Schulhausroman mit Heinz Helle

Für eine Schulklasse, die einen Roman schreiben möchte, ganz aus der Schweiz anreisen – kann man machen. Der Schriftsteller Heinz Helle macht’s. Und bringt Hefte mit. Für jede*n eines. Denn was man schreibt, braucht einen Rahmen, aber vor allem einen Umschlag und Seiten darin.

Zum ersten Mal wird ein Schulhausroman an der Oberschule in Lesum geschrieben, was auch dem Engagement der Schulleiterin Waltraud Struß und den betreuenden Lehrerinnen Viktoria Adam, Sarah-Louisa Bloem und Lara Weichert zu verdanken ist.

Heinz Helle, Förderpreisträger zum Bremer Literaturpreis 2019, der auch in der Schweiz mehrere Romanprojekte an Schulen betreut, hat an der Oberschule Lesum das Glück, mit einer aufmerksamen und kleinen Gruppe von Schüler*innen zusammenzuarbeiten. Auch die Erwartungen an das Projekt Schulhausroman sind bereits stark auf das Schreiben ausgerichtet: viel schreiben, lernen, wie man ein richtiges Buch schreibt, kreativ sein und Spaß an der Sache. Einige formulieren auch den Wunsch, nach dem Projekt weiter zu schreiben.

Die erste Schreibaufgabe fühlt sich erst einmal ungewohnt an. „Komisch, denn normalerweise behält man alles in Gedanken“, bemerkt ein Schüler. Vor allem das Vorlesen eigener Gedanken ist etwas Neues für die meisten. „Weird“ sei das, was er aufgeschrieben habe. „Total krank“ oder „peinlich“. Heinz Helle meint, gerade etwas, dass man für „weird“ hält, kann interessant sein. Da ist es auch völlig in Ordnung, von russischen Sowjetkämpfern zu schreiben.

Bei der nächsten Schreibaufgabe entstehen Miniaturen, von denen einige fiktiv sind, andere entsprechen einer Wirklichkeit. Die jungen Autor*innen durchbrechen die Realität und lernen die Freiheit der Fiktion kennen.

Zum Ende des ersten Tages, der vor allem dazu genutzt wird, miteinander warm zu werden, verteilt Heinz Helle Zeitschiften. Tiere in Afrika, große Schiffe und Drohnen, unterschiedliche Bilder sollen inspirieren. Die Schüler*innen kleben die Bilder in ihre eigenen Hefte und verbinden die ausgewählten Motive zu einer kleinen Geschichte. Beim nächsten Treffen mit Heinz Helle sollen die Geschichten präsentiert werden und mit Sicherheit wird schon die ein oder andere Idee für den eigenen Schulhausroman dabei sein.

Bericht und Fotos: Michael Salzmann

Mit Bas Böttcher schreiben: Die graue Welt der Amara

Im Klassenzimmer der 8c, an der Oberschule In den Sandwehen, ist man bestens auf das zweite Treffen mit Slam Poet Bas Böttcher vorbereitet. Ideen des ersten Projekttages sind in der Zwischenzeit weiterverfolgt, verändert, und verworfen, die Mappen gefüllt mit Miniaturen. Auch haben sich die Schüler*innen auf Entwürfe von Figuren und Handlungen der Erzählung geeinigt:  ein 14-jähriges Mädchen wird durch ein Ereignis aus ihrer üblichen Welt herausgerissen und sieht fortan eine Welt ohne Farbe, eine Welt in grauen Stufen. Auf der Suche nach gewohnter Wahrnehmung, wird sie begleitet werden von einem guten und einem bösen Jungen, der verdammt gut ausschaut.
Sichtlich erfreut ist Bas Böttcher über konkrete Einigungen, die sich innerhalb der Klasse ergeben haben. Nun macht er es sich zur Aufgabe, zusammen mit den Schüler*innen, Namen und weitere Eigenschaften für die Figuren herauszuarbeiten. Von Mandy zu Ashley, über ein Mädchen namens Peter, bis hin zu Kim. Am Ende setzt sich der Name Amara für die Hauptfigur der Geschichte durch. Alex wird der gute Begleiter von Amara sein – der „good boy“ –, ausgesprochen Älex. Der „bad boy“ bleibt vorerst Junge X.

Nach der Mittagspause steht die erste Schreibphase an und die Handlung soll weiter ausformuliert werden. In fünf Gruppen eingeteilt, füllen die Schüler*innen den Rahmen mit Details. Die gewöhnliche Welt der Amara, eine Welt mit Depressionen und Antidepressiva, verliert nicht nur an Farbe, sondern auch an Geruch und Geschmack. In Amaras neuer Welt – so viel soll verraten sein –, ist ihr Lieblingsessen fad, die Pelmeni mit saurer Sahne ohne Geschmack, Musik ohne Klang. Sie geht hinaus auf die Straße und hofft sich zu täuschen, aber auch dort ist alles grau. Auf der Straße verliert sich das Bewusstsein und Amara wird von Älex ins Krankenhaus gebracht, der zufällig unterwegs ist. Nachdem sie erwacht, wird ihr ein Paket übergeben, in dem sich ein Buch mit nur einer Seite befindet. Was hat es mit der ihr unbekannten Schrift auf sich?

Nach dem zweiten Projekttag sind alle erleichtert, eine tolle Story aus einem Haufen von Ideen herausgefunden zu haben. Zwar ist noch vieles offen und Übergänge zwischen den einzelnen Teilhandlungen müssen geschaffen werden, aber der Rahmen der Handlung steht. Zuversichtlich verkündet Bas Böttcher das Ziel von hundert Seiten. Lieber kleiner werden, als im Voraus klein denken! Nicht nur Amara befindet sich auf der Suche nach den Seiten ihres Buches, auch die 8c wird nun Seite um Seite füllen müssen, bis die graue Welt der Amara wieder ihre Farben zurückbekommt.

Text und Fotos: Michael Salzmann

Schulhausroman: Erste Schritte mit Bas Böttcher

Die Oberschule In den Sandwehen hat sich in den letzten Jahren heimlich zu einer Romanschmiede entwickelt. Bereits der zweite Schulhausroman wird in Kooperation mit dem Literaturhaus Bremen umgesetzt. Dieses Mal freuen sich alle auf die Zusammenarbeit mit dem Slam Poeten Bas Böttcher, der zuletzt 2017 den Schulhausroman „Im Abseits“, betreute. Auch das Engagement der Schulleitung und begleitenden Lehrkräfte Harry Schindler und Anna Schwiers, ermöglichen eine neue Auflage des Schulhausromans an der Oberschule in Blumenthal/Lüssum.

Von Routine kann jedoch nicht die Rede sein. Vor allem die Themenfindung ist ein jedes Mal mit Arbeit und Kompromiss verbunden. Möglichst viele Ideen der Schüler/innen sollen umgesetzt werden.  Diese stehen im Vordergrund und bestimmen Inhalt und Form. Nicht Bas Böttcher, nicht die Lehrkräfte, sondern die Schüler/innen der Klasse 8c sind die Autor/innen des Romans. Auch eine der Erwartungen, die bereits an der Tafel stehen, als Bas Böttcher das Klassenzimmer betritt: wir entscheiden.

Renommierte Autoren können behaupten, Romane zu schreiben, die Schüler und Schülerinnen der 8c, werden behaupten können, 25 unterschiedliche Köpfe in einen Roman gesteckt zu haben. Speziell der erste Projekttag ist eine Herausforderung für die Schulklasse, aber auch für Autor Bas Böttcher. Schnell wird deutlich: Es ist den Schüler/innen nicht egal, von was und wie der Roman erzählen soll. Die Schulklasse möchte mit ihrem Roman ernst genommen werden. Keine Märchengeschichte, kein Zaubersimsalabim, soll am Ende die Erklärung für die Handlung sein, sondern mündige Schriftsteller/innen, möchten aus ihrer Welt erzählen und sich mitteilen.

Durch einige Übungen gelingt es Bas Böttcher, der Schulkasse ein Gefühl für Sprache zu vermitteln. Das Unmögliche wird in der Literatur möglich. Haufenweise Wortspiele und Wortfindungen entstehen. So haben die Wände des Klassenzimmers plötzlich Klamotten an, die Bauchtaschen keine Taschen mehr, Bas Böttcher wird zum blondgelockten Glatzkopf. Es gibt ehrliche Diebe und kleine Wolkenkratzer.

Bas Böttcher versucht die Möglichkeiten von Sprache zu erklären: „Stellt euch eine falsche Welt vor, in der alles verkehrt läuft. Der Stift, der alles falsch schreibt, egal wie viel ich gelernt habe. Man backt Kekse und es kommen Koteletts heraus“. Nachdem für die Schüler/innen feststeht, dass sie kein Diktat, keinen Aufsatz zu schreiben haben und bewertet werden, beginnen sie humorvoll mit Wortschätzen zu spielen.

Zum Ende des ersten Tages soll das Thema des Romans bereits eingegrenzt sein. Themen aus den Übungen könnten eine erste Richtung vorgeben. Einige Schüler/innen, haben konkrete Themen mitgebracht, die sie gerne in die Handlung einarbeiten würden. Der Vorschlag einer Schülerin: Eine Figur verliert eine nahestehende Person und verdrängt deren Tod.

An dieser Stelle versucht Bas Böttcher zu erklären, dass eine Erzählung auch logisch funktionieren muss. Entweder hat die Figur übernatürliche Fähigkeiten, mit denen es möglich ist die Toten zu sehen oder eine psychische Erkrankung. Alternativ wäre es möglich, die Handlung als Brief an den Verstorbenen darzustellen. Gegen die Idee einer übernatürlichen Fähigkeit, wehren sich die Schüler/innen. Die Fiktion des Romans soll erfahrbar sein.

Nachdem am Vormittag die gesamte Gruppe an der Ideenfindung beteiligt war, sind es am Nachmittag vor allem Einzelne, die eine konkrete Vorstellung vom Schulhausroman umsetzen möchten. Nun wird die Aufgabe für den nächsten Projekttag sein, Ideen weiterer Schüler/innen in das Konzept der Erzählung aufzunehmen. Für den ersten Projekttag hat die Schulklasse eine Stunde an den üblichen Stundenplan angehängt. Manchen ist anzusehen, dass es nun genug ist mit Wortspielerei. Einige Gedanken sind mit langen Schritten durch den Türspalt entwischt und sind auf dem Weg nach Hause, treten gegen Bälle oder haben Kopfhörer auf. Andere stecken tief in ihrer Vorstellung vom Roman und versuchen Bas Böttcher nach Ende des ersten Workshops weiter von ihren Ideen zu überzeugen.

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Text und Fotos: Michael Salzmann