In Amaras Filterwelt

Schulhausroman mit Bas Böttcher:

Aus welchem Grund ist Amaras Welt plötzlich grau? Etwas muss der Hauptfigur des Schulhausromans zugestoßen sein. Dieser Frage nachgehend, beginnt der dritte Projekttag an der Oberschule In den Sandwehen – gemeinsam mit Slam Poet Bas Böttcher. Ein Filter aus der digitalen Welt legt sich auf die Wirklichkeit der Dinge oder tanzt sich Amara in einen schwarz-weißen Zustand, aus dem sie nicht mehr herausfindet? Die Schüler*innen haben Abstand genommen von düsteren Szenarien und wollen nun ein einschneidendes, aber alltägliches Erlebnis aufgreifen. Die Idee, dass ein Streit die Wahrnehmung von Amara verändert und die Welt zu einer grauen macht, hat sich durchgesetzt und wird weiterverfolgt. Es soll ein Streit im Wald passieren. Doch noch ist unklar mit wem und weshalb. Das Tafelbild von Bas Böttcher zeigt die Komplexität der Rahmenhandlung, die sich während der letzten Treffen entwickelt hat. Die Teilhandlungen ermöglichen, dass unterschiedliche Schreibstile und Perspektiven der Schüler*innen ihren Platz im Roman finden können.

Zum Beispiel hat sich eine Gruppe den Rätseln gewidmet, die von der Hauptfigur in einer Box gefunden werden. „Was wirft man weg, wenn man es braucht?“ * Durch die Lösung der Rätsel kann es Amara gelingen, ihrer Welt Farbe zurückzugeben. Orte und Motive, die noch auseinanderliegen, müssen in den nächsten Wochen sinnvoll verknüpft werden. Eine Intro Szene in Hamburg – dort soll die Handlung spielen –, eine Begegnung zwischen Amara und Alex, ein Streit, ein Wald, alles ist grau, alles verliert an Geschmack und Farbe: wie können die Einzelteile nun verbunden werden?

Fest steht das Hauptmotiv der Geschichte: die Verwandlung der Amara. Es wäre nicht das erste Mal, dass eine Verwandlung zu einer Erfolgsgeschichte wird. Gefangen sein. Plötzlich verwandelt. Alles anders. Im Falle von Amara nicht körperlich, sie wird nicht zu einem Käfer, sondern sinnlich, optisch und geschmacklich.

Zwei weitere Projekttage sind noch mit Poet Bas Böttcher an der Oberschule geplant. Genug Zeit, um die noch unklaren Stellen zu füllen. Auch wenn nicht alle Ideen in die Handlung aufgenommen werden können, arbeiten die Schüler*innen, Bas Böttcher und die Lehrkräfte gemeinsam und produktiv. Klar ist aber auch, dass es in der Welt dreizehnjähriger Schüler*innen Dinge gibt, die im Kopf präsenter sind als literarisches Schreiben, – was auch seltsam wäre, wäre es nicht so. Vermutlich wird der eine oder andere erst am Ende feststellen, wenn das Buch gedruckt und verpackt in den Händen gehalten wird, was die Klasse gemeinsam mit Bas Böttcher geschaffen hat.

*Einen Anker

Schulhausroman mit Heinz Helle

Für eine Schulklasse, die einen Roman schreiben möchte, ganz aus der Schweiz anreisen – kann man machen. Der Schriftsteller Heinz Helle macht’s. Und bringt Hefte mit. Für jede*n eines. Denn was man schreibt, braucht einen Rahmen, aber vor allem einen Umschlag und Seiten darin.

Zum ersten Mal wird ein Schulhausroman an der Oberschule in Lesum geschrieben, was auch dem Engagement der Schulleiterin Waltraud Struß und den betreuenden Lehrerinnen Viktoria Adam, Sarah-Louisa Bloem und Lara Weichert zu verdanken ist.

Heinz Helle, Förderpreisträger zum Bremer Literaturpreis 2019, der auch in der Schweiz mehrere Romanprojekte an Schulen betreut, hat an der Oberschule Lesum das Glück, mit einer aufmerksamen und kleinen Gruppe von Schüler*innen zusammenzuarbeiten. Auch die Erwartungen an das Projekt Schulhausroman sind bereits stark auf das Schreiben ausgerichtet: viel schreiben, lernen, wie man ein richtiges Buch schreibt, kreativ sein und Spaß an der Sache. Einige formulieren auch den Wunsch, nach dem Projekt weiter zu schreiben.

Die erste Schreibaufgabe fühlt sich erst einmal ungewohnt an. „Komisch, denn normalerweise behält man alles in Gedanken“, bemerkt ein Schüler. Vor allem das Vorlesen eigener Gedanken ist etwas Neues für die meisten. „Weird“ sei das, was er aufgeschrieben habe. „Total krank“ oder „peinlich“. Heinz Helle meint, gerade etwas, dass man für „weird“ hält, kann interessant sein. Da ist es auch völlig in Ordnung, von russischen Sowjetkämpfern zu schreiben.

Bei der nächsten Schreibaufgabe entstehen Miniaturen, von denen einige fiktiv sind, andere entsprechen einer Wirklichkeit. Die jungen Autor*innen durchbrechen die Realität und lernen die Freiheit der Fiktion kennen.

Zum Ende des ersten Tages, der vor allem dazu genutzt wird, miteinander warm zu werden, verteilt Heinz Helle Zeitschiften. Tiere in Afrika, große Schiffe und Drohnen, unterschiedliche Bilder sollen inspirieren. Die Schüler*innen kleben die Bilder in ihre eigenen Hefte und verbinden die ausgewählten Motive zu einer kleinen Geschichte. Beim nächsten Treffen mit Heinz Helle sollen die Geschichten präsentiert werden und mit Sicherheit wird schon die ein oder andere Idee für den eigenen Schulhausroman dabei sein.

Bericht und Fotos: Michael Salzmann

Mit Bas Böttcher schreiben: Die graue Welt der Amara

Im Klassenzimmer der 8c, an der Oberschule In den Sandwehen, ist man bestens auf das zweite Treffen mit Slam Poet Bas Böttcher vorbereitet. Ideen des ersten Projekttages sind in der Zwischenzeit weiterverfolgt, verändert, und verworfen, die Mappen gefüllt mit Miniaturen. Auch haben sich die Schüler*innen auf Entwürfe von Figuren und Handlungen der Erzählung geeinigt:  ein 14-jähriges Mädchen wird durch ein Ereignis aus ihrer üblichen Welt herausgerissen und sieht fortan eine Welt ohne Farbe, eine Welt in grauen Stufen. Auf der Suche nach gewohnter Wahrnehmung, wird sie begleitet werden von einem guten und einem bösen Jungen, der verdammt gut ausschaut.
Sichtlich erfreut ist Bas Böttcher über konkrete Einigungen, die sich innerhalb der Klasse ergeben haben. Nun macht er es sich zur Aufgabe, zusammen mit den Schüler*innen, Namen und weitere Eigenschaften für die Figuren herauszuarbeiten. Von Mandy zu Ashley, über ein Mädchen namens Peter, bis hin zu Kim. Am Ende setzt sich der Name Amara für die Hauptfigur der Geschichte durch. Alex wird der gute Begleiter von Amara sein – der „good boy“ –, ausgesprochen Älex. Der „bad boy“ bleibt vorerst Junge X.

Nach der Mittagspause steht die erste Schreibphase an und die Handlung soll weiter ausformuliert werden. In fünf Gruppen eingeteilt, füllen die Schüler*innen den Rahmen mit Details. Die gewöhnliche Welt der Amara, eine Welt mit Depressionen und Antidepressiva, verliert nicht nur an Farbe, sondern auch an Geruch und Geschmack. In Amaras neuer Welt – so viel soll verraten sein –, ist ihr Lieblingsessen fad, die Pelmeni mit saurer Sahne ohne Geschmack, Musik ohne Klang. Sie geht hinaus auf die Straße und hofft sich zu täuschen, aber auch dort ist alles grau. Auf der Straße verliert sich das Bewusstsein und Amara wird von Älex ins Krankenhaus gebracht, der zufällig unterwegs ist. Nachdem sie erwacht, wird ihr ein Paket übergeben, in dem sich ein Buch mit nur einer Seite befindet. Was hat es mit der ihr unbekannten Schrift auf sich?

Nach dem zweiten Projekttag sind alle erleichtert, eine tolle Story aus einem Haufen von Ideen herausgefunden zu haben. Zwar ist noch vieles offen und Übergänge zwischen den einzelnen Teilhandlungen müssen geschaffen werden, aber der Rahmen der Handlung steht. Zuversichtlich verkündet Bas Böttcher das Ziel von hundert Seiten. Lieber kleiner werden, als im Voraus klein denken! Nicht nur Amara befindet sich auf der Suche nach den Seiten ihres Buches, auch die 8c wird nun Seite um Seite füllen müssen, bis die graue Welt der Amara wieder ihre Farben zurückbekommt.

Text und Fotos: Michael Salzmann