Literarische Reiseapotheke: Folge 6 – „Der Leuchtturm“

Die See ist stürmisch, dort, wo der Erzähler in Jean-Pierre Abrahams „Der Leuchtturm“ viele Monate im Jahr arbeitet und lebt. Auf dem Leuchtturm Ar-Men sorgt er in den frühen 1960er Jahren, den Gezeiten und Stürmen ausgesetzt, mit viel Plackerei für Sicherheit auf den bretonischen Seewegen. Auch wenn dieser Leuchtturm kein Ort für den klassischen Sommerurlaub ist, kommt man hier dem Meer und sich selbst so nah wie sonst nirgendwo.

Jean-Pierre Abraham arbeitete selbst mehrere Jahre als Leuchtturmwärter auf Ar-Men. Was in diesem Buch autobiografische Wahrheit ist und was Fiktion, bleibt also offen. Wir erfahren vom Alltag auf dem Leuchtturm: Reparaturarbeiten, Nachtwachen, Fischen und vor allem das Warten bestimmten den Tagesablauf. Dieses Warten lässt viel Raum für Gedanken, für die Suche nach den richtigen Worten, die der Erzähler in einem Tagebuch notiert. Und auch wenn er die Arbeit auf dem Turm stets mit einem Kollegen verrichtet, bestimmt Einsamkeit sein Denken. Der Erzähler ist vollkommen auf sich selbst zurückgeworfen, versinkt in Grübeleien – und anders, als man erwarten würde, denkt er meist nur widerwillig an die bevorstehenden Landgänge. Lieber beobachtet er das Spiel des Lichts auf dem Wasser oder im Treppenhaus des Turms, den auf- und abziehenden Nebel, die Feuer anderer Leuchttürme, das Tosen der Wellen.

Der Leuchtturm Ar-Men gilt als der am weitesten im Atlantik gelegene Leuchtturm der Bretagne. Er markiert den Eingang zur Sein-Passage. Während der Turm heute automatisch sein Licht über den Ozean schickt, musste die Technik in den 1960er Jahren noch manuell bedient werden. Sein Name – bretonisch für „der Stein“ – verweist auf den Felsen, auf dem der Turm 1867 bis 1881 errichtet wurde und der doch die meisten Tage im Jahr von Wasser und Gischt überspült wird. Immer wieder bestimmen heftige Stürme auch in Abrahams Buch den Alltag der Leuchtturmwärter. Hinter verbarrikadierten Fenstern lauschen sie dann auf das eindringende Wasser und versuchen, nicht an den Tod zu denken. So ist „Der Leuchtturm“ eine spannende, teils beklemmende Lektüre, was aber die klugen Gedanken und präzisen Beschreibungen wett machen, die auch in der gelungenen Übersetzung ins Deutsche von Ingeborg Waldinger ihre Wirkung entfalten.

„Der Leuchtturm“ wurde erst 2010 ins Deutsche übersetzt und ist aktuell nur als e-book lieferbar. Wer daher lieber eine andere Reiseroute in die Bretagne nehmen möchte, kann auch den Bretagne-Krimis von Jean-Luc Bannalec in diesen Teil Frankreichs folgen. Hier ermittelt der eigensinnige Kommissar Georges Dupin im Umfeld ganz unterschiedlicher Besonderheiten der Bretagne – und natürlich führt ihn ein Fall auch in die Nähe des Leuchtturms Ar-Men. Auch diese Romane schwelgen in Meeresbeobachtungen und sind gute Reisebegleiter, wenn auch längst nicht so feinsinnig wie Jean-Pierre Abrahams Leuchtturm-Logbuch.

Sie wollten in den Sommerferien verreisen, jetzt ruft aber nur Balkonien? Mit diesen Buchtipps nehmen wir Sie jede Woche mit auf eine Lese-Reise. Wir stellen Ihnen Romane vor, mit denen auch zu Hause Urlaubstimmung aufkommt. Reisen Sie mit auf den staubigen Highways der USA, in den kambodschanischen Dschungel oder auf mondbeschienene Inseln. Unsere Literarische Reiseapotheke hilft garantiert gegen Fernweh!

Jean-Pierre Abraham: Der Leuchtturm, Jung und Jung 2010, 159 Seiten

Text: Annika Depping

Weiterlesen:
>> Folge 1 – „Die Kieferninsel“ von Marion Poschmann
>> Folge 2 – „Fünf Viertelstunden bis zum Meer“ von Ernest van der Kwast
>> Folge 3 – „Das Sommerbuch“ von Tove Jansson
>> Folge 4 – „Offene See“ von Benjamin Myers
>> Folge 5 – „Nullzeit“ von Juli Zeh

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