Literarische Reiseapotheke: Folge 5 – „Nullzeit“

Ein ungleiches Paar kommt in Juli Zehs „Nullzeit“ auf eine karge Gesteinsinsel, um in Svens Tauchschule Urlaub zu machen. Jola ist Schauspielerin und bereitet sich damit auf ihre erste große Rolle vor, Theo ist Schriftsteller – zusammen sind sie für Sven eine Katastrophe. Die Beziehung lebt von Gewalt, die sich auch während der Tauchgänge entlädt und zu brenzligen Situationen führt. Sven und seine Gäste verstricken sich bald in einem Netz aus Begehren und Lügen, mit weitreichenden Folgen. „Nullzeit“ lässt sich auch als Thriller lesen, der vor der schwülen Kulisse der Insel schnell Fahrt aufnimmt. Ist es zum Beispiel ein Unfall, dass Theo bei einem Tauchgang fast ertrinkt, oder hat jemand seine Finger im Spiel?

Die Gesteinsinsel mit den kleinen Örtchen aus weißverputzten Häusern und den Vulkanfeldern aus „mineralischem Schweigen“ im tosenden Ozean lässt sich unschwer als Lanzarote identifizieren. Der Reigen aus Bootsfahrten und Tauchgängen lässt Urlaubsstimmung aufkommen. Für den Auswanderer Sven ist die Insel das Ende der Welt, ein Ort absoluter Ruhe fern von der deutschen Politik – zumindest bis zur Ankunft von Jola und Theo. Dass er ihretwegen schließlich seine Koffer packen wird, erfahren die Leserinnen und Leser schon auf den ersten Seiten. Und auch die ohnehin kriselnde Beziehung zur deutlich jüngeren Antje wird diesen Sommerurlaub nicht überstehen.

Wer die Autorin Juli Zeh kennt, wird bereits vermuten, dass hinter „Nullzeit“ etwas mehr steckt als nur ein Thriller voll Intrigen vor touristischer Kulisse. Wie das Korallenriff auf dem Umschlag, das sich bei genauerem Hinsehen als ineinander verschlungene, blaue Hände entpuppt, hat auch der Roman eine zweite Ebene. Das Spiel mit Wahrheit und Lüge ist das eigentliche Glanzstück des Buches. Svens Ich-Erzählung wechselt sich immer wieder mit Schilderungen aus Jolas Tagebuch ab – und beide Versionen des gleichen Sommers kontrastieren immer stärker. Während Sven Jola als intrigante Verführerin beschreibt, ist er in Jolas Aufzeichnungen Hals über Kopf in sie verliebt. Sie erzählt von einer stürmischen Affäre und Eifersucht, bei ihm bleibt alles ganz harmlos.

Doch Svens Erzählung oszilliert auch für sich gesehen an der Grenze zum Ungewissen: Da tauchen Füchse auf der Insel auf, die es dort eigentlich nicht geben sollte, und der Wortlaut des Tagebuchs färbt Svens Darstellung ein. Dass es am Ende keine in Stein gemeißelte Wahrheit geben kann, ist da schon fast klar. Zwischen Andeutungen und Widersprüchen müssen die Leserinnen und Leser selbst entscheiden, was hier wahr ist – und ob es überhaupt eine Wahrheit gibt. Zwar mag das nicht jeden Fan von Spannungsliteratur vollkommen befriedigen, doch wenn man sich darauf einlässt, macht gerade die Ungewissheit viel Spaß. „Nullzeit“ verspricht damit nicht nur einen spannungsreichen Ausflug an Lazarotes beste Tauchplätze, sondern auch einen gekonnt inszenierten Streifzug an den Grenzen zwischen Wahrheit und Lüge.

Sie wollten in den Sommerferien verreisen, jetzt ruft aber nur Balkonien? Mit diesen Buchtipps nehmen wir Sie jede Woche mit auf eine Lese-Reise. Wir stellen Ihnen Romane vor, mit denen auch zu Hause Urlaubstimmung aufkommt. Reisen Sie mit auf den staubigen Highways der USA, in den kambodschanischen Dschungel oder auf mondbeschienene Inseln. Unsere Literarische Reiseapotheke hilft garantiert gegen Fernweh!

Juli Zeh: Nullzeit, btb 2014, 256 Seiten

Text: Annika Depping

> Weiterlesen: Folge 1 – „Die Kieferninsel“ von Marion Poschmann
>> Folge 2 – „Fünf Viertelstunden bis zum Meer“ von Ernest van der Kwast
>> Folge 3 – „Das Sommerbuch“ von Tove Jansson
>> Folge 4 – „Offene See“ von Benjamin Myers

2 thoughts on “Literarische Reiseapotheke: Folge 5 – „Nullzeit“

  1. Cora Koltes

    Ich habe das Buch schon vor einer ganzen Zeit gelesen… in Erinnerung ist mir besonders diese Zwiespältigkeit: ja, es gibt Menschen, die psychisch auffällig sind, in ihrer Persönlichkeit gestört – es gibt Menschen, die Sexualität durch Gewalt ausleben; die einen Reiz wollen, der nicht mainstream ist, dennoch sind sie psychisch gesund. Einige Stellen im Buch finde ich so flach, dass ich mich an eine Daily-Soap erinnert fühle, überwiegend finde ich die Geschichte allerdings packend. Teils tut mir Sven leid. Da fühle ich mich wie im Kasperletheater, wenn das Krokodil kommt und ich tufen möchte: Pass auf!
    Aber merkt Sven denn nicht, dass es auch Störung sein kann bei Jule? Dass er nicht das Recht hat, eine junge Frau, die in psychischen Schwierigkeiten ist, auszunutzen?
    Das Spiel mit den Perspektiven gefällt mir. Opfer? Täter? Alles nur dumm gelaufen? Die Rückkehr nach Deutschland als Schluss eines Kreises, an dem die Probleme, derentwegen Sven ausgewandert ist, immer noch da sind? Oder, oder, oder…

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  2. Pingback: Literarische Reiseapotheke: Folge 9 – „Der Garten über dem Meer“ | Literaturhaus Bremen

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