Mit Heinz Helle zum fertigen Roman

Der letzte Workshop zum Schulhausroman findet heute in der Oberschule Lesum statt. Heinz Helle hat etwas Besonderes für die Schüler*innen dabei: Die Erstfassung ihres gemeinsamen Romans. Für jeden liegt ein ausgedrucktes Manuskript vor. Dies gehen er und die Nachwuchsautor*innen gemeinsam Stück für Stück durch. Abwechselnd werden die Kapitel vorgelesen und auf ihre Stringenz überprüft. Es werden Stellen gefunden, die einer Veränderung bedürfen. Ob aus logischen oder rein ästhetischen Gründen. Wenn sich nicht geeinigt werden kann, dann wird einfach demokratisch abgestimmt. Auch kleine grammatische Fehler fallen den Jugendlichen auf und werden sofort korrigiert. Da alle Teilnehmer*innen hoch konzentriert bei der Sache sind, vergehen die ersten 90 Minuten wie im Flug.

Während des Lesens kristallisieren sich einige Unklarheiten heraus, die weiterer Bearbeitung bedürfen. Heinz Helle schreibt sie an die Tafel. Zum Bespiel ist die Entführung noch nicht hinreichend aus Sicht des Opfers beschrieben. Eine Schülerin hat eine brillante Idee: Man könne die Gedanken der entführten Frau, die mit K.-o.-Tropfen willenlos gemacht wird, traumartig darstellen. Helle ist begeistert. Solche Szenarien seien wunderbar dazu geeignet, kreativen Ideen freien Lauf zu lassen. Sie müssen nicht nach logischen Mustern funktionieren, erklärt er.

Damit die Schüler*innen auf der Zielgeraden noch viel Text produzieren, teilen sie sich auf. Manche schreiben zu zweit neue Passagen. Andere entscheiden sich dazu, lieber ganz für sich allein zu schreiben. „Können wir auch zwei Themen bearbeiten?“, fragt eine Schülerin. „Na klar, ihr könnt so viel machen, wie ihr wollt“, antwortet Heinz Helle. Obwohl der Vormittag viel Aufmerksamkeit abverlangt, spürt man auch jetzt noch die Motivation der Jugendlichen. Nicht einmal vor einem freiwilligen Treffen in der Schule scheuen sie zurück, denn es ist ihnen wichtig, ihr Manuskript zu lesen, bevor es zum Verlag geschickt wird. Zudem gilt es einen Buchtitel festzulegen. Gar nicht so leicht. Viele tolle Ideen gibt es schon, aber eine Entscheidung wird noch nicht getroffen. Es bleibt also spannend – man sollte sich die Buchpremiere am 24. Juni nicht entgehen lassen.

Doch das Beste kommt am heutigen Schreibtag zum Schluss. Heike Müller vom Literaturhaus Bremen verkündet, dass es im September eine gemeinsame Fahrt nach Zürich geben wird. Der 8. Jahrgang wird das Junge Literaturlabor und Heinz Helle dort besuchen. Die Begeisterung sprudelt nur so aus den Jugendlichen heraus. Und auch Heinz Helle freut sich sehr, seine Abschiedsworte lauten: „Wir sehen uns in Zürich“.

Fotos und Text: Esther Schleppegrell

Die Textmanufraktur der Oberschule Lesum

Die Schüler*innen des 8. Jahrgangs der Oberschule Lesum treffen sich heute zum vierten Mal mit dem Schriftsteller Heinz Helle, um weiter an ihrem Roman zu arbeiten. Heute soll vor allem viel Text produziert werden. Der Workshop beginnt ruhig, denn die Jugendlichen schreiben jeder für sich. Sie knüpfen an ihre vorherigen Ideen an oder erfinden neue Szenarien, die später mit Heinz Helles Hilfe in das Gesamtgeschehen eingebunden werden. Der Roman hat sich zu einem wahren Psychothriller entwickelt. Mit ihrer Fantasie und der gekonnten Beschreibung der Charaktere erzeugen die Schüler*innen große Spannung. Das Hauptmotiv der Geschichte, eine Entführung, wird raffiniert aus zwei Perspektiven beschrieben: Die des Entführers, sowie die der Entführten. Dabei wird klar, dass der psychopathische Kidnapper glaubt, sein Opfer würde ihn brauchen.

Die schriftstellerischen Fertigkeiten des 8. Jahrgangs sind während der Schreibwerkstätten immer mehr herangereift. Sie stellen sich beim Schreiben ganz präzise Fragen: Wie würden die Leser*innen diese Textstelle empfinden? Oder: Wie kann ich mein soeben Verfasstes sinnvoll mit Vorhergegangenem verknüpfen?
Heinz Helle findet auf diese Fragen immer gute Antworten. Heute ist er vor allem „einfach nur da“. Er leitet kaum an, sondern gereift den Schüler*innen dann unter die Arme, wenn sie nicht weiterwissen. Doch am Ende haben sie die Entscheidungsmacht. Wenn sie glauben, ihre Figuren lassen seine Ideen nicht zu, dann ist das völlig ok. Vorwiegend bestärkt er sie in dem, was ihm positiv an den Texten auffällt und ermutigt sie, damit weiterzumachen.

Am Ende bleiben essenzielle Fragen offen: Wie soll der Roman ausgehen? Gibt es ein offenes Ende oder nicht? Und wie soll der Roman heißen? Für das letzte gemeinsame Treffen gibt es noch genügend Arbeit, das weiterhin viel Kreativität und Ideenreichtum erfordert. Doch ich bin mir sicher: Auf dem Stand, auf dem die Jugendlichen jetzt sind, wird das für sie ein Leichtes sein.

Fotos und Text: Esther Schleppegrell

14 Geschichten werden zu einem Roman – Schreiben mit Heinz Helle

Die Gruppe von Schüler*innen der Oberschule Lesum befindet sich in der Halbzeit, denn es ist die dritte von insgesamt fünf gemeinsamen Schreibwerkstätten mit dem Schriftsteller Heinz Helle. Beim letzten Mal wurden viele spannende Geschichten aufgeschrieben, die heute miteinander verknüpft werden sollen. Gar nicht so leicht, bei 14 unterschiedlichen Texten. Doch alle fanden die Geschichte mit der Entführung besonders spannend und so ist die Rahmenhandlung schon gefunden: Ein Mann stellt einer Frau beim Einkaufen nach. Diese merkt zu Anfang nichts von ihrem Verfolger. Weitere Texte werden auf zweiter Ebene als Erinnerungen eingebaut. Zum Beispiel eine Reise nach Afrika, das Zurückdenken an eine harte Kindheit und an den Verlust der Eltern.

Die Jugendlichen werden in zwei Gruppen aufgeteilt. Eine Gruppe schreibt über die Erfahrungswelt des Mannes, die andere über das Leben der Frau. Es dauert eine Weile, bis sich darauf geeinigt wird, wo das Szenario stattfindet: In der Bremer Innenstadt. Ein Ort aus der Lebenswelt des 8. Jahrgangs, für alle gut vorstellbar. Dazu werden im Vorfeld viele Fragen gestellt: Wie sieht es in der Innenstadt aus? Wie riecht es dort? Was ist zu hören? Wer ist noch dort? Und wie viel Uhr ist es in der fiktionalen Welt eigentlich? Woran erinnern sich die Protagonisten? Wie werden diese Erinnerungen ausgelöst? Nach und nach nehmen neue Texte Gestalt an und werden mit vielen dieser Details gefüllt.

Auch als es nach 90 Minuten Zeit für eine Pause ist, hören einige der Jugendlichen nicht mit dem Schreiben auf. Das Pausenbrot wird nebenbei verzehrt. Texte werden ausgetauscht, es wird diskutiert und sich gegenseitig Tipps gegeben. Als der zweite Block der Schreibwerkstatt beginnt, haben sich alle wieder an ihre Plätze begeben. Eine konzentrierte Stille ist eingetreten. Außer dem Prasseln des Regens ist nichts mehr zu vernehmen.
Danach begeben sich die Jugendlichen in einen Stuhlkreis und lesen abwechselnd aus der Perspektive des Mannes und der der Frau vor. Heinz Helle erklärt ihnen, dass so am besten zu überprüfen ist, ob die einzelnen Passagen stimmungsmäßig gut zueinander passen. Und das tun sie! Helle ist beeindruckt von den detailreichen Formulierungen und der großen Unmittelbarkeit. Die Figuren riechen den Duft der Blumen bei einem sommerlichen Spaziergang oder spüren den Regen auf ihrer Haut, während sie in der Bremer Innenstadt unterwegs sind.

Als alle ihre Geschichten vorgetragen haben und der dritte Tag mit Heinz Helle vorüber ist, fragt ein Schüler: „Sollen wir einpacken oder noch weiterschreiben?“. Die Vorfreude auf die nächste gemeinsame Sitzung ist wohl kaum zu übersehen.

Fotos und Text: Esther Schleppegrell