Bremer Schulhausroman – Gelungene Buchpremiere in Bremen-Nord

Donnerstagabend, 18 Uhr. Es ist so weit. Langsam trudeln die ersten Gäste in die Halle ein. Auf der rechten Seite nehmen die Eltern Schüler der Oberschule Lesum Platz, auf der linken die der Gastgeber: der Oberschule in den Sandwehen.

Vorne sitzen die aufgeregten Schüler und Schülerinnen beider Oberschulen und schauen nach vorne, wo sich die Schulleitung und Heike Müller vom Literaturhaus hinstellen und Danksagungen aussprechen. „Wir können viel reden, aber nicht so gut unterhalten – deswegen haben wir Profis eingeladen“, sagt Müller und kündigt die Moderatorin für den Abend an. Die Lichter werden gedimmt und die gutgelaunte Bremen Eins Moderatorin Katharina Guleikoff begrüßt das Publikum. „Manche warten ihr Leben lang, ein Buch zu veröffentlichen. Ihr könnt den Punkt jetzt schon auf eurer Bucket List abhaken“, schwärmt sie vorab von der Leistung der Schülerinnen und Schüler.

Linus und Paula sitzen vor dem Publikum und lesen flüssig aus „Alice“ vor, so wie sie es bestimmt tausendmal vor dem Auftritt geübt haben. Kleine Verhaspler überspielen sie gekonnt und lesen einfach weiter. Schließlich kommen Linus zum letzten Satz: „ – denn sie hatte Angst.“ Er schaut ins Publikum. „Fertig.“ Gelächter. Das nächste Schülerinnenpaar der Oberschule Lesum, Anna-Lena und Lena lösen die beiden ab. Sie machen die negativen Emotionen, über die sie lesen, greifbar.

Nachdem die Technik-AG die Handmikros desinfiziert hat, werden Melissa und Louis von Katharina Guleikoff zum Roman interviewt. Melissa ist von der Idee, später noch Autogramme aufs Buch zu geben, nicht abgeneigt. Bevor die achte Klasse der Oberschule in den Sandwehen ihr Werk präsentieren darf, heizt Beatboxer King ExXx das Publikum ordentlich ein.

Die Schülerinnen und Schüler der Gastgeberschule tragen allesamt schwarze Poloshirts mit der grün-weißen Aufschrift Sandwehen. Statt die verschiedenen Kapitel von „In der Schattenwelt gefangen“ aufzuteilen, übernimmt jeder eine Rolle. Sie lesen selbstbewusst vor. „Boom“, wird der letzte Abschnitt beendet. Das Publikum lacht vergnügt. Guleikoff fragt anschließend ihren Interviewpartner Joris, ob es eine Fortsetzung gibt. „Wir überlegen, in der Zehnten einen Film zu drehen. Aber es ist noch nicht sicher.“ Eins ist klar: Den Presseauftritt haben er und Ecem auf jeden Fall schon drauf.

Ihr Schreibcoach Bas Böttcher erzählt darüber, wie man beim Poetry Slam überraschen wolle und dafür mit den Schüler und Schülerinnen Ideen überlegt habe. Er fand super, welche Ideen entstanden: So handelt der Prolog von einem fliegenden Stift, der die Geschichte von alleine schreibt und die paradoxe Idee eines farblosen Regenbogens bildet das Fundament des Romans. Er ist richtig stolz, zu hören, wie sie ihren gemeinsamen Roman vortragen.

Damit ist der Abend auch schon wieder fast vorbei. King ExXx bringt dem Publikum noch ein bisschen Beatboxen bei und am Ende werden Heike Müller, der Schulleitung und Bas Böttcher als großes Dankeschön Blumen und Präsente überreicht. Ein emotionaler und schöner Abschluss der erfolgreichen Buchpremiere.

Text und Fotos: Lissi Savin

Bremer Schulhausroman: Kurz vor dem großen Auftritt

Der morgendliche Himmel ist wolkenlos. Heute tragen die Jugendlichen keine Schulranzen mit sich. Stattdessen stehen sie vor der Schule um einen Schauspieler herum, der ihnen zuruft, was sie machen sollen: „Klopft euch ab, dann zur Seite gähnen, wandelt die Müdigkeit in Energie um“, sagt er, während die Schüler und er die Hände über die Köpfe strecken.

Wer ist dieser Schauspieler und was macht er mit den Schülern, mag man sich fragen. Für die Antwort müssen wir ein bisschen ausholen: Der Schauspieler heißt Ibrahim Benedikt und er will die Schüler dabei unterstützen, ihren eigenen Roman vorzulesen. Diesen Roman haben die Schülerinnen und Schüler der Oberschule Lesum mithilfe des Autors Heinz Helle im Rahmen des Projekts Bremer Schulhausroman geschrieben. Heute sind sie zu Gast in der Oberschule Sandwehen in Bremen-Blumenthal, um mit der ebenfalls teilnehmenden Blumenthaler 8c die Lesung vorzubereiten und ihre Vorlesetechnik zu verbessern.

 „Jetzt machen wir einfach mal den Anfang“, sagt Ibrahim, als die Klasse nach den Aufwärmübungen in der Halle der Oberschule sich um einen Tisch versammelt hat. Linus und Paula betreten mit ihrem gemeinsamen Roman in der Hand die Bühne. In weißen Lettern steht auf dunklem Hintergrund: „Alice“. Darunter ist der Schatten einer Frau zu erkennen, die auf einer grauen Straße läuft. Die ersten Seiten werden gelesen. Ibrahim fragt nach dem Feedback der Mitschüler, die sich unter anderem mehr Gefühlbetonung wünschen. Ibrahim stimmt zu: „Ihr habt raumfüllende, angenehme Stimmen. Aber ihr habt sehr schnell gelesen. Versucht außerdem Blickkontakt herzustellen.“ So lesen sie ein Kapitel nach dem anderen vor. Immer wieder sagt Ibrahim: „Lauter, bitte.“ Er stellt sich ganz nach hinten, um zu überprüfen, dass auch der Gast in der letzten Reihe die Schüler und Schülerinnen versteht.

Schnell ist die Probestunde vorbei und die 8c darf das Vorlesen üben. Ibrahims Standardverbesserung bleibt: „Lauter!“ Außerdem muss er die Schülerinnen und Schüler immer wieder daran erinnern, nicht zu schnell zu lesen.  „Ihr habt tolle Stimmen. Die dürfen die Leute hören“, versichert er ihnen. Auch der Blick ist ihm wichtig. Das Publikum solle sich angesprochen fühlen. Manchen fällt das gar nicht so leicht, weil sie ihre Stelle im Text verlieren. Ibrahim beruhigt sie aber: „Wenn ihr euch mal verhaspelt ist das nicht schlimm. Ist hier ja nur eine Probe. Probiert alles aus.“ Auch auf die Körperhaltung achtet er. Ecem, Marcel und Aylin sitzen auf der Bühne und lesen abwechselnd ihre zugewiesenen Sätze vor. Ihr Lehrer Harry Schindler ist voller Stolz: „Ich habe ja schon oft gehört, wie ihr die Stelle vorgelesen habt. So war die Betonung am besten!“ Auch Heike, Geschäftsleiterin des Literaturhauses, stimmt zu: „Die Betonung war super.“

Schließlich neigt sich die Probe dem Ende zu. Nach so viel Übung, Lob und Kritik kann es am Donnerstag zur Buchpremiere ja nur gut werden.

Text und Fotos: Lissi Savin

Mit Heinz Helle zum fertigen Roman

Der letzte Workshop zum Schulhausroman findet heute in der Oberschule Lesum statt. Heinz Helle hat etwas Besonderes für die Schüler*innen dabei: Die Erstfassung ihres gemeinsamen Romans. Für jeden liegt ein ausgedrucktes Manuskript vor. Dies gehen er und die Nachwuchsautor*innen gemeinsam Stück für Stück durch. Abwechselnd werden die Kapitel vorgelesen und auf ihre Stringenz überprüft. Es werden Stellen gefunden, die einer Veränderung bedürfen. Ob aus logischen oder rein ästhetischen Gründen. Wenn sich nicht geeinigt werden kann, dann wird einfach demokratisch abgestimmt. Auch kleine grammatische Fehler fallen den Jugendlichen auf und werden sofort korrigiert. Da alle Teilnehmer*innen hoch konzentriert bei der Sache sind, vergehen die ersten 90 Minuten wie im Flug.

Während des Lesens kristallisieren sich einige Unklarheiten heraus, die weiterer Bearbeitung bedürfen. Heinz Helle schreibt sie an die Tafel. Zum Bespiel ist die Entführung noch nicht hinreichend aus Sicht des Opfers beschrieben. Eine Schülerin hat eine brillante Idee: Man könne die Gedanken der entführten Frau, die mit K.-o.-Tropfen willenlos gemacht wird, traumartig darstellen. Helle ist begeistert. Solche Szenarien seien wunderbar dazu geeignet, kreativen Ideen freien Lauf zu lassen. Sie müssen nicht nach logischen Mustern funktionieren, erklärt er.

Damit die Schüler*innen auf der Zielgeraden noch viel Text produzieren, teilen sie sich auf. Manche schreiben zu zweit neue Passagen. Andere entscheiden sich dazu, lieber ganz für sich allein zu schreiben. „Können wir auch zwei Themen bearbeiten?“, fragt eine Schülerin. „Na klar, ihr könnt so viel machen, wie ihr wollt“, antwortet Heinz Helle. Obwohl der Vormittag viel Aufmerksamkeit abverlangt, spürt man auch jetzt noch die Motivation der Jugendlichen. Nicht einmal vor einem freiwilligen Treffen in der Schule scheuen sie zurück, denn es ist ihnen wichtig, ihr Manuskript zu lesen, bevor es zum Verlag geschickt wird. Zudem gilt es einen Buchtitel festzulegen. Gar nicht so leicht. Viele tolle Ideen gibt es schon, aber eine Entscheidung wird noch nicht getroffen. Es bleibt also spannend – man sollte sich die Buchpremiere am 24. Juni nicht entgehen lassen.

Doch das Beste kommt am heutigen Schreibtag zum Schluss. Heike Müller vom Literaturhaus Bremen verkündet, dass es im September eine gemeinsame Fahrt nach Zürich geben wird. Der 8. Jahrgang wird das Junge Literaturlabor und Heinz Helle dort besuchen. Die Begeisterung sprudelt nur so aus den Jugendlichen heraus. Und auch Heinz Helle freut sich sehr, seine Abschiedsworte lauten: „Wir sehen uns in Zürich“.

Fotos und Text: Esther Schleppegrell