Eine Gruppe Kinder sitzt im Stuhlkreis mit Bella Ball
© Joachim Albrecht-Bahr

Die Geburtsstunde einer Figur

Bella Ball, die Hauptfigur, ist ein leuchtend orangefarbener Ball, ein Ball, der sprechen kann und durch seine Fragen die Kinder animiert, die Geschichte mit- und weiter zu denken.

Corona hat den Arbeitsprozess mit den Kindern in den Kitas lange blockiert. Aber im Juni kann die Bremer Autorin Ulrike Kleinert endlich beginnen, mit den Kindern zu arbeiten. Die Geschichte ist in mehrere Kapitel aufgeteilt und wird in jeder Kita, die mitmacht, kapitelweise weiterentwickelt. Nicht nur Bella Ball ist jetzt in der Welt, auch die ersten Ideen der Kinder.


Bella Ball will ins Weltall

Beim ersten Zusammenkommen zieht die Handpuppe Bella Ball die Kinder des Familienzentrums Flintacker magisch an. Sie fällt sofort ins Auge, ist weich und lädt zum Anfassen ein. Mit der Begrüßung von Bella Ball beginnt der Workshop. Was ist Bella Ball für eine Figur? Wie geht es ihr in dem Turnschrank, in dem sie sich eingesperrt fühlt und oft allein bleibt, weil sie anders ist als die anderen Bälle. Die Kinder setzen sich mit ihr auseinander und ich ergänze meinen Text. Die Kinder beschreiben Bella als wuschelig und kuschelig und sie bekommt ein Alter. Sie ist jetzt sechs Jahre alt und ein Mädchen. Warum ein Mädchen? „Menschen haben auch Jungen und Mädchen“, stellen die Kinder fest. Bella Ball will zur Wolke. Die hat sie mal durch das Fenster der Turnhalle gesehen. Aber wo könnte sie noch hinwollen? Bis zur Decke, zu den Baumspitzen, zum Mond oder gar ins Weltall?

All das nennen die Kinder. Aber dann bleiben wir bei der Wolke, weil die so flauschig und weich ausschaut. Dort könnte Bella Ball doch wohnen?

Nachdem die Kinder die Geschichte gehört und ergänzt haben, schauen wir uns die Illustration zu diesem Teil der Geschichte an. Ist alles auf dem Bild? Da sprudeln dann die Ideen: Der Radweg soll rot sein, die Straße grau. Ein Schild an der Turnhalle wäre gut, vielleicht noch ein Zebrastreifen? Rieke malt auf, was die Gruppe herausgefunden hat.

Dann geht es an das gemeinsame Malen, das den Kindern erleichtert, Dinge, die sie noch nicht sofort in Worte fassen können, auszudrücken.


Mag ein Ball lieber die Hand, den Kopf oder den Fuß an sich?

Beim zweiten Treffen begrüßt Bella Ball zuerst jedes einzelne Kind.  Die Handpuppe wird gedrückt, geknautscht und auch mal in die Luft geworfen. Dann kommt die Fortsetzung der Geschichte.

Bella Ball ist dem Turnschrank entkommen und hat Mine getroffen. Die nimmt sie mit zum Fußballplatz. Dort trifft sie auf einen anderen Ball. Die Kinder entscheiden, dass der Fußball am liebsten den Fuß mag. Der Fuß schießt einen Ball hoch in die Luft. Was meint der Ball? Die Kinder ergänzen die Geschichte, sagen: „Harte Bälle werden weich, wenn sie geschossen werden. Weiche Bälle fliegen nicht so gut.“ Wir haben Bilder vom Fußballspielen dabei. Die Fußballschuhe haben Piekser an der Sohle, Stollen. Wir überlegen, ob das dem Ball weh tut? Ein Kind sagt: “Es ist wie Zehennagelschneiden. Man merkt nicht, wenn es wehtut.“

Arme Bella, sie wird von Mine ganz vergessen. Wir überlegen, wie es ihr jetzt gehen könnte?

Dazu bekommt jedes Kind einen kleinen Ball. Der wird ein Gesicht bekommen. Aber wie bei jeder guten Illustration kommt zuerst der Entwurf. Jedes Kind malt seinen Gesichtsentwurf auf ein Blatt Papier. Es entstehen vor allem lächelnde und freundliche Gesichter.

Und Bella Ball? Die ist jetzt ganz allein. Die Kinder sagen: „Bella Ball fühlt sich schlecht. Sie ist traurig.“

Dann schauen wir uns noch ein Bild an. Mine als Mädchen spielt Fußball in einer Mädchenmannschaft, aber im Hintergrund sind nur Jungen zu sehen. Das monieren die Kinder. Wo sind die Mädchen? Die fehlen. Das muss geändert werden.


Warum richten sich Grashalme wieder auf, nachdem sie niedergetreten wurden?

Die Begrüßung der Handpuppe durch die Kinder ist ein Ritual geworden. Im dritten Workshop hören alle aufmerksam zu. Wir machen uns Gedanken um die Grashalme. Die Kinder finden ihre eigenen Erklärungen dafür, dass die Halme sich immer wieder aufrichten. „Wenn Menschen hinfallen, kommen sie doch auch wieder hoch“ und „Es hilft ihnen jemand“ oder „In ihnen ist eine kleine Feder.“ Dann beginnt es auch noch zu regnen. Bella Ball flieht vor einem Rasenmäher und landet in einer Pfütze.

Heute entstehen beim Malen die ersten eigenen Geschichten.

Lika, 5 Jahre:

Bella Ball ist in der Pfütze. Die Wolke ist über ihr. Ein Dach, ein Fenster, eine Tür. Sie ist dahin gerollt, damit sie ins Haus kommt und keinen Regen mehr abbekommt. Sie rollt rein. Dort trocknet sie erstmal.

Rieke, 6 Jahre:

Auf der Erde wächst Gras. Im Gras zwei Gänseblümchen. Im Himmel drei Wolken. Es regnet. Die Wolke spiegelt sich in einer Pfütze. Bella Ball will doch zur Wolke.


Kann ein Ball in einem Vogelnest wohnen?

Bella Ball will zur Wolke. Im Vogelnest wäre sie schon ein Stück näher dran. Die Kinder überlegen, wie es der Meise damit gehen könnte: „Nein, nein, nein, du in meinem Nest, dann wäre kein Platz mehr für mich und meine Eier.“ Nach einem kurzen Überlegen ist klar: Bella Ball wird nicht ins Nest kommen.

Dann gibt es noch den kaputten Fußball, um den die Kinder sich Gedanken machen. „Ich bin in was Stacheliges gefallen. Meine Luft ist raus.“

Das gibt guten Stoff für das Malen und die Entwicklung eigener Geschichten:

Kevin, 6 Jahre
Der Ball hat den Vogel geärgert und den Baum geschüttelt. Da sind die Eier rausgefallen und zerbrochen. Das hat den Vogel so geärgert, dass er den Ball angepickt hat. Die Luft kommt raus. Der Ball hat keine Luft mehr.

Kinderzeichnung von Bella Ball und einem Vogel
© Joachim Albrecht-Bahr

Eine Geschichte hat einen Anfang und ein Ende

Nach der Begrüßung von Bella Ball denken wir nochmal darüber nach, was im letzten Workshop Thema war. Wir hören das letzte Kapitel. Mine schießt Bella hoch, was passiert? Kommt sie zur Wolke? Die Kinder stellen fest, dass die Schwerkraft Bella wieder runter zum Boden zieht. Jetzt sind ihre Ideen besonders gefragt. Wie kommt die Geschichte zu einem erfolgreichen Abschluss und Bella zur Wolke?

Rieke, 6 Jahre

Auf dem Fußballplatz sind Mine und die Fußballjungs. Über ihr am Himmel sind die Wolken. Da ist der Wind. Mine versucht, Bella bis zu den Wolken zu werfen. Der Wind soll sie tragen. Aber er schafft es nicht. Er ist nicht so stark. Sie wollen es wieder versuchen, bis der Wind so stark wird, dass er die Blätter hochwirbelt. Dann schafft er es auch Bella Ball bis zu den Wolken zu tragen.

Kirian, 5 Jahre

Bella ist jetzt ein Heißluftballon. Sie schwebt und schwebt. Sie merkt nicht, dass sie im Kreis schwebt. Sie bekommt ein Loch und stürzt vom Himmel. Sie landet vor einem Gorilla. Bella flüchtet. Sie kommt an eine Weggabelung. Sie läuft zu einer Seite, der Gorilla zur anderen. Da merkt der Gorilla, dass er sich geirrt hat, aber er knallt gegen einen Baum. Bella ist gerettet.

Karina, 6 Jahre

Eine Frau hat Bella Ball geschossen. Sie ist in einem Haus gelandet. Dort rollt sie herum. Fußball gefällt der Frau. Bella Ball gefällt ihr auch. Die Frau wird die Freundin von Bella Ball. Toll ist es, eine Freundin zu haben.

Alles was uns gefällt, macht die Welt schön, macht stark und glücklich.

Kinderzeichnung von Rieke mit einer Straße
© Joachim Albrecht-Bahr

Geschichten aus dem Kinder- und Familienzentrum Flintacker in Bremen-Aumund Hammersbeck

Text: Ulrike Kleinert
Fotos: Joachim Albrecht-Bahr

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