Literarische Reiseapotheke – Folge 3: „Das Sommerbuch“

Jeden Sommer verbringt die Familie in Tove Janssons „Das Sommerbuch“ im Haus auf der kleinen Insel im finnischen Schärengarten. Hier mischen sich die Fantasie des Kindes und der Großmutter mit der rauen Natur auf den Felsen. Die Großmutter durchstreift den Geisterwald und schnitzt Holzfiguren, die ihn bevölkern. Das Kind beschwört in Gedanken einen Sturm herauf, verwandelt das Moor in ein kleines Venedig. Über allem kreisen die Schwalben und nehmen die Leserinnen und Leser mit in ein Sommerparadies. Denn ganz ehrlich, wo könnte man besser Social Distancing praktizieren als auf einer ansonsten unbewohnten Insel?

Seit die Mutter gestorben ist, sind sie nur noch zu dritt: Großmutter, Vater und Sophia. Während der Vater im „Sommerbuch“ eine Randfigur bleibt und in vielen Episoden gar nicht auftaucht, begleiten die Leserinnen und Leser die Gedanken und Erlebnisse von Sophia und der Großmutter durch die Sommermonate. Neben der Natur und dem Spiel sind es immer wieder philosophische Gedanken über den Tod, Gott und den Himmel, die die beiden Protagonistinnen bewegen. Tove Jansson verbindet sie mit einer ordentlichen Portion Humor – wenn zum Beispiel die Großmutter ihrer Enkelin erzählt, sie müsse bald sterben, das gehe das Kind aber überhaupt nichts an. „Das Sommerbuch“ entstand 1972, kurz nach dem Tod von Tove Janssons Mutter und so hat nicht nur die Insel ein reales Vorbild, auch die Figuren sind aus dem Leben der Autorin gegriffen. Trotz der gelegentlichen Melancholie ist der Roman aber kein Trauer-Buch, sondern eine amüsante, fröhliche Lektüre.

Tove Jansson erzählt zum Beispiel vom traditionellen Mittsommerfest, das die Familie mit einem verschrobenen Nachbarn auf der Ostsee verbringt, während zu Hause eigentlich ein Festschmaus und eine Kiste voller Feuerwerkskörper warten. Immer wieder wird gebadet, zum Angeln fährt das Dreiergespann auf nahe gelegene Inseln. Davon zu lesen, lässt Urlaubsstimmung aufkommen. Man erfährt aber auch einiges über das Leben auf den kargen finnischen Inseln – wie man sich die Zeit vertreibt, sich mit Lebensmitteln versorgt, die Abreise vor dem Herbst vorbereitet. Zudem bestimmt der Blick auf die Natur die Texte. Die Großmutter kümmert sich liebevoll um die Moose und Blumen, die im Frühsommer aus den Steinritzen sprießen. Der Vater hingegen versucht, einen Garten auf dem Eiland anzulegen, inklusive aus den Niederlanden importierter Blumenzwiebeln. Als der Regen ausbleibt, stellt ihn das vor eine Herausforderung.

„Das Sommerbuch“ hat insgesamt 22 Kapitel. Die darin erzählten, meist kurzen Geschichten folgen grob dem Lauf der Jahreszeiten, spielen aber nicht alle im gleichen Sommer. Die Beziehung zwischen Sophia und der Großmutter verändert sich zwischen den Episoden – beide machen eine Trotzphase durch, das Kind, weil es sich abnabeln will, die Großmutter, weil sie zunehmend unselbstständig wird. Um sich ein kleines Stückchen finnischen Sommer nach Hause zu holen, kann man die Geschichten häppchenweise lesen oder man taucht komplett in „Das Sommerbuch“ ein. So oder so, wenn man das Buch anschließend zuklappt, wird man sich erholt fühlen – und vielleicht auch ein wenig nachdenklich.

Sie wollten in den Sommerferien verreisen, jetzt ruft aber nur Balkonien? Mit diesen Buchtipps nehmen wir Sie jede Woche mit auf eine Lese-Reise. Wir stellen Ihnen Romane vor, mit denen auch zu Hause Urlaubstimmung aufkommt. Reisen Sie mit auf den staubigen Highways der USA, in den kambodschanischen Dschungel oder auf mondbeschienene Inseln. Unsere Literarische Reiseapotheke hilft garantiert gegen Fernweh!

Tove Jansson: Das Sommerbuch, Lübbe 2014, 204 Seiten

Text: Annika Depping

>> Weiterlesen: Folge 1 – „Die Kieferninsel“ von Marion Poschmann
>> Folge 2 – „Fünf Viertelstunden bis zum Meer“ von Ernest van der Kwast

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