Flowers green

Von Gina Grote

Kapitel 1
Krieg der Waffen

Meine Eltern lieben Blumen. Warum ist mir das nicht schon früher aufgefallen? Ich fühle mich ignorant bei dem Gedanken, dass ich dachte, meine Familie wäre durchschnittlich: für normale Verhältnisse. Verdammt, man sollte mich ordentlich schütteln!

Seit ein paar Atemzügen spüre ich einen seltsamen Druck an meinem rechten Finger. Eine grüne Blume hat sich nämlich wie ein Ring um meinen Finger gesponnen. Diese Blume gehört zu unserer Familientradition. Schon seit alten Zeiten, die schon so lange zurückliegen, dass sich daran niemand mehr erinnern kann. Es ist eine Blume mit magischen Fähigkeiten. Sie ist kostbar und mächtig. Sie kann die Zeit anhalten und Reisen in die Vergangenheit schenken – den Menschen, die sich einst um sie gekümmert haben.

In diesem Fall geht es um meine Familie. Der Hüter und Träger dieser zarten Blume erhält damit auch das Privileg, Zeitreisen durchführen zu dürfen.

Und diese mächtige Pflanze mit solchen Fähigkeiten – diese mächtige Präsenz – bewahrte meine Mutter ohne mein Wissen all die Jahre auf der Küchenablage auf: gleich neben den Küchenkräutern versteckt.

***

Als meine Mutter mir das Familiengeheimnis eines Tages anvertraut hat, habe ich sie den Umständen entsprechend angeschaut: „Eine Zauberpflanze? Das ist doch ein Scherz!“

Ich brach in Lachen aus und merkte dabei nicht, wie meine Mutter den Kopf schüttelte: „Nein, ich scherze nicht, aber warum überzeugst du dich nicht selbst?“

Meine Mama stand auf und legte die zarte Blume mit dem leuchtenden Grün auf meine Handfläche.

„Eins muss man ihr lassen: Wunderschön ist diese Pflanze!“, sagte ich.

***

Eines Tages nehme ich die Blume in die Hand, verträumt bewundere ich die magische Pflanze, wie sie sich langsam um meinen Finger schlängelt: Und auf einmal bin ich verschwunden.

Nicht wirklich verschwunden, ich war einfach woanders. Mitten auf einer großen Wiese, um genau zu sein. Der Regen prasselte wild auf die Erde und die Wiese ähnelte eher einer großen Schlammgrube. Doch ich wurde vom heftigen Regen verschont, den physikalischen Gesetzen zum Trotz blieb mein Körper trocken. Auch als ich anfing, die Wiese zu überqueren, hinterließ ich im Schlamm keinen Spuren.

Doch nachdem was jetzt passiert ist, bemerkte ich den großen Elefanten nicht.

„PENG!“ Das laute Geräusch hallte laut über den Platz, danach hörte man ein dumpfes „PLATSCH!“, das Gleiche wiederholte sich abermals: „PENG!“, „PLATSCH!“: Langsam realisierte ich, dass jemand wohl mit einem Gewehr geschossen hat. Auf Menschen.

Ich rannte schneller als ich konnte. Etwa auf der Mitte des Feldes blieb ich stehen.

Männer in Uniform standen auf dem Feld und schossen mit Pistolen auf andere Männer. Sie führten Krieg.

Ich stand also auf einem Schlachtfeld. „PENG!“, „PENG!“: Darauf folgte dreimal „Platsch!“. Männer werden erschossen und fallen tot um.

„Aufhören!“, schreie ich schrill aus meiner Kehle. „Warum tut ihr das?“, schrie ich weiter verzweifelt.

Niemand drehte sich zu mir um, niemand bemerkte mich. Ich fühle mich wie ein Geist. Eine bedrückende Erkenntnis. Ein Mann kommt mitten auf mich zu gerannt, nur um dicht vor meiner Nase erschossen zu werden.

„Oh Mein Gott!“, rufe ich. Das Gebrüll in einer fremden Sprache (wahrscheinlich Russisch) klang wie Jubel.

Mir wird schlecht. Eine leise Stimme von ganz weit hinten ertönte übers Feld: „Ich ergebe mich, bitte, ich will nicht schießen!“

Neugierig schaute ich zu dem Mann herüber, er sah meinem Opa erschreckend ähnlich. Seine Figur, seine runden Augen. Seltsam. Im gebrochenen Deutsch ertönte dann: „Mitkommen!“ Und der Mann, der sogar ging wie mein Opa, wurde abgeführt. Bei diesem Anblick rollten mir Tränen über mein Gesicht.

Kapitel 2
Krieg der Bomben

Der Regen hatte aufgehört. Logisch, denn ich befinde mich in einem geschlossenen Raum. Nicht mehr auf dem Schlachtfeld. „Gott sei Dank!“, flüstere ich verstört. Diese Bilder werden mich noch lange Zeit verfolgen.

Schleichend spürte ich den Geruch von altem Holz in der Nase. Im Kamin brannte Feuer. Beruhigend. „BUM!“. Der Boden vibrierte. Die Deckenlampe flimmerte. Ein Mädchen mit geflochtenen Zöpfen, es war ungefähr acht, drückte seinen Kuschelbären an sich. Es hatte Angst, weinte aber nicht. Mein Beschützerinstinkt schaltete sich ein: „Hey! Alles okay?“

Ich kniete mich direkt vor das Kind, doch es schaute einfach durch mich hindurch.

“Mutti, es ist schon wieder passiert, aber Elfriede schläft noch.“

Irritiert schaute ich mich um und dann sah ich sie. Eine Erscheinung von Frau, die einen einschüchterte. Die Frau war etwa dreißig, das verrieten ihre Augen, aber der Rest ihres Äußeren war unfassbar alt. Die braunen Haare ergrauten langsam. Ihr Mund war grimmig verkniffen. Der Körper hager, in ein graues Kleid gehüllt. Wahrscheinlich aus dem gleichen Stoff wie das Kleid, welches das Mädchen trug.

„Das war eine Bombe, die erste in dieser Woche. Ein Graus. Gut, dass deine Schwester schläft. Du solltest das auch tun. Ich bin im Keller bei unseren Nachbarn, ich muss ihnen die Sachen vom Markt bringen.“

Mit diesen Worten ließ die Mutter ihre Tochter stehen. Das kleine Mädchen atmete aus und drückte seinen Teddy noch enger an sich. Auf dem Holzbett, fast so groß wie ein Doppelbett, lag ein anderes, jüngeres Mädchen quer und schlief tief und fest. Seinen Kopf bedeckte ein Tuch. Das war dann wohl Elfriede. Das mir unbekannte Mädchen nahm das Tuch und tauchte es in einen Topf mit Wasser, der vor dem Fenster stand, und legte es nass zurück auf die Stirn des kleinen Mädchens.

Elfriede ist krank, stellte ich erschrocken fest.

Und das große „BUM!“ kam von einer Bombe, die Leben auslöschen kann. Das Leben der jungen und gleichzeitig viel zu alten Mutter wie auch das der Kinder, die bei Anschlägen weder weinen noch aufwachen: Ihr hohes Alter und die scheinbare Ruhe ihrer Sprösslinge waren das Resultat des Krieges.

Ich bin ein Idiot, doch die Erkenntnis trifft mich ins Mark.

„Du bist meine Oma“, flüsterte ich. „Oma Anneliese, ich konnte dich nie kennenlernen“, sagte ich, was noch idiotischer war, das kleine Mädchen hörte mich doch nicht.

Die grüne Blume funkelte unschuldig an meinem Ringfinger. Dieses Teufelsgewächs hatte mir das ermöglicht. Unfassbar.

Anneliese setzte sich auf dem Boden vor das Bett. Regungslos, wie es eigentlich keine Kinder können, schaute sie durch den Raum und wartete. Wahrscheinlich darauf, dass der Krieg aufhörte.

Ich verschwand aus dem Raum.

Kapitel 3
Krieg der Erkenntnis

Ich riss die Augen auf. O mein Gott! Bin ich tatsächlich in der Zeit gereist? Habe ich Dinge gesehen, die schon seit Langem der Vergangenheit angehören? Oder ist das Einbildung?

Nein, so stark kann der Verstand nicht aussetzen. Es sei denn, man wäre … Man wäre verrückt!

Mein Blick huschte zu meinem rechten Ringfinger. Die grüne Blume war immer noch da. Leuchtend grün. Wunderschön. Wenn sie noch da ist, dann muss alles, was geschehen war, Wirklichkeit sein, oder? Es hat sich doch echt angefühlt. Die Situationen hatten sich wirklich in der Zeit abgespielt, die ich besucht habe.

Der Mann, der sich ergeben hat – einfach um selbst nicht mehr schießen zu müssen. Er hatte Ähnlichkeiten mit meinem lieben Opa. Ich hatte meinen Urgroßvater gesehen. Mein Vater hat mir von ihm erzählt. Im Zweiten Weltkrieg hatte er sich ergeben, sonst hätte er weiter schießen müssen. Danach hatte er bis zum Ende des Krieges in russischer Gefangenschaft gelebt.

Oh! Und die alte Frau war meine Urgroßmutter. Ich bewundere sie schon seit geraumer Zeit. Sie hatte all ihre Söhne im Krieg verloren. Ihre Töchter aufgezogen und ihre Nachbarn, sie waren Juden, im Keller beschützt.

Ich verstehe es endlich. Die Blume hatte mir meine Wurzeln gezeigt. Mir gezeigt, wie stark und zerbrechlich meine Vergangenheit ist.

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