Mitten im Bombenhagel

Von Marleen Krause

Meine Oma hat im Krieg ihren Mann verloren und stand dadurch alleine mit zwei Kleinkindern da. Ein Junge und ein Mädchen, der Junge (mein Onkel) war sieben Jahre alt und das Mädchen (meine Mutter) sechs Jahre alt.

Meine Oma wurde von ihrem Mann total verwöhnt, sie musste nie etwas alleine machen. Er hatte sich immer um alles gekümmert: um das Essen, den Haushalt und um die Kinder. Nach seinem Tod ist für sie die Welt zusammengebrochen. Meine Oma war gänzlich überfordert, sie war so mit sich selbst beschäftigt, dass sie sich gar nicht um die Kinder kümmern konnte. Sie konnte nicht mal alleine fürs Essen sorgen. Deshalb waren die Kinder durch den großen Hunger dazu gezwungen gewesen, bei den Nachbarn Kartoffeln zu stehlen. Nur damit wenigstens ein bisschen was zu essen abends auf den Tisch kam.

Der schlimmste Tag war aber, als meine Oma mit den Kindern zum Ohrenarzt gegangen ist. Der Arzt stellte fest, dass das Mädchen, meine Mutter, zu dem Zeitpunkt eine schwere beidseitige Mittelohrentzündung hatte. Sie hatte dadurch hohes Fieber und konnte nichts richtig hören.

Nach der Untersuchung beim Arzt, als sie nach Hause gehen wollten, ertönten die Sirenen. Das bedeutete, dass alle sofort in den am nächstgelegenen Schutzbunker flüchten sollten. Vor lauter Angst ist meine Oma einfach vorgelaufen und hat nicht mitbekommen, dass ihre Tochter mitten auf dem Marktplatz gestolpert ist und sich dabei verletzt hatte.

Fast am Schutzbunker angekommen, bemerkte mein Onkel, dass seine Schwester fehlte. Er lief dann direkt zum Marktplatz zurück, suchte seine Schwester. Währenddessen fielen schon die Bomben.

Völlig geschockt fand mein Onkel seine Schwester weinend auf dem Boden mitten auf dem Marktplatz sitzend und schaffte es, sie zum Bunker zu bringen.

Dieses Erlebnis konnte meine Mutter nie vergessen, dass sie völlig allein im Bombenhagel saß und von allein nicht aufstehen konnte.

Zum Glück fand aber meine Oma schnell genug einen neuen Mann, der sich wieder um alles gekümmert hat, alle täglichen Aufgaben erledigte und die ganze Verantwortung auf sich genommen hat. Hätte sie diesen Mann nicht gefunden, wäre es vielleicht wirklich schlimm für die Kinder ausgegangen.

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