Queer - ein seltsames Rauschen?

Von Gunther Geltinger


Hand schreibt Rauschen in Regenbogenfarben
© Rike Oehlerking

Noch immer fällt es mir nicht leicht, auf die Frage nach meinem Beruf zu antworten: Ich bin Schriftsteller. Dabei bezieht sich mein Zweifel nicht auf die dazugehörige Praxis – ich verbringe einen großen Teil meiner Zeit schreibend, genauer gesagt: mit dem kritischen Formen der deutschen Sprache, weshalb es das kleine Wort ‚bin‘ ist, das mich zögern lässt. Es könnte mein Gegenüber glauben machen, das Schriftstellern sei ein gefestigter Teil meiner Identität, ein gleichermaßen konsistentes wie kontinuierliches Selbstverständnis – eben etwas, das ich mit meinem täglichen Sein und Tun bin.

Wahr ist, dass ein ebenso großer Teil von mir chronisch auf das Schreiben wartet, in gleicher Weise wie ich, seitdem ich schreibe, auf das Leben warte, das dem Schreiben oft im Weg, sozusagen quer dazu steht – wenn beides sich ineinander verkantet, habe ich eine Schreibblockade bzw., des Daseinsgefühls beraubt, eine depressive Phase. In solchen Zeiten quält mich der Gedanke, was ich noch alles nicht bin (Lokführer, Arzt, Filmregisseur, was ich einmal alles werden wollte), all die nicht verwirklichten Träume, subsumiert unter dem Begriff des Schriftstellers; irgendwie berufen, doch seltsam beruflos, jemand, der sich nicht festlegt, der das Indikative, also das Faktische und Eindeutige ablehnt und statt ‚ich bin‘ lieber ‚ich würde‘ oder ‚ich wäre‘ sagt, weshalb ihm in einer Gesellschaft, in der Erfolg maßgeblich an Definitionen von Identität, auch von beruflicher, geknüpft ist, mitunter ein wenig misstraut wird, mit seiner Eigenart (oder Eigenartigkeit), sich ganz dem Irrealis zu verschreiben.


Weniger noch bin ich der queere Schriftsteller, der sich in der LGBTIA*-Bewegung engagiert, im einschlägigen Diskurs mitredet und an den richtigen Stellen Zitate von Judith Butler, Masha Gessen oder James Baldwin setzt. Zwar standen im Zentrum meines literarischen Schaffens bisher oft homosexuelle Beziehungen, doch die Selbstbezeichnung ‚queerer Autor‘ benutze ich erst, seitdem ich 2004, mit 30 Jahren (wer oder was war ich vorher?) einen als ‚schwul‘ gelabelten Literaturpreis gewann. Einladungen auf literarische Bühnen, die mir eine Möglichkeit bieten, mich queerpolitisch zu äußern, folge ich widerstrebend, aber konsequent, weil ich mich der Sache verpflichtet fühle.

Wenn das Gespräch auf die geschlechtliche Identität meiner Figuren kommt, versuche ich zu erklären, warum sie aus Sprache bestehen, aus Sprache gemacht sein müssen. Statt über die Repressionen, die sie durch ihr Schwulsein erfahren, spreche ich lieber darüber, warum ich ohne das Schreiben sprachlos, stimmlos, im Wortsinn un-erhört, ja in dieser Welt kaum vorhanden wäre. Zwar würde ich in irgendeiner Form existieren, als ein Grundrauschen vielleicht, als ein menschlicher ‚noise floor‘, aber weit davon entfernt, in der Öffentlichkeit zu sagen: Ich bin …


Schreibe ich – wie hier – in der Rolle des queeren Autors und als Kurator einer Veranstaltungsreihe, in der queeres Schreiben als ‚Form des ästhetischen Widerstands‘ vorgestellt werden soll, türmt sich ein imaginärer Berg des künstlerischen und politischen Anspruchs vor mir auf: Mein Text sollte nicht nur inhaltlich, sondern auch als Medium selbst widerständig sein, in seiner sprachlichen Beschaffenheit, in Wortwahl und Tonlage.

Portrait Gunther Geltinger
© Jürgen Bauer

Queer tönt in Disharmonie zum Sound des Mainstreams, schlägt einen Takt an, der die mächtigen Rhythmen der Mehrheitsgesellschaft konterkariert: Queeres Schreiben und Sprechen als Widerhall, zurückgeworfen von den Strukturen und Oberflächen einer mit Identitäts- und Geschlechtsdefinitionen operierenden gesellschaftlichen Ordnung, in der die einen eingeschlossen, die anderen ausgegrenzt sind. Queere Autor*innen agieren literarisch in der Überzeugung, dass der eigene Text auch jenseits konkreter Antidiskriminierungs-Botschaften einen Beitrag zur Vielfalt und Pluralität einer Gesellschaft leisten kann, in der der einzelne Mensch egal welchen Geschlechts und welcher Herkunft größtmöglichen Handlungs- und Gestaltungsspielraum hat.

Ich sehe nur einen Ausweg, den Anstieg in diese Höhen – und dem damit drohenden Absturz – zu umgehen: Ich muss an den Anfang zurückkehren, als ich weder Schriftsteller noch schwul, als ich nur dieses Rauschen war: ein kleiner Junge von fünf Jahren, der mit seinen Geschwistern und den Nachbarskindern im Garten Ball spielte. In meiner Erinnerung ist es ein Tag im September, gegen Ende der Sommerferien, dieser großen, kindlichen Freiheit; bis zu diesem Zeitpunkt empfand ich die Spiele unter uns Kindern nie als grausam. Statt auf den Ball, ins Zentrum des Geschehens, schaut der Junge ins Abseits, auf die nackten Füße von Christian, des zehn Jahre älteren Nachbarn. Heute sehe ich durch den Blick des Kindes die Füße eines Mannes, groß und ebenmäßig, mit abgeschrägter Zehenreihe, eine Linie wie mit dem Geodreieck gezogen; ich glaube mich sogar an die blonden Härchen auf dem Rist zu erinnern, die Schienbeine vom Knöchel aufwärts wie mit Sand bepudert, doch vielleicht habe ich das erst später Christians Füßen angedichtet. Der Wunsch, nein, die Gier, sie zu berühren, fuhr in mich wie ein Geschoss, das in meinem Körper steckenblieb und einen Schmerz erzeugte, der mehr Geräusch als Gefühl war, ein Knirschen oder Kratzen, als hätte sich etwas verkeilt, als schrappte plötzlich mein Blick, meine Wahrnehmung, ja mein ganzes Sein über die scharfkantigen Oberflächen dessen, was eben noch dieser stille, weiche Spätsommertag gewesen war.


Ich hatte damals das Wort ‚schwul‘ vermutlich noch nie gehört (im Dorf meiner Kindheit in den 1970er Jahren sprach man es nicht aus). Überhaupt war an dieser Szene in dem Moment, als ich sie erlebte, weder etwas queer noch literarisch, beides habe ich im Nachhinein durch Sprache konstruiert, weil ich heute glaube, dass sich an diesem Tag mein Leben querstellte – quer zu meiner von außen betrachtet glücklich und behütet zu nennenden, wenn auch nicht so empfundenen Kindheit, quer zu den anderen, zu meinen Geschwistern und Freunden, die mich umringten und nicht wahrnahmen, was ich sah; und wenn doch, dann sahen sie die Füße des Nachbarsjungen, vermutlich mit schlecht geschnittenen oder vom Barfußlaufen schmutzigen Nägeln, Teenagerfüße. Von nun an sollten wir mit dem gleichen Wort zwei völlig verschiedene Dinge meinen. Von nun an gab es nicht mehr uns, sondern mich und die anderen, und aus dem Grundrauschen wurde ein klar umrissener Ton im Innern, der nach außen drängte.

Christian merkte wohl, dass ich ihn anstarrte, und er starrte zurück, doch, so war mir, ohne mich zu sehen. Der Ball flog an mir vorbei in die Koniferenhecke des benachbarten Grundstücks, und es war nicht die Schmach, in das dumpfige, von Katzenscheiße und ausgelegten Rattenfallen verminte Dunkel hineinkriechen zu müssen, warum ich mich in diesem Moment vor den anderen entblößt fühlte.

Vielleicht ist mein Schreiben vergleichbar mit dieser Situation – der existenziell gewordenen Angst, den Ball nicht zu fangen. Ähnlich fühlt es sich an, wenn ich den Drang verspüre, zu schreiben, wenn eine Idee oder ein Satzfetzen auf mich zukommt; damals, als der Ball heranflog, erstarrte ich, heute halte ich inne und lausche.


Nun also doch ein Zitat von James Baldwin: „Eine Identität wird nur dann in Frage gestellt, wenn sie bedroht ist, wenn, zum Beispiel, der Mächtige zu fallen beginnt, wenn der Elende aufzusteigen beginnt oder wenn der Fremde ins Tor tritt, um von diesem Augenblick an nie mehr ein Fremder zu sein.“ Der Satz stammt aus dem 1976 veröffentlichten Essayband Teufelswerk, der sich kritisch mit der medialen Fantasiewelt des liberalen weißen Amerika zu dieser Zeit auseinandersetzt: mit einer Filmindustrie, in der erfolgreiche Schauspieler wie Sydney Poitier in den Rollen gefangen waren, die sie spielen mussten (oder durften), „entsexualisierte Sexsymbole, loyale Unterdrückte, die zu ihren Peinigern halten, egal wie groß ihre Qual auch ist.1

Auch heute noch, fast ein halbes Jahrhundert später, kann ein deutliches öffentliches Bekenntnis zur Queerness künstlerische Lebensläufe beschädigen. Als sich im vergangenen Jahr eine Gruppe prominenter Schauspieler*innen zur #ActOut-Initiative zusammenschloss und mehr Sichtbarkeit und Repräsentanz queerer Themen in Film und Fernsehen forderte, bezeichnete ein Kommentar im Feuilleton einer etablierten Tageszeitung die gemeinsame Aktion (genauer gesagt deren Präsentation im Magazin einer anderen, konkurrierenden Tageszeitung) als „Kalkül im Ringen um Aufmerksamkeit bei Verkennung der Verhältnisse“2.


Die preisgekrönte deutsche Schauspielerin Maren Kroymann, die der #ActOut-Bewegung angehört, berichtet in einem Interview, dass sich nach ihrem Outing als homosexuelle Frau das Rollenangebot verändert habe: „Ich habe tatsächlich 20 Jahre lang im öffentlich-rechtlichen Fernsehen so gut wie keine Rolle mehr gespielt, in der ich Sex hatte oder ein Mann in mich verliebt war. Das Ergebnis kann doch nicht sein, dass ich nur noch Lesben spiele. Ich kann zum Beispiel auch gut Mütter spielen, ohne selbst Kinder zu haben.“3

Wie die Verhältnisse sind, und ob sie er- oder verkannt werden, hängt auch von der Perspektive ab, aus der man sie betrachtet. Es macht einen Unterschied, ob die Situation queerer Menschen in der heutigen Gesellschaft von der Mitte dieser Gesellschaft aus kommentiert wird oder von einer Position am Rand, und ob der Platz der Kommentatorin in dieser Mitte nie in Frage gestellt war oder erst mühsam erkämpft werden musste.


Durch sein literarisches Wirken galt James Baldwin zu seiner Zeit als das Sprachrohr der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung, eine Zuschreibung, der er sich verweigerte, vielleicht nicht zuletzt deshalb, weil es unter den (meist männlichen) Wortführern offene homophobe Tendenzen gab. Auch von der Schwulen- und Lesbenbewegung ließ er sich nicht vor den Karren spannen. Während er auf öffentlichen Bühnen seine Homosexualität nie zur politischen Agitation einsetzte, tauchen in seiner Literatur schwule Charaktere auf, Männer, die Liebesbeziehungen mit Männern führen. Weil Baldwin zu der Zeit meines Coming-outs Anfang der 1990er Jahre als ‚schwuler Autor‘ galt, las ich den Roman, dem er diese Bezeichnung vermutlich zu verdanken hat, Giovannis Zimmer. Baldwins Sprache gab mir eine Ahnung davon, wie ich schreiben wollte – und diese Idee hatte wenig mit der heutigen Definition von Queerness zu tun und auch nur bedingt mit dem Schwulsein der Protagonisten David und Giovanni. Wie aber deren Beziehung scheitert, nicht unbedingt daran, weil ihr gegenseitiges Begehren außerhalb der kleinen Pariser Wohnung, außerhalb von Giovannis Zimmer, keinen Raum findet, sondern weil das Verbot und die Herabsetzung längst in die beiden Männer hineingewachsen und Teil von ihnen geworden sind, so dass sie nicht anders können, als einander zu verletzen und zu verraten, wie ihre Liebe also letztendlich nicht oder nicht in erster Linie durch gesellschaftliche Ächtung, sondern an Selbsthass und Selbstekel zugrunde geht, das hatte ich so noch nie gelesen, es erschien mir im wahrsten Sinn des Wortes unerhört und zugleich tief vertraut.

In der Forterzählung meiner Kindheitsszene wäre das spiegelbildliche Gefühl zum Begehren des Jungen die Verachtung – dessen, was er begehrt und derer, die ihn nicht begehren lassen. Um also wirklich über die Verhältnisse zu sprechen – so dass diese sich verändern können –, muss ich auch die Art und Weise betrachten, wie ich dies tue.


Die Rolle des queeren Autors, die ich hier einnehme, bewahrt mich nicht per se davor, das Gefälle zwischen mir und den anderen als Erklärungsmodell für Hierarchiebildungen heranzuziehen, im Gegenteil: Solange auf der einen Seite die Rechte einer Minderheit nicht als selbstverständlich angesehen, sondern ihr von der Mehrheitsgesellschaft – im Ton des zitierten bürgerlich-konservativen Feuilletons – eher gönnerhaft zugestanden werden, auf der anderen Seite aber auch die (queere) Minderheit in ihrer Rhetorik der (heterosexuellen) Mehrheit automatisch das Normative, also das ausgrenzende und herabsetzende Moment zuweist, werden die Trennlinien auch sprachlich immer wieder neu markiert und Ressentiments bestätigt – die Diskriminierung schreibt sich fort. Das Ideal einer diversen Gesellschaft wäre eine, die nicht nur vielfältig ist, sondern die ihre Unterschiedlichkeit auch aushält, eine Gesellschaft, die Differenz produktiv umsetzt, anstatt diese in Machtverhältnisse zu verkehren.

Als Schriftsteller, dessen literarische Produktion nicht nur, aber auch auf Erlebnisse wie das mit Christian zurückgeht, sitze ich an diesem Text also mit gemischten Gefühlen. Die politische Schwere, die ich dieser auf fragilen Erinnerungen fußenden Erzählung aufbürde, bringt mich ins Stocken. Die Gefahr von Schreibblockade und Depression bleibt weiterhin bestehen. Doch in der Polyphonie der queeren Literatur kann eine Stimme die andere, wenn diese schwächer wird, vielleicht nicht ersetzen, aber doch kompensieren. Denn wir brauchen nicht nur die eine schwule, lesbische, bi-, trans-, inter- oder asexuelle und nicht-weiße, eben queere Erzählung, wir brauchen ein neues gesellschaftliches Narrativ vom Anderssein. Und für das Schriftstellersein – dafür, dass ich täglich die Kraft und den Mut aufbringe, ‚ich bin‘ zu sagen – ist noch wichtiger als das eigene Schreiben die Fähigkeit, den anderen zuzuhören.


Eine erste Fassung dieses Essays wurde im März 2022 in der Literaturzeitschrift die horen, Ausgabe 277: Furchtlos schreiben. Das Politische der Literatur veröffentlicht.

1 Zitiert aus: Giacomo Maihofer: Das schlechte Gewissen Amerikas. Rezension zum Film ‚I am not your Negro‘ von Raoul Peck. In: Tagesspiegel vom 30.03. 2017. https://www.tagesspiegel.de/kultur/im-kino-essay-film-im-not-your-negro-das-schlechte-gewissen-amerikas/19587862.html.

2 Zitiert aus: Selbstbewusstsein und Kalkül. Ein Kommentar von Sandra Kegel. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 05.02.2021. https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/wir-sind-schon-da-manifest-der-185-17183459.html.

3 Zitiert aus: Warum sind ältere Frauen nicht auf den Bildschirmen zu sehen? Interview mit Maren Kroymann. In: Süddeutsche Zeitung vom 29. März 2018. https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/reden-wir-ueber-geld-mit-maren-kroymann-warum-sind-aeltere-frauen-nicht-auf-den-bildschirmen-zu-sehen-1.3925994.

Gunther Geltinger

wurde 1974 in Unterfranken geboren. Er debütierte 2008 mit seinem autofiktionalen Roman Mensch Engel über den Grenzgang eines jungen schwulen Mannes zwischen künstlerischer Selbstbehauptung und den sozialen und gesellschaftlichen Zuschreibungen, die ihm durch sein Anderssein widerfahren. Die gleichermaßen produktive wie problematische Verquickung von Leben und Schreiben spielt auch in seinen Romanen Moor (2013) und Benzin (2019) eine zentrale Rolle: auf ihrer Suche nach Liebe und Zugehörigkeit schickt Geltinger seine Figuren, ausgestattet mit autobiografischem Material, auf Reisen in die literarische Fremde – in ein buchstäblich sprechendes norddeutsches Moor oder ins vielsprachige postkoloniale südliche Afrika. Gunther Geltinger kuratiert im Herbst 2022 die queere Lesereihe Queer (L)it! des virtuellen Literaturhauses und liest in Bremen aus seinem Roman Benzin.

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Zum Videogespräch zwischen Gunther Geltinger und Sasha Salzmann

Zur Veranstaltung Werkstatt des queeren Romans