Der Literaturtipp des Monats

Renz_800Martin Renz, Leiter der Stadtbibliothek Vegesack, empfiehlt:

„Hundert Freuden“ Gedichte von Wisława Szymborska.

Welch passender Titel für diesen kleinen Gedichtband! Auf etwa 200 Seiten versammelt er die vielleicht zugänglichste Auswahl von Gedichten der polnischen Lyrikerin Wisława Szymborska (1923–2012). Er bildet Szymborskas Schaffen in der Zeitspanne von den 50ern bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts ab. Und auch wenn das Spätwerk nicht Eingang in diese 1996 erschienene Sammlung gefunden hat, mag das Attribut repräsentativ für sie wohl angemessen sein, da hier diejenigen Texte zu finden sind, die womöglich auch das Komitee der Svenska Akademien dazu bewogen haben, Szymborska vor inzwischen 20 Jahren den Nobelpreis für Literatur zuzusprechen.

Neben einigen, wenigen Gedichten aus Szymborskas noch dem sozialistischen Realismus verschriebener frühester Schaffenszeit, lernen Leserinnen und Leser aus dem deutschsprachigen Raum hier von Karl Dedecius kongenial übersetzte Texte einer beständig zwischen Moderne und Postmoderne oszillierenden Individualistin kennen. Epigonentum? Fehlanzeige. Szymborska entpuppt sich – stets mit dem ihr eigenen ironischen Augenzwinkern – als fragende Zweiflerin, als Philosophin des „ex negativo“, als Poetin des „Was wäre wenn?“. Symptomatisch dafür sind Titel wie „Von der nicht stattgehabten Expedition in den Himalaya“, „Rezension eines nicht geschriebenen Gedichts“ oder Gedichtanfänge wie „Meine Nichtankunft in der Stadt N. / erfolgte pünktlich.“

Ungeheuer spannend ist Szymborska auch, wenn sie – mal mehr, mal weniger augenfällig – feministische Standpunkte in ihr lyrisches Werk einflicht. So zum Beispiel im Text „Beim Wein“, für den die Bezeichnung „Liebesgedicht“ schon kaum noch passen mag:

Er sah, sein Blick gab mir Schönheit,
und ich empfang sie als die meine. […]
Ich ließ geschehen, daß er mich ausdachte
zum Ebenbild der Spiegelung
in seinen Augen. […]
Ich sage ihm, was er will: von Ameisen,
die an der Liebe sterben […].
[…] So tanze ich, tanze
in der staunenden Haut, in der Umarmung,
die mich erschafft. […]

Vordergründig wirkt Szymborska in ihrer Sprache häufig simpel, in der Wahl ihrer Gegenstände alltäglich, manchmal gar banal. Hinter dieser oft schmucklosen Fassade entdecken ihre Leserinnen und Leser jedoch hunderte von Freuden. Lesenswert!

Wislawa
Herausgegeben und aus dem Polnischen von Karl Dedecius. Mit einem Vorwort von Elisabeth Borchers und einem Nachwort von Jerzy Kwiatkowski

Erschienen: 27.02.1996
suhrkamp taschenbuch 2589, Broschur, 240 Seiten
ISBN: 978-3-518-39089-4

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