#129 Mirrianne Mahn: „Ich glaube, ich wurde von der Figur Issa mehr beeinflusst als Issa von mir.“ [34:18]

25. Februar 2026

Mirrianne Mahn
© Katharina Dubno

Issa – so heißt der Debütroman von Mirrianne Mahn. Im Gespräch mit Anna Maria Stock verrät die Autorin, was sie alles von ihrer Hauptfigur gelernt hat, wieso es so wichtig ist, schwierigen Themen wie Rassismus und Kolonialismus auch mal mit Leichtigkeit zu begegnen, und weshalb der Roman das liebste Medium der politischen Aktivistin ist. Außerdem erklärt die Autorin, wieso die eigene Geschichte zu erzählen etwas Revolutionäres ist.

Zum Nachlesen

Anna:
Diesmal mit Anna Maria Stock und Mirrianne Mahn. Willkommen, Mirrianne. 

Mirrianne:
Danke für die Einladung. 

Anna:
Richtig schön, dass es geklappt hat. Mirrianne, du bist ja nicht nur Autorin, als die wir heute vor allem sprechen wollen, also du bist eben nicht nur Autorin, sondern du bist auch Theatermacherin, du bist politische Aktivistin, du bist Stadtverordnete in Frankfurt, freiberufliche Referentin für Diversitätsentwicklung und Antidiskriminierung. Wie hast du es geschafft, neben all diesen Tätigkeiten ein Buch zu schreiben? Oder vielleicht auch andersherum: Wie hast du neben dem Buchschreiben noch das andere machen können? 

Mirrianne:
Ja, also wenn man das jetzt natürlich so aufzählt, wirkt das extrem viel. Aber ich beantworte diese Frage immer sehr gern damit, dass es so ist, dass ich immer das Gleiche mache. Ich mache eigentlich nur eine einzige Sache und zwar bin ich eine politische Aktivistin und ich setze mich für die Gleichberechtigung aller Menschen ein. Mein Feminismus ist intersektional und das ist der Inhalt, von dem ich herkomme. Und ob ich das jetzt im Frankfurter Stadtparlament mache, ob ich das auf den Seiten eines Buchs mache, ob ich das in einem Theaterstück verarbeite, ob ich das mache, indem ich eine Ausstellung kuratiere: Ich mache immer das Gleiche. Ich möchte Aufmerksamkeit und Empathie auf bestimmte Ungerechtigkeiten lenken, Lösungsvorschläge liefern und ich möchte halt Menschen berühren und bewegen, dass sie es vielleicht auch tun. Und darum geht es, egal wo. 

Anna:
Ja, berühren und bewegen – das hast du auf jeden Fall mit diesem Buch getan. Aber da kommen wir gleich zu. Vielleicht vorher noch: Wünschst du dir denn manchmal, dass die Autorin mehr Raum bekommt in deinem Leben? 

Mirrianne:
Ja, das wünsche ich mir. Und weil es ja schon so ist, dass ich mich selbst als Geschichtenerzählerin wahrnehme. Und ich liebe Geschichten und ich glaube, dass Geschichten so viel mehr sind, als ihnen oft zugeschrieben wird. Und genau, deswegen freue ich mich, dass ich jetzt hier mal mehr Raum auch als Autorin bekomme. lacht

Anna:
Welche Mittel, um dich für Diversität, gegen Diskriminierung, gegen Rassismus einzusetzen, hast du denn als Autorin, die du eben als Aktivistin, Politikerin, Referentin nicht so hast? 

Mirrianne:
Ja, ich glaube, es geht beim Geschichtenerzählen nicht so sehr darum, die eine Wahrheit zu haben. Und je nachdem, in welchem Raum ich bin, muss, was ich sage, ja irgendwie einen Zweck erfüllen. Ist es jetzt eine politische Rede, um einen Antrag anzunehmen oder abzulehnen. Es geht darum, Menschen irgendwie in irgendeiner Form zu überzeugen. Und dann haben wir halt diese komischen patriarchalen Gedanken von Objektivität oder Neutralität, an die ich als Mensch persönlich nicht unbedingt glaube. Ich glaube an Multiperspektivität, ich glaube an Gleichzeitigkeiten, ich glaube an vermeintliche Widersprüche, die durchaus auch mal wertfrei nebeneinander stehen können. Und ich glaube daran, dass Menschen und damit auch das Leben extrem komplex sind, und die meisten Räume, in denen wir uns als Menschen bewegen, haben irgendwie den Anspruch diese Komplexplexität des Lebens zu vereinfachen und in bestimmte Schubladen und Arbeitsbereiche einzusortieren. Und das hast du halt bei der Literatur nicht. Bei der Literatur kann ich komplexe Figuren erschaffen, um Systeme und Strukturen zu erklären und aufzuzeigen, ohne den Anspruch auf Vollständigkeit, ohne den Anspruch auf eine Lösung und auch mal weg von diesem gut-schlecht, schwarz-weiß, oben-unten. Und deswegen ist es mit Abstand mein Lieblingsmedium. Im Moment. Das kann sich auch wieder ändern. lacht

Anna: 
lacht. Und ist das auch – zum Teil zumindest – der Grund, wieso du einen Roman geschrieben hast und eben kein Sachbuch?

Mirrianne:
Das ist auf jeden jeden Fall der absolute Hauptgrund dafür, genau. Weil es war jetzt nicht so, dass ich irgendwie dachte, oh, ich will unbedingt ein Buch schreiben. Wie ich am Anfang gesagt habe, ich möchte Geschichten erzählen und schaue dann, welches Medium irgendwie gut passt. Und ich bin auch davon überzeugt, dass man eine sehr gute Geschichte bei einer Bewerbungsrede für ein Amt erzählen kann. Genau, und dann gab es ja diese 2020-Welle, in der Deutschland irgendwie plötzlich kollektiv verstanden hat, dass es schwarze Menschen seit Jahrhunderten gibt, die dieses Land mitgestalten. Und ich war schon lange davor Aktivistin. Und dann kamen die ersten Verlage irgendwie auf mich zu und meinten, oh, Frau Mahn, wir brauchen eine Wutrede über Rassismus oder eine… ja, schreiben Sie ein Buch über Rassismus! Und ich dachte: Hä? Alles über Rassismus ist schon gesagt. Also alle Argumente sind auf dem Tisch und man muss die Bücher, die es gibt ja, nur lesen. Und Toni Morrison hat mal gesagt, wenn es ein Buch gibt, was du selbst lesen möchtest und es wurde noch nicht geschrieben, dann musst du es selbst schreiben. Aber als ich den Menschen gesagt habe, dass ich einen Roman schreiben möchte, war plötzlich das Interesse erstmal nicht so groß.

Anna:
Ah, spannend. 

Mirrianne:
Genau, und das hat dann echt nochmal ein bisschen gedauert. Und wirklich durch Zufall habe ich diese Story gepitcht. Und dann gab es meinen ganz tollen Agenten, Alfio Furnari, der hat sehr an diese Geschichte geglaubt und meinte, ja, natürlich könntest du jetzt ein Sachbuch schreiben, aber ich sehe, du brennst für diese Geschichte und deswegen schreib’ sie. Ich habe sie geschrieben. 

Anna:
Zum Glück hast du sie geschrieben. Lass uns mal über diese Geschichte sprechen. „Issa“, so heißt der Roman, ist vor zwei Jahren erschienen, war dann auch gleich für den Debütpreis der LitCologne nominiert. Erzähl doch mal für diejenigen, die das Buch jetzt noch nicht kennen, wer ist Issa und worum geht es in dem Buch?

Mirrianne:
Also ganz wichtig – ich wusste nicht, dass ich das so oft sagen werden muss – Issa ist nicht Mirrianne Mahn. Wir lernen ganz früh bei dem allerersten Text, den wir in der Schule analysieren müssen, die Autorin vom Text zu trennen. Leider fällt es irgendwie meiner Leserschaft oft nicht so leicht. lacht

Anna:
Kann ich mir vorstellen. 

Mirrianne:
Issa ist eine junge Frau, die in Frankfurt lebt. Sie ist schwanger, und wird von ihrer Mutter mehr oder weniger dazu gedrängt, in ihr Geburtsland Kamerun zurückzukehren, um vermeintlich überlebenswichtige traditionelle Rituale zu vollführen. Und sie weiß überhaupt nicht, was das soll. Und kann mit dem Ganzen auch eigentlich nicht wirklich was anfangen. Aber die Verrücktheit ihrer Mutter oder die, ja, diese Unberechenbarkeit ihrer Mutter kommt ihr eigentlich ganz gelegen, weil es ihr in dieser, ja, in dieser Umbruchphase in ihrem Leben doch ganz recht kommt, etwas Abstand zu gewinnen und sich mal darüber klar zu werden, wer sie ist. Also sie ist in einer Identitätskrise. Und diese Identitätskrise ist natürlich auch eine Identitätskrise, durch die ich persönlich als schwarze Frau in Deutschland gegangen bin, und, ich glaube, fast alle rassifizierten Menschen an irgendeinem Punkt in Deutschland erreichen werden. Nämlich irgendwie dieses, ja, wer bin ich? Zu schwarz oft für Deutschland und doch irgendwie bei Besuchen in der sogenannten Heimat dann doch zu europäisiert. Und in diesem Dazwischen befindet sich halt die Diaspora. Und ich bin Teil der Diaspora und hatte halt davor kaum wirklich Romane, Geschichten gelesen, die aus einer deutschen Perspektive schreiben. Und Deutschland und die deutsche Kultur und Teil der deutschen Kultur in der eigenen Identität als Teil der afrikanischen Diaspora irgendwie verhandeln zu müssen, ist, glaube ich, schon ein sehr, ja, eine sehr besondere Perspektive. Und die wollte ich schreiben. Genau. Und das ist aber auch nur dieser eine Erzählstrang, also Issas Reise. Denn das, was darunter liegt… Also die Aktivistin in mir – und das ist auch das, was am meisten meine politische Arbeit als Stadtverordnete in Frankfurt geprägt hat, ist die koloniale Aufarbeitung. Weil ich der Meinung bin, dass man die Lebensrealitäten schwarzer Menschen in Deutschland, den Rassismus, den wir erleben, der sehr spezifisch ist, nicht verstehen kann, wenn man die deutsche Kolonialgeschichte nicht kennt. Und doch ist die deutsche Kolonialgeschichte ein Teil, der in den Geschichtsbüchern und in den Debatten, die wir führen, kaum Platz und Gehör findet. Und ich kenne aber ja mein Publikum, das keine Lust hat auf diese Themen und wo dann oft Widerstände aufkommen, weil wir immer noch über Rassismus und Diskriminierung als ein willentlich böses Meinen oder schlechtes Tun verstehen und nicht als gewachsene Strukturen, die es zu dekonstruieren gilt. Und deswegen habe ich mir überlegt, okay, wenn ich dieses harte Thema, dieses schwere Thema verhandeln will und nicht möchte, dass Leute sofort zumachen, sondern wirklich irgendwie einladend schreiben möchte, dann wäre es schön, so eine sympathische, fehlbare Figur wie Issa mit hineinzuweben, die die Lesenden an die Hand nimmt und damit auch in diesen zweiten Erzählstrang, der ja sehr viel ernster ist und in diesem historischen Kapitel sehr viel Gewalt beinhaltet. Und so kam es halt zu dieser Form von dem Roman, den man gelesen haben muss, um diesen Rant, den ich gerade eben hatte, überhaupt verstehen zu können. Sorry an deine Zuhörenden dafür. lacht

Anna:
Vielen Dank! Ich finde, du hast uns schon ganz gut mitgenommen in das Buch. Und es ist ein komplexes Buch. Es ist multiperspektivisch, so wie du ja gerade schon eingangs gesagt hast, was einer der Gründe ist, wieso du ja Romane schreiben möchtest. Und multiperspektivisch ist es, weil eben neben Issa noch andere Frauen eine wichtige Rolle spielen, und zwar ihre Mutter, ihre Großmutter, ihre Urgroßmutter und so weiter. Was hat dich denn daran so interessiert, diese Geschichte eben anhand von verschiedenen Frauen verschiedener Generationen zu erzählen?

Mirrianne: 
Tatsächlich habe ich diesen Generationenroman gewählt, weil ich selbst einfach Generationenromane liebe. Das ist gar nicht so deep. lacht Also das war so diese erste Idee. 

Anna:
Ist schonmal eine gute Voraussetzung. lacht

Mirrianne:
Und dann überprüft man ja oft seine eigene Idee danach, funktioniert es, also funktioniert die Form? Und als Theatermacherin war es mir immer wichtig oder ist es mir immer wichtig, die Requisiten auf der Bühne, dass sie immer mehr als einen Zweck erfüllen müssen. Also dass man mehrere Ebenen hat und mehrere Interpretationsebenen. Und das Ding mit Geschichte ist ja, warum interessieren wir uns für die Vergangenheit? Eigentlich ja nur, um die Gegenwart besser verstehen zu können und damit ja dann auch eine bessere Zukunft hoffentlich gestalten zu wollen. Und da finde ich es halt auch einfach spannend zu gucken, okay, was war vor mir da? Was hat dazu geführt, dass ich so da sein kann, wie ich bin? Und was kann ich davon nehmen, um dafür zu sorgen, dass die, die nach mir kommen, auch irgendwie sein können? Und das ist so diese zweite Ebene. Und dann ist da natürlich auch die politische Aktivistin, und diese in der ganzen Rassismusdebatte um 2020 irgendwann freaking Erklärung über „Was rassistisch und problematisch an der Frage, woher kommst du, ist?“ Also entschuldige mal. Wir erklären weißen Menschen seit über 20 Jahren, was an dieser Frage problematisch ist und ich habe das Gefühl, in Deutschland ist es etwas, was niemand versteht. Überall auf der Welt, wenn ich sage, ich bin Deutsche, ist es damit erledigt. Nur in Deutschland muss ich es immer wieder erklären. Und das ist ein bisschen so meine Antwort darauf, zu sagen, wenn du Issa auf der Straße fragen würdest, woher kommst du, dann musst du bereit sein, diese 300 Seiten dir reinzuziehen mit allem Drum und Dran. Denn wir kommen nicht von einem Ort. Ich antworte immer damit, ich komme von meiner Mutter. Also ich komme aus der Kuchi meiner Mama, wenn du mir diese Frage stellst. Weil das ist das Einzige, was ich mit hundertprozentiger Sicherheit sagen kann. Und das ist auch so ein bisschen die Antwort auf Issas Identitätsfrage nach Heimat: Dass vielleicht Heimat aus Personen besteht, die einen geprägt haben, und weniger aus einem geografischen Ort in dem Sinne. Und wie wird Erinnerung und Geschichte und Identität weitergegeben? Das sind doch die spannenden Fragen, die wir uns stellen sollten, wenn es um Identität geht. Und nicht um „wo bist du geboren“ und diese Blut- und-Boden-Scheiß-Debatte, die jetzt irgendwie auch wieder in Deutschland geführt wird. 

Anna:
Indem der Roman die Geschichte dieser Frauen eben erzählt als eine Geschichte von einer Familie über Generationen, umspannt er ja fast das ganze 20. Jahrhundert. Musstest du sehr viel recherchieren? Also etwa zum Beispiel zur kamerunisch-deutschen Geschichte oder war das was, wo du dich eh schon ganz viel mit beschäftigt hattest, und es deshalb sowieso schon irgendwie klar war, dass das vielleicht auch der rote Faden wird dann in der Geschichte? 

Mirrianne:
Ja, also ich hatte einfach schon sehr, sehr viel recherchiert. Jetzt nicht zwangsläufig, um einen Roman zu schreiben, aber ich bin ja selbst Kulturschaffende und ich begleite zum Beispiel ganz viele Museen in ihren Diversifizierungs- und Antidiskriminierungsprozessen. Und es gibt halt kaum irgendein Museum, es gibt kein Museum in Deutschland, was keine kolonialen Raubgüter in irgendeiner Form hat. Also das heißt, alleine bei der Debatte um Restitution oder dekolonialer Museumspraxis habe ich schon Tage – ich würde inzwischen argumentieren: Wochen – meines Lebens in irgendwelchen Archiven verbracht. Und jeder Mensch, der mal recherchiert hat, weiß, dass man am Ende tatsächlich vielleicht zehn Prozent des Wissens, was man jetzt in seinem Kopf hat, tatsächlich dann anwenden kann. Und so war es schon immer, dass ich über gesichtslose, namenslose Frauen in der Kolonialzeit gestolpert bin. Nicht ausschließlich in der deutschen Kolonie Kamerun, sondern auch in anderen, die mich oft nicht losgelassen haben. Also dann war die Hausarbeit geschrieben oder dann war der Antrag irgendwann geschrieben, dann war auch das Konzept irgendwann geschrieben und so und doch ließen mich dann diese bestimmten Geschichten nicht los. Teilweise habe ich sie dann bei einem anderen Projekt Jahre später wiedergefunden und mich gefragt, könnte das jetzt diese Frau gewesen sein? Und da war auch schon immer der Drang von mir gewesen, irgendwie ihre Geschichten zu erzählen, vor allem, weil ich sie immer aus der entwürdigenden Perspektive des Kolonialherren gelesen habe, also des Journalisten, der auf Expedition gegangen war oder des Sammlers, des Plantagenbesitzers in irgendeinem Nachlass eines Schutztruppensoldaten. Also immer in diesem Gewaltkontext aus der Perspektive des Täters. Und diese Frauen in einer Form dem Vergessen zu entreißen, aber noch viel wichtiger: ihnen ihre Würde zurückzugeben, sie menschlich komplex, verletzbar, stark, liebend, tatsächlich vor allem liebend darzustellen. Weil trotz all der Gewalt, die sie erlebt haben oder wie ich ihnen begegnet bin, auf ihre Geschichten, auf sie gestoßen bin, ist doch diese Stärke irgendwo bei mir angekommen, hunderte Jahre später. Und das hat mich fasziniert auf einer Ebene, die, glaube ich, niemals in einem Sachbuch, zum Beispiel, rübergebracht werden könnte. Und das ist wiederum diese Stärke von Literatur, dass ich etwas Echtes nehmen kann, es mit meiner Fantasie, meinen Wünschen für eine Form der Utopie füllen kann, und doch extrem wahr und extrem echt ist. Und sowieso: Die historischen Fakten sind auch alle so korrekt. 

Anna:
Ja, also es kommt auf jeden Fall rüber, diese Stärke dieser Frauen. Und das ist wahnsinnig berührend. Überhaupt ist das ein ganz schön eindrückliches Buch. Es ist auch keine leichte Lektüre, muss man sagen. Also mich hat das teilweise auch ganz schön mitgenommen, eben weil es echt viel Gewalt gibt. Gewalt, die sich eben oft gegen die Frauen richtet. „Frausein bedeutet Schmerz“, heißt es an einer Stelle. Und mir schien es aber eben auch so, als könnte diese Geschichte auch gar nicht ohne die Gewalt erzählt werden. Richtig? 

Mirrianne:
Genau, ja. Und das ist es. Also irgendwie, ich kann bis heute keine Antwort darauf geben, ob diese Stärke ohne die Gewalt überhaupt notwendig oder existent sein könnte. Und das ist ein bisschen so eine Frage von dem Huhn und dem Ei. Und das hat zum Beispiel auch Spaß gemacht, so bestimmte Dinge auch einfach stehen zu lassen. Also zu sagen, muss immer auch aus Gewalt zwangsläufig neue Gewalt entstehen oder reicht vielleicht eine Entscheidung, um bestimmte wiederkehrende Muster zu durchbrechen? Braucht es mehrere Entscheidungen? Und das ist halt auch, was spannend ist, wenn man Generationen erzählt. Also ich glaube, jede Mutter will nicht so sein wie ihre eigene Mutter. lacht. Und irgendwie ist es doch komisch, dass wir alle nicht wie unsere Mütter sein wollen, unsere Töchter aber nicht wie wir sein wollen und deren Töchter auch nicht wie sie sein wollen. Und auch solche Sachen sich einfach mal anzuschauen, die auch, glaube ich, universell überall auf der Welt gleich sind, ist halt spannend. Und was hat das dann mit patriarchaler Gewalt zu tun und welche Rolle spielen wir darin? 

Anna:
Ja, also es ist ja einerseits so, ja, wir wollen vielleicht nicht wie unsere Mütter sein und gleichzeitig zieht es uns aber immer wieder zurück zu den Müttern und genauso ist es für Issa ja auch. Also Issa geht ja auch zurück, wenn auch nur für ein paar Wochen. Aber sie geht zurück nach Kamerun zu ihren beiden Großmüttern, die sie ja auch in ihrer Kindheit, sogar hauptsächlich, aufgezogen haben. Und ja, sie sucht da ja irgendwie auch was. Ich glaube, sie weiß das selber ja gar nicht so richtig, was sie da sucht, aber sie sucht dort was.

Mirrianne:
Ja, auf jeden Fall. lacht Und das Interessante ist, sie findet auch was. Und ich glaube, man könnte es vereinfacht und kitschig sagen, sie sucht sich und sie findet sich. Und was mir aber wichtig war, war irgendwie auch klar zu machen, dass wir alle – und auch jetzt nicht unbedingt an schwarze Menschen gerichtet oder an Menschen mit Migrationsbiografie gerichtet, sondern an Menschen grundsätzlich – dass wir aus ganz, ganz vielem bestehen, aus ganz vielen bestehen. Und dass es auch nicht bei Issa darum geht… Also ich würde sagen Issa hat jetzt kein Happy End. Es ist jetzt nicht so: Oh, sie hatte eine Frage und geht mit der Antwort. Sondern sie hatte, glaube ich, ganz ganz ganz ganz viele Fragen und ich glaube, einige wurden teilweise beantwortet. Und das hat aber schon gereicht, um, glaube ich, nie wieder zu dem ursprünglichen Hunger, mit dem sie gekommen ist, wieder zurückzukehren. Und ich glaube, das halt irgendwie zu sagen, auch da ein Stück weit verständnisvoll und achtsam mit uns zu sein, dass es, glaube ich, gar nicht darum geht, immer auch alle Antworten zu finden, sondern das zu nehmen, was für uns gut ist, und auch damit okay sein, den Rest zu lassen. Und das liebe ich an Issas Gelassenheit. Also sie muss nicht mit allem übereinstimmen, um aus gewissen Sachen einen Mehrwert zu ziehen. Und ja, das meinte ich ganz am Anfang mit der Komplexität. Das so schreiben zu können, hat auch für mich persönlich ganz, ganz viel in der Art, wie ich mit Situationen umgehe, zu tun. Also ich glaube, ich wurde von der Figur Issa mehr beeinflusst als Issa von mir. 

Anna:
Das ist richtig schön, dass du das sagst. Ich habe nämlich auch gedacht, das ist ja wirklich ein harter Tobak, dieser Stoff. Und es ist wirklich nicht leicht zu lesen. Und gleichzeitig aber bleibt man halt voll dran. Also ich war wirklich so: Ich will dieses Buch zu Ende lesen. Ich will wissen, wie das jetzt ausgeht. Und das hat eben auch damit zu tun, dass Issa irgendwie diese unfassbar coole Art hat. Die ist so lakonisch, die ist witzig. Die hat auch ein Päckchen zu tragen. Das merkt man ja auch. Das erfährt man auch im Laufe des Buches. Aber irgendwie hat die so eine gesunde Distanz. Jetzt hast du gerade schon gesagt, dass du da irgendwie total viel gelernt hast von ihr. 
Was hast du denn sonst vielleicht für dich durch dieses Schreiben von dem Buch gelernt? Gab es noch andere Dinge, auf die du jetzt vielleicht ein bisschen anders blickst, als du es vorher getan hast? 

Mirrianne:
Oha, ja. Ja, also dieses Buch hat mein Leben, glaube ich, extrem beeinflusst. Ja, die Theatermacherin und Schriftstellerin in mir ist ja auch immer so ein bisschen dramatisch. Also wenn ich mir jetzt so vorstelle, ich liege in meinem Totenbett mit 130…

Anna:
130?! Cool. lacht

Mirrianne:
lacht … dann, glaube ich, werde ich auf jeden Fall auf das Schreiben dieses Buches zurückblicken als einen der Meilensteine. 

Anna:
Schön.

Mirrianne:
Weil auch wenn die Geschichte, diese Kolonialgeschichte, diese Linie… Die hatte ich fast komplett, wie sie ist, im Kopf, weil sie natürlich sehr nah an der Realität ist. Aber das Spannende am Schreiben ist ja: Wie möchte ich die Geschichte erzählen? Wie möchte ich sie erzählen? Und ich habe gefühlt, plötzlich ist was geplatzt, ein Knoten geplatzt, als mir diese Figur Issa eingefallen ist. Dass Issa der Schlüssel zu allem war. Der Schlüssel auch für mich zu einer… Wie möchte ich überhaupt arbeiten als Mensch? Das sind… Ich beschäftige mich durchgehend nur mit schwierigen, schweren, schmerzhaften Themen, von denen ich teilweise dann auch noch selbst persönlich betroffen bin. Und ein Problem, warum wir auch diese Themen immer vermeiden und sie dann dazu führen, dass wir sie von Generation zu Generation weitergeben, dass wir Dinge tabuisieren, an die Peripherie drängen, ist ja, dass wir es nicht schaffen, mit einer gewissen Leichtigkeit über schwere Themen zu reden. Das Thema an sich ist schon schwer genug. Jetzt müssen wir uns ja nicht auch noch gegenseitig runterziehen, wenn wir darüber sprechen! Und das ist auf jeden Fall eine Sache, die ich anfangs als stilistisches Mittel wählen wollte mit Issa. Also wie schaffe ich es, humorvoll zu sein, ohne albern zu sein? Trotzdem respektvoll zu sein? Und damit an sich alles aufzulockern? Das war so Punkt eins. Aber halt auch: Wie schaffe ich es, den Lesenden zu zeigen, die ja größtenteils voller White Guilt etc. sind, wie schaffe ich es, ihnen zu zeigen, es ist auch okay, dich selbst mal kurz nicht so ernst zu nehmen? Weil Issa, ja, sie löst sehr viele Situationen für sich auch damit, indem sie sich selbst gerade nicht so sehr ernst nimmt, weil sie einfach versteht, dass sie gerade nicht so wichtig ist. Und ich glaube, das würde in der Diskriminierungsdebatte, ob ich jetzt als able-bodied person mich mit Behinderung oder Diskriminierung von Menschen mit Behinderung beschäftige…Einfach mal zu verstehen: Es geht gerade nicht um mich und meine Gefühle. Und mich einfach mal einzulassen auf das Thema und so. Und das halt als stilistisches Mittel in den Roman mit einzuweben und dann später so, jetzt heute, zu sagen: Seht ihr, es funktioniert! lacht Irgendwie dann als Beweis. Das habe ich auch auf jeden Fall gelernt. Und dann auch eine Art des Verzeihenkönnens ohne des Vergessens. Irgendwie zu sagen, hey, ich verstehe, warum du das getan hast, was du getan hast. Auch Menschen die Achtsamkeit entgegenbringen, zu sagen: Ja, ich glaube dir, dass du nach deinem besten Wissen und Gewissen agiert hast, und doch kann ich für mich sagen, du hast mir wehgetan und das war nicht in Ordnung. Und wir können uns darauf einigen, jetzt beide von hier aus irgendwie in die Zukunft gemeinsam weiterzulaufen. Also eine gewisse Fehlertoleranz auch mit sich selbst zu haben, ist, glaube ich, mit das Größte, was ich aus diesem Roman rausgenommen habe, aus dem Schreibprozess auch tatsächlich.

Anna:
Immer wieder geht es ja in dem Buch auch darum, wie wichtig es ist, die eigene Geschichte zu schreiben und auch um sich da aus einer Opferrolle herauszuschreiben. Vielleicht kannst du das ja noch mal so ein bisschen ausführen: Was ist damit gemeint, die eigene Geschichte zu schreiben? 

Mirrianne:
Genau. Ich merke, dass das missverständlich ausgedrückt war, weil alle jetzt meinen, dass ich jetzt autobiografisch meine eigene Geschichte aufgeschrieben habe. Was voll traurig wäre, weil der Roman, an dem ich jetzt arbeite, spielt im Bahnhofsviertel und ich bin so, nein! lacht Also, ja, die eigene Geschichte zu schreiben oder die eigene Geschichte zu erzählen, erst sich selbst, dann anderen und der Welt, ist ein revolutionärer Akt. Das habe ich mir nicht ausgedacht, das hat Toni Morrison auch gesagt. Und orale Weitergabe von Wissen ist etwas, was sehr in die Identität von mir als schwarzem Menschen als Teil der afrikanischen Diaspora eingewebt ist. Und diese Weitergabe von Wissen als Werkzeug, um in dieser Welt bestehen zu können, ist ein Teil des Verbrechens des Kolonialismus, weil dieses Wissen unterbrochen wurde, verändert wurde und ersetzt wurde durch den kolonialen westlichen Blick auf den Kontinent. Es wird gesagt, wir sind dumm, wir sind hässlich, wir sind dreckig und all diese Dinge. Also, die eigene Lebensrealität, wie sie ist, weiterzugeben, ist ein revolutionärer Akt und ein Akt des Heilens und ein Akt des Widerstandes. Weil wir diese Geschichten brauchen, um die hunderte von Jahren an Falscherzählungen durch den westlich kolonisierten Blick auch wieder gut zu machen ein Stück weit. Wir können die Vergangenheit nicht ändern, aber um das, was ich gesagt habe, eine gute, bessere Zukunft für die Nachkommen der Diaspora gestalten zu können, müssen wir unsere Geschichten erzählen, sollten wir unsere Geschichten erzählen.

Anna:
Die eigene Geschichte schreiben und sichtbar machen, darum geht es ja eben auch im Black History Month, der weltweit jedes Jahr im Februar begangen wird. Und hier in Bremen, und also auch bei uns im Literaturhaus, steht der Monat deshalb im Zeichen des Black Story Month. Wie stehst du zu diesen Aktionen? Also es gibt ja durchaus auch kritische Stimmen aus der PoC-Community, die sagen, naja, irgendwie ist das ja auch wieder Diskriminierung und Othering. 

Mirrianne:
Ja, ich bin der Meinung, dass wir ganz, ganz viele verschiedene Formen von allem brauchen.
Ich bin kein Fan davon zu sagen, das ist jetzt richtiger Aktivismus, das ist falscher Aktivismus. Ich denke, die Verantwortung liegt darin, keinen Schaden anzurichten. Stillstand ist durchaus okay manchmal. Rückschritt, finde ich, sollten wir nicht akzeptieren. Und es gibt verschiedene Formen, um aufmerksam zu machen. Ich finde die Veranstaltungen gut, die sagen, hey, es geht um Community und Zusammenkommen und es geht um empowernde Geschichten. Ich finde die gut, die sagen, nein, es geht darum, die Gewalt sichtbar zu machen und jetzt endlich mal Aufmerksamkeit darauf zu richten. Ich finde auch die gut, die sagen, es ist jeden Tag, jedes Jahr Black History und ich halte überhaupt nichts davon, das auf den kürzesten Monat im Jahr zu beschränken. Ich möchte mich da gar nicht positionieren. Ich freue mich, dass wir jetzt 100 Jahre dieses Jahr haben. Ich freue mich, dass der Black History Month in Deutschland angekommen ist, auch hier immer mehr an Sichtbarkeit gewinnt. Und ich glaube, dass Black History, besonders in einem europäischen Kontext, sowieso so viel mehr ist, als nur die Geschichte der schwarzen Menschen, die zur Gesellschaft beigetragen haben. Sondern ich würde sogar argumentieren, dass man das so weit denken kann zu sagen: Wo hat schwarze Geschichte überall Menschen beeinflusst? Ist das nicht sogar auch Teil schwarzer Geschichte? Und dann wären wir dabei, dass es wichtig ist, dass es jetzt einen Podcast vom Literaturhaus Bremen zu einem Roman dazu gibt. lacht

Anna:
So! lacht. Du hast das jetzt gerade schon so in einem Nebensatz erwähnt: Du schreibst an einem anderen, an einem weiteren Buch. Verrätst du da schon was zu? 

Mirrianne:
Ja, das kann ich sehr gerne. Ich schreibe gerade an meinem zweiten Roman. Erscheint auch wieder bei Rowohlt. Und es ist eine Geschichte, die im Frankfurter Bahnhofsviertel spielt. Und ich möchte eine Liebesgeschichte an diese Stadt schreiben, die so viele verschiedene Kulturen in sich vereint, und aber auch da wieder die Frage stellen, ob dieses gefährlichste Viertel Deutschlands… Für wen ist dieses Viertel sehr gefährlich, wer fühlt sich darin vielleicht sogar sicher? Und wer kann dort in diesem Viertel ausruhen und wer nicht? Unter anderem ist es aber halt auch eine Liebesgeschichte zwischen Geschwistern. Und es thematisiert Polizeigewalt. Es thematisiert schwarze männliche Körper in einer weiß dominierten Gesellschaft. Ich glaube, so viel kann ich schon mal verraten. Und ja, es ist ein ganz anderes Schreiben, ganz andere Herausforderung und es fühlt sich an, als hätte ich noch nie einen Roman geschrieben. lacht

Anna:
Ja, das kann ich mir vorstellen. Gibt es schon ein Erscheinungsdatum? Oder ungefähr? 

Mirrianne:
Es gibt eins, aber ich möchte jetzt hier keine Falschinformation verbreiten. Tatsächlich ist es so lange noch hin, dass ich nicht genau weiß, wann. Nicht dieses Jahr und ich glaube auch nicht nächstes Jahr. 

Anna:
Okay, okay. 

Mirrianne:
Frühestens Herbst ’27, auf jeden Fall.

Anna:
Okay, okay. Ach, wie schön. Da bin ich aber gespannt. Mirrianne, vielen, vielen Dank für das schöne Gespräch. Das hat mich total gefreut. 

Mirrianne:
Oh, danke schön. Mich auch. Und ja, nie wieder Opfer sein in unseren eigenen Geschichten, sage ich dazu. 

Anna:
Und wie immer auch euch, lieben Hörer:innen, danke für’s Zuhören und bis zum nächsten Mal. 

---

Der Text wurde KI-gestützt transkribiert.