Rückblick: Jana Hensel zu Gast bei OUTLOUD

Am vergangenen Freitagabend hatte ich das Glück, im Kulturzentrum Lagerhaus Gast sein zu dürfen. Jana Hensel, Redakteurin bei Zeit Online, trägt in ihrem Buch „Wie alles anders bleibt. Geschichten aus Ostdeutschland“ einige ihrer Reportagen zusammen. Daraus hat sie für uns in Bremen gelesen.
Für mich ist dieses Thema besonders spannend. Ich stamme aus Westdeutschland und bin nach dem Mauerfall zur Welt gekommen. Die DDR kenne ich nur aus Geschichtsbüchern. Erst als ich mein Studium in Leipzig begonnen habe, habe ich angefangen die Unterschiede zwischen den alten und den neuen Bundesländern zu spüren. Hensel stammt aus Sachsen und war 13 Jahre alt, als die Mauer fiel. Heute lebt sie in Berlin. „Ossi“ zu sein gehört aber zu ihrer Identität, erklärt sie. Eigentlich fährt sie ungern in Großstädte des Westens und liest stattdessen lieber in kleineren Orten in Ostdeutschland. Hier kommen zwar weniger Leute, es ist aber sehr interessant sich mit ihnen zu unterhalten, betont die Redakteurin. Wir in Bremen dürfen uns also glücklich schätzen, ihr lauschen zu dürfen. Über die Hälfte des Publikums stammt aus dem Westen, aber auch einige Ostdeutsche sind dabei.

Zuerst berichtet Jana Hensel über ihre anfänglichen Bemühungen, von ostdeutschen Verhältnissen zu schreiben. Über die prekäre Situation will man nichts hören. Sie soll lieber „etwas Schönes“ schreiben, hat man ihr gesagt. Dies hat sich erst 2015 geändert, als Phänomene wie Pegida und die hohe Anhängerschaft der AfD aufkamen. Warum der deutsche Rechtsruck gerade im Osten so stark ist, fragen sich viele WissenschaftlerInnen. Jana Hensel schlägt für diese Frage eine Erklärungsmöglichkeit vor. Die Wiedervereinigung ist für sie ganz klar keine Erfolgsgeschichte. Der ökonomische Einbruch sowie der Elitenaustausch im Osten führten zu einer massiven Abwanderung. Rund drei Millionen gut ausgebildete junge Menschen, vor allem Frauen, verließen den Osten. Eine überalterte, vermännlichte Gesellschaft in prekärer Arbeitssituation ist geblieben. Hinzu kommt die westdeutsche Stigmatisierung. Der Osten wurde lange aus der medialen Landschaft gestrichen. Kein Wunder, dass es heute Menschen gibt, die von einer „Lügenpresse“ sprechen. Sie fühlen sich nicht repräsentiert. In all diese Gedanken gibt Hensel uns Einblick, bevor sie beginnt aus ihrem Buch vorzulesen.

Trotz der Schwere des Themas gibt es immer wieder lustige Momente. Das
Publikum lacht viel. Besonders darüber, dass Hensel sich nicht an das „Bremer Duzen“ gewöhnen kann. Auch den Vorwürfen gegenüber dem Westen, die manchmal mitschwingen, wird sich angenommen. Hier in Bremen ist man Direktheit gewöhnt, erklärt die Moderatorin Katharina Guleikoff.

Nach dem langen Interview bleibt nicht mehr viel Zeit für das Lesen aus ihrem Buch „Wie alles anders bleibt“. Ein Kapitel schaffen wir dann aber doch. Und zwar ein ganz bestimmtes, das Guleikoff sich wünscht, denn es hat sie besonders berührt. In diesem trifft Jana Hensel Sigmund Jähn. „Wisst ihr noch, wer das ist?“, fragt sie das Publikum, bevor die Lesung beginnt. Ungefähr ein Drittel meldet sich – Hensel hat mit noch weniger gerechnet. Sigmund Jähn war als erster Deutscher im Weltall, in der DDR feierte man ihn als Helden. Heute hat man ihn vergessen. Aber warum? Weil er DDR-Bürger ist? Jana Hensel schreibt von der Normalität des damals über 80ig Jährigen. Davon, wie sie gemeinsam Voigtländer Klöße essen und dass es Jähn nichts ausmacht, vergessen worden zu sein.

Zum Ende lautet eine Publikumsfrage, wie Ost und West wieder stärker zusammenkommen können? Hensels Antwort: Zuerst einmal sind wir zusammen. Ostdeutsche Geschichte ist zugleich auch die Geschichte aller Deutschen. Zudem glaubt Hensel, dass wir ein „gesamtgesellschaftliches Sprechen“ brauchen. Hier dürfen aber nur Ostdeutsche sprechen – Westdeutschland muss dann einfach mal zuhören.

Text: Esther Schleppegrell

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