Shared Reading kommt nach Bremen

shared_reading_logoDie Stadtbibliothek Bremen und das virtuelle Literaturhaus Bremen laden Literaturinteressierte, Buchhändler, Verleger, Literaturvermittler, Mitglieder und Leseratten ein, das Konzept von „Shared Reading“ kennen zu lernen, und sich im Gespräch mit Thomas Böhm und Carsten Sommerfeldt über die Möglichkeiten des neuen Leseformats zu informieren. Moderation: Dr. Silke Behl

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Lesen aus Vergnügen, aus der Neugierde auf Geschichten. Lesen, um die Gedanken anderer Menschen kennenzulernen. Die Lust, sich auf Unbekanntes einzulassen. Lesen aus dem Willen zur Erkenntnis – auch zur Selbsterkenntnis. All das sind Impulse, die zum Lesen führen, die das Vergnügen des Lesens ausmachen. Genau dieses Vergnügen und die damit verbundenen Erfahrungen will Shared Reading vermitteln.


Lesen – Erzählen – Zuhören:

Die Projekte, die The Reader für Kinder und Jugendliche entwickelt hat, dienen der Schaffung einer „Kultur der Leselust“.  Deren Elemente sind:

  • Kindern und Jugendlichen Bücher und Geschichten vorzustellen, die sie einladen, über ihr Leben nachzudenken
  • Verbesserung der Lesefähigkeiten in einer informellen, nicht-leistungsbezogenen Atmosphäre
  • Verbesserung des Selbstvertrauens und des Selbstwertgefühls durch die Selbsterfahrung mit der Literatur
  • Schaffung einer Basis für das Lesen als lebenslanger Habitus

Der Bildungsansatz von Shared Reading ist jedoch nicht nur auf die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen beschränkt. Im Horizont des lebenslangen Lernens hilft Shared Reading beim Erreichen von Bildungszielen wie

  • Aufgeschlossenheit
  • Anteilnahme
  • Urteils- und Kritikfähigkeit
  • Achtung vor der Individualität und Überzeugung anderer
  • Lebens- und Alltagsbewältigung

Session1Zum Erreichen dieser Bildungsziele bedarf es Tätigkeiten und Kompetenzen, die durch Shared Reading eingeübt werden: Diese sind

Das Erstellen von Verbindungen
Diese Fähigkeit wird beim Shared Reading auf zwei Arten vermittelt: Die Teilnehmenden stellen emotionale und intellektuelle Verbindungen zwischen den besprochen Geschichten und Gedichten und ihrem eigenen Leben her. Zudem stellen sie soziale Verbindungen zu den anderen Teilnehmenden der Shared Reading-Gruppe her

Das Lernen
Indem unbekannte Texte gelesen und ihre Bedeutung mit den anderen Teilnehmenden erschlossen wird, entsteht das bereichernde Gefühl einer selbstgestellten Herausforderung sowie deren Bewältigung

Session2Das Aktiv-Werden
Das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Shared Reading-Gruppe ist eine permanente Selbstverpflichtung zum Aktiv-Werden: von der Selbstmotivation, regelmäßig an den Treffen teilzunehmen bis hin zum selbstgestellten Anspruch sich mit den Texten und den durch sie ausgelösten Gedanken und Emotionen auseinanderzusetzen

Aufmerksamkeit / Achtsamkeit
Durch das Lesen, Zuhören und das Gespräch wird die Aufmerksamkeit und Achtsamkeit für Details, Schönes, Existentielles, Ungewöhnliches, das Denken und Handeln anderer Menschen sowie die eigenen Erfahrungen und der Umgang mit ihnen geschult.

Geben / Schenken
Den anderen Teilnehmenden vorzulesen, als wertvoll empfundene Gedanken ins Gespräch einzubringen, sich am Nachdenken mit anderen zu beteiligen, den anderen Aufmerksamkeit zu widmen – das alles wird als Geschenk erfahren, das man selbst gibt aber auch im Gespräch permanent von den anderen empfängt

Das Erstellen von Verbindungen, das Lernen, das Aktiv-Werden, die Achtsamkeit und das Schenken sind nicht nur integrale Bestandteile der Bildung, sie tragen auch erheblich zum persönlichen Wohlbefinden und somit zur Gesundheit bei.


Shared Reading zur Vorbeugung psychischer Krankheiten

Die moderne Gesellschaft ist gekennzeichnet durch Individualisierung und wachsende Einsamkeit. Die sich verändernde, immer weiter die Grenzen zwischen „Arbeit“ und „Freizeit“ auflösende Berufswelt, die Veränderungen der Familienstrukturen, eine steigende Scheidungsrate, die demographische Entwicklung, die zunehmende Unwirtlichkeit der Städte – all dies verstärkt die Gefahr der sozialen Isolation.

Ein weiterer Ausdruck der Zunahme psychischer Krankheiten ist der seit Jahren zu verzeichnende Zuwachs der Fehltage aufgrund von Burn-out, Stress und totaler Erschöpfung im Beruf. Dieser Zuwachs hat dazu geführt hat, dass viele Firmen erkannt haben, dass sie der betriebliche Gesundheitsfürsorge eine besondere Bedeutung beimessen und das Arbeitsumfeld so gestalten müssen, dass es für den Erhalt der Gesundheit förderlich ist.


Eine Perspektive haben

Von ihren Ursprüngen her ist die Literatur ein Gemeinschaft stiftendes, gleichermaßen emotionales wie intellektuelles Erlebnis. An diese Potentiale der Literatur schließt Shared Reading an. Das gemeinsame Lesen vollzieht sich in einer Atmosphäre der ungezwungenen Langsamkeit und konkurrenzlosen Gelassenheit.

In diesem geschützten, gelassenen Räume entwickelt sich die Achtsamkeit der Zuhörenden für alle Details der Geschichten und Gedichte: ihre Spannung, ihre aufwühlenden Ereignisse, die Darstellung von Unbekanntem, die Formulierung von Ungedachtem.

Im emotionalen wie intellektuellen Erleben von Geschichten und Gedichten kann das eigene Leben, das eigene Verhalten, die eigenen Gefühle mit dem Erzählten in Verbindung gesetzt werden. Zugleich findet eine Verbindung mit den anderen Teilnehmenden statt: Die vorgelesene Geschichte wird als von allen als geteilte Erfahrung wahrgenommen, zu der keine Eigeninitiative notwendig ist: wer zuhört, gehört bereits dazu.

P1000594 copy.JPG Die Verbindung unter den Teilnehmenden wird durch den Austausch über das Gehörte vertieft. Das Gespräch über die literarischen Texte, die gemeinsame Versuch des Verstehens und Deutens. Der gemeinsam vollzogene Prozess des Erlebens, Denkens und Sprechens gibt das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein: zu ihr beizutragen, zu ihr zu gehören, in ihr – im wörtlichen Sinne – eine Perspektive zu haben.


Auswirkung auf das Wohlbefinden

P1000196 copy.JPG Bei Umfragen des National Health Service unter Teilnehmern von Shared Reading-Gruppen in  ngland konnten folgende positive Wirkungen auf das Wohlbefinden festgestellt werden:

74 % der Teilnehmer von Shared Reading-Gruppen sagten aus, dass sich ihre Lebenszufriedenheit verbessert hat

81 % sagten aus, dass ihre Fähigkeit zu entspannen gestiegen sei

72 % gaben an, dass Shared Reading ihnen geholfen habe, neue Einstellungen zu entwickeln

70 % gaben an, dass ihre Fähigkeit, andere Menschen zu verstehen, sich verbessert habe

P1000310 copy.JPG Diese wissenschaftlich belegten und evaluierten Ergebnisse zeigen, dass Shared Reading positive Einflüsse hat auf das Wohlbefindens (Well-Being), die Affektbalance, die Lebenszufriedenheit, die emotionale Belastbarkeit und somit eine wirksamer Beitrag zur Vorsorge vor psychischen Erkrankungen sind.

 


Weitere Anwendungen und Erfolge des Shared Reading

Im Auftrag des National Health Service hat The Reader Organisation Shared Reading erfolgreich als Intervention in verschiedene Bereiche der Pflege und der Behandlung von Krankheiten eingeführt. Begleitende Studien des Centre for Research into reading, Literature and Society (Link: https://www.liverpool.ac.uk/psychology-health-and-society/research/reading-literature-and-society/about/), einem interdisziplinären Institut der Universiät Liverpool, haben folgende positive Wirkungen des Shared Reading belegen können:

In der Altenpflege

  • Verbesserter Gemütszustand, generelle Stimmungsaufhellung
  • Verbesserte Konzentrationsfähigkeit
  • Verbesserte Erinnerungsfähigkeit
  • Höheres Maß an sozialer Interaktion

In der Behandlung von Depression

  • Verbesserung der Lebensqualität durch Steigerung des Selbstbewusstseins
  • Gesteigerte Fähigkeit zur Kommunikation über die Krankheit
  • Gesteigerte soziale Fertigkeiten
  • Generelle Stimmungsaufhellung durch Abbau negativer Denkmuster

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alle Fotos: Böhm & Sommerfeldt


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