Lesetipp im Februar: WANG Gang

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Von Maja Linnemann, Geschäftsführerin Konfuzius-Institut Bremen e.V.

Der stark autobiografische Roman „Der Englischlehrer“ spielt während der Kulturrevolution in Urumqi, der Hauptstadt der Autonomen Region Xinjiang, wo der Autor 1960 geboren wurde und aufwuchs. Erzählt wird die Geschichte vor allem aus der Perspektive des Teenagers Liu Ai. Eingeflochten sind aber auch Kommentare aus der Rückschau des Autors als erwachsener Mann.

Im Mittelpunkt steht die Beziehung von Liu Ai zu seinem Englischlehrer, Wang Yajun, der aus Shanghai kommt und ihm und den anderen Schülern in einer von Politik, Misstrauen und Gewalt geprägten Atmosphäre eine neue und unbekannte Welt eröffnet, in der Werte wie Menschlichkeit und Schönheit zählen. Die englische Sprache übt auf Liu Ai eine wachsende Faszination aus. Verkörpert wird diese auch durch das wahrscheinlich einzige englische Wörterbuch in der Stadt und das Lied „Moonriver“.

Im Nachwort zur englischen Ausgabe beschreibt der Autor Wang Gang, wieviel Gewalt er in seiner Kindheit und Jugend mit angesehen hat. Er selbst habe bereits als Grundschüler an „Kampfaktionen“ gegen Lehrer teilgenommen. Allerdings habe er dies in seinem Roman mit Absicht nicht in den Vordergrund stellen und die Leser „nicht mit Grausamkeiten ködern wollen“.

Während dem westlichen Leser manche Handlungen und Äußerungen der Protagonisten sicher nicht immer nachvollziehbar erscheinen mögen, so ist doch gerade die ambivalente Darstellung der Personen interessant und reizvoll. Als Beispiel nehme man die Eltern Liu Ais: Intellektuelle, die wahrscheinlich Anfang der 1950er Jahre enthusiastisch am Aufbau des „Neuen China“ mitgewirkt hatten, in einer der vielen „Säuberungs-Kampagnen“ aber in Ungnade fielen und aus der ehemaligen Kaiserstadt Nanjing im Osten 4.000 km weit weg in das „wilde“ Grenzgebiet im Westen verbannt wurden. Hier versuchen sie, ihren Platz zu finden, mal vom lokalen Parteikader gedemütigt, mal nach Chancen greifend, ihr Wissen anzubringen und wieder Anerkennung zu finden. Die Erziehung ihres pubertären Sohnes in einer Atmosphäre verlogener Prüderie geschieht eher nebenbei, und ihr größter Wunsch ist, dass er nicht aus der Reihe tanzt.

Anders als manche anderen ins Deutsche übersetzten chinesischen Romane der jüngeren Zeit, weist „Der Englischlehrer“ kaum unnötige Längen auf, sondern hält die Aufmerksamkeit seiner Leser mit Tempo und Humor.

buchcoverEingeladen vom Konfuzius-Institut Bremen ist WANG Gang am Sonntag, den 8. Februar 2015 um 15:00 zu Gast im Überseemuseum Bremen, wo er aus „Der Englischlehrer“ lesen und Fragen aus dem Publikum beantworten wird. Deutsch gelesen und moderiert wird die Veranstaltung vom Prof. Ulrich Kautz, dem Übersetzer des Buches.

„Der Englischlehrer“, OSTASIEN Verlag (2014), Übersetzung: Prof. Dr. Ulrich Kautz

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Interview mit dem Autor beim Deutsch-Chinesischen Kulturnetz:
http://www.goethe.de/ins/cn/de/lp/kul/mag/dis/kgd/5343783.html

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