#126 Katerina Poladjan: „Ich mag es, wenn ich mich auf dünnem Eis bewege“ [25:55] 

14. Januar 2026

Katerina Poladjan
© Francesco Gattoni

In Katerina Poladjans Roman Goldstrand liegt Filmregisseur Eli auf der Couch und erzählt, um nicht zu verschwinden. Mit Jonas Dahm spricht die Autorin über Erinnerung und Herkunft, Krieg als Hintergrundrauschen und die Kunst, schwere Themen leicht zu erzählen.

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Jonas Dahm:
Herzlich willkommen zum Literaturhaus Podcast Bremen. Ich freue mich sehr, dass ich heute mit Katerina Poladjan sprechen kann. Liebe Katerina, vielen Dank, dass du da bist. Ich freue mich wirklich sehr.

Katerina Poladjan:
Ich freue mich auch. Danke für die Einladung.

Jonas Dahm:
Wir wollen über deinen Roman Goldstrand sprechen. Der erzählt eine Familiengeschichte, die ganz Europa und ein ganzes Jahrhundert spannt. Und wenn wir diesen Roman lesen, dann liegen wir auf der Couch. Da liegt der Protagonist Eli, ein alternder Filmregisseur, der diese Familiengeschichte seiner Therapeutin, seiner Dottoressa, erzählt. Was hat dich so interessiert an diesem therapeutischen Setting? Was erlaubt dir das fürs Erzählen?

Katerina Poladjan:
Ja, meine Dottoressa ist jetzt auch keine authentische Therapeutin. Die macht ja ganz abstruse Dinge. Mal hört sie zu, dann geht sie mal raus, und dann kommt jemand anders und stört die Sitzung. Das ist natürlich jetzt für eine Therapie etwas, was man, also… es hat überhaupt gar keine Authentizität. Ich habe mir sie immer so ein bisschen vorgestellt, dass sie eigentlich eine Art Königin Shahyar ist, also aus Tausendundeiner Nacht. Er erzählt, damit er nicht getötet wird, damit er sich nicht auflöst. Ein bisschen gebraucht er sie zur Selbstvergewisserung. Er erzählt, damit er nicht verschwindet, damit er sich zusammensetzt, damit er seine Erinnerungen einfasst – und dazu braucht er, glaube ich, diese Dottoressa.
Bei Freud gibt es den Familienroman, und die Narration in der eigenen Geschichte ist natürlich immer schon ein großes Thema in der Literatur gewesen und in der Psychoanalyse. Daraus folgt natürlich immer die Frage: Wie wahrhaftig ist das, was man auf der Couch eigentlich erzählt? Wie tief lässt man der Erinnerung ihren Lauf, inwieweit glaubt man sich selbst mehr, wenn man zum Beispiel ein Gegenüber hat, wenn es diese Therapeutin gibt? Das Interessante bei der Psychoanalyse ist ja: Das ist im Grunde wie so ein Gefäß, weil, meistens sagen die ja nichts, die Analytiker und die Analytikerinnen. Für mich war das einfach als literarische Situation interessant, dass er zweimal die Woche jemanden aufsucht und eigentlich sein Leben fabuliert und eine Zeugenschaft hat.

Jonas Dahm:
Diese Geschichte, die er ihr da erzählt, die spielt am Goldstrand in Bulgarien, und sie spielt auch in Rom. Kannst du uns einmal durchführen – was erzählt er da eigentlich seiner Dottoressa?

Katerina Poladjan:
Es beginnt in Odessa und es geht um seinen Vater, der damals als sechsjähriger Junge mit auf einem Boot war. Seinen Vater hat er nie kennengelernt, weil seine Mutter – also, es klingt so immer, wenn man über diesen Roman spricht, als hätte man irgendwie so ein Tausend-Seiten-Werk vor sich liegen und als wäre alles furchtbar kompliziert – aber es ist gar nicht so kompliziert.
Auf jeden Fall: Eli hat seinen Vater nie kennengelernt, weil seine Mutter Francesca aus Rom in den 60er-Jahren zufälligerweise im kommunistischen Bulgarien gelandet ist, dort eine Liebschaft hatte und schwanger wieder zurück nach Rom gekommen ist. Das heißt, in Elis Leben gab es diese große Abwesenheit des Vaters. Da seine Mutter ihm nie irgendetwas über seinen Vater erzählt hat, hat er versucht, sich diesen Vater auf verschiedenen Wegen zu imaginieren. Er hat versucht, ihm Leben einzuhauchen, was ihm natürlich nicht gelungen ist.
Was er da auf dieser Couch erzählt, ist: Er beschreibt einen Ort, an dem er noch nie gewesen ist. Das ist dieses sozialistische Bulgarien, der Goldstrand, der in den 60er-Jahren für Verheißung stand, für Urlaub für alle mit Meerblick. Im Grunde genommen ist es ein utopistischer Ort. Es ist auch ein Ort der uneingelösten Versprechen. Das, was man dort versprochen hat, ist nicht eingelöst worden, der Sozialismus ist zusammengebrochen. Viele Länder aus den ehemaligen sozialistischen Ländern sind nach dem Zusammenbruch in diesem Turbokapitalismus einfach versunken. Das ist auch etwas, was in Bulgarien passiert ist.
Und was mich interessiert hat, ist diese Brücke. Man hat Rom als Wiege Europas oder als vermeintliche Wiege Europas – immer dem Untergang geweiht. Und dann hat man diesen sozialistischen Ort Goldstrand, der irgendwie nach Gold, nach Verheißung, nach Piraterie, nach Abenteuer klingt. Diese beiden Orte könnten eigentlich nicht unterschiedlicher sein, aber trotzdem gibt es sie in einem Leben, und das ist das Leben von meinem Protagonisten Eli. Er vereint den Osten und den Westen in sich. Das fand ich interessant. Also man hat irgendwie einen Sehnsuchtsort im Osten, den Goldstrand, damals auch Odessa. Und Rom, auch ein Sehnsuchtsort für viele Menschen, nach wie vor, seit 3000 Jahren.

Jonas Dahm:
Du schreibst über Rom diesen wunderbaren Satz: „Der Mensch hetzt und strebt, findet sich aber für die Dauer der Mittagspause damit ab, dass alles Eilen und Streben vergeblich war.“ Was ist deine Beziehung zu Rom?

Katerina Poladjan:
Ich hatte ja dieses große Glück, das Villa-Massimo-Stipendium zu haben, 2023–2024. Das heißt, ich durfte da ein Jahr leben mit meiner Familie. Marguerite Duras hat mal gesagt, Rom ist so… Man ist völlig überwältigt, und dann schnappt die Falle aber irgendwann mal zu. Also diese ganze Schönheit ist etwas, was plötzlich auf einen zurückfällt. Diese Steine, die da herumstehen… egal, wo man hinkommt, man stolpert ja immer über die Geschichte Roms, und die zeigt einem natürlich auch immer die eigene Unzulänglichkeit.
Dass man also klein ist und dass man gegen diese Geschichte von 3000 Jahren ein Nichts ist, ein Lufthauch in der Geschichte. In dieser Dialektik zwischen Ewigkeit und Endlichkeit habe ich das als interessanten, aber auch durchaus morbiden Ort empfunden. Für mich war das jetzt nicht nur so dieses schöne Rom und Dolce Vita und das ganze Zeug. Das fand ich kitschig. Mich hat dieses Morbide an Rom interessiert.

Jonas Dahm:
Es gibt drei Frauenfiguren in Elis Leben. Das sind seine Tochter, seine Mutter und seine Dottoressa. Er rennt eigentlich zu allen dreien und will irgendwie immer was von denen, Unterstützung oder Identität. Aber das können die ihm natürlich am Ende auch nicht geben.

Katerina Poladjan:
Sie wollen es auch nicht. Ich glaube, das ist auch etwas. Sie wollen es einfach auch nicht. Francesca hat es geschafft, sich von ihrer faschistischen Familie zu emanzipieren. Sie hat allein gelebt, hat sich immer unabhängig gemacht. Die Tochter hat sich unabhängig gemacht. Nur er klebt in diesem Haus. Er zieht nicht aus, und er will immer irgendetwas von diesen Frauen.
Man könnte meinen, er ist ein armes Würstchen – aber das ist er nicht. Ich mag ihn, ich mag ihn wirklich gern – und er tut mir auch leid. Und ich glaube, dass er sich am Ende doch auf eine Art emanzipiert.

Jonas Dahm:
Könnte man sagen, dass beide Figuren, also die Mutter und die Dottoressa, für eine Spannung stehen zwischen der Suche nach der eigenen Herkunft der Psychoanalyse und dann auch der Emanzipation davon? Die Mutter hat sich ja gelöst von der ganzen Familiengeschichte, ein Stück weit. Seine Dottoressa, wo wir immer noch nicht ganz wissen, ob das eine Therapeutin ist – also sie tut ja tatsächlich abstruse Dinge, sie leitet auch zum Rauchen zwischendrin oder versucht es zumindest. Die Mutter sagt dagegen dann so Sachen wie: Es ist alles nicht so wichtig. Elis ganzes Erzählen scheint ihr im Grunde zu selbstbezogen zu sein. Ist das so ein bisschen der Kampf zwischen der Emanzipation von der eigenen Herkunft und dem Wühlen, dem Suchen danach?

Katerina Poladjan:
Mit diesem Spannungsfeld zwischen der Dottoressa und der Mutter, das ist ja interessant. Natürlich versucht Eli sich einerseits zu emanzipieren, gleichzeitig tut er genau das Gegenteil. Also was er in seinem Leben tut – und das ist natürlich auch eine Form von Überhöhung in dem Roman.
Wenn man so will, ist das ein sehr feministischer Roman. Man hat es hier mit drei sehr starken Frauen zu tun: Das ist die Mutter, das ist die Tochter und das ist diese Dottoressa – und dann liegt der Mann auf der Couch und versucht irgendwie, sich zusammenzusetzen, damit er eben nicht verschwindet, und ist in diesem Dreieck dieser drei Frauen gefangen. Das ist mir dann nach dem Schreiben eigentlich so bewusst geworden. Ja, ich finde, das ist ein feministischer Text, so habe ich den gar nicht angelegt, aber am Ende ist das so.

Jonas Dahm:
Bei mir hat es sehr lange gedauert, bis ich gemerkt habe: Ah, das muss jetzt gar nicht unbedingt an sich die Familiengeschichte sein, also diese behauptete Authentizität muss da gar nicht stattfinden, sondern er erzählt ja auch von Filmen, und man weiß manchmal nicht genau: Ist das jetzt ein Film, ist das jetzt sein Leben, was er erzählt? Würdest du sagen, Eli ist ein nicht vertrauenswürdiger Mensch oder ist er einfach ein sehr guter Erzähler?

Katerina Poladjan:
Ich glaube beides. Also ich glaube, erst mal ist er jemand, der eine unbedingte Liebe zur Kunst hat, zum Film und zur Erzählung. Und ich glaube, vertrauenswürdig … Wer ist schon vertrauenswürdig? Also ich glaube, niemand ist vertrauenswürdig, wenn es um das eigene Leben geht.
Wir sind alle, glaube ich, sehr gut darin, Umwege zu gehen, uns zu verirren in uns selbst. Insofern glaube ich, dass er nicht vertrauenswürdig ist. Aber ich glaube, in dem Moment, in dem, was er ausspricht – ich glaube, das ist die Wahrheit. Ich glaube, er schafft sich eine Wahrhaftigkeit und eine Wahrheit im Aussprechen.

Jonas Dahm:
Seine Geschichte, die er da erzählt, die beginnt mit einem Knall: Da springt eine junge Frau ins Meer. Wir erfahren, das war seine Tante, da sind sie gerade abgelegt von Odessa. Und die Tante verschwindet im Meer. Seine Tante verschwindet, sein Vater ist jemand, der abwesend ist bei ihm. Ist das das Thema des Buches? Es verschwinden immer Dinge, es verschwinden Leute, es verschwinden Erzählungen, es verschwindet auch ein bisschen das Europa, um das es geht.

Katerina Poladjan:
Ja, ich glaube schon. Man kann es auf jeden Fall darin lesen. Es geht natürlich auch um ein verschwindendes Europa oder ein sich veränderndes Europa. Eli ist, ich würde mal sagen, so Anfang, Mitte 60. Er ist an der Schwelle zum Alter. Seine Frau hat ihn verlassen, er hat keinen Kontakt mehr zu seiner Tochter. Er ist an einem Punkt in seinem Leben, an dem sein Blick auf die Welt sich verändert hat – aber ich glaube, der Blick der Welt auf ihn hat sich auch verändert.
Er ist an einer Schwelle, in einer Umbruchssituation. Und mich interessieren Umbruchssituationen. In meinem letzten Roman Zukunftsmusik gab es auch eine historische Umbruchssituation. Das spielt 1985, kurz bevor Gorbatschow zum Generalsekretär ernannt wird, also kurz bevor sich eigentlich alles ändert in der Sowjetunion.
Das sind immer so die Momente kurz davor, wenn sich für eine Gesellschaft oder für ein Leben oder für ein eigenes Leben einfach alles verändert. Und er ist, glaube ich, jemand, der das spürt. Dass er selbst privat nicht mehr so weitermachen kann wie bisher. Aber er spürt auch, dass Europa sich verändert und auch ganz andere Wege gehen wird. Er weiß nicht so genau, ob er dafür eigentlich bereit ist. Ich glaube, das ist für ihn auch ein Moment zur Reflexion und zu einer Innenschau.

Jonas Dahm:
Ich habe mich auch gefragt, was das für das Verhältnis des Westens zum Osten erzählt. Also, wie er das erzählt. Von der Hütte, in der sein Vater mit seinem Großvater schlafen musste. Es ist alles ganz viel Armut und ganz viel Dramatik. Und er nutzt das natürlich irgendwie auch. Also ich finde das eigentlich recht typisch für so ein westliches Erzählen des Ostens: Da ist es ganz dramatisch, und bei uns ist es eben dann, im Umkehrschluss, natürlich auch nicht so dramatisch. Das hat ja was von einer fast schon, wenn man es überspitzt sagen wollte, narrativen Ausbeutung.

Katerina Poladjan:
Naja, ich weiß nicht. Diese Geschichte vom Vater und dem Sohn, die er erzählt, das ist natürlich ein Märchen. Das ist ja so eine Robinson-Crusoe-Geschichte. Also ich weiß gar nicht, das hat für mich jetzt gar nicht den Bezug zum Osten. Für mich war der Bezug zum Osten eher die 60er-Jahre in Bulgarien, dieses sozialistische Bulgarien. Ich kenne das ganz gut, weil ich da ganz viele Urlaube verbracht habe.
Ich hatte also, ich glaube, ich habe versucht, schon auch ein bisschen Grandezza an diesen Ort zu bringen. Also jetzt nicht nur das Elend oder die Armut. Diese Geschichte da am Strand ist wirklich für mich abgekoppelt. Das könnte auch irgendwo sein. Das ist einfach wie so eine Märchengeschichte.
Da sucht jemand absolut verzweifelt nach der verschwundenen Tochter, und es ist völlig klar: Man wird diese Tochter nicht finden, weil sie im Meer irgendwo verschwunden ist. Wenn man so will, ist das der Beginn einer Utopie, nur im Kleinen. Da ist die erste kleine Utopie, und dann kommt die zweite und die nächste, und alle zerplatzen wie so Seifenblasen. Alle Versprechungen.
An dem Moment ist Eli jetzt, an diesem privilegierten Ort, in dem er lebt, in dieser Villa, die zwar völlig verfallen ist, weil er sich nicht gekümmert hat und auch kein Geld hatte. Aber trotzdem leidet er natürlich an seiner Privilegiertheit. Das ist auch etwas, was seine Tochter ihm vorwirft. Die sagt, du liegst einfach nur da und denkst dir irgendwelche Kunstprojekte aus, und ich mache aber hier die konkrete Arbeit oder ich versuche mich wirklich mit Erinnerungskultur auseinanderzusetzen, mit Geschichte.
Das ist für mich auch so ein Generationenproblem, also etwas, was er, glaube ich, hoffentlich, wenn ich ihn jetzt heute sprechen würde, auch eingesehen hat.

Jonas Dahm:
Das Schöne an dem Roman ist ja, dass du eine Geschichte erzählst, die sehr viel Tiefe hat, die mit Verschwinden zu tun hat, die mit Umbrüchen in Europa zu tun hat. Zumindest kann man das, wie du gesagt hast, sehr schön darin lesen. Gleichzeitig hat es eine totale Leichtigkeit. Es sind auch nur, oh, jetzt will ich nichts Falsches sagen, aber es sind auch nur 160 Seiten, auf denen du das machst, auf denen du uns da durch Europa führst.
Ich habe mich gefragt: Wie schaffst du das? Schreibst du erst mal ganz, ganz viel und dann kürzt du radikal zusammen, bis du auf diese 160 Seiten bist? Also hattest du eigentlich 500 Seiten da liegen und dann wird weggenommen?

Katerina Poladjan:
Die meisten meiner Bücher sind wirklich sehr kurz, das stimmt. Obwohl ich mir immer wieder bei jedem Buch vornehme: Diesmal wird es wirklich ein Schinken, ein ganz, ganz langes Buch.
Ich glaube manchmal, dass die Kompliziertheit der Welt kompliziert erzählt werden muss – und die komplizierte Erzählweise ist für mich auch eine Form von Reduktion. Also die immer wieder währende Frage: Was lasse ich eigentlich stehen? Und was entsteht, wenn es nicht da steht? Was ist eigentlich das Erzählte zwischen den Zeilen?
Bei Ilse Aichinger gibt es ja den schönen Satz: Ein Text ist immer das, was er sagt, aber ein Text ist vor allem das, was er nicht sagt. Das ist etwas, was mich interessiert, weil ich glaube, dass ich zwar eine Essenz oder ein Kondensat dieser Geschichte erzählt habe – aber mir ist es wichtig, dass die Leserschaft sich mit dem Text verbindet.
Ich glaube, in dem Moment, in dem ich Leerstellen lasse – also etwas, was ich vielleicht weggestrichen habe vorher, das ist für mich eine Art von Leerstelle – dadurch klappt hoffentlich ein emanzipiertes Lesen. Also ein Lesen, wo jemand sich mit dem Text verbindet und im besten Falle in Dialog tritt mit dem Text.
Rein technisch ist das natürlich schon so, dass ich sehr viel erst mal schreibe und es immer wieder lese und lese, und es ist eigentlich eine Art von Verdichtung.

Jonas Dahm:
Eine Leerstelle, die sich für mich aufgetan hat in deinem Buch, ist Krieg. Du beschreibst keinen Krieg, aber er findet wie im Hintergrund statt. Er strukturiert eigentlich Elis Leben. Irgendwann ruft er auch seine Tochter an, weil er geträumt hat, es wäre jetzt Krieg. Und dann sagt sie ihm: Nee, Papa, das ist nicht so. Aber man hat ein bisschen das Gefühl, eigentlich sagt sie: Es ist noch nicht so.
So ein bisschen wie in Erwartung auf etwas, was passieren könnte. Ist das etwas, was du weggestrichen hast?

Katerina Poladjan:
Ja, das ist eine gute Frage. Ich glaube, du hast recht. Also ich glaube, soweit ich mich erinnere, war das wirklich eine längere Szene, und sie war auch expliziter, konkreter auf jeden Fall auch, was ein Kriegsgeschehen anging.
Aber mir gefällt, dass Vera sagt, ich glaube… Also, er sagt, überall ist Krieg, und er hat Angst, er hat eine Panikattacke in der Nacht. Er hat geträumt, dass die Hubschrauber kreisen um das Haus, alle sind evakuiert, man hat nur ihn verlassen. Also eine große Panik hat ihn befallen, und er ruft seine Tochter an, und sie sagt eigentlich nur ganz trocken: Nein, nicht überall.
Darin steckt natürlich auch: Ja, es gibt Krieg auf der Welt, aber du da in deinem Rom, in deiner Villa, dir geht es eigentlich gut. Du kannst dich beruhigen. Es ist natürlich auch immer wieder eine Reflexion der eigenen Position. Die Angst vor dem Krieg kann man haben, aber man muss, glaube ich, immer in die Relation treten, dass man eigentlich sehr privilegiert ist, weil man lebt nicht im Krieg. Also wir jetzt hier und vor allem mein Protagonist Eli in Rom.
Aber natürlich ist das etwas, was droht. 1922, nach der russischen Revolution, beginnt der Roman in Odessa. Es gibt den Zweiten Weltkrieg: Vera arbeitet im Konzentrationslager in Sachsenhausen. Da ist natürlich der Zweite Weltkrieg und der Holocaust. Ich glaube, man kann nicht ein 20. Jahrhundert erzählen, ohne dass man den Krieg miterzählt.

Jonas Dahm:
Man könnte jetzt ja meinen, dein Buch ist von Dramatik durchzogen. Gleichzeitig liest es sich sehr leicht. Es macht Spaß zu lesen. Es geht um den Goldstrand in Bulgarien, es geht um Rom, und es hat auch fast was von einer Urlaubserzählung, von einer Boheme-Erzählung, die einen so ganz leicht dahinträgt. Es ist eigentlich ein guter Sommerroman. Es ist sicherlich auch ein guter Winterroman.
Wie schaffst du diese Verbindung von beidem, von dieser Schwere, von dem abwesenden Krieg, von dem Verschwinden der Person, der Psychoanalyse – und gleichzeitig macht es total Spaß?

Katerina Poladjan:
Ich glaube, das ist eine persönliche Vorliebe. Für mich muss – also nein, das klingt jetzt so kategorisch – Kunst Spaß machen. Aber ich mag es natürlich, wenn ich mich auf dünnem Eis bewege. Wenn Situationen kippen, wenn etwas, was vielleicht gerade mit sehr viel Humor und Leichtigkeit daherkommt, aber darunter ist vielleicht ein großes menschliches Drama.
Und dieses menschliche Drama – man muss nicht immer den Scheinwerfer darauf setzen, weil das menschliche Drama denke ich immer mit. Ich glaube, dadurch, in dem Moment, in dem etwas auch eine große Leichtigkeit hat, ist etwas besser auszuhalten. Man muss nicht große, schwere Themen auch schwer erzählen. Also zumindest ich mache das nicht.
Wenn wir uns zum Beispiel einen Fellini-Film anschauen, dann hat es auch eine ganz große Leichtigkeit, aber es handelt immer von großen existenziellen menschlichen Dramen und Verwerfungen und Sehnsüchten und Leidenschaften und allem Möglichen.

Jonas Dahm:
Dein Buch liest sich auch ein bisschen wie ein Film, hat so szenische Elemente. Ist das eine Art und Weise, wie du grundsätzlich schreibst – oder wie du grundsätzlich denkst – in Szenen?

Katerina Poladjan:
Nein, grundsätzlich würde ich das nicht sagen. Der letzte Roman ist ganz anders geschrieben. Aber es ist natürlich so, dass ich versucht habe, nah an meinem Protagonisten zu bleiben. Da er filmisch denkt, also zumindest ein Teil von ihm filmisch denkt, fand ich es interessant, diesen Roman auch ein bisschen wie mit einem Kamerablick zu schreiben.
Ich glaube, ich habe sehr seine Perspektive angenommen. Und seinen Wunsch, eventuell irgendwann mal aus dem, was er erzählt hat, vielleicht einen neuen Film zu machen.

Jonas Dahm:
Liebe Katerina, vielen, vielen Dank für dieses schöne Gespräch.

Katerina Poladjan:
Ja, ich danke dir.

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Der Text wurde KI-gestützt transkribiert.