Literarische Reiseapotheke: Folge 8 – „Dschungel“

Cocktails am Strand, enge Hostelbetten, fremde Gerüche und Gebräuche: Kambodscha ist als Reiseziel auf dem Vormarsch. Der Erzähler in Friedemann Karigs „Dschungel“ hingegen hasst es eigentlich zu reisen und verabscheut Strände, hat Europa noch nie verlassen und hatte das auch nie geplant. Doch nun ist sein Freund Felix verschwunden, die letzte Nachricht liegt Wochen zurück, die deutsche Botschaft hat keine Spur. Der Erzähler soll ihn finden, besteigt ein Flugzeug in den Dschungel und beginnt damit auch eine Reise in die Vergangenheit.

„Ich möchte geh‘n wie du, steh’n wie du“, geht dem Erzähler eine Liedzeile durch den Kopf, während er sich von seinem Freund Felix zu Dingen überreden lässt, die er gar nicht tun möchte: Ihre Freundschaft ist unausgeglichen, zerstörerisch, toxisch. Während Felix mit einem breiten Grinsen durchs Leben geht und auch Gefahren nicht scheut, ist der Erzähler vorsichtig, aber unterwürfig. Nach dem Abi stehen die beiden gemeinsam an einer Klippe in Frankreich. „Würdest du mich stoßen, wenn ich dich darum bitte?“, fragt Felix, die Situation bleibt symptomatisch für ihre Beziehung.

Jahre später sind davon Handyfotos geblieben, die Felix regelmäßig an seinen Freund schickt – fremde Menschen, Sonnenuntergänge, Peace-Zeichen, Bierflaschen… – und auf die der meistens nicht mal eine Antwort weiß. Trotzdem bleibt da eine Verbindung, eine Abhängigkeit vielleicht. Doch sucht der Erzähler Felix nur, oder möchte er ihn auch finden? Der namenlose Erzähler hangelt sich durch Kambodscha, wedelt mit Fotos von Felix und stammelt „Have you seen this guy?“, doch der Freund bleibt verschwunden. Dabei ploppen Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit und Jugend auf, die eine zweite Zeitebene in die Erzählung flechten: Abende mit Pfirsicheistee, Zigaretten und Chips, nicht ernst gemeinte Träume von Autos und Reisen, Ladendiebstähle…

„Dschungel“ ist ein Reiseroman, aber es ist gleichzeitig auch ein reisekritischer Roman. In die Erzählung mischen sich kritische Stimmen über Tourismus und das Abenteuer Südostasien. Wie kann man eine einzigartige Reise erleben, wenn man auf ausgetrampelten Pfaden die gleichen Touren unternimmt wie Tausende vor einem – zehn Tempel in zwei Tagen? Wie kann man behaupten, das Klima liege einem am Herzen und gleichzeitig von einem Flugzeug ins nächste springen, um sich selbst zu finden? Wie kann man guten Gewissens nach Erinnerungen jagen und damit eine große Industrie antreiben, die die Kluft zwischen Arm und Reich in den entlegensten Ländern nur vergrößert und Paradiese in Abenteuerspielplätze verwandelt? So schafft der 1982 geborene Friedemann Karig auch ein Abziehbild seiner ständig mobilen Generation.

Karig erzählt in seinem ersten Roman temporeich und gekonnt, mischt Liedzeilen mit starken Bildern und Wortspielen. „Dschungel“ bietet eine etwas andere Lese-Reise, in ein schwüles Kambodscha und die Tiefen einer dysfunktionalen Freundschaft. Dieses Buch braucht Zeit, um zu wirken, ist kein Wohlfühltrip an den Strand, sondern eher eine holprige Fahrt durch Südostasien.

Sie wollten in den Sommerferien verreisen, jetzt ruft aber nur Balkonien? Mit diesen Buchtipps nehmen wir Sie jede Woche mit auf eine Lese-Reise. Wir stellen Ihnen Romane vor, mit denen auch zu Hause Urlaubstimmung aufkommt. Reisen Sie mit auf den staubigen Highways der USA, in den kambodschanischen Dschungel oder auf mondbeschienene Inseln. Unsere Literarische Reiseapotheke hilft garantiert gegen Fernweh!

Friedemann Karig: Dschungel, Ullstein Verlag 2019, 384 Seiten

Text: Annika Depping

Weiterlesen:
>> Folge 1 – „Die Kieferninsel“ von Marion Poschmann
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>> Folge 3 – „Das Sommerbuch“ von Tove Jansson
>> Folge 4 – „Offene See“ von Benjamin Myers
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