Weg meines Onkels nach Deutschland

Von Mervan Dag

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Ich war fünfzehn Jahre alt, als Soldaten in unser Klassenzimmer stürmten und mich und meinen Kumpel Kenan mitnahmen. Wir hatten große Angst, denn sie waren uns gegenüber sehr aggressiv, und auf Nachfrage, was wir denn falsch gemacht hätten, antworteten sie: „Ihr seid Hurensöhne!“

Als wir auf dem Revier ankamen, brachten sie uns ins Zimmer vom Kommandanten. Er sagte, dass wir Terroristen der Arbeiterpartei PKK seien und für den Rest unseres Lebens ins Gefängnis kommen würden. Obwohl ich zu dem Zeitpunkt am liebsten nur geweint hätte, blieb ich standhaft und konnte meine Tränen zurückhalten. Nachdem wir stundenlang befragt worden waren, warum wir an Meetings der PKK teilgenommen und welche Verbindungen wir zu bestimmten Namen hätten, brachte man uns ins Jugendgefängnis, das schon überfüllt war.

Kenan und ich landeten zum Glück in derselben Zelle; die Zellen bestanden aus fünfzehn Betten, es gab keine Privatsphäre. Die meisten waren – so wie wir – aufgrund von Terrorverdacht verhaftet worden und die meisten kannte ich von den Meetings.

In den ersten drei Monaten durften wir nicht mit unserer Familie reden und bekamen keinen Besuch. Erst nach diesen drei Monaten bekamen wir endlich Besuch: von Papa und Mama, also deinem Opa und deiner Oma. Sie durften aber nur zwanzig Minuten mit mir über einen Telefonhörer sprechen. Körperkontakt hatten wir nicht, uns trennte eine Glasscheibe. Meine Mama hatte während der zwanzig Minuten nur geweint, doch mein Vater blieb stark und versprach mir, dass er mich dort rausholen würde.

Mein Anwalt hatte es geschafft, mich bis zu meinem Urteil frei zu kriegen, doch als ich frei kam, wusste ich sofort, dass ich in das Gefängnis nicht mehr zurückgehen würde. Mein Vater hatte schon geplant, mit mir ins Ausland abzuhauen. Sofort nahm er Kontakt zu den Schleppern auf, die uns mit Lkws nach Deutschland brachten. Wir waren sieben Tage unterwegs, es war sehr schlimm.

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Als wir in Deutschland ankamen, gingen wir nach Köln zu unseren Verwandten, die schon seit zwei Jahren in Deutschland lebten.

Meine Mutter rief dann eines Tages an und erzählte mir, dass Soldaten zu uns nach Hause gekommen seien und nach mir gesucht hätten. Meine Mutter meinte zu meinem Vater, dass es nicht mehr so weiter gehen dürfe und er zurückkommen solle, um den Rest der Familie nach Deutschland zu holen.

Mein Vater ging dann in die Türkei zurück und ich blieb bei Verwandten. Aber mein Vater konnte nicht mehr nach Deutschland reisen, denn mein Opa war nicht mehr in der Lage, diesen anstrengenden Weg nach Deutschland auf sich zu nehmen. Stattdessen kamen meine fünf Brüder, doch bis sie alle wirklich da waren, vergingen drei Jahre, und ich war mittlerweile schon achtzehn.

An meinem achtzehnten Geburtstag erfuhr ich von meiner Mutter, dass der türkische Staat mich wegen Terrorismus ausgebürgert habe: nur deshalb, weil ich mich für unsere Kurden eingesetzt und an Demos teilgenommen hatte.

Bis heute sind einundzwanzig Jahre vergangen und ich kann immer noch nicht in mein Heimatland fahren, weil ich auf der Terrorliste der Republik Türkei stehe. Selbst in das türkische Konsulat in Hannover darf ich keinen Fuß setzen.

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