Lesetipp im Januar: Marcel Beyer

Von Dr. Wiebke Porombka, Jurymitglied zum Bremer Literaturpreis.

WP1_quer_700„Graphit“ heißt der Gedichtband von Marcel Beyer – nicht nur ein Verweis auf die Mine des Bleistiftes, des Schreibinstruments und damit ein Verweis auf das Schreiben selbst. Graphit ist ein Mineral, eine kristallisierte Form des Kohlenstoffs, das – wenn nicht künstlich hergestellt – aus den sich überlagernden Erdschichten durch Bergbau gewonnen wird. Vielleicht kann man sich auf diese Weise dem poetologischen Verfahren von Marcel Beyer zumindest probeweise annähern. In seinen Gedichten, die aus mehr als einem Jahrzehnt stammen – die gewachsen sind – und die einen Raum vermessen, der vom Rheinland bis in den tiefen Osten reicht, legt Beyer ebenfalls Schichten der Vergangenheit frei, verbindet sie, mitunter über den Klang eines Wortes oder über eine bildliche Assoziation, mit der Gegenwart. Wie, als würde sich der Beobachter, durch die Gesteinsschichten unserer Kultur hindurchgraben – dabei aber immer wieder, auf überraschende Weise, von einem Raum in einen vermeintlich ganz fern liegenden hindurchbrechen. Die Sprache, die einzelnen Worte, sind es, die ihn auf diese Reisen schicken. Insofern ist Marcel Beyer auch ein romantischer Dichter: Er entdeckt Ähnlichkeiten, indem er Worte abtastet, und stiftet auf diese Weise ungeahnte Korrespondenzen; Sinnzusammenhänge, die plötzlich beglückend aufleuchten, und die man zuvor nicht hat erahnen können.

Cover_GraphitDie Welt zu musikalisieren, indem man sie benennt, so hieß es bei den Romantikern. Auch das macht Marcel Beyer, dessen Gedichte immer auch von einem Rhythmus, von einem Beat getragen werden. Erstaunlich ist bei jedem Gedicht aufs Neue, mit welcher – natürlich trügerischen – Einfachheit Beyer beim vermeintlich prosaisch Dinglichen ansetzt – und plötzlich öffnet sich ein ganzes Universum.

Dr. Wiebke Porombka

GRAPHIT, Gedichte, Oktober 2014
Suhrkamp Verlag, ISBN: 978-3-518-42440-7
207 Seiten, € 21,95


 

Am 26. Januar 2015 erhält Marcel Beyer den mit 20.000 Euro dotierten Bremer Literaturpreis. Der Förderpreis geht an Nadja Küchenmeister für ihr Buch „Unter dem Wacholder“. Die feierliche Verleihung durch den Vorsitzenden der Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung, Staatssekretär a.D. Michael Sieber, beginnt um 12:00 Uhr in der Oberen Halle des Bremer Rathauses.

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