Der Weg nach Deutschland

Von Selin Karaca

Mein Name ist Selin. Die Bedeutung von meinem Namen ist der Segen. Meine Eltern hatten mich deshalb so genannt, weil sie der Meinung waren, dass es dann für Deutschsprachige leichter wäre, meinen Namen in Deutschland auszusprechen. Sie wollten mir einen türkischen Namen geben, er sollte aber nicht allzu kompliziert, sondern leicht sein.

Ich wurde in Deutschland geboren, doch meine Großeltern kamen mit meinen Eltern als Gastarbeiter nach Deutschland. Sie gründeten hier in Deutschland ein neues Leben, ganz anders als in der Türkei, wo sie eigentlich herkamen. Mein Opa arbeitete überall dort, wo es Arbeit gab. Egal, wie weit der Ort entfernt war, ging er dorthin arbeiten, er tat es natürlich für seine Familie.

Wenn ich mich mal beschwere, weil ich in die Schule gehen und früh aufstehen muss, erzählt er mir (er ist heute Rentner), wie es bei ihm in seiner Zeit war, als er nach Deutschland gekommen ist. Wie er jeden Tag, jede Woche ans andere Ende von Deutschland gefahren ist, nur um zu arbeiten und Geld zu verdienen. Wie er jeden Morgen um drei Uhr aufstehen und zur Arbeit gehen musste – aufgrund der großen Entfernung. Wie sie als Gastarbeiter manchmal keinen Platz zum Schlafen hatten und auf dem Boden schlafen mussten. Dass er so vieles durchgemacht hat, in ein fremdes Land eingewandert ist, ohne jemanden zu kennen, ohne die Sprache zu können. Ein völlig fremder Ort, aber für ein besseres Leben, für eine bessere Zukunft seiner Kinder und Enkel.

Jedes Mal, wenn ich mich über etwas (in der Schule oder zu Hause) beschwere, erzählt er mir Geschichten, die er erlebt hat. Dank ihm und seiner Erlebnisse und Lebenserfahrung wird mir jedes Mal klar, dass wir heutzutage unser Glück nicht schätzen: Wir sprechen die deutsche Sprache fließend, als wäre es unsere Muttersprache, können lesen, schreiben und gehen auf die Schule. Wir leben in Frieden und müssen uns keine Sorgen über morgen und über unsere Zukunft machen. Wir sind an niemanden gebunden und können das machen, was wir wollen. Auch wenn es nicht leicht wird, haben wir es leichter als unsere Großeltern damals und dafür sollten wir dankbar sein. Wir sollten unser Glück schätzen und versuchen, das Beste daraus zu machen, denn es gibt am anderen Ende der Welt Menschen, die dieses Glück nicht haben. 

Das Leben meiner Großeltern ist für mich deshalb eine große Lehre, weil sie mich jedes Mal aufs Neue motivieren. Sie wollen, dass meine Zukunft sicher ist und dass ich ein schönes Leben führe und glücklich bin.

Als Mädchen in die Schule gehen zu können, zu studieren und später einen Job in der Hand zu haben, scheint im Gegensatz zu damals wie ein Traum (für die damaligen Frauen): von allem und jedem unabhängig zu sein und auf eigenen Beinen stehen zu können. Für uns ist es die Realität und ich bin dankbar dafür, dass ich diese Freiheit erleben darf.

Meine Großeltern sind in meinen Augen tapfere Menschen. Sie haben für unsere Zukunft alles, was sie in der Türkei hatten, stehen und liegen gelassen, für ihre Kinder. Um uns ein besseres Leben zu ermöglichen. Damit wir nicht wie sie in ein anderes Land ziehen müssen, um dort arbeiten zu können. Damit wir kein Heimweh bekommen, sondern glücklich sind und einen guten Job in der Hand haben. Dafür bin ich ihnen dankbar, dass sie sich für mich und meine Geschwister (Cousinen …) geopfert haben. Dank ihnen bin ich heute die Person, die ich bin und alles, was ich erreicht habe und erreichen werde, habe ich ihnen zu verdanken.

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