14 Geschichten werden zu einem Roman – Schreiben mit Heinz Helle

Die Gruppe von Schüler*innen der Oberschule Lesum befindet sich in der Halbzeit, denn es ist die dritte von insgesamt fünf gemeinsamen Schreibwerkstätten mit dem Schriftsteller Heinz Helle. Beim letzten Mal wurden viele spannende Geschichten aufgeschrieben, die heute miteinander verknüpft werden sollen. Gar nicht so leicht, bei 14 unterschiedlichen Texten. Doch alle fanden die Geschichte mit der Entführung besonders spannend und so ist die Rahmenhandlung schon gefunden: Ein Mann stellt einer Frau beim Einkaufen nach. Diese merkt zu Anfang nichts von ihrem Verfolger. Weitere Texte werden auf zweiter Ebene als Erinnerungen eingebaut. Zum Beispiel eine Reise nach Afrika, das Zurückdenken an eine harte Kindheit und an den Verlust der Eltern.

Die Jugendlichen werden in zwei Gruppen aufgeteilt. Eine Gruppe schreibt über die Erfahrungswelt des Mannes, die andere über das Leben der Frau. Es dauert eine Weile, bis sich darauf geeinigt wird, wo das Szenario stattfindet: In der Bremer Innenstadt. Ein Ort aus der Lebenswelt des 8. Jahrgangs, für alle gut vorstellbar. Dazu werden im Vorfeld viele Fragen gestellt: Wie sieht es in der Innenstadt aus? Wie riecht es dort? Was ist zu hören? Wer ist noch dort? Und wie viel Uhr ist es in der fiktionalen Welt eigentlich? Woran erinnern sich die Protagonisten? Wie werden diese Erinnerungen ausgelöst? Nach und nach nehmen neue Texte Gestalt an und werden mit vielen dieser Details gefüllt.

Auch als es nach 90 Minuten Zeit für eine Pause ist, hören einige der Jugendlichen nicht mit dem Schreiben auf. Das Pausenbrot wird nebenbei verzehrt. Texte werden ausgetauscht, es wird diskutiert und sich gegenseitig Tipps gegeben. Als der zweite Block der Schreibwerkstatt beginnt, haben sich alle wieder an ihre Plätze begeben. Eine konzentrierte Stille ist eingetreten. Außer dem Prasseln des Regens ist nichts mehr zu vernehmen.
Danach begeben sich die Jugendlichen in einen Stuhlkreis und lesen abwechselnd aus der Perspektive des Mannes und der der Frau vor. Heinz Helle erklärt ihnen, dass so am besten zu überprüfen ist, ob die einzelnen Passagen stimmungsmäßig gut zueinander passen. Und das tun sie! Helle ist beeindruckt von den detailreichen Formulierungen und der großen Unmittelbarkeit. Die Figuren riechen den Duft der Blumen bei einem sommerlichen Spaziergang oder spüren den Regen auf ihrer Haut, während sie in der Bremer Innenstadt unterwegs sind.

Als alle ihre Geschichten vorgetragen haben und der dritte Tag mit Heinz Helle vorüber ist, fragt ein Schüler: „Sollen wir einpacken oder noch weiterschreiben?“. Die Vorfreude auf die nächste gemeinsame Sitzung ist wohl kaum zu übersehen.

Fotos und Text: Esther Schleppegrell

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