Des Zauberkünstlers dunkle Pfade

Am 1. Dezember trafen sich in der Universität Bremen Studenten wie Interessierte mit dem preisgekrönten Autoren Sasa Stanisic, um mit ihm über seine Arbeitsweise und sein n Werk Fallensteller zu sprechen.

Foto: Katja Sämann

Locker zurückgelehnt, das eine Bein über das andere geschlagen, sitzt er in der kleinen
Runde. Die etwa zwei Dutzend Gesichter sind ihm zugewandt, hier und da ist noch immer das Lächeln zu sehen, das die humoristischen und kunstvollen Sätze seiner immens schönen tragischen blöden glückseligen deutschen Flüsse ausgelöst haben.
Die Lesung der Kurzgeschichte war zum Auftakt des angesetzten Gesprächs mit dem Autoren
erfolgt, und er hat gerade diese Geschichte gewählt, sagt er, weil ihm der Erzählton besonders gut gefalle. Überhaupt sei die Mikroebene der Sprache etwas, das ihm außerordentlich wichtig sei, denn ihm gehe es in erster Linie um den „Sog“ der Formulierungen und um die Plastizität der Figuren.
In seinen Erzählungen geht es aber immer auch um Identität, um „äußere“ wie „innere“ Reisen mit unbekanntem Ziel. Um die Annäherung zu etwas oder die Entfernung davon, und um die Diskrepanz zwischen Eigenwahrnehmung und Fremdsicht. Diese Grundthemen Stanisics haben mit seiner Herkunft zu tun, da er sich als bosnischer Flüchtling in Deutschland zunächst selbst als fremd empfand und ebenso wahrgenommen wurde, bevor er sich die neue Sprache und Kultur zu eigen machte. Trotz allem solle seine Literatur nicht als Abbild von Biografie bzw. Natur verstanden werden, sagt er, sondern vielmehr als deren Verwandlung. Was er damit meint, verdeutlicht er an seinem Erzählband, wenn er von „realitätsgesättigten“ Figuren spricht, aber betont, dass es ihm eigentlich um das Unsichtbare, um das Verborgene gehe, das er mithilfe seiner Sprache und seiner Geschichten beschreiben will. Andeutungen, Auslassungen, gezielte Verfremdung und Irreführung als dichterische Mittel also – Erzählen als Magie.
Seen und Flüsse beschreibt Sasa Stanisic als Speicher von Geschichte, weil sie als Struktur die Zeit überdauerten und so zu Zeugen von unzähligen Kriegen, unermesslichem Glück, Leben und Tod sowie der menschlichen Tragik allgemein würden. Aus diesem Grund erhebt er sie zu einem denkenden Subjekt und lässt sie seine Geschichten erzählen. Gleichzeitig dienen sie ihm aber auch als Tor zum Unbekannten und führen die Leser in das Dickicht des Surrealen. Nicht zufällig fällt in diesem Zusammenhang der Name E. T. A. Hoffmann, hier zeigt sich der Romantiker Stanisic. In dieser Dunkelheit legt der Autor falsche Fährten und spielt mit den Erwartungen der Leser, indem er diese durchkreuzt. Wie schön auch, nicht zu wissen, um was es eigentlich geht, lässt uns der Erzähler in Billard Kasatschok darüber rätseln, was er uns gerade erzählte.

Ob Stanisic seine Leser manchmal gerne provoziere, fragt ein Student etwas verschämt in die Runde, woraufhin der Autor schmunzelnd erwidert, dass er seine Leser als aufmerksame und aktive Teilnehmer begreife. Das erinnert wiederum ein wenig an Brechts „dialektisches Theater“, obgleich Stanisic kein politischer Autor sein will. Seinen Erzählungen, behauptet er, gehe der Appell ab, auf die ein oder andere Weise Stellung zu beziehen. Sie sollen lediglich unterhalten und die Leser auf eine Wanderung ins Ungewisse einladen.

Ein Beitrag von Florian Pieth.

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