Prager Netz-Tagebuch von Akos Doma

Doma_Akos_2_honorarfrei_HubertKlotzeck_850Das „Prager Literaturstipendium 2.0“. wurde in diesem Jahr an den Schriftsteller und Übersetzer Akos Doma vergeben. Vom 20. August bis Ende September berichtet Akos Doma online auf unserer Website via Netz-Tagebuch über seinen Aufenthalt  aus der tschechischen Hauptstadt.

 


 

28. September 2014:

Morgendlicher Abschied aus Prag. Prag wird mir fehlen, gelinde gesagt, die langen, sonnigen Nachmittage, Abende in der Wohnung, die Gesangsstunden eine Etage unter mir, der nächtliche Anblick des durch die alten, gewellten Fensterscheiben tatsächlich „golden“ schimmernden Hradschin, tausenderlei mehr. Mein Tschechisch ist nur unwesentlich besser geworden, strenggenommen habe ich – auch das erst jetzt in den letzten Tagen – nur ein einziges Wort gelernt: děkuji. Aber vielleicht ist gerade mit diesem kleinen Wort alles gesagt: děkuji.

Meine 100

1. Die Mama und die Hure                            J. Eustache                           F            1973

 


 

27. September 2014:

Kafka und Prag 2: Die Anekdote von der literaturbeflissenen Amerikanerin, die eigens nach Prag kam, um Tschechisch zu lernen, um Kafka mal im Original lesen zu können …

Ich habe mich an die Gattung des Blogs gewöhnt, obwohl es meinen beiden schriftstellerischen Grundprinzipien zuwiderläuft: Kein Wort zuviel und Du bist nichts, dein Werk ist alles.

Meine 100

2. Achteinhalb (8½)                                      F. Fellini                              I            1963

 


 

26. September 2014:

Das Plakat der diesjährigen Homosexuellenparade in Prag war wie frühere sowjetische Plakate der ins sozialistische Paradies marschierenden Jugend gestaltet, wehende Fahnen, stolz zum unsichtbaren Horizont erhobene, entschlossene Gesichter in die Strahlen einer verheißungsvoll aufgehenden Sonne getaucht. Der „große Marsch“ ins tausendjährige Wasauchimmer. Kundera nannte es Kitsch. Aber im Gegensatz zur Homosexualität scheint die menschliche Sucht nach Eschatologie, nach der großen Utopie, tatsächlich angeboren zu sein. Geradezu sehnsüchtig erinnert man sich da eines Pier Paolo Pasolini, der sich nicht platt-politisch, sondern existentiell-abgründig mit seiner Sexualität auseinandergesetzt und Zeitgeistmeinungen nie angepaßt hat. Er hat in seinen letzten Monaten an einem Werk zur Aufdeckung von P2 und Gladio gearbeitet, aber wie so viele Renegaten der Macht von Christus bis Chavez, von Kennedy bis Herrhausen, die dem „Lauf der Dinge“ eine radikal neue Richtung geben wollten, hat auch er mit dem Leben dafür bezahlt. Ein kleiner Strichjunge mußte für die Tat herhalten.

„In einer Gesellschaft, in der alles verboten ist, kann man alles machen: in einer Gesellschaft, wo nur etwas erlaubt ist, kann man nur dieses Etwas machen“ (P. P. Pasolini) – das große Geheimnis der Diktatur des Liberalismus.

Beim Spaziergang durch den Stromovka Park, den größten und schönsten in Prag, ein Mann und eine Frau mit drei Kindern, drei Mädchen, eines noch im Buggy, sie wirken zufrieden, wenn es das gibt: glücklich. Ein Anblick von schlichtem Glück, gar nicht der Rede wert. Aber daß gerade diese kleine, kleinste Einheit, Frau, Mann, Kind, in unserer Gesellschaft in Politik, Medien und Kunst nicht einen einzigen Fürsprecher hat, daß sie uns nicht einmal „der Rede wert“ ist, spricht nicht für sie – unsere Gesellschaft.

„The best lack all conviction, while the worst

Are full of passionate intensity“ (Yeats, The Second Coming).

Kafka und Prag. Das besagt mir nichts. Nicht einmal sein Geburtshaus oder was davon übriggeblieben ist, paßt zu ihm. Kafka läßt sich nicht einem bestimmten Ort zuordnen, Kafka ist ein eigener Kontinent, ein eigener Archipel. Eine Fähre fährt zu diesem Archipel, der Kapitän ist ein epileptischer Russe, der Fährmann ein neurasthenischer Norweger. Kafka ist kein Ort, Kafka ist eine Zeit, die unsere, die Moderne. Kafka, das sind wir alle, das ist die Bürokratie, die Angst, die Paranoia, der unsichtbare, allgegenwärtige Feind … Aber Kafka ist auch zwei Dinge, die wir alle nicht sind. Er ist komisch und er ist erotisch.

Meine 100

3. Das süße Leben                                         F. Fellini                              I             1960

 


 

25. September 2014:

Vor zwei Tagen Herbstanfang. Seit einer Woche die übliche Torschlußpanik vor dem Ende eines Stipendiums, das Gefühl, nicht genug gearbeitet, nicht genug den Ort, seinen genius loci erkundet zu haben. Ausgedehnte Streifzüge durch diverse nahe und abgelegene Stadtteile Josefstadt, Smíchov, Holešovice, über die schöne Anhöhe des Letna Parks, Ausflug zur Burg Karlstejn, Besichtigung von Muchas Slawischem Epos (ein großes Werk, auch wenn den Bildern die Leichtigkeit und Verspieltheit seiner Jugendstilwerke fehlt). Überhaupt Jugendstil – wem das ähnlich gut gefällt wie mir, kann sich in Prag daran zu Tode laben, kaum eine Fassade im Zentrum ohne Jugendstilverzierungen und als Krönung die Jugenstilorgie des Gemeindehauses Obecní dům.

Das Hotel International. Einer dieser von der Architekturgeschichte verpönten Wolkenkratzer im „Zuckerbäckerstil“, die eine geradezu magische Anziehungskraft auf mich ausüben. Eine Art sozialistischer Jugendstil. Im Gegensatz zu den amerikanischen Wolkenkratzern, die in den meisten Fällen auf dem vertikalen Prinzip beruhen, also reiner Geist, sprich: Hybris sind, verlassen diese Ostwolkenkratzer nie das horizontale, fleischliche Prinzip, trotz ihrer oft ganz erheblichen Höhe überwiegt doch die horizontale Ausdehnung, die Verschlankung nach oben ergibt sich ganz natürlich. Das schönste Exemplar ist das gigantische Wohnhaus an der Kotelnitscheskaja-Uferstraße in Moskau.

Der Vorteil eines Aufenthalts in einem Land, dessen Sprache man nicht beherrscht: Man erspart sich die Lügen und Stimmungsmache, die tägliche Gehirnwäsche der Massenmedien, die ferngesteuerte Inszenierung und Eskalierung von Konflikten weltweit durch die Geostrategen des anglo-amerikanischen Imperiums und ihrer willigen Vollstrecker im europäischen Polit- und Medienestablishment. Das ist nicht wenig.

Meine 100

4. Orfeu Negro                                              M. Camus                       F/BR           1959


 

24. September 2014:

Meine 100

5. Die nackte Insel                                         K. Shindo                         J                1960

 


 

23. September 2014:

Meine 100

6. Die Regenschirme von Cherbourg            J. Demy                           F                 1963

 


 

22. September 2014:

Meine 100

7. Mein Onkel                                          J. Tati                                        F                  1958

 


 

21. September 2014:

Meine 100

8. Die Kinder des Olymp                        M. Carné                                    F                  1943-44

 


 

20. September 2014:

Meine 100

9. Geraubte Küsse                                    F. Truffaut                                 F                   1968

 


 

19. September 2014:

Meine 100

10. Die Ausgebufften                                B. Blier                                       F                  1974

 


 

18. September 2014:

Wenn man glaubt, Prag, jedenfalls das Zentrum, durch das man wochenlang kreuz und quer gelaufen ist, halbwegs zu kennen, entdeckt man plötzlich die versteckten, labyrinthartigen Innenpassagen innerhalb der Häuserblocks beziehungsweise die kleinen Parks zwischen ihnen. Das heißt, die meisten Touristen entdecken sie eben nicht, und so scheinen diese Bereiche eine Art Rückzugsraum für die einheimische Bevölkerung zu sein.

Innenhöfe gibt es auch zwischen den großen Mietshäusern der Jahrhundertwende, wie ich jetzt eines bewohne. Sie stehen fast Rücken an Rücken, und durch die nach hinten offenen Fenster und Türen entsteht eine vertraute Häusergemeinschaft. Aber auch innerhalb des Hauses selbst gibt es eine Verbindung zwischen den Wohnungen, einen in der ganzen Höhe des Hauses verlaufenden, nach oben offenen Schacht, auf den sich die Toilettenfenster aller Stockwerke öffnen. Und da diese Fenster naturgemäß meist geöffnet sind, entsteht auch hier eine gemeinsame Intimsphäre, alles sehr natürlich und entspannt.

Und wenn dann am Nachmittag in der Wohnung unter mir die Klänge des Gesangsunterrichts ertönen, fühle ich mich vollends ins Paris der 60er Jahre, in einen der Antoine-Doinel-Filme Truffauts versetzt.

Meine 100

12. Ein Regenschirm für Verliebte                           R. Nachapetow                      SU       1988

11. Hafen im Nebel                                                     M. Carné                                  F         1938

 


 

17. September 2014:

Meine 100

14. Verliebt in scharfe Kurven (Il sorpasso)              D. Risi                                    I          1962

13. Lola                                                                             J. Demy                                 F          1961

 


 

16. September 2014:

Meine 100

16. Tatis Schützenfest                                               J. Tati                                      F          1949

15. Letztes Jahr in Marienbad                                  A. Resnais                              F          1961

 


 

15. September 2014:

Sonnige Tage, die letzten Zuckungen des Sommers. Und abends das rituelle Feuerwerk über der Moldau, eine nicht vergehen wollende Urlaubsstimmung in der ganzen Innenstadt. Und wie eine Spiegelung des Feuerwerks am Himmel: der Tanz der Lichter der Uferlaternen auf den Wellen der Moldau unter meinen Fenstern.

Wissen ist Macht. Das Unwissen lacht (A.D.)

Meine 100

18. Tisch und Bett                                                F. Truffaut                            F          1970

17. Die Reise nach Tokio                                     Y. Ozu                                    J           1953

 


 

14. September 2014:

Meine 100

20. Ein Bahnhof für zwei                                         E. Rjasanow                          SU        1983

19. Die Ferien des Monsieur Hulot                          J. Tati                                     F          1953

 


 

13. September 2014:

Meine 100

22. Der dritte Mann                                                  C. Reed                                 GB        1949

21. Die sieben Samurai                                             A. Kurosawa                           J          1954

 


 

12. September 2014:

Im Zug nach Hannover, zu einer Lesung nach Uelzen: Zwei muskulöse Polizisten mit griffbereiten Pistolen, einer von ihnen im T-Shirt, streifen durch den Zug, und wie immer wenn ich das sehe, denke ich mir, nicht hier müßt ihr nach Verbrechern suchen, aus ihren verspiegelten, gläsernen Türmen, ihren gated communities müßt ihr sie holen, die Spekulanten und Finanzoligarchen, die für die „kannibalistische Weltordnung“ (Jean Ziegler), den Hunger und die schmutzigen Kriege und den daraus resultierenden Strom entwurzelter, heimatloser, mit dem sinnlos-beschönigenden Zehzettel „Migrant“ versehener Flüchtlinge verantwortlich sind und hinter den Kulissen der Politik mit einem Heer von Lobbyisten und „Denkfabriken“ die einst demokratischen Strukturen infiltrieren und aushöhlen, und manchmal – zumal wenn diese Sicherheitskräfte ausschließlich die nicht dezidiert christlich-abendländisch anmutenden Fahrgäste zur Kontrolle herauspicken (was sie ausnahmslos immer tun) –, sage ich es ihnen auch, und sie nicken oder lächeln meist zustimmend, sie verstehen, was ich meine – und gehen weiter, sie haben ihre Anweisungen und ihren Monatslohn. Und dann fällt mir die Polizistin ein, die uns, einem Freund und mir, bei einer Demonstration gegen den US-Angriffskrieg auf den Irak ungeachtet unseres relativ provokativen Plakats ein „Na, dann demonstriert schön für uns mit“ mit auf den Weg gab. Ich hätte sie am liebsten umarmt, unterließ es dann aber, sie hätte die Bewegung vielleicht doch mißverstanden.

 

Meine 100

24. Die süße Haut                                                     F. Truffaut                              F          1964

23. Die Liebenden                                                     L. Malle                                  F          1958

 


 

11. September 2014:

Meine 100

26. Meine Nacht bei Maud                                       E. Rohmer                             F         1969

25. Spiel mir das Lied vom Tod                                S. Leone                                 I          1968

 


 

10. September 2014:

Abend für Abend versinkt hinter dem Laurenziberg schräg gegenüber den Fenstern die Sonne, beschert wilde Wolkenformationen vor dem langsam sich verdunkelnden Himmel. Ganz dunkel wird es nie.

Auf einem Auto ein Aufkleber: I love porno, mit Herzchen in der Mitte. Ein Scherz? Ironie? Ernst gemeint? – Mitteleuropa im 21. Jahrhundert. Oder nur eine arme, verwirrte Seele.

Meine 100

28. Frau zu verschenken                                          B. Blier                                   F          1977

27. Zu schön für dich                                                B. Blier                                   F          1989

 


 

9. September 2014:

Meine 100

30. Schwarze Narzisse                                              Powell/Pressburger                GB         1947

29. Fahrstuhl zum Schafott                                     L. Malle                                    F           1957

 


 

8. September 2014:

Meine 100

33. Psycho                                                                 A. Hitchcock                         US         1960

32. Die Kraniche ziehen                                         M. Kalatosow                        SU         1957

31. Ladykillers                                                          A. Mackendrick                    GB        1955

 


 

7. September 2014:

Meine 100

36. Ich bin Kuba                                                        M. Kalatosow                      SU         1964

35. Ein Haufen toller Hunde (The Hill)                 S. Lumet                              GB         1965

34. Taxi Driver                                                           M. Scorsese                          US         1976

 


 

6. September 2014:

Mark Twain: „Es ist idiotisch, sieben oder acht Monate an einem Roman zu schreiben, wenn man in jedem Buchladen für zwei Dollar einen kaufen kann“. Recht hat er, aber es hilft nichts: Schaffen ist schöner als schoppen.

Meine 100

39. Pandora und der fliegende Holländer               A. Lewin                             GB         1951

38. Ein Mann und eine Frau                                      C. Lelouch                           F           1966

37. Ein Herbstnachmittag                                          Y. Ozu                                  J            1962

 


 

5. September 2014:

Besuch bei Freunden in Benešov. Besichtigung des Schlosses Konopiště, wo Erzherzog Franz Ferdinand, der designierte Thronfolger Österreich-Ungarns, mit seiner schönen, aber nicht standesgemäßen Frau Sophie Gräfin Chotek lebte. Franz Ferdinand war ein fanatischer Sammler und Jäger. Er besaß nicht nur eine große Sammlung erlesener alter Waffen und Rüstungen, er erlegte im Lauf seines Lebens auch die unfaßbare Zahl von 274.889 Stück Wild, über die peinlich genau Buch geführt wurde. Der mittellose, serbische Anarchist Gavrilo Prinzip brachte es in seinem kurzen Leben auf nur zwei Treffer.

Meine 100

42. Rocco und seine Brüder                                        L. Visconti                      I              1960

41. Liebling der Frauen (Monsieur Ripois)              R. Clement                     F/GB       1954

40. Schlacht um Algier                                               G. Pontecorvo                 I/AL        1966

 


 

4. September 2014:

Die Schriftstellerwohnung im vierten Stock, hoch über der Moldau. Wer nur das parzellierte, moderne Wohnen kennt, weiß nichts von der Wohnqualität einer klassischen, mitteleuropäischen Altbauwohnung der Jahrhundertwende. Parkettböden, hohe Decken, hohe Flügeltüren, große Fenster, die die Räume mit Sonnenschein geradezu ertränken, selbst die Akustik ist voller, schöner. Alledem wohnt ein Geist der Großzügigkeit inne, der in unserer Zeit des berechnenden, buchhalterischen Nützlichkeitsdenkens, der Pragmatik und der Überbevölkerung längst verschüttet ist.

Meine 100

45. Doktor Schiwago                                              D. Lean                              GB/US            1966

44. Ryans Tochter                                                  D. Lean                               GB                 1970

43. Die Verlobten                                                   E. Olmi                                I                     1963

 


 

3. September 2014:

Meine 100

48. Rififi                                                                       J. Dassin                                 F          1954

47. Das Loch                                                                Jacques Becker                       F          1960

46. Der Pate (Teil 1)                                                   F. F. Coppola                          US        1972

 


 

2. September 2014:

Meine 100

51. The French Connection                                        W. Friedkin                            US         1971

50. Sie küßten und sie schlugen ihn                        F. Truffaut                              F           1959

49. Eifersucht auf Italienisch                                    E. Scola                                    I           1970

 


 

1. September 2014:

Meine 100

54. Moskau glaubt den Tränen nicht                       W. Menschow                        SU       1979

53. Die Korruption (La corruzione)                            M. Bolognini                          I          1963

52. Die Müßiggänger (I vitelloni)                               F. Fellini                                 I          1953

 


 

31. August 2014:

Meine 100

57. Der Job                                                                     E. Olmi                                   I          1961

56. Elvira Madigan                                                      Bo Widerberg                         S          1967

55. Wintermärchen                                                      E. Rohmer                              F          1992

 


 

30. August 2014:

Meine 100

60. Im Strudel                                                                I. Gaál                                    H         1964

59. Im Zeichen des Löwen                                           E. Rohmer                              F          1959

58. Der Clou                                                                    G. R. Hill                               US        1973

 


 

29. August 2014:

Meine 100

64. Adel verpflichtet                                                  R. Hamer                              GB      1949

63. Treibende Wolken                                                M. Naruse                              J          1955

62. Wilder Sommer                                                     V. Zurlini                               I          1959

61. Die Unbefriedigten (Les bonnes femmes)       C. Chabrol                             F          1960

 


 

28. August 2014:

Meine 100

68. Vier Nächte eines Träumers                                 R. Bresson                              F          1971

67. Karussell                                                                  Z. Fábri                                  H         1955

66. Die Tatarenwüste                                                 V. Zurlini                                I          1976

65. Der Idiot                                                                   A. Kurosawa                          J          1951

 


 

27. August 2014:

Gestern bei warmem Wetter Vysehrad und Moldauufer südlich der Jiráskuv Brücke. Alles sehr gelassen, die Tschechen beherrschen die hohe Kunst des Entspanntseins. Kommt das von all dem Bier, das sie trinken? Heute Dauerregen.

Ein Eintrag im „Buch der Bewohner“, einem von meinen Vorgängern in der Wohnung verfaßten Heft mit vielen guten Tipps: An heißen Tagen läuft der Nachbar (im Hof gegenüber) nackt herum. Nicht schrecken. Ich lese das, denke traurig: Mein Gott, warum tun Frauen nie sowas. Die Jalousien jedenfalls habe ich heruntergelassen.

Meine 100

72. Gilda                                                                   C. Vidor                                 US       1946

71. Die Lady von Shanghai                                     O. Welles                                US       1947

70. Banshun – Später Frühling                               Y. Ozu                                    J          1949

69. Vertigo                                                                 A. Hitchcock                           US       1958

 


 

26. August 2014:

Meine 100

76. Jules und Jim                                                       F. Truffaut                              F          1961

75. Der erste Lehrer                                                  A. Kontschalowski                 SU       1965

74. Das Wort                                                             C. T. Dreyer                             DK      1955

73. Rotbart                                                                A. Kurosawa                             J          1965

 


 

25. August 2014:

Meine 100

80. Die Hoffnungslosen                                          M. Jancsó                               H         1965

79. Ugetsu Monogatari                                             K. Mizoguchi                         J          1953

78. Das Lächeln einer Sommernacht                      I. Bergman                           S          1955

77. Die Jungfrauenquelle                                          I. Bergman                           S          1960

 


 

24. August 2014:

Am siebten Tag schuf Gott die Stille, und er sah, daß es gut war. Ich sehe das auch so.

Meine 100

84. Vollmondnächte                                                  E. Rohmer                              F          1984

83. Pauline am Strand                                              E. Rohmer                              F          1982

82. Der Teufel mit der weißen Weste                   J.-P. Melville                           F          1962

81. Die amerikanische Nacht                                    F. Truffaut                              F          1973

 


 

23. August 2014:

Auf der Insel gegenüber findet den ganzen Tag ein Straßenkonzert statt. Diese Konzerte gleichen sich weltweit genauso wie Fußgängerzonen. Dröhnende, chronisch schlechte, drittklassige Rockmusik, dumpfe Bässe, Schlagzeuggehämmer und hallende Elektronik und eine gröhlende Stimme wie vom Streckbrett. Diese Musik hat etwas grundsätzlich Verzweifeltes, Quälendes, absichtsvoll Häßliches, Impotentes, Blumen verwelken, wenn sie ihr ausgesetzt werden. Den Leuten gefällt’s aus irgendeinem Grund, sie johlen, aber Freude kommt nicht auf. Freude, Fröhlichkeit sind etwas Biologisches, durch Technik nicht zu Erzeugendes. Allgemein läßt sich feststellen, daß die Fähigkeit zur Freude, zur Fröhlichkeit eines Menschen, eines Landes seinem technischen Stand, seiner technischen Aufrüstung direkt proportional entgegengesetzt ist.

Erste Rundgänge, erstes Wiedererkennen von Stätten früheren Glückes: Flecku, Café Slavia. Ich wage den Gang über die Karlsbrücke. In der Verlassenheit der Morgenstunden mag sie zauberhaft schön sein, aber um sie an einem Samstag Nachmittag im August zu überqueren, muß man wirklich ein Menschenfreund sein. Ein Touristenmassenfreund. Eigentlich gehört sich das genauso verboten wie ein Spaziergang über die Váci Straße in Budapest. Ich werde fortan die anderen Brücken nehmen, denn hinüber muß ich ja doch.

Meine 100

88. Das Leben ist ein Chanson                                  A. Resnais                              F          1997

87. Onibaba – die Töterinnen                                    K. Shindo                               J           1964

86. Heaven’s Gate                                                     M. Cimino                              US         1980

85. Mutter Johanna von den Engeln                       J. Kawalerowicz                      P          1961

 


 


22. August 2014:

Meine 100

92. Diebe haben’s schwer                                          M. Monicelli                           I          1958

91. Tag der Rache                                                        C. T. Dreyer                            DK      1943

90. Eine verheiratete Frau                                         J.-L. Godard                          F          1964

89. Ein mörderischer Sommer                                   Jean Becker                            F          1983

 


 

21. August 2014:

Meine 100

96. Goldhelm                                                            J. Becker                                F          1951

95. Die Bösen schlafen gut                                       A. Kurosawa                          J          1960

94. Die Nacht des Jägers                                           C. Laughton                          US       1955

93. Harakiri                                                               M. Kobayashi                         J           1962


 

20. August 2014:

Fahrt durch die Oberpfalz, braune Felder, dunkle Wälder, eine schöne, spröde, dunkle Landschaft, die mir seit meinen sieben Jahren in der Gegend so vertraut ist. Unglaublich, wie tief sich einem in der Jugend Erlebtes einprägt. Der Zug ist wie die Züge vor dreißig Jahren, mit Abteilen, beweglichen Fenstern, knatternden Gleisen, ohne Klimaanlage, ohne Steckdosen, ein wenig schmuddelig und fröhlich, und plötzlich sind auch die Fahrgäste so, plötzlich wimmelt und atmet und menschelt es, unverkennbar: es geht nach Osten. Wie traurig, das alles nur in Superzeitraffer, aus 10 000 Metern Höhe zu erleben, nicht zu erleben. Liegt es an mir, daß ich sowas mag, während der Rest der Welt sich nach dem Gegenteil abstrampelt? Ich weiß, daß es nicht an mir liegt, aber ein Restzweifel bleibt doch. Und der darf nicht zu groß werden.

Domazlice, die Grenze von einst, und auf einen Schlag ist man drüben. Sonnenblumenfelder, bröckelnder Verputz. Nichts hat sich verändert. Oder doch? Ein LIDL schießt am Fenster vorbei, ich atme auf, die Versorgung der nächsten sechs Wochen ist gesichert. Ab Pilsen allein unter Tschechen, ich lausche der Sprache: der Klang ist nicht so ungestüm wie Serbokroatisch, nicht so sperrig wie Polnisch, nicht so schön wie Russisch, eher gemäßigt, mittig. Ihnen allen gemeinsam: Ich verstehe keine Silbe. Einfahrt in Prag hl.n. (vermutlich Hauptbahnhof).

Damit ich wirklich auch jeden Tag etwas verschicke, habe ich mir vorgenommen, in den nächsten Wochen meine wohlüberlegte, wenn auch subjektive Liste der 100 größten Filme der Filmgeschichte vorzustellen (diesbezüglich bin ich seltsam mitteilungsfreudig):

Meine 100

100. Picknick am Valentinstag                                  P. Weir                                    AUS    1975

99. Das Parfüm von Yvonne                                      P. Leconte                              F         1994

98. Die mit der Liebe spielen (L’avventura)          M. Antonioni                         I           1960

97. Das Irrlicht                                                              L. Malle                                  F           963

 


>> mehr lesen zum Prager Literaturstipendium 2.0


Foto Akos Doma: Hubert Klotzeck

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