Der Literaturtipp des Monats: „Glantz und Gloria“ von Henning Ahrens

Lison_2015_800Barbara Lison, Bibliotheksdirektorin der Stadtbibliothek Bremen, empfielt einen Roman, ja eigentlich einen „Trip“, der durch seine Brisanz besticht. Zu Recht ist Henning Ahrens für „Glantz und Gloria“ mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet worden.

Der Titel des 2015 erschienenen neuen Romans von Henning Ahrens kann unterschiedliche spontane Konnotationen hervorrufen: für Menschen mit historischem Interesse wird sicherlich sofort das Motto des Deutschen Kaiserreiches aufleben, das eine glänzende durch die sogenannten preußischen Tugenden und das preußische militärische Großmachtstreben geprägte Epoche bezeichnete. Für die jüngere Generation entsteht vielleicht eher der skurril-komödiantische (Musik-)Film von Alexander Marcus aus dem Jahr 2012 vor Augen, der die Kehrseiten des Pop-Ruhmes thematisiert. Sollte dieser Roman also entweder das deutsche Kaiserreich oder vielleicht ein modernes Psychodrama thematisieren?

Wohl erst auf den zweiten Blick fällt ein entscheidender Diskriminationspunkt auf: das „t“ in „Glantz“. Aha, hier scheint es also doch um etwas Anderes zu gehen! Dieses Andere ist ein Dorf im deutschen Mittelgebirge namens „Glantz im Düster“, in das sich der 45jährige Rock Oldekop begibt, nach vielen Jahren, in denen er sein Heimatdorf nicht mehr aufgesucht hat.

Der vom Autor als „Trip“ untertitelte Roman zeichnet die deutsche Provinz als „Nazi-Geisterreich“, wie Richard Kämmerlings treffend beschreibt. Denn es geht nur vordergründig um die Familien- und Lebensgeschichte des Protagonisten; es geht um eine Zustandsbeschreibung der gefährlichen Auswirkungen rechtsextremen Gedankenguts: des zerstörerischen Hasses auf Fremde und Andersdenkende.

Rock Oldekop will herauskriegen, warum sein Elternhaus abbrannte und seine Eltern mit in den Tod gerissen wurden, als er fünf Jahre alt war. Bei dieser Suche erlebt er den Hass der Dorfbewohner und deren erbarmungslose Selbstsucht genauso wie er in dem Öko-Aussteiger Landauer einen weltfremden Gutmenschen kennenlernt. Selbst die Liebesgeschichte mit der neu angekommenen Ärztin Glòria (!) ist eine sehr verhaltene, skurrile Romanze. Dieses Buch ist anrührend und infernalisch zugleich, es regt zum zynischen Lächeln an genauso wie Verzweifeln an der Gerechtigkeit in dieser Welt – es triggert an einem Universum von Emotionen.

Mit Recht hat Henning Ahrens dafür den Bremer Literaturpreis zugesprochen bekommen.


glantz_und_gloria_coverHenning Ahrens
„Glantz und Gloria“
Roman, 2015
S. Fischer, € 18,99

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