Literarische Reiseapotheke – Folge 1: „Die Kieferninsel“

Sie wollten in den Sommerferien verreisen, jetzt ruft aber nur Balkonien? Mit diesen Buchtipps nehmen wir Sie jede Woche mit auf eine Lese-Reise. Wir stellen Ihnen jeden Donnerstag Romane vor, mit denen auch zu Hause Urlaubstimmung aufkommt. Reisen Sie mit auf den staubigen Highways der USA, in den kambodschanischen Dschungel oder auf mondbeschienene Inseln. Unsere Literarische Reiseapotheke hilft garantiert gegen Fernweh!

Dass Gilbert Silvester in Marion Poschmanns „Die Kieferninsel“ eine Reise nach und durch Japan antritt, ist Zufall. Er erwacht mit der Gewissheit, von seiner Frau betrogen zu werden, und steigt in das nächstbeste Flugzeug. Dass ihn dieses ausgerechnet in ein „Teeland“ führt, ja sogar in das Teeland schlechthin, erscheint dem Kaffeeliebhaber zuerst wie eine Strafe. Doch schon beim Anflug überwältigt Gilbert die „grausame Schönheit“ der japanischen Landschaft.

In Tokio ist Gilbert mit einem Kulturschock konfrontiert. Zum Frühstück gibt es schleimigen Reisbrei, die Sauberkeit und Disziplin auf den japanischen Straßen verwirren ihn, zudem sind alle Japaner so bartlos. Gilbert, seines Zeichens Bartforscher in einem Universitätsprojekt, trifft in der Hauptstadt auf den jungen Japaner Yosa, Träger eines aufgeklebten Ziegenbartes. Mit Hilfe der Ratschläge in „The Complete Manual of Suicide“ möchte der seinem Leben ein Ende setzen.

Da sich in Tokio kein angemessener Ort für Yosas Suizid finden lässt, soll er Gilbert kurzerhand auf einer Reise begleiten. Denn der Aufenthalt in Tokio kann noch keine Lösung für Gilberts Probleme sein. Auf den Spuren des großen Dichters Bashō will er bis nach Matsushima reisen, in die Bucht der Kieferninseln: eine „geistige Reinigungstour“, eine Abkehr von allem Bekannten, die ihm die Natur der Dinge offenbaren soll. Unterwegs allerdings möchte auch Yosa einige Orte besichtigen, die in seinem Handbuch für den stilvollen Selbstmord empfohlen werden.

Mit dem Zug und dem Bus gelangen die beiden in einen Wald am Fuß des Fuji, zu einem „mächtigen Blätterwesen“, wo Gilbert sich in Nuancen von Grün verliert. Der Wald entpuppt sich in Sachen Selbstmord als Flopp, und auch andere Etappenziele können Gilbert nicht in Bashōs Zeit zurückversetzen. Zu viel Asphalt, Verkehr und Moderne sind in die Natur eingezogen. Statt zu wandern, gleiten Gilbert und Yosa im Hochgeschwindigkeitszug auf die Kieferninsel zu. Mit Hilfe der Poesie, dem japanischen Haiku, wollen sie die Reise in die Natur zu einer Reise ins Innere gestalten. Oder zumindest möchte Gilbert das – Yosa indes verschwindet irgendwann. So muss sich Gilbert in Matsushima allein in den Formen, Düften und Schatten der Kiefern verlieren.

„Etwas Vergilbtes lag über Matsushima, etwas Unglaubwürdiges, als hätte sich sämtliches Fernweh hier versammelt und fände nun keine neue Richtung mehr. Er war da. Konnte das wahr sein?“

Sanft erzählt Marion Poschmann von Gilberts Reise, auf der sich Erinnerungen mit Briefen an die daheimgebliebene, vielleicht doch nicht untreue Ehefrau mischen, traumwandlerisch an der Grenze zwischen Realität und Vorstellung. Neben den zarten Naturbeschreibungen und starken Bildern finden sich Gilberts dozierende Bemerkungen über Bärte, Religion und Gesellschaft, die die Erzählung mit einer Prise Humor würzen. Poschmanns Roman war national und international erfolgreich: Er wurde mit dem Klopstock-Preis 2018 ausgezeichnet und stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2017 und den Man Booker International Prize 2019. Wer immer schon gerne nach Japan reisen wollte, kann sich getrost diesem Roman anvertrauen, der die Stimmung einer Reise durch die Natur und durch das eigene Selbst einfängt.

Marion Poschmann: Die Kieferninsel, Suhrkamp 2017, 167 Seiten

Text: Annika Depping

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