Ohne Titel

Von Selenay Karakaya

Die Nacht am 17. August 1999 war eine ruhige Nacht. Ich – mit meinen achtzehn Jahren – war alleine mit meinen Geschwistern in der Türkei in Istanbul. Meine Eltern waren nämlich zu der Zeit in Frankreich, da sie dort etwas zu tun hatten. Plötzlich spürte ich den Boden unter mir wackeln. Zuerst dachte ich, dass das ein Traum ist, doch als ich meine Augen öffnete und die Lampe über mir hin und her schwanken sah, wurde mir bewusst, dass das die Realität war.
Mein erster Gedanke war, dass ich meine Geschwister retten musste. Sofort sprang ich aus dem Bett und weckte alle auf. Meinem großen Bruder Yüksel wurde sofort klar, was passierte – er wollte mit uns aus unserem Apartment fliehen. Alle liefen zum Ausgang und mein Bruder zog an der Türklinke. Die Tür ging jedoch nicht auf. Ich hatte noch nie so eine Angst gehabt, aber ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen, damit nicht alle in Panik ausbrachen. Yüksel fing an, kräftiger zu ziehen, doch die Tür wollte einfach nicht aufgehen. Eine meiner Schwestern deutete darauf hin, dass der Teppich unter die Tür gerutscht war. Zu dritt trugen wir diesen dann von der Tür weg und liefen aus dem Gebäude nach draußen.
Diese Bilder werde ich niemals vergessen: Alles lag in Trümmern, teilweise sah man sogar Arme, die einfach so aus den Trümmern hervorragten. Ich versuchte, nicht auf Leichen zu gucken und lief einfach weiter. Nach einer Stunde kamen wir bei meinem Onkel an, dessen Haus unversehrt geblieben war. Zu siebt schliefen wir dann in einem Zimmer auf dem Boden. Vor dem Schlafengehen hörte ich nur noch das Schluchzen von den anderen und auch ich schluchzte. Als ich am nächsten Tag aufwachte, konnte ich nicht glauben, was ich erlebt hatte. Warum ausgerechnet ich? Ich hörte die Nachrichten, die über das Erdbeben berichteten. Ich bekam nur mit, dass es achtzehntausend Leichen gab. Gott sei Dank war nichts mir oder meinen Verwandten passiert. Unser Haus blieb auch unversehrt. Und das war mein schlimmstes Erlebnis, das ich nicht mal meinen Feinden wünschen würde.

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