Literarische Reiseapotheke – Folge 2: „Fünf Viertelstunden bis zum Meer“

Sie wollten in den Sommerferien verreisen, jetzt ruft aber nur Balkonien? Mit diesen Buchtipps nehmen wir Sie jede Woche mit auf eine Lese-Reise. Wir stellen Ihnen Romane vor, mit denen auch zu Hause Urlaubstimmung aufkommt. Reisen Sie mit auf den staubigen Highways der USA, in den kambodschanischen Dschungel oder auf mondbeschienene Inseln. Unsere Literarische Reiseapotheke hilft garantiert gegen Fernweh!

Fast meint man, Sand müsse einem aus den Seiten von Ernest van der Kwasts „Fünf Viertelstunden bis zum Meer“ entgegenrieseln, so treffend fängt der Roman die flimmernde Hitze eines Sommers an der Küste Apuliens ein. Hier, am Strand von San Cataldo bei Lecce, liegen Ezio Ortolani und sein Bruder im Juli 1945 jeden Tag auf der faulen Haut und betrachten die Frauen in ihren Badeanzügen. Der Bikini ist noch nicht erfunden, doch weil Giovannas Badeanzug im Streit zerrissen wurde, zieht ihr Nabel unweigerlich die Aufmerksamkeit der Brüder auf sich. Ezio ist zwar unbeholfen, aber der schnellere der beiden Ortolanis. Mit den kühnen Worten: „Da ich nun schon mal hier bin: Darf ich dich küssen?“ beginnt die Romanze zwischen ihm und Giovanna.

Den Sommer verbringen die beiden versteckt in den Dünen und sich in der Brandung neckend. Dann scheitert die Beziehung an den unterschiedlichen Erwartungen: Ezio möchte heiraten – eigentlich hatte er das schon nach dem ersten Blick auf Giovanna gewusst –, sie ihre Freiheit bewahren. Mit gebrochenem Herzen flieht Ezio nach Südtirol, wo er als Apfelpflücker lebt, bis ihn sechzig Jahre später ein Brief von Giovanna erreicht. Mit über achtzig Jahren ist für Ezio und Giovanna eine zweite Chance greifbar und so tritt Ezio eine Zugreise in die Vergangenheit an.

„Fünf Viertelstunden bis zum Meer“ erzählt eine kleine Geschichte von der Liebe, von verpassten Gelegenheiten, zweiten Chancen und der Zeit, die vergeht, während man auf sein Leben wartet. Ein Thema, das durch kluge Beobachtungen und die Erzählweise zum Glück kaum in Kitsch abrutscht. Van der Kwast springt mit Ezios Erinnerungen durch die Zeit und verwebt sie mit Exkursen über die Erfindung des Bikinis, die aufeinanderprallenden Kulturen in Südtirol oder das Schicksal eines Postboten – „Aber das ist eine andere Geschichte.“ Treffend schildert er die Unsicherheit und Leidenschaft der jungen Verliebten, aber auch die Gefühle, die sie in späteren Jahren begleiten. Dabei hält er die Balance zwischen einem leichtfüßigen Ton und poetischen Bildern.

Der Roman verströmt auf jeder Seite italienisches Flair. Natürlich ist da der Strand von San Cataldo, das Tauchen nach Meeresschnecken, die klammen Badesachen auf der trocknenden Haut. Auch auf die Südtiroler Obstplantagen und Bergbauernhöfe, wo der Frühling zwischen den Apfelblüten hängt, meint man Ezio folgen zu können. Van der Kwast beschreibt zudem ironisch das italienische Lebensgefühl: sich lautstark streitende Frauen, schweigsame Männer und das Allheilmittel für Herzschmerz, Pasta. Der Autor mit indischen und niederländischen Wurzeln lebte lange selbst in Südtirol.

Fünf Viertelstunden dauert der Weg von Giovannas Elternhaus bis an den Strand. Länger braucht es auch nicht, um Ernest van der Kwasts Roman zu lesen. Ein Kurzurlaub ans Meer, gespickt mit einer kleinen, charmanten Liebesgeschichte – genau das richtige für einen Nachmittag auf dem Balkon.

Ernest van der Kwast: Fünf Viertelstunden bis zum Meer, btb 2016, 96 Seiten

Text: Annika Depping

>> Weiterlesen: Folge 1 – „Die Kieferninsel“ von Marion Poschmann

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