Kim Böttcher: „Eine Kreuzung im Bremer Westen…“

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Foto: Victor Ströver

Ich stehe an der Waller Kreuzung und warte auf meine Bahn. Die Minutenangabe auf der Anzeigetafel springt die ganze Zeit von 9 auf 8 und wieder zurück. So geht das jetzt schon seit 5 Minuten. Zum Glück habe ich keinen festen Termin, sondern möchte mich in der Stadt nach einem Geschenk für meine beste Freundin umsehen. Zudem ist es ein willkommener Grund um nicht zu Hause zu sein. Geistesabwesend sehe ich mich um. Ein Junge steht jetzt schon, seit ich hier bin, vor dem kleinen Kiosk und sieht immer wieder nervös auf seine Armbanduhr. Direkt gegenüber von ihm, auf der anderen Straßenseite, stehen 2 Mädchen, die sich offensichtlich über ihn unterhalten. Sie gucken ihn an, zeigen auf ihn, tuscheln und lachen. Entweder er bemerkt es nicht oder es interessiert ihn einfach nicht.
Schon von weitem höre ich eine Gruppe Jugendlicher. Ihr Gegröle lässt darauf schließen, dass sie bereits mehr als nur eine Flasche Bier getrunken haben. Mein Eindruck bestätigt sich, als die Jugendlichen sich an der Ecke vor dem Reisebüro versammeln und jeder von ihnen 2 Flaschen von irgendeinem alkoholischem Zeug dabei hat. Was genau sie dabei haben, kann ich nicht erkennen – allerdings interessiert es mich auch nicht. Irgendwie kommen mir ein paar der Typen bekannt vor. Aber weshalb, weiß ich nicht genau.
Von irgendwoher höre ich Musik. Ich blicke mich um und entdecke ein Mädchen. Obwohl es draußen recht kühl ist, sitzt sie mit einem kurzärmligen T-Shirt in einem geöffneten Fenster. Es scheint so, als würde die Musik aus ihrem Zimmer kommen, das sich im ersten Stockwerk eines heruntergekommenen Wohnhauses befindet. Sie sieht irgendwie traurig und nachdenklich aus. Ich schätze, sie ist 15 Jahre alt.
Ich wende mich wieder der Anzeigetafel zu. Mittlerweile steht die Minutenanzahl auf 6. Obwohl bestimmt schon 10 Minuten verstrichen sind. „Aber wenigstens etwas“ denke ich. Ich weiß nicht warum, aber es macht mir Spaß die Menschen um mich herum zu beobachten oder ihnen bei ihren Gesprächen zuzuhören.
Gerade in diesem Moment zerrt eine Mutter ihre beiden Kinder über die Straße, die anscheinend viel lieber mit dem süßen Hund gespielt hätten, der vor dem Frisörsalon angeleint ist, als mit ihrer Mutter mitzugehen. So wie sich das anhört, wird die Mutter noch einen anstrengenden Tag haben und viel Zeit damit verbringen, ihren Kindern zu erklären, weshalb sie keinen Hund haben dürfen.
An einer Mauer sitzt eine Frau. Sie sieht nicht älter aus als 25, doch es scheint, als wäre sie eine Obdachlose. Ich erinnere mich, sie seit etwa einem halben Jahr zu sehen, wenn ich hier vorbei fahre. Ab und zu wirft ihr mal jemand etwas Geld zu, doch zum Leben wird das niemals reichen. Eine ältere Dame geht an ihr vorbei. Sie trägt einen Pelzmantel und sieht nicht grade arm aus. Nur kurz bleibt die ältere Frau stehen, dann wirft sie der armen Frau einen missbilligenden Blick zu und geht weiter. Mir tut die Frau leid.
Auf einmal hört man lautes Autohupen. Die angetrunken Jugendlichen haben es anscheinend nicht für nötig gehalten, auf die Ampel zu achten, weshalb 2 von ihnen jetzt beinahe ins Krankenhaus gemusst hätten. Sie schreien dem Autofahrer noch einige Beleidigungen nach, ehe sie sich wieder genau dorthin stellen, wo sie sich schon die ganze Zeit aufgehalten haben.
Eine junge Frau, hübsch angezogen, läuft sichtlich nervös an der Gruppe vorbei. Ehe sie im Reisebüro verschwindet, rufen sie ihr noch ein paar Sprüche hinterher, die die junge Frau, nach ihrem Gesichtsausdruck zu urteilen, anwidern.
Mir fällt auf, dass die Musik des Mädchens verstummt ist. Im selben Augenblick geht die Tür des Wohnhauses auf und das Mädchen tritt heraus. Man hört eine Frau etwas schreien und Sekunden später zerbricht etwas. Vielleicht Glas. Das Mädchen schließt kurz die Augen und zieht dann die Tür ins Schloss, ohne sich noch mal umzudrehen. Sie macht sich auf den Weg zur Haltestelle, an der ich immer noch auf meine Bahn warte. Sie ist sehr hübsch, was auch die Aufmerksamkeit der Jugendlichen erregt. Sie torkeln auf das Mädchen zu und fangen ein Gespräch mit ihr an. Leider kann ich nicht verstehen, was sie sagen, doch auf einmal fangen sie an, das Mädchen zu schubsen und laut zu beleidigen. Alle Leute an der Kreuzung gucken kurze Zeit zu und gehen dann wieder ihren eigenen Beschäftigungen nach. Niemand unternimmt etwas, alle tun einfach so, als wäre nichts! Das Mädchen verliert das Gleichgewicht und stürzt auf den Boden. Ich laufe auf die Gruppe zu, doch auf einmal ziehen die Jungen sich zurück. Anscheinend haben sie das Interesse verloren. Ich gehe zu dem Mädchen hin. Sie sitzt immer noch auf dem Boden und ist den Tränen nahe. „Alles okay?“ frage ich sie und helfe ihr hoch. „Ja, alles okay. Dankeschön!“, antwortet sie und ich bemerke ihre Unsicherheit. „Wo willst du überhaupt hin?“ – „Ach keine Ahnung, Hauptsache weit weg von hier“ antwortet sie. „Cool dann sind wir ja schon 2.“ Ich muss grinsen als ich das sage. Und genau in diesem Moment kommt die Bahn. Wir steigen beide ein. „Ich bin Leo“, sagt sie, hält mir ihre Hand hin und lacht. Ich denke, dass dies der Anfang einer tollen Freundschaft sein könnte. Wie viel man doch erleben kann, wenn man nur an der Haltestelle steht und auf seine Bahn wartet.

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