#128 Ciani-Sophia Hoeder: „Wir können Rassismus, Ökologie und soziale Gerechtigkeit gleichzeitig denken.“ [35:06]
Was haben Schrebergärten, Stadtparks und Klimapolitik mit Rassismus zu tun? Das zeigt Ciani-Sophia Hoeder in ihrem neuen Buch Ökorassismus. Wie Weiße unsere Welt zerstören. Jonas Dahm spricht mit der Autorin über koloniale Naturbilder, grüne Gentrifizierung und warum wir uns nicht zwischen 'sozial' und 'ökologisch' entscheiden müssen.
Achtung! Die Lesung mit Ciani-Sophia Hoeder (ursprünglich geplant für den 18. Februar 2026) wurde in den April 2026 verschoben. Du findest den neuen Termin zeitnah in unserem Literaturmagazin-Kalender
Zum Nachlesen
Jonas Dahm:
Herzlich willkommen zum Literaturhaus Podcast Bremen. Mein Name ist Jonas Dahm und ich freue mich sehr, dass ich heute mit Ciani-Sophia Hoeder sprechen kann. Liebe Ciani, sehr schön, dass du da bist.
Ciani-Sophia Hoeder:
Danke dir, danke für die Einladung.
Jonas Dahm:
Dein neues Buch heißt „Ökorassismus. Wie Weiße unsere Welt zerstören.“ – und du schreibst darin den Satz: »Wollen wir weiter löschen, was längst brennt, oder beginnen wir endlich, das Feuer an seiner Quelle zu ersticken?« Inwieweit hilft uns denn das Bewusstsein über Ökorassismus, zu dieser Quelle und zu dieser Arbeit zu kommen?
Ciani-Sophia Hoeder:
Es war meine Intention, Rassismus und den Klimawandel zusammenzuführen, weil sie sich sehr antagonistisch anfühlen – als müsste man sich entscheiden: Bin ich für etwas Grünes, bin ich für etwas Klassenbewusstes, bin ich gegen Rassismus? Es fühlt sich so an, als wären es Kämpfe, die sehr isoliert und antagonistisch zueinander ablaufen. Mein Punkt mit Ökorassismus ist es im Prinzip, eine Brücke zu schlagen zwischen all diesen Kämpfen und sie gar nicht als so gegensätzlich anzusehen, sondern dass sie sich im Ursprung ähneln, in der Quintessenz. Deswegen war es mir wichtig, den Begriff nach Deutschland zu bringen und ein ganzes Buch darüber zu schreiben – und eine Einführung zu formulieren zu dieser Dimension: wie ökologische Klimafolgen und
Rassismus, wie Narrative und Geschichten zusammen funktionieren, wie sie sich ähneln und wie sie sich auch verstärken.
Jonas Dahm:
Es ist ein Buch über Klima, es ist ein Buch über Rassismus, es ist auch ein Buch über Klasse. Was dein Buch sehr schön leistet, ist, dass es niedrigschwellig da heranführt. Das schaffst du auch dadurch, dass du deine eigenen Erfahrungen mitverarbeitest. Also deine Erfahrung als schwarze Frau, wie du aufgewachsen bist in Berlin – und ein Moment, der mir im Kopf hängen geblieben ist, ist der Schrebergarten deiner Oma. Wie kommst du denn jetzt vom Schrebergarten deiner Oma zu Ökorassismus?
Ciani-Sophia Hoeder:
Ich mag grundsätzlich diese Herangehensweise: zwischen persönlichen Anekdoten – also das Herz zu berühren – und gleichzeitig den Verstand. Weil ich glaube, dass diese Verschmelzung zwischen diesen Dimensionen motiviert und anspricht, aber man braucht auch die harten Fakten. Generell schreibe ich in meinen Büchern recht persönlich, aber bei Ökorassismus fand ich das ganz interessant, weil es das erste Buch war, in dem ich über die Kombination aus Sexismus, Klasse, ökologischen Folgen und Rassismus geschrieben habe. Ich musste im Zuge der Recherche darüber nachdenken, welchen Zugang und welche Beziehung ich persönlich oder meine Familie zur
Natur hatten, zu grünen Oasen, zu Pflanzen und so weiter. Da ist es so, dass meine Großeltern weiße Menschen aus der DDR sind. Sie sind dort sozialisiert worden und mussten dann im Westen ihr Leben komplett neu beginnen – und ein Teil ihrer Kultur und ihres Lebens waren Schrebergärten. Schrebergärten sind sehr deutsch – und auch sehr berlinerisch, weil sie für die Arbeiter:innenklasse oft der einzige Zugang waren, sich ein Fleckchen Natur leisten zu können. Nicht als Eigentum, sondern als abgegrenzter Raum, in dem man sich freier bewegen kann als im Park oder Wald. Und meine Großeltern hatten so einen Schrebergarten. Das war ein Ort, an dem ich sehr viel Zeit verbracht habe: Himbeeren pflücken mit meiner Oma, Sachen machen mit meinem Opa. Ich habe viele warme und liebevolle Gedanken gegenüber diesem Garten. Aber dieser Garten ist auch ein Symbol dafür, wie sich Stadtpolitik auf das Private auswirkt. Meine Großeltern mussten diesen Garten aufgeben, weil genau dort eine Autobahn gebaut wurde – und so verloren wir den Zugang zu diesem Garten. Und dieser Garten zeigt auch einen generationellen Unterschied.
Für meine Großmutter war der Garten, als sie jünger war, sehr pragmatisch: Wir bauen hier Essen an, damit wir genug Nährstoffe haben. Als sie älter wurde und in Rente war, ging es eher um Zierblumen, Rosen, also Deko und Prestige. Als ich sie später fragte, warum sie keine Himbeeren mehr anbaut, hat sie mich fast erschrocken angeschaut und gesagt: »Kind, die kannst du doch im Supermarkt kaufen.« Daran sieht man, wie sich dieser Zugang über Klasse verändert hat. Wer heute überhaupt Zugang zu Gärten hat oder die Zeit und Ressourcen, Dinge anzubauen, ist oft nicht mehr Working Class. Selbstgemachtes, Eingemachtes ist heute wieder etwas eher Elitäres geworden – wenn ich an Tradwives denke, die Sauerteigbrot backen und Himbeerkompott aus selbst geernteten Früchten machen. Das heißt, die Bilder und Narrative rund um diese Gärten verändern sich vom
pragmatischen Überleben über Zierrosen hin zum Statussymbol.
Jonas Dahm:
Was du damit ja zeigst, ist, dass Natur nicht neutral ist. Natur ist ein besetzter Ort. Wenn ich auf eine grüne Wiese gehe, ist sie nicht nur grün, sondern auch weiß. Dieses Verhältnis stellst du dar und du beschreibst das mit dem Begriff Nature Gap. Kannst du erklären, woran dieser Gap sichtbar wird?
Ciani-Sophia Hoeder:
Ja, absolut. Der Nature Gap war eigentlich der Ursprung, warum ich dieses Buch schreiben wollte – oder besser gesagt: Der Nature Gap ist etwas, das ich immer beobachtet habe, aber wofür mir noch der Begriff fehlte. Für dieses Gefühl, im Park zu sitzen und beobachtet zu werden. Dass dieser öffentliche Raum mit Narrativen, Bildern, Rassismen und Sexismen aufgeladen ist. Als schwarze Person im Park zu sitzen, ist immer risikobehaftet. Man sitzt nicht einfach nur genießend und erholend dort, sondern kann jederzeit als fremd, als Bedrohung, als gefährlich markiert werden. In dem Kapitel „Nature Gap“ beschreibe ich auch Erfahrungen, die viele weiblich gelesene Menschen kennen: dass der Park auch ein gefährlicher Ort sein kann. Dass man sich immer noch schreibt: »Bist du sicher nach Hause gekommen?« Für diesen Sexismus gibt es im Westen bereits mehr Bewusstsein. Aber dafür, wie es ist, Natur zu erleben, und dass es einen Unterschied gibt, wie Individuen Natur erleben, gibt es das weniger. Wen sehen wir als einfach genießend im Park, wen als arbeitend, wen empfinden wir als fremd, wen als zugehörig – das ist vielen nicht klar. Welches Risiko es sein kann, wandern zu gehen oder einfach auf einer Wiese zu liegen, was an Polizeigewalt, Eskalation oder Gewalt passieren kann. Dieses Risiko betrifft nicht-weiße Menschen. Dass es immer ein Risiko ist, dass es immer gefährlich ist und dass die Stimmung kippen kann – das ist auch ein Teil von Ökorassismus.
Jonas Dahm:
Wir können vielleicht noch einmal in Berlin bleiben. Du sprichst über das Tempelhofer Feld als Beispiel grüner Stadtpolitik – und gleichzeitig als Aufwertungsort. Du zeigst diese Ambivalenz sehr deutlich: ein toller Ort, der zugleich mit rassistischer und klassistischer Ausgrenzung verbunden ist.
Ciani-Sophia Hoeder:
Ja, absolut. Green Gentrification ist da zentral. Grüne Aufwertung steigert das Wohlbefinden, aber auch die Mieten. Das Argument, dass ja alle den Park nutzen können, verkennt, wie viel Zeit, Geld und Energie es kostet, überhaupt dorthin zu kommen. Nachhaltigkeit wird so zu etwas Elitärem. Und Reichsein hängt sehr stark mit Weißsein zusammen.
Jonas Dahm:
Ein weiterer Punkt ist der pseudopolitische Konsum. Also die Idee, Umweltpolitik über die Kühltheke zu erledigen.
Ciani-Sophia Hoeder:
Natürlich macht es einen Unterschied, fair einzukaufen. Aber Nachhaltigkeit ist in unserem System etwas, das Ressourcen braucht – Zeit, Geld, Wissen. Marketing hat Verantwortung individualisiert. Der Fokus auf Konsum lenkt davon ab, dass wenige Unternehmen den größten Teil der Emissionen verursachen. Meine Sorge ist, dass Menschen denken: Das reicht jetzt. Und dass dadurch der Blick auf Strukturen verloren geht.
Jonas Dahm:
Dein Buch verweigert sich der einfachen Entweder-oder-Logik zwischen Revolution und Konsum.
Ciani-Sophia Hoeder:
Ich würde sagen, ich bin eher eine Reformationsperson. Ich finde Revolutionsliteratur inspirierend, aber mein Fokus liegt darauf, Mismatches sichtbar zu machen und Kämpfe zusammenzudenken: Rassismus, Ökologie, soziale Gerechtigkeit. Ökofeminismus hat mich dabei sehr geprägt, vor allem in der Kritik an Naturbildern und
Narrativen.
Jonas Dahm:
Diese Essentialisierungen beschreibst du auch als rassistische Zuschreibungen.
Ciani-Sophia Hoeder:
Ja. Die Identifizierung nicht-weißer Menschen mit Natur war ein koloniales Herrschaftsinstrument. Heute existiert es oft romantisiert weiter – etwa in spirituellen oder kulturellen Aneignungsnarrativen. Das ist eine Fortsetzung alter Machtverhältnisse in neuer Form.
Jonas Dahm:
Zum Schluss noch ein Blick auf den Entstehungsort des Buches: die Pacific Palisades in L.A.
Ciani-Sophia Hoeder:
Los Angeles ist ein Ort extremer Ungleichheit. Kuratierte Paradiese für Reiche, während andere die Folgen des Klimawandels zuerst spüren. Die Brände haben gezeigt: Am Ende trifft es alle – aber nicht alle sind gleich gut geschützt. Das ist die Misere des Ökorassismus.
Jonas Dahm:
Ich möchte noch darauf hinweisen, dass du am 18.02. in Bremen bei einer Lesung im Clockwise bist. Vielen Dank, dass du da warst.
Ciani-Sophia Hoeder:
Danke für die Einladung.
---
Der Text wurde KI-gestützt transkribiert.