Deborah Feldman: Jüdische Dogmen gegen deutsche Wurzeln

Es ist ein regnerischer und windiger Dezembertag, an dem der Wallsaal der Zentralbibliothek voll von Menschen ist. In der allgemeinen Unruhe dauert es einen Moment, bis die Anwesenden bemerken, dass Deborah Feldman an ihnen vorübergeht – diejenige, auf die sie eigentlich warten. Die in den USA aufgewachsene Autorin erlangte in ihrer Heimat vor gut fünf Jahren in kurzer Zeit Berühmtheit und ist nun auch in Deutschland angekommen.

Unvermittelt, fast schüchtern durchmisst die 31-jährige den Saal, an dessen Kopfende sie schließlich zusammen mit ihrem Verleger Christian Ruzicska Platz nimmt. Als es still geworden ist, ergreift die Europaabgeordnete Helga Trüpel zunächst das Wort. Etwas überraschend erzählt sie von ihrem Kampf gegen den Burnout vor einigen Jahren, bevor sie einen Bogen zu Feldmans Erstling Unorthodox schlägt. Das tut sie, indem sie die „radikal weibliche Perspektive“ des Romans hervorhebt, in der sie sich selbst wiedergefunden habe. Als sie dem neuen Roman Feldmans, Überbitten, gar attestiert, ein Jahrhundertwerk zu sein, scheint die Autorin ob der hoch gegriffenen Worte verlegen. In diesem Moment wirkt ihr Lächeln verschämt, so als wolle sie sich selbst und ihr Schaffen in schlichteren Tönen beschreiben. Ganz im Kontrast zu diesem Bedürfnis steht ihr auffallend roter Mantel, der an diesem Abend Symbolcharakter hat. Denn gerade diese Farbe steht im Glauben der Satmarer Chassiden – jener ultraorthodoxen jüdischen Sekte, in der die Autorin aufwuchs und von der sie sich lossagte – für den Teufel und ist allen Mitgliedern zu tragen untersagt.

Die tief problematische Jugend, die sie unter unzähligen Vorschriften und Verboten dort verbrachte, bildet auch den erzählerischen Fokus ihrer autobiografischen Werke und so verwundert es nicht, wenn ihr Verleger in diesem Zusammenhang von Romanen spricht, die keine seien. Es gebe für sie, erzählt Feldman, keine bessere Geschichte als das eigene Leben. Sie könne ihre Vergangenheit auch nicht einfach ablegen oder verdrängen, und so geht es ihr um das Erzählen ihrer persönlichen Wahrheiten durch Prosa. Schon früher habe sie die Vorstellung gehabt, ihr eigenes Leben wie in einem Roman voranzutreiben und das Verrückte sei, ergänzt ihr Verleger, dass Feldmans Leben nun auch umgekehrt dem Verlauf ihrer Romane folge.

Bereits in Unorthodox beschreibt die Autorin sehr eingehend, wie sie sich von den Dogmen der Gemeinschaft emanzipierte, indem sie der Frage Raum gab, wer sie eigentlich sei. Sie beschäftigte sich heimlich mit den klassischen Werken der europäischen Literatur und entdeckte die humanistischen Ideale für sich. Es faszinierte sie, mehr sein zu können, als die ihr aufgezwungene Identität der jüdischen Ehefrau und Mutter. In ihrer Humanität sah sie eine Verbindung zu allen Menschen, was ihr einen größeren Raum zur Entfaltung ihrer Persönlichkeit gegeben habe, sagt sie.

Schließlich führte ihr Weg sie über den Stammbaum der Großmutter ausgerechnet nach Deutschland, in dem sie  bald die Liebe eines Mannes erfuhr, der ein Enkel überzeugter Nazis ist. Der Mann erzählte ihr, dass seine Mutter aus diesem Grund schon als 17-Jährige mit seinen Großeltern gebrochen hatte und letztere ihm daher gänzlich unbekannt seien. Feldman lernte auch die bereits alte, hellhäutige und blauäugige Mutter selbst kennen und sah in ihr Ähnlichkeiten zur eigenen Großmutter – jener Großmutter die nur knapp dem Holocaust entkam.

Auf den Titel ihres neuen Romans Überbitten angesprochen, bekräftigt Deborah Feldmann, dass sie sich keinen anderen Titel für diesen habe vorstellen können, obwohl man ihr sagte, dass dies im Deutschen kein übliches Wort sei. Wenn sie von ihrer alten Gemeinde erzählt, erwähnt sie oft, dass einer deren Grundsätze darauf beruhe, dass keine Wut zwischen den Mitgliedern aufkommen dürfe, um Gott nicht zu erzürnen. Jeder entschuldige sich dazu in ritualisierten Abläufen ständig bei den anderen, auch wenn er keine Reue empfinde. Ihr sei aber irgendwann bewusst geworden, fasst sie abschließend zusammen, dass dieses Überbitten tatsächlich zu einer inneren Besänftigung führe.

Ein Beitrag von Florian Pieth.

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