Familie Zengin

Von Kenan Zengin

Nachdem die Familie meines Vaters sich dazu entschlossen hatte, in der Türkei in eine andere Stadt umzuziehen, sind sie nach Giresun gezogen: in die Heimatstadt meiner Mutter, die im Norden der Türkei liegt, direkt am Schwarzen Meer. Die Familie meines Vaters ist damals in eine Wohnung gegenüber der meiner Großeltern und meiner Mutter eingezogen. Für die Schule hatte mein Vater damals als Jugendlicher keine Zeit gehabt, denn er musste von morgens bis abends in dem Café seines Vaters als Kellner arbeiten. Eine Chance, Profifußballer zu werden, hatte mein Vater auch bekommen, mein Opa ließ ihn jedoch den Vertrag mit einem Fußballclub nicht unterschreiben, weil ihm das Café wichtiger war und weil es ihnen zu dieser Zeit finanziell sehr schlecht ging. Trotz der großen Chance sagt mein Vater mir immer, dass man mit den Eltern nicht diskutieren dürfe – wenn sie etwas sagen, dann solle es so sein, auch in so einer Situation.

Ganz anders war es bei meiner Mutter, sie hatte die Zeit, zur Schule zu gehen, jedoch musste sie als älteste Schwester nach der Schule immer auf ihre kleine Schwester aufpassen und gleichzeitig Hausarbeiten erledigen, da blieb oft keine Zeit mehr für Hausaufgaben.

Irgendwann auf einer Hochzeit sind meine Eltern sich nähergekommen und wurden einander vorgestellt. Bei uns Türken ist es Tradition, dass die Familie des Jungen zur Familie des Mädchens geht, man sich dort kennenlernt, und am Ende sagt dann der Vater des Jungen, dass man die Tochter von dem Vater haben wolle und erst, wenn er einwilligt, dürfen die beiden dann heiraten.

1986 war es dann soweit, meine Eltern heirateten und es dauerte nicht lange, bis sie wussten, dass sie Eltern werden. Für sie war das Wichtigste die Zukunft des Kindes. Sie wollten nicht, dass es dem Kind so erginge wie ihnen. Deswegen flog mein Vater als erstes nach Deutschland, genauer gesagt nach Frankfurt zu Verwandten, um nach Arbeit zu suchen, weil es der Bundesrepublik Deutschland zu dieser Zeit wirtschaftlich sehr gut ging.

Als er dann gemerkt hatte, dass er nicht vorankam, fuhr er nach Bremen und holte meine Mutter und ihre Familie auch hierher. Und während die Familie meines Vaters in der Türkei blieb, außer seiner ältesten Schwester, war 1987 schon ihr erstes Kind auf die Welt gekommen: mein Bruder. Lange blieb er aber nicht bei ihnen. Zwei Monate nach seiner Geburt starb er bei einem Autounfall und für meine Mutter war das das Ende der Welt.

Trotz des großen Verlustes und der Angst, weitere Kinder zu bekommen, und trotz der politischen Lage in Deutschland kam zwei Jahre später meine Schwester auf die Welt. Ein weiterer Lebenssinn für meine Eltern.

Vor der Geburt des nächsten Kindes sind sie weiter in eine andere Wohnung umgezogen und 1995 kam dann mein Bruder zur Welt. Als es dann hieß, mit den Kindern reiche es bis hierhin erstmal, stand schon die nächste Geburt an. Sieben Jahre nach der Geburt des ersten Jungen kam nämlich der zweite Junge auf die Welt: ich.

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