Tomasz Jedrowski mit den Schüler*innen

Tomasz Jedrowski über die Entstehung des Schulhausromans

© Rike Oehlerking

Erster Workshop

Natürlich bin ich nervös!

Um uns alle am Anfang näher zu bringen, fange ich den Workshop mit einem Stuhlkreis an. Schließlich ist es ein Gruppenprojekt, eine Herausforderung, die wir alle zusammen meistern werden. Ich bitte die Schüler, ihre Augen zu schließen. Sie sollen sich vorstellen, dass es Sommer ist. Dass sie unseren Roman in der Hand halten, das Cover sehen, dass sie aus diesem Buch vorlesen. Dass ihnen zugehört wird. Dass es sich gut anfühlt. Wir stehen heute ganz am Anfang, am ‚A’ Punkt, deshalb möchte ich ihnen jetzt schon das ‚Z’ zeigen, unser Ziel, seine Wirklichkeit – und seinen Erfolg - in ihrem Bewusstsein einpflanzen. Es scheint den Schülern zu gefallen. Einige haben sogar die gleiche Farbe des Covers gesehen! Sonst sind wir noch ein wenig schüchtern und wagen sich noch nicht ganz, viel zu sprechen. Deshalb fangen wir mit der ersten Schreibübung an: Wer sind deine Helden/Heldinnen, und warum? Welche Eigenschaften haben sie, die du gerne hättest?

Die Antworten sind faszinierender als ich gehofft hatte (ich lese sie in der ersten kurzen Pause, 10 min), und sie führen zu einer spannenden Diskussion über die verschiedenen Arten von Stärke (emotional, physisch, mental), sowie über Frauenrechte!

Die nächste Übung ist eine Gruppenarbeit: Jede Gruppe soll sich eine Figur ausdenken, die eine der besprochenen Stärken hat. Welche? Welche Stärke fehlt der Figur? Wer ist sie? Welche Hindernisse gibt es auf ihrem Weg?

Die Schüler sind lautstark und scheinen nicht sehr konzentriert zu sein, aber ihre Figuren sind fast überwältigend gut und regen weitere Diskussionen an über Mobbing, Vergewaltigung, Gender und Superheldinnen.

Als letzte Übung soll sich jeder Schüler eine der besprochenen Figuren aussuchen, und sich vorstellen, sie bekommt eine dramatische Whatsapp (eine ausgedachte, oder eine, die die Schüler womöglich selbst bekommen haben). Einige Schüler haben damit Probleme aber viele wollen ihren Text am Ende vorlesen, und sie sind wirklich gut. Wir einigen uns auf zwei Hauptfiguren und besprechen ihre Konflikte. Themen und Motive zeichnen sich ab.

© Aileen Meyer
Die Schüler*innen sitzen im Stuhlkreis für ihr Morgenritual
© Aileen Meyer

Zweiter Workshop

Es ist Dezember, die Maskenpflicht ist wieder da, und alle haben weniger Energie.

Ich fange wieder mit einem Stuhlkreis an, mit einer Visualisierungsübung wo sich die Schüler noch konkreter vorstellen, sie lesen ihren Roman in der Bremer Shakespeare Company vor (so soll es denn auch sein). Ich spüre, dass die Übung ihnen gut tut, sie motiviert und gleichzeitig beruhigt.

Wir sprechen über die fünf – sogar sechs – Sinne und ich bitte sie, eine Szene mit der Hauptfigur zu schreiben, die diese bei ihrer Lieblingsbeschäftigung zeigt, wo sie ihre Sinneseindrücke reinbauen sollen.

Es stellt sich heraus, dass ein Schüler Corona hat, alle müssen sich testen lassen. In der Zwischenzeit lese ich die Szenen. Da viele von ihnen im Wald statt finden, sprechen wir mit den Schülern (als sie wieder da sind) über den Handlungsort unserer Geschichte. Bremen, ja. Im Wald. In der Schule. Zu Hause. In der Kanalisation. Was bedeuten diese Orte? Wie fühlen sich unsere Figuren da? Was kann dort passieren? Die Diskussion bringt auch die Handlung vorwärts.

Wir teilen die Schüler in Gruppen ein, sie sollen eine Szene schreiben in einer der besprochenen Orte.

Nach der Pause arbeiten sie weiter an dieser Szene, danach wird vorgelesen. Eine Diskussion folgt, neue Ideen entstehen. Wir besprechen auch die Handlungs-bzw. Spannungskurve des Romans, und die Szenen die wir brauchen werden, um ihn zu bauen.

Da alle müde sind und eine Atempause brauchen, gehen wir in den Wald der direkt neben der Schule steht. Sie sollen nicht miteinander sprechen (ich verspreche eine Belohnung beim nächsten Mal, sollte es klappen) und sich auf ihre Sinne konzentrieren. Es klappt eher gut. Zurück im Klassenzimmer sollen sie ihre Eindrücke aufschreiben. Genug Material!

Dritter Workshop

Wir fangen wieder mit einem Stuhlkreis an, und zusammen fliegen wir durch die Wolkendecke zur Sonne, um Licht und Wärme zu spüren.

Heute reden wir vor Allem über Gefühle – sogenannte negative Gefühle (über die die Schüler so viel schreiben, Angst, Hass, Trauer, etc.) aber auch positive Gefühle, und wie man diese bekommt. Erste Schreibaufgabe: Wie erzeugt man positive Gefühle? Wie kann die Hauptfigur unserer Geschichte eine negative Situation in eine positive verwandeln?

Die Schüler scheinen nicht so motiviert zu sein. Bei den positiven Gefühlen vergessen sie sogar die Liebe! Wir sprechen über verschiedene Arten von Liebe, das scheint sie zu interessieren.

Als Überraschung habe ich Madeleines mitgebracht, und ich erkläre ihre Funktion bei Marcel Proust. Alle sollen dann eine gute Kindheitserinnerung aufschreiben, die mit Essen zu tun hat. Eine einfache Methode, sich auf etwas Gutes zu besinnen. Alle machen mit, sogar die Schüchternsten.

Wir machen auch wieder Gruppenarbeit, und konzentrieren uns dabei auf die Szenen, die uns noch fehlen. Es machen oft nur die Selben aktiv mit, deshalb bitte ich in den Gruppen, dass die vorlesen, die sonst nicht so viel mitmachen. Das klappt eher gut.

Dieses mal bitte ich auf wieder um Namensschilder, denn ich kenne noch nicht alle Namen. Auch das hilft bei der Inklusion.

Zwei Schüler*innen sitzen zusammen und schauen auf das iPad
© Aileen Meyer
Klassenfoto der 8e In den Sandwehen
© Bremer Literaturhaus

Vierter Workshop

Wir fangen sofort wieder mit Namensschildern an, und inzwischen kenne ich auch die Meisten.

Ich frage die Schüler, ob sie glauben, dass wir es schaffen, den Roman zu Ende zu bringen, denn die Lehrerinnen haben mir von ihren Zweifeln erzählt. Ich sage: Hand hoch, wer sich nicht sicher ist, ob wir es schaffen – fast die ganze Klasse hebt die Hand. Ich frage warum. Zeit, sagen einige. Wir können es uns nicht recht vorstellen, wie das gehen soll, sagen andere. Ich erkläre: der Roman ist nur eine Geschichte. Wir erzählen ja eigentlich nur eine Geschichte, und wir haben ja schon die Hauptfiguren und die Aktion. Jetzt brauchen wir nur noch einige Lücken füllen. Ich weiß nicht, ob sie mir glauben, aber ich glaube es tut ihnen gut, dass wir dieses Thema ansprechen, und dass sie sehen, dass ich mir gar keine Sorgen mache.

Wir machen wieder eine kleine Meditation.

Ich spüre, dass die Schüler trotz allem nicht wirklich bei der Sache sind, was mir die Lehrer schon gesagt hatten (corona; viele fehlen; die Kantine ist geschlossen; die Woche davor gab es Zeugnisse)

Aber ich versuche ihren Rhythmus zu akzeptieren und nicht versuchen, sie unter Druck zu setzen. Deswegen machen wir ein paar Schreibübungen, bei denen es um ihre eigenen Erfahrungen geht, Dinge, die in ihrem eigenem Lebe passiert sind und die ich dann in die Geschichte einbauen kann. Z.B. sollen sie über einen Moment schreiben, in dem ein Freund oder eine Freundin oder ein Familienmitglied sie enttäuscht hat, und wie sie sich dabei gefühlt haben. Viele regt das an zum Schreiben.

Wir besprechen auch die Texte, die sie zwischen den Workshops geschrieben haben, und bauen sie zusammen – sie passen erstaunlicherweise sehr gut zusammen, ohne sich zu überschneiden.

Ein Schüler möchte, dass die Hauptfigur adoptiert ist, wie er selbst. Die meisten finden das gut. Die Geschichte wird mehr und mehr ihre Geschichte.

Um sie noch mehr zu motivieren, zeigen wir ihnen, dass der vorherige Schulhausroman, Weiße Steine, bei Amazon verkauft wird. „Das werden eure Worte sein“, sage ich ihnen, und spüre, dass sie trotz allem ein wenig stolz sind, und dann doch ein wenig mehr mitarbeiten. Viele wollen plötzlich vorlesen. Ich sammle mehr Seiten ein, denn je.

Text: Tomasz Jedrowski

Wir danken der Stiftung  Gib Bildung eine Chance,  der Deutschen Kindergeldstiftung und der Bremer Literaturstiftung für die Unterstützung des Projekts 2022.