich mir anschaue, wie der Leistungssport des Turnens sich eben entwickelt hat über die Jahrzehnte von den 60ern bis heute und gehe dann immer wieder zurück in die Geschichte. Und das erlaubt mir eben, diese systemische Dimension zu lassen oder zu zeigen, und zugleich zu zeigen, dass es eine Struktur ist.
Anna:
Ja, also Stichwort „Sprache“. Wie war das denn da eine Sprache für zu finden? Weil, also ich finde das total faszinierend, weil dieses Buch ist einerseits wahnsinnig poetisch mit ganz starken Sprachbildern auch, die sehr dekonstruierend sind. Und gleichzeitig ist da aber auch immer wieder was total Nüchternes, Protokollarisches, vom Stil her. War das schwer, diese Sprache zu finden?
Son:
Nein, die Sprache war eigentlich zuerst da. Also ich hätte jetzt auch einen sehr konventionellen Text über eine Karriere schreiben können, wo, weiß ich nicht, wo jetzt gar nicht so sehr in die Form gegangen wird. Aber es war mir total… Oder das ist einfach so, wie ich arbeite. Ich kann gar nicht mal sagen, das war mir wichtig, sondern das ist das, wo ich anfange überhaupt zu arbeiten, indem ich mir die Sprache, die rund um einen Wettkampf, zum Beispiel, entsteht, die die Kommentatoren verwenden, die die Turnerinnen selbst verwenden, die in den großen mächtigen Erzählungen rund um Sport im Merch oder in den Propagandaerzählungen so vorhanden ist, die zu nehmen und auseinanderzunehmen. Oder auch, um jetzt so ein Beispiel zu nennen, wenn es um diese ganze Leistungssprache geht, man „ist hart im Nehmen“, man „hat ein dickes Fell“, also diese ganzen Dinge, sich das mal anzuschauen und das auf Stopp zu stellen und dann zu sagen, okay, wie absurd ist das eigentlich: „Hart im Nehmen“, was soll das sein? Und sich darüber erstmal bewusst zu machen, in was für einer seltsamen Idee von Anstrengung und vielleicht auch so einem komischen Genie-Mythos von: Wir müssen erst leiden, um etwas gut zu können – in was wir da eigentlich drinstecken.
Anna:
Was ich auch total faszinierend finde in diesem Buch, ist, dass deine Sprache ähnlich präzise ist wie so eine Turnübung. Oder dass es auch so was ganz Rhythmisches hat, also auch wie so eine Turnübung. Es ist wie, als würde sich so diese Athletik auch in der Sprache ausdrücken. Und ich habe mich dann auch gefragt, so wie es ja auch beim Turnen so Stolperfallen gibt und Gefahren und so: Hattest du da beim Schreiben auch sprachliche Stolperfallen oder Gefahren, wo du gemerkt hast manchmal, oh, da muss ich aufpassen, dass ich da irgendwie nicht reingerate oder so, dass ich da nicht stolpere?
Son:
Ja. Also genau, es ist ja auch, kann man ja auch sagen, es ist eine Kunstsprache, die da an vielen Stellen stattfindet. Was auch ein bisschen den Sport selbst, oder diese Kunst, wie man sie auch nennen kann, imitiert, und eine Sprache, die auch vielleicht so einen Salto dann zu viel schlägt und dann stürzt oder sowas. Genau, das ist auf jeden Fall diese Form von Mimikry oder so, wenn man das so nennen mag. Und trotzdem muss man ja auch… Oder das ist schon auch eine tolle Frage, weil natürlich auch in diesem Sport und auch in der Sprache, die dahinter steckt, auch was Problematisches steckt. Also wie komme ich da jetzt hin, ohne den Bogen zu weit zu spannen? Aber in einem Sport, in dem es eigentlich um so eine krasse Bewegungsperfektion geht oder auch um eine Bewegung, die militärisch sehr stark beeinflusst ist und an kriegerische Formen erinnert, ich meine, die Bilder von Leni Riefenstahl und Turnern sind auch nicht weit… Es ist eben die Frage: Also reproduziert man dann diese Form von Ästhetik, die man hindenken kann bis zu einer faschistischen Form von Ästhetik – nämlich dieser absolut gesunde Körper mit strenger Form, der heroisch sich durch die Gegend bewegt – also genau: Wie kann man da eigentlich sprachlich…? Da muss man einfach sprachlich aufpassen, dass man das nicht zu sehr imitiert und da trotzdem auch immer wieder eine Störung einbaut. Also müssen die Leser:innen beantworten, ob das so gelingt, aber das ist was, was mich auf jeden Fall sehr beschäftigt hat. Also es gibt einen ganz tollen Text von Susan Sontag zu dieser faschistischen Ästhetik und auch am Beispiel des Turnens, der mich da so begleitet hat.
Anna:
Ja, diese Körper, die du da ja auch beschreibst, also diese Turnerinnenkörper, die müssen unfassbar viel ertragen. Also da sind Schmerzen, da ist Hunger, Erniedrigungen, Übergriffe. Jegliche Bedürfnisse werden denen ja von ganz früh abtrainiert. Und da ist einfach unendlicher Druck und der sich natürlich dann irgendwie auch Bahn bricht über den Körper wiederum. Was erzählen denn diese körperlichen Wunden und Verletzungen – und eben auch die Selbstverletzungen, muss man ja leider sagen – über das Innenleben dieser Mädchen und jungen Frauen im Turnsport?
Son:
Ja, also was erzählen die? Also erst mal erzählen sie ja, oder das sind ja, wenn man es jetzt ganz makaber sagt, sind es ja selbstzugezogene Wunden, weil sie ja in dieser Halle selbst turnen. Also das sind ja keine Verletzungen, die von außen kommen. Und das ist ja aber auch genau das Tragische daran, dass man sich in diesen Sport begibt oder in diese Halle, oder Amik und Issy in dieser Halle stehen und sich selbst diese Verletzungen auch antun, eben für das Ziel, eine erfolgreiche Turnerin zu sein und eine Karriere zu machen. Und was das eigentlich erzählt, da kommen wir wieder so ein bisschen zum Anfang. Wann kann man eigentlich überhaupt reflektieren, was man sich selbst da antut? Also diese Turnerin, im Roman gibt es ja die eine Passage, wo Amik in die Halle kommt, in einem neuen Trainingslager, und alle erstmal auf eine Waage steigen müssen, um gewogen zu werden. Sie werden halt jeden Morgen gewogen und sie treten eigentlich auf diese Waage und finden nie wieder aus dieser Waage heraus. Und es ist schon interessant, wie so ein Ort sowas installiert, wie so ein tägliches Wiegen oder sich zu überdehnen, und wie man das dann adaptiert und selbstverständlich übernimmt. Und so ein Begriff, der auch für mich während des Schreibens total zentral war, war eben der des Groomings. Also die Frage von… Also es ist eigentlich ein Begriff, der so aus dem Bereich der Pädophilie kommt. Also wenn kleine Kinder auf Missbrauch vorbereitet werden. Grooming bedeutet so viel wie striegeln, zurecht machen, vorbereiten. Aber ja, wann ist eigentlich dieser Kippmoment, dass diese Mädchen immer wieder dahin gebracht werden, etwas zu tun, was sie vielleicht gar nicht wollen, aber die Grenzen werden immer so latent verschoben und immer natürlich in einem Klima von Normalität, das muss so sein. Und genau, wann können sie nicht mehr unterscheiden, ob ihnen Gewalt angetan wird oder nicht und wann tun sie sich das selber an, wann geben sie die Gewalt auch wiederum an die nächste weiter? Das ist ja auch eine Frage, weil eben viele Turnerinnen, oder ein logischer Schritt, der ja auch im Roman dann, der Amik ja auch beschäftigt ist, wird sie vielleicht selber Trainerin? Aber was wäre sie dann? Würde sie die Gewalt dann auch so weitergeben? Das ist die Frage. Wie kommt man da raus? Wie kann man das stören, das System?
Anna:
Das Buch handelt ja von Turnerinnen und eben nicht von Turnern. Und ich habe mich dann auch gefragt: Inwiefern ist denn die Erfahrung von Turnerinnen anders als die von Turnern?
Son:
Also, ich bin ja keine Sportjournalistin oder Sportsoziologin und habe das nicht erforscht. Aber der weibliche… Also wir hatten ja eben schon die ganzen Inszenierungsebenen. Also die Form von Sexismus, die in den Blicken gegenüber dem weiblichen Körper liegt, ist natürlich viel extremer in dem Sport. Und auch natürlich, was die Missbrauchsstrukturen angeht, wenn man eben einen männlichen Trainer beispielsweise hat oder einen männlichen Teamarzt, der sich um kleine Mädchen dann eben kümmert oder um junge Frauen. Aber ich könnte die Frage jetzt nicht so konkret beantworten, wie das in der Realität ist, aber es gibt ja im Roman eine Stelle, wo Amik dann sich die Wettbewerbe von den Männern anschaut und doch nochmal vergleicht, also was da eigentlich für Unterschiede sind in den Körperinszenierungen, in der Körpersprache und wie eigentlich sich in dieser unterscheidenden Körpersprache, also dass die Männer so sehr grobe, kraftstrotzende Gesten haben, dass sie nach der, wenn sie eine Übung erfolgreich geturnt haben, die Faust so in die Luft recken und auch andere Kleidung tragen und so, dass das ja auch schon wieder ein Spiegel ist für unsere gesamte Gesellschaft, wie Körpersprache, geschlechtsspezifische Körpersprache aussieht, wie sie bewertet wird, wie groß ein Körper sein kann in einem Raum, wie klein, was er für Gesten haben kann. Also sowas hat mich eben auch interessiert.
Anna:
Ja, und dann muss man ja auch leider sagen, dass ja dann die Männer, die in dem Buch vorkommen, ja auch tendenziell Täter sind. Also da ist zum Beispiel Wolf, der Trainer der beiden, der ja auch, vermute ich mal, nicht zufällig Wolf heißt in dem Buch. Und ja, ich habe mich gefragt, also du erzählst ja auch von diesen historischen Fällen, also zum Beispiel von diesem Mannschaftsarzt Larry Nassar, der als Mannschafts- und Turnverbandsarzt in den USA über Jahrzehnte, muss man sagen, Turnerinnen sexuell missbraucht hat. Und zu den Opfern gehörte eben zum Beispiel auch die US-Turnerin Simone Biles. Also dieser Fall Nassar, der hat unter anderem durch die #MeToo-Bewegung Öffentlichkeit erfahren und Frauen haben dadurch eben öffentlich gemacht, dass sie durch ihn missbraucht wurden. Was ist denn dein Eindruck durch deine Recherche jetzt, die du gemacht hast: Hat sich da jetzt, in den letzten Jahren zumindest, ein bisschen was geändert, was das Bewusstsein angeht darüber, was da passiert in dieser, oder passiert ist, in dieser Szene? Und hat da eben auch so eine Bewegung wie die #MeToo-Bewegung dazu geführt, dass sich da jetzt zumindest zuletzt was geändert hat?
Son:
Ich glaube, diese #MeToo-Bewegung, die ja dann auch relativ parallel lief zu dem Fall Larry Nassar und dem Gerichtsprozess, ist eigentlich nicht mehr... Also MeToo ist ein Aufmerksamkeitsraum, der sich geöffnet hat, in dem Frauen oder betroffenen Opfern, „Survivors“, wie sie sich auch selbst nennen, eben mehr zugehört wurde. Und wo sich die Turnerinnen wirklich auch über den Hashtag #MeToo über die sozialen Medien erstmal gefunden haben und festgestellt haben, ah, mir ist es auch passiert, mir ist es auch passiert. Und das ist die eine Sache. Und ob sich was verändert hat? Ja, also beziehungsweise… Oder darum geht es ja auch in „Die Routinen“: Es ist eigentlich schon sehr, sehr lange klar, dass da Missbrauch stattfindet. Und viele, viele, viele Turnerinnen haben schon vorher erzählt, was passiert ist, aber es verändert sich trotzdem eben nichts. Das muss man jetzt auf zwei Ebenen natürlich denken. Den sexuellen Missbrauch, wie ihn ein Larry Nassar vollzogen hat, das hat auch Jahrzehnte gebraucht. Der Fall wurde natürlich vor Gericht gestellt und da gab es ja auch diesen sehr wichtigen Moment, der auch mit so Inititationsmoment war für mich, diesen Roman zu schreiben, nämlich dass diese ganzen Turnerinnen vor Gericht aussagen konnten, und Larry Nassar wirklich live konfrontieren konnten mit dem, was er ihnen angetan hat. Und plötzlich diese Stimmen so laut waren und diese Turnerinnen das erste Mal vor einem echten Gericht aussagen konnten, nachdem über Jahrzehnte auch das FBI ihnen nicht geglaubt hat. Also sehr starke Parallelen jetzt auch zu dem Epstein-Fall. Das ist die eine Sache. Aber die Sache ist ja die, dass sich an dem System Leistungssport nicht so wirklich was verändert und vielleicht auch nicht verändern kann, wenn es eben weiterhin darum geht, dass diese Körper diese wahnsinnigen Höchstleistungen vollziehen sollen und dafür die Turnerinnen sehr, sehr jung anfangen müssen, sehr, sehr früh eingeschlossen werden in ein System, dadurch schlechter mündig werden können. Und einfach ausgetauscht werden können, wenn sie sich wehren gegen das System. Also das ist eben, glaube ich, die zentrale Frage: Wie kann ein System, was so funktioniert über auch Leiden und auch eine Form von Gewalt im Training und Drill, wie kann man das verändern, wenn dann das aber bedeutet, dass die Erfolge nicht mehr so hoch sind? Also kann ich auch nicht als Autorin beantworten, aber für mich war es wichtig, eben zu zeigen in dem Text, es ist eigentlich alles, eigentlich liegt alles auf dem Tisch, aber es verändert sich nichts.
Anna:
Ich habe mich gefragt, also das, was du jetzt gerade zuletzt gesagt hast, dass, wenn man eben nicht mehr diesen Leistungsdruck hätte, dann wären die Erfolge nicht mehr so hoch. Und das frage ich mich halt. Also ich frage mich, ob es nicht auch möglich wäre, solche Leistungen zu erbringen ohne diesen Druck? Wenn man wirklich diese Freude am Turnen, diese Freude an diesen Bewegungen – wenn die der Hauptpunkt wäre, ob das nicht trotzdem möglich wäre, frage ich mich? Es ist wirklich eine Frage, die das Buch auch für mich total aufgeworfen hat. Braucht es diese Schikanen? Braucht es diesen wahnsinnigen Druck? Braucht es diese Qual und dieses Leid, um eben diese Leistungen zu erbringen?
Son:
Ja, also vielleicht eine Antwort, die liegt jetzt gar nicht im Turnen, aber als jetzt die Eiskunstläuferin Alysa Liu ein Olympia-Gold gewonnen hat, da hat man ja gemerkt, das ist eigentlich eine ganz gute alternative Erzählung. Die hat sich ja gewehrt gegen ihren Vater und gegen diesen Leistungsdruck, ist ausgestiegen und ist dann zurückgekommen und hat das unter ihren eigenen Trainingsbedingungen und Bedingungen dann wirklich zum Gold geschafft. Und das, also natürlich braucht es so einzelne Geschichten, um andere Vorbilder zu produzieren und überhaupt erstmal eine andere Realität möglich zu denken. Aber die Frage, also ja, es ist eine Grundfrage, wie viel oder wie kann man trotzdem mitmachen, ohne das System weiter zu wiederholen und zu stabilisieren.
Anna:
Eine Frage, die wir auf jeden Fall jetzt nicht beantworten können, leider. Wir sind auch schon am Ende angekommen. Ja, das wäre manchmal so schön, wenn man das so schnell beantworten könnte. Wer jetzt neugierig geworden ist auf dieses Buch und auch auf Son Lewandowski, der oder die merke sich gern den 7. Mai vor. Dann nämlich kommt Son zu einer Satzwende-Lesung nach Bremen. Son, vielen Dank für das schöne Gespräch.
Son:
Danke dir, es hat total Spaß gemacht.
Anna:
Und auch euch, lieben Hörer:innen, wie immer, danke für’s Zuhören und bis zum nächsten Mal.
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Der Text wurde KI-gestützt transkribiert.