Ein Schulhausroman-Abenteuer mit Feridun Zaimoglu

Die Neustadt startet durch!

12:40 Uhr. Die Lehrerinnen reißen fünf Seiten vom Flipchart und kleben sie nebeneinander an die Tafel und an die Wand. Die großen Blätter enthalten die ersten Ideen der Klasse 10B der Oberschule Leibnizplatz für den 6. Bremer Schulhausroman. Die erste Begegnung mit Autor Feridun Zaimoglu ist gerade eine Stunde alt, und in dieser Stunde ist schon viel passiert.

Die erste Doppelstunde ist für beide Seiten besonders anstrengend und risikoreich – ein gegenseitiger Findungsprozess, der von allerhöchster Bedeutung ist. Die Atmosphäre ist positiv gespannt. Die Deutschlehrerin Antje Dubral hat die Klasse gut vorbereitet; die fünf Arbeitsgruppen haben sich schon gebildet, alle Schüler und Schülerinnen tragen ihre Namen mit Kreppband auf der Brust. Und sie haben vorab schon einen Ausschnitt aus Zaimoglus KanakSprak gelesen und besprochen.

Auch der berühmte, aber den Jugendlichen noch unbekannte Gast, Feridun Zaimoglu, ist bestens gerüstet und einsatzbereit. Nach der Begrüßung stellt er eine Reihe von Ideen zu Schreibthemen und generell zum Erzählen vor. Es geht um Situationen und um mögliche Handlungsorte, um das Schreiben aus der eigenen Erfahrung und um gründliche Stoffrecherche, die immer erforderlich ist. Anschließend macht Zaimoglu einen Vorschlag, der sich als Novum für den Bremer Schulhausroman herausstellt: Als Autor, der auch fürs Theater schreibt, regt der Schriftsteller die Schüler*innen an, ihren Roman szenisch und dialogisch zu schreiben. Als eine Art Drehbuch oder „Schaustück“ mit Regieanweisungen, das bei der Buchpremiere richtig „performt“ werden kann. Dieser Vorstoß erfährt – wieZaimoglu es nachher selbstironisch formuliert – „keinen Widerstand“. Dennoch: In der ersten Stunde wird noch nichts entschieden.

Anfangs ist der Response der Nachwuchsautor*innen eher zurückhaltend. Es wird untereinander geflüstert, und es wird langsam deutlich, dass viele Ideen und Anregungen im Stuhlkreis kursieren. Manche Schülerinnen und Schüler fühlen sich noch nicht sicher genug, um ihre Vorstellungen in der großen Gruppe vor mehreren erwachsenen Fremden zu äußern. Feridun – inzwischen ist das „Arbeits-Du“ eingeführt worden – greift geschickt Zwischenrufe auf: Gedanken über Themen, Figuren und Handlungsorte. Erergänzt sie und gibt sie in den Kreis zurück. Langsam wird die Klasse lockerer und lauter und es sprudelt nur vor Geistesblitzen: Comedy/Satire; Alltag versus Fantasy, Liebe und/oder Hass („Gangs!“, wirft einer rein), Krankheit, Drogen, Mystery, Glaube…

Plötzlich entsteht über den Begriff „Agentenroman“ ein Erdrutsch von Einwürfen zu „Doppelleben“, „Maske“, „Fassade“, „Betrug“, „Lüge“ hin zu „Schizophrenie“. Nun zeigt der Geräuschpegel, dass es Zeit für Gruppenarbeit ist. Die Stühle werden verschoben, und nach einer Weile hört man in jeder Ecke ein angeregtes Schnattern. Feridun Zaimoglu geht von Gruppe zu Gruppe, fragt nach dem Fortschritt oder belauscht gesprochene Gedanken. In drei der sechs Arbeitsgruppen wird sofort das Thema Drogen verhandelt. Kann es sich durchsetzen?

Eine halbe Stunde später geht die ausführliche, lebendige Gruppenphase zu Ende. Die Lehrerin bittet um Ruhe, Feridun Zaimoglu sammelt die vielen Themenvorschläge. Am Ende des ersten Romanworkshops hat das spannende Abenteuer Schulhausroman volle Fahrt aufgenommen. Mehr soll an dieser Stelle noch nicht verraten werden!

Text: Ian Watson
Fotos: Heike Müller

Bremer Schulhausroman mit Feridun Zaimoglu und Jutta Reichelt

Foto: Melanie Grande

Im Jahr 2018 und 2019 realisiert das virtuelle Literaturhaus den „Bremer Schulhausroman“ an insgesamt drei Oberschulen. Das Konzept: Schülerinnen und Schüler entwickeln unter Anleitung eines Profis nach eigenen Ideen eine Geschichte, denken sich Charaktere und Dialoge aus und bringen das Ganze mit eigenen Worten zu Papier. Am Ende des Projekts stehen ein im Schünemann Verlag veröffentlichtes Werk und eine öffentliche Buchpremiere in der Zentralbibliothek.
In Bremen wird das Sprach- und Schreibförderprojekt an der Oberschule Sebaldsbrück und in der Oberschule am Leibnizplatz in Bremen durchgeführt. Die dritte Oberschule ist die Bremerhavener Oberschule Geestemünde. Sowohl in Geestemünde als auch am Leibnizplatz wird der bereits vielfach ausgezeichnete Autor Feridun Zaimoglu den Bremer Schulhausroman leiten. Das Projekt startet im Dezember 2018.
Mehr zu Feridun Zaimoglu (Foto: Melanie Grande): www.feridun-zaimoglu.com

An der Oberschule Sebaldsbrück entwickelt die Bremer Autorin Jutta Reichelt jahrgangsübergreifend mit Schülerinnen und Schülern der 8. Klassen einen eigenen Roman. Projektstart in Sebaldsbrück war Mitte Oktober 2018. Mehr zu Jutta Reichelt (Foto:Caro Dirscherl): www.jutta-reichelt.com


Wir danken unseren starken Partnern, die den Bremer Schulhausroman in diesem Schuljahr unterstützen: OHB System AG, Stiftung Gib Bildung eine Chance, VHG Stiftung, swb-Bildungsinitiative, Deutsche Kindergeldstiftung, Stadt Bremerhaven, Carl Schünemann Verlag, Stadtbibliothek Bremen, Pferdestall Bremerhaven, Förderkreis des virtuellen Literaturhauses.

Mehr zum Projekt:
www.schulhausroman-bremen.de

 

Die Oberschule Sebaldsbrück macht den Anfang

Der erste Workshop für den Schulhausroman startete mit Jutta Reichelt.

Es war ein besonderer Tag: 25 Schülerinnen und Schüler der Oberschule Sebaldsbrück versammelten sich in einem großen Klassenraum für den ersten gemeinsamen Schreibworkshop mit der Bremer Autorin Jutta Reichelt. Innerhalb von neun Monaten werden sie versuchen, gemeinsam ihren ersten Roman zu schreiben. Für Jutta Reichelt ist es allerdings nicht das erste Mal, dass sie die Jugendlichen in ihren Schreibversuchen unterstützt. Für den Schulhausroman 2016 hatte sie den Schülerinnen und Schülern an der Schule am Ernst Reuter Platz in Bremerhaven mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Somit bringt die Schriftstellerin also viel Erfahrung mit. Sie wird den Achtklässlern viele nützliche Tipps mit auf den Weg geben, damit sie am Ende besonders stolz auf ihre Geschichte sein können.

An diesem Freitagmorgen wurden die Jugendlichen natürlich nicht sofort ins kalte Wasser geworfen, sondern sie hatten Zeit die Autorin kennenzulernen. Jutta Reichelt las zuerst einen Auszug aus ihrem Kinderbuch-Manuskript „Max und Emma“ vor, um den Kindern einen ersten Eindruck zu geben, wie eine Geschichte gebaut wird. Die Kennlernrunde ging weiter mit dem Spiel „Stimmt’s“, wo alle Anwesenden, einschließlich der Geschäftsführerin des virtuellen Literaturhaus Bremen Heike Müller und den beiden Lehrkräften Michael Rieling und Tatjana Andersen, mitmachen konnten. Danach bekamen alle Jugendlichen Notizhefte vom Literaturhaus Bremen überreicht, um alle ihren Ideen aufschreiben zu können, egal, wo sie ihnen gerade einfallen: ob in der Schule, zu Hause oder beim Einkaufen.

Der erste wichtige Schreibtipp von Jutta Reichelt am heutigen Vormittag: Geschichten leben von Schwierigkeiten. So sollten die Schülerinnen und Schüler alle möglichen Szenarien aufzählen, die das Leben komplizierter und gefährlicher machen. Naturkatastrophen, psychische Krankheiten, bestimmte Politiker (he who must not be named) bis zum letzten Keks, den die Schwester aufgegessen hat. Aus allen Ecken des Klassenraums hörte man die Jugendlichen, die immer mehr Ideen hervorsprudelten.

Eine Geschichte braucht Figuren und jede Figur braucht einen Namen. Jetzt durften die Mädchen und Jungen sich die ungewöhnlichsten Namen ausdenken: Ismael, Nano, Lucifer; aber auch mit typisch deutschen Namen wie Wolfgang, Melissa und Günther wollten manche Kinder ihre Geschichten schmücken.

Danach wurden die Schülerinnen und Schüler in fünf Schreibgruppen aufgeteilt. Aufgabe war es nun, eine kleine Geschichte für eine Figur, die in eine Schwierigkeit gerät, aufzuschreiben. Der Raum wurde zum Bienenstock, wo die jungen Nachwuchsautoren hochkonzentriert aus dem Blütennektar ihrer Ideen sechs spannungsgeladene Stories entwickelten. Beim abschließenden Vorlesen war es offensichtlich, dass die Jugendlichen von verschiedenen Serien und Filmen inspiriert worden waren. Die Schriftstellerin Jutta Reichelt blieb gelassen. Die Geschichten würden mit der Zeit schon noch persönlicher werden, war ihr zuversichtlicher Kommentar zu den ersten Textergebnissen.
Im November geht es weiter mit den nächsten Schreibworkshops. Es bleibt also noch spannend, welche Geschichte die Schülerinnen und Schüler der Oberschule Sebaldsbrück uns am Ende in ihrem ersten Schulhausroman erzählen.

Text: Natalya Polyakova
Fotos: Literaturhaus Bremen