Gäste in Alemanya

Von Rabia Yakac

Meine Großeltern kamen im Jahre 1968 aus der Türkei nach Deutschland. Sie versuchten, so wenig wie möglich mit der deutschen Sprache konfrontiert zu werden. Sie probierten nie neue Dinge aus und bemühten sich, für die Deutschen so gut wie unsichtbar zu sein und nie irgendwelche Gesetze zu brechen, denn sie waren Gastarbeiter, sie waren Gäste, die bald wieder zurück in die Heimat gehen würden. Mit diesem Gedanken lebten meine Großeltern sechsundvierzig Jahre in Deutschland und lernten keinen vernünftigen Satz Deutsch. Sie gingen oft in die Moschee und versuchten, ihre Traditionen so gut es ging zu bewahren. Sie wohnten in einer Straße mit vielen gleichgesinnten türkischen Gastarbeitern und hatten es deshalb nie nötig, die deutsche Sprache zu lernen.

Zu den glücklichsten Erinnerungen meiner Großeltern gehört ihre Pilgerfahrt nach Mekka. Über die traurigsten Erinnerungen sprachen die beiden ungern, denn sie waren immer der Meinung, man sollte in die Zukunft gucken, statt in der traurigen Vergangenheit zu schwelgen. Sie kamen mit den schweren Zeiten klar, weil sie an Gott glaubten und wussten, dass nach schweren Zeiten immer schöne folgen werden. Meine Oma lernte nie lesen und schreiben und umso wichtiger war ihr die Bildung ihrer Töchter. Mein Opa arbeitete und lebte sechsundvierzig Jahre in Bremen: bis Oma hier starb und er es hier nicht mehr aushielt und wieder in seine Heimat floh – mit fünfundsiebzig Jahren, einsam und allein. Der Traum von Oma und Opa, wieder gemeinsam in der Türkei zu leben, hat sich nie erfüllt, denn hier in Bremen war die Familie. Töchter und Enkel sind alle hier.

Meine Mutter ist hier in Deutschland geboren und aufgewachsen. Zuhause sprach sie Türkisch und auf der Straße Deutsch. Zwischen zwei Kulturen und immer mit der Angst, ihre Eltern, die als Gastarbeiter hierhergekommen waren, würden von hier eines Tages wieder weggehen und sie aus ihrem Umfeld herausreißen. Jahrzehnte lang lebten sie in kleinen Wohnungen, die nie vollständig renoviert waren, weil sie nur Gäste waren und bald wieder zurückgehen würden, aber es kam nie dazu. Irgendwann sprachen die Töchter besser Deutsch als Türkisch, benahmen sich anders und auch sie heirateten hier und bekamen ihre Kinder hier.

Die ältesten Schwestern, die in der Türkei geboren sind, träumen noch davon, eines Tages wieder zurückzugehen. Aber alle Töchter sehen sich selbst als Türkinnen. Türkinnen, die immer noch versuchen, ihren Kindern das zu geben, was ihre Eltern ihnen geschenkt haben – nur eben anders. Deutscher. Sie sprechen fließend Deutsch, kennen sich in ihrem Umfeld aus und sie sind offener für etwas Neues.

Ich gehöre in unserer Familie zu der dritten Generation, die in Deutschland lebt und den türkischen Migrationshintergrund hat. Aber ich bin weder hundertprozentig das eine noch das andere – ich bin beides: türkisch und deutsch. Während meine Großeltern ganz genau wussten, was sie sind und meine Eltern sich nicht entscheiden konnten, wissen wir, was wir sind: beides. Ich lebe hier und ich bin hier glücklich. Woanders zu wohnen ist für mich unvorstellbar. Aber ich zähle die Tage, bis ich endlich wieder dorthin reisen kann, wo alles angefangen hat. Bis ich endlich wieder in der Heimat bin. Von wo meine Großeltern loszogen in ein Abenteuer voller Überraschungen, Unwissenheit und Liebe. Mit der Hoffnung, bald wieder dort zu sein, wo alles angefangen hat. Und würden meine Großeltern heute noch leben, wären sie glücklich über das, was sie hinterlassen haben. Aus den Gästen in Deutschland wurde Familie, denn wir sind ein Teil von dem geworden, wovor meine Großeltern sich fürchteten: Wir sind ein Teil Deutschlands. Manchmal frage ich mich, was wohl aus unseren Nachfolgern wird und ich glaube daran, dass auch diese die Mitte beziehungsweise ihren neuen Weg finden werden. Und würde ich Oma und Opa fragen, was sie mir für meine Zukunft raten würden, würden sie sagen, dass man mit Angst nicht weit kommt und Gott immer für uns da ist.

One thought on “Gäste in Alemanya

  1. Pingback: Diverse People Remember | Literaturhaus Bremen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.