Endspurt an der Oberschule „In den Sandwehen“

Bas Böttcher und die 8c geben noch einmal Gas, denn heute ist ihre letzte gemeinsame Schreibwerkstatt. Seit Dezember arbeiten der Poetry-Slammer und die Schulklasse an ihrem selbst geschriebenen Buch, das im Juni dieses Jahres im Schünemann Verlag veröffentlicht werden soll. In dieser kurzen Zeit haben die Schüler*innen viele Seiten gefüllt und so viel steht fest: Die Geschichte, in der Amara aus einer Schattenwelt ohne Farben entkommen muss, ist schon so gut wie fertig. Nun wird der fünfte Projekttag fleißig für den Feinschliff genutzt. Zuerst werden die Ziele für den Tag festgelegt. Das Leben in der Schattenwelt soll genauer beschrieben und der Buchinhalt auf seine Logik hin überprüft werden. Bas Böttcher trägt hierzu die bereits geschriebenen Teile der Geschichte vor. Die Jugendlichen spitzen ihre „aufmerksamen Ohren“, wie Böttcher das nennt. Ihnen fallen viele Details auf, die noch geändert werden müssen. Sie sind nicht nur die Autor*innen ihres Buches, sondern übernehmen gleich noch die Aufgabe des Lektorats. 

Der erste Workshop des Tages ist intensiv; er erfordert Konzentration und vor allem Zeit, denn die Schüler*innen haben viel Lesestoff produziert. Als es zur Pause klingelt, stürmen einige erleichtert hinaus. Eine Pause haben sie sich redlich verdient, bevor es im zweiten Teil des Projekttages noch spannender werden soll: Die Klasse 8c weiß, heute ist die Presse zu Gast. Bevor aber die Journalistinnen den Jugendlichen beim Schreiben über die Schulter schauen, findet ein Pressegespräch im viel genutzten „Lesegarten“ der Oberschule In den Sandwehen statt. Hier sind auch die Förderer, die Deutsche Kindergeldstiftung sowie der Lions-Club vertreten. Stephan Wegner, Direktor der Schule, betont, dass er das Projekt „überragend“ findet. Die 8c ist eine Inklusionsklasse mit Förderschwerpunkt Sprache. Umso beeindruckender sei es, die Steigerung der Leistungskompetenz zu beobachten. „Schülerinnen und Schüler, die dem Deutschunterricht sonst abgeneigt sind, blühen plötzlich auf“, berichtet Deutschlehrerin Anna Schwiers. Natürlich kommt auch Bas Böttcher zu Wort: Seine Aufgabe sei es, jeden mit einzubinden. Alle Texteteile können mit aufgenommen werden, auch Lyrisches oder gar Surreales. Er wolle den Jugendlichen vermitteln, handwerklich an das Schreiben heranzugehen: So wie „Brötchen backen“, ganz pragmatisch, am Ende soll ein Produkt herauskommen.

Anschließend wird sich auf den Weg zum Klassenraum der 8. Klasse gemacht. Hier arbeiten die Kinder gerade eifrig an neuen Textpassagen, die Amaras Abenteuer noch detailreicher erscheinen lassen. Der plötzliche Trubel bringt die Schüler*innen keineswegs aus der Ruhe: Sicherlich haben einige von ihnen ein mulmiges Gefühl im Bauch, doch man merkt es niemandem an. Sich im Blitzlichtgewitter wie auf dem roten Teppich fühlen zu dürfen, trägt zum Gefühl bei, gemeinsam etwas erreicht zu haben. Viele Fragen werden beantwortet, es wird für ein Gruppenfoto posiert und nebenbei mit rauchenden Köpfen und voller Konzentration weiter an den Manuskripten gefeilt.

Als wieder Ruhe eingekehrt und das weitere Vorgehen besprochen ist, bleibt noch Raum für Fragen. Ein Junge hebt die Hand: „Was ist, wenn uns kein Titel einfällt?“. „Selbst aus keiner Idee kann man etwas machen“, antwortet Bas Böttcher und macht damit der 8c Mut für ihren zukünftigen Weg: Gemeinsam kann die Klasse alles schaffen!

Text: Esther Schleppegrell
Fotos: Christopher Klerings

Neues von Amara, Cem und Alex

Nächster Schulhausroman-Workshop mit Bas Böttcher an der Oberschule In den Sandwehen: Gleich geht es los, die meisten sitzen schon, der Raum summt. Die Geschichte der »normalen Schülerin« Amara, die plötzlich nur grau sieht und nichts mehr schmecken kann, soll weitergehen; heute muss Amaras schwarz-weiße Welt wieder farbig werden. Aber wie? Es wird schnell klar, dass seit dem letzten Workshop viel gearbeitet worden ist. Vier Schüler*innen der Klasse 8C haben in den zwei Wochen ganze 72 Textdateien so rechtzeitig abgetippt, dass Bas Böttcher in der Lage war, sie alle zu lesen und zu ordnen. So kann er am Anfang beim Vorlesen ein gutes Resümee der bisherigen Handlung abgeben. Er berichtet, dass er auch eine Entdeckung gemacht hat: Bei der allerersten fantasiefördernden Schreibübung (»Was wäre möglich, wenn alles möglich wäre?«) entstand die Idee eines fliegenden Stifts. Diesen Zauberstift sieht er als Symbol für die blühende Fantasie der Klasse 8C und schlägt den kleinen Wunschtext als Prolog zur Geschichte vor. Darüber und über einen entsprechenden Epilog als Rahmen der Geschichte wird kontrovers diskutiert.

Bas Böttcher arbeitet geschickt daran, Glieder in der Erzählkette zu ordnen, versucht, Lücken aufzudecken, erteilt Arbeitsaufträge. Wunderbar, wie er führt, ohne sich einzumischen – denn dafür haben die jungen Autor*innen eine feine Spürnase.
Kurz nach Mittag wird die Arbeit unterbrochen, weil die Redaktionsmitglieder des Schuljahrbuchs den Gastautor interviewen wollen. Die vier müssen warten, bis Bas Schreibaufgaben verteilt hat, dann verschwinden sie mit ihm nach draußen auf den Gang. Die Arbeit drinnen geht weiter, der Raum vibriert vor Energie und Sprache.

Nach der Mittagspause passiert etwas Ungewöhnliches: Es ist Elternsprechtag, und alle anderen Klassen und Schüler*innen haben unterrichtsfrei. Nur die 8C arbeitet weiter, bis viertel nach drei. Die Geräuschpegel schwillt an und ab, schwappt von Gruppe zu Gruppe, bis die Kleingruppen zum heutigen Endspurt zusammengerufen werden. Sie versammeln sich in einem großen Halbkreis. Die Stühle klappern und kratzen.

Die letzten zwanzig Minuten werden genutzt, um zu besprechen, wie die Geschichte von Amara, ihrem Freund Cem und ihrem ›falschen‹ Freund Alex zu Ende gehen soll. Mit wem hat Amara eine Rechnung offen? Wird abgerechnet? Was für eine »schöne Entscheidung« gibt es am Schluss? Auf jeden Fall muss Amara fünf Rätsel lösen…

Text und Fotos: Ian Watson

Schulhausroman im Mittelpunkt

Inmitten des zweiten Projekttages an der Oberschule Lesum mit Autor Heinz Helle ist die Presse zu Gast, um auf den Schulhausroman aufmerksam zu machen. Neben drei Journalistinnen ist auch Förderer Lothar Franke anwesend, Vorstand der Stiftung Gib Bildung eine Chance. „Begeisterung für Bildung“ ist ihm ein Anliegen, weshalb seine Stiftung auch in Zukunft den Schulhausroman unterstützen wird.

Heinz Helle erzählt den Journalistinnen von seinen Erfahrungen mit den Schulklassen, wobei er vor allem die Herausforderungen beschreibt. „Den Schülern glaubhaft machen, dass sie das können“ sei die erste und schwierigste Aufgabe. Auch für seine eigene Arbeit empfindet Helle den Schulhausroman als inspirierend, weil von Welten erzählt wird, die ihm in seinem Alltag als Schriftsteller verborgen bleiben. Zu sagen: Junge Leute interessieren sich generell nicht für Literatur sei für ihn zu kurz gegriffen. Während der Schreibworkshops macht sich bemerkbar, dass es oft nicht am fehlenden Interesse an Schrift und Sprache liegt, sondern an der fehlenden Möglichkeit, selbst erzählen zu können. Genau das werde durch den Schulhausroman angeboten.

Ebenso schildert Helle die soziale Funktion des Schulhausromans, der schriftliche und sprachliche Entwicklungen begleitet oder sogar bedingt. Der Schulhausroman ist ein demokratischer Prozess. „Meine Geschichte nehmen wir raus“ entscheidet eine Schülerin für sich selbst, weil sie die Themen der anderen selbst spannender findet. Ein gutes Gelingen hängt stark von der Zusammenarbeit der Verantwortlichen ab. „Niemals stellen wir zum Beispiel Autoren und Autorinnen alleine vor eine Schulklasse, sondern bemühen uns immer darum die Lehrkräfte und Schulleitung mit einzubinden“ betont Heike Müller, Geschäftsführerin des Literaturhauses Bremen.

Nach dem Pressetermin gehen die Journalistinnen und Fotografen zusammen mit Heinz Helle in die Schulklasse zurück, die sich vom plötzlichen Blitzlichtgewitter kaum aus der Ruhe bringen lassen. Vierzehn Geschichten entstehen zu den Inhalten Entführung, Angst vor Wasser und Autounfall. Alleine die wunderbaren Titel der Geschichten lassen viel versprechen. Nur zu zweit ist man ein Zwilling oder die Geschichte She means everything to me erzählen von Trennung, Suche und Wiederfinden. Ein Mädchen verliert ihre Zwillingsschwester. Den Verlust, den sie nicht verkraftet, versucht sie zwanghaft wett zu machen, indem sie ein anderes Mädchen in ihre Gewalt nimmt, die ihrer toten Zwillingsschwester ähnlich ist. Ein Beispiel das zeigt, wie die Nachwuchsautoren vielschichtige Handlungen konstruieren. Nichts geschieht zufällig, überall sind die Motivierungen erklärt und nachvollziehbar. Vor psychologischer Tiefe wird nicht zurückgeschreckt, an der Oberfläche bewegt sich nur das was man sehen kann. Darunter ist noch viel mehr – das haben die Schülerinnen und Schüler bereits entdeckt.

Text: Michael Salzmann, Heike Müller
Fotos: Christopher Klerings