Literarische Reiseapotheke: Folge 9 – „Der Garten über dem Meer“

In ihrem katalonischen Haus mit Meerblick und paradiesischem Garten feiert ein junges Paar wilde Partys, badet, lernt Wasserski fahren, beherbergt Freunde. Die Lebensfreude scheint ungetrübt, doch über ihr hängt ein melancholischer Schatten. Der Gärtner beobachtet in „Der Garten über dem Meer“ von Mercè Rodoreda nicht nur das Treiben, er sieht auch genau, was unter der Decke gehalten werden soll.

Dieser Gärtner ist der Ich-Erzähler des Romans und lebt schon viele Jahre in dem kleinen Gartenhäuschen des Anwesens. Hier sammelt er Saatgut, zieht Jungpflänzchen an, beschützt Lupinen und Lilien vor Blattläusen und schaut seinen Lieblingen beim Wachsen und den Hausherren beim Leben zu. Zu Beginn der Geschichte übernehmen Senyoret Francesc und Senyoreta Rosamaria das Anwesen, das in der Dienstzeit des Gärtners schon durch viele Hände gegangen ist. Sechs Sommer in Folge kommen die beide in ihr Feriendomizil, um den Alltag in Barcelona zu vergessen. Im Gepäck haben sie haufenweise Gäste und abenteuerliche Ideen, aber auch Eheprobleme.

Schließlich nimmt die Handlung eine Wendung, als Fremde auftauchen, während die Herrschaften gerade auf einem Ausflug sind. Der Gärtner springt ein und leiht ihnen – wie so oft in dieser Geschichte – ein Ohr. Sie erzählen von ihrem Sohn Eugenie, zu dem die Eltern vor Jahren den Kontakt verloren haben. Er war Senyoreta Rosamarias Jugendliebe und für alle stand außer Frage, dass die beiden einmal heiraten würden, als sie überraschenderweise (und gegen ihr Gefühl) mit Senyoret Francesc vor den Traualtar trat. Damals schwor Eugenie, sie nach fünf Jahren zurückzugewinnen, und da diese Frist nun verstrichen ist, hoffen die Eltern, Neuigkeiten über ihren Sohn zu erfahren. Weder der Gärtner noch Rosamaria können ihnen helfen, bis kurz darauf neue Besitzer im Haus nebenan einziehen: Eugenie und seine neue Ehefrau.

Die ohnehin lädierte Fassade des Paares im Haus am Meer beginnt nun zu bröckeln und der Gärtner kann nur zusehen und den Verzweifelten in seiner Umgebung zuhören. Manche Informationen muss er selbst ergänzen, weil sie im Verborgenen bleiben, bei anderen muss er sich auf Gerüchte der Dienstboten verlassen. Als außenstehender, besonnener und guter Beobachter breitet er vor den Leserinnen und Lesern so langsam den Teppich seiner Erinnerungen an die sechs Jahre aus, in den er auch Begebnisse aus seiner eigenen Vergangenheit mit einwebt. Da die Sommer mit Senyoret Francesc und Senyoreta Rosamaria lange zurück liegen, sind nicht alle Erinnerungen zuverlässig, einige bleiben Bruchstücke. So erzeugt die Erzählung einen Sog. Sie wird von einer schwülen, wehmütigen Stimmung getragen und erinnert doch gleichzeitig an einen Sommertag am Meer.

 „Der Garten über dem Meer“ erschien in Spanien 1967, doch bis der Text auch im Deutschen zu lesen war, dauerte es viele Jahre. Erst 2014 erschien eine deutsche Übersetzung von Kirsten Brandt, nachdem Roger Willemsen sich tatkräftig für den Roman eingesetzt hatte. Von ihm stammt auch das Nachwort, in dem er ein schwärmerisches Plädoyer für „Der Garten über dem Meer“ hält. Dieser Roman ist eine wunderbare Sommerlektüre, stimmungsvoll und reich an Andeutungen lädt sie dazu ein, mit dem Gärtner gemeinsam über das Leben der Herrschaften zu sinnieren und im katalanischen Garten die Seele baumeln zu lassen.

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Mercè Rodoera: Der Garten über dem Meer, Berlin Verlag 2016, 240 Seiten

Text: Annika Depping

Weiterlesen:
>> Folge 1 – „Die Kieferninsel“ von Marion Poschmann
>> Folge 2 – „Fünf Viertelstunden bis zum Meer“ von Ernest van der Kwast
>> Folge 3 – „Das Sommerbuch“ von Tove Jansson
>> Folge 4 – „Offene See“ von Benjamin Myers
>> Folge 5 – „Nullzeit“ von Juli Zeh
>> Folge 6 – „Der Leuchtturm“ von Jean-Pierre Abrahams
>> Folge 7 – „Ein unvergänglicher Sommer“ von Isabel Allende
>> Folge 8 – „Dschungel“ von Friedemann Karig

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