Die Einwanderung meines Großvater und meines Vaters

Von Erijona Nrecaj

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Geboren in zwei Sprachen und aufgewachsen zweitausend Kilometer vom Ursprung. Zweiundfünfzig Jahre zuvor machte mein Großvater den ersten Schritt als Gastarbeiter nach Deutschland. Mit einem Koffer, gefüllt mit wenig Kleidung, aber mit viel Hoffnung für eine erfolgreiche Zukunft. Schließlich mussten vierzig Personen ernährt, eingekleidet und die Kinder gebildet werden. Druck, sehr viel Druck, lastete auf seinen Schultern, doch er kaschierte es vor der Familie mit Geld und Geschenken. Die Gier nach Arbeit war groß und der Hunger nach Geld mächtig.

Die ersten zehn Jahre lebte er in einem Keller in Bremen Neustadt für umgerechnet fünfzig Euro, während im Kosovo sein Sohn Wirtschaft studierte und seine Brüder das ganze Land in ihrer Umgebung aufkauften. Zum ersten Mal verstand er die wirkliche Bedeutung von Geduld, Disziplin, Sehnsucht und vor allem Diaspora. Und innerhalb dieser Zeit kaufte er im Kosovo einen halben Hektar Land, auf dem er jedem seiner Brüder ein Haus baute und sogar ausstattete. Seine eigenen Wünsche stellte er immer nach hinten, damit es nicht zu Streitereien kam und man ihn nicht für gierig oder egoistisch hielt.

Das Leben ging jedoch weiter. Arbeiten, essen, schlafen. Der monotone Alltag eines Vierzigjährigen ging auch weiter, dessen Tage schließlich doch mit Aufregung gefüllt waren, zum Beispiel als er einen Brief von seiner Familie erhielt. Die Möglichkeiten wurden mit der Zeit immer größer und die Sehnsucht nach der Familie stärker. Also beschloss er, seinen zweitältesten Sohn nach Deutschland zu holen – nämlich meinen Vater.

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Damals im Alter von achtzehn Jahren, unerfahren und voller Motivation zum Arbeiten, war mein Vater in eine neue Welt gezogen – nach Bremen. Eine Stadt, die auf der Karte die Größe einer Erbse hat, doch in der Realität den Anschein einer Endlosigkeit vermittelt. Zum ersten Mal in seinem Leben war er nicht von Bergen oder leeren Landschaften umgeben, sondern von unterschiedlichen Menschen und Technologien, und er kam mit der Zukunft in Berührung – er hatte hier eine Zukunft. Schulen, Kinos, Spielplätze und Supermärkte, wo die Preise nicht verhandelbar waren wie auf einem Basar – all das gab es in der Nähe. Die nächste Bushaltestelle war nur drei Minuten entfernt.

Langsam gewöhnten sich mein Opa und mein Vater an den Bremer Stadtteil Walle. Deutschland war für sie wie ein neues Buch, das sie zunächst nur nach der Betrachtung des Buchcovers einschätzen konnten – also voller Vorurteile. Doch das Aufschlagen und Lesen dieses Buches erforderte viel Zeit, wobei er sich auf seine Träume stützte. Die Wünsche entwickelten sich zu Pflichten und das Lernen zum Zwang – das war so bis 1998.

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Der Konflikt im ehemaligen Jugoslawien wurde dichter und es kam zum Krieg. Alle in Kosovo lebenden Familienangehörigen flüchteten ins Ausland oder nach Albanien und verloren zeitgleich ihre Hoffnung und dreißig Jahre von ihrem Erarbeiteten: Häuser, Land und dann vor allem Menschen, ihre Nächsten, die wegen der Politik aus dem Leben gerissen wurden. Es gab solche Eltern, die den Tod ihrer Kinder nicht verarbeiten konnten und die dann den wirklichen Wert des Lebens kennenlernten – Freiheit und Frieden.

Zeitgleich versuchten mein Opa und mein Vater in Bremen, die dreißig Jahre Arbeit aus ihrer Heimat nachzuholen. Durch Überstunden, zahlreiche Teilzeitjobs und eine erneute Umstellung gelang es ihnen, ihre Ziele zu erreichen. Jedoch schlossen sie diese Zeit mit einer komplett neuen Ansicht ab, welche ihr Leben enorm prägte. Denn der Wert jedes einzelnen Cents wurde in ihren Augen größer und größer, wobei sie das Sprichwort „Geld regiert die Welt“ hautnah miterlebt hatten. Dabei spielten auch die Selbständigkeit und Unabhängigkeit eine große Rolle, denn „Mut und Selbständigkeit gewinnt am raschesten der, der auf seine eigenen Füße gestellt wird, sobald er stehen kann“, wie Eduard Ackermann einmal sagte.

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