Schriftsteller Artur Becker besucht Waller Jugendliche

Das internationale Erzählprojekt „Diverse People Remember“ ist im März gestartet.

Erzählen ist ein kritisches Instrument menschlicher Handlungsmacht und es gibt enorme Mengen an Literatur zu den verheerenden Auswirkungen des (Ver-) Schweigens. Das Pilotprojekt Diverse People Remember beabsichtigt, den TeilnehmerInnen eine Handlungsmacht zurückzugeben, die nach dem künstlerischen Prozess einen Dialog mit anderen Gemeinschaften ermöglicht. Ziel ist es, ein „Archiv von geteilten Leben“ aufzubauen und die schwierigen Altlasten der Vergangenheit miteinander zu teilen. Dazu werden SchülerInnen aufgefordert, die Geschichte ihrer Großeltern/ Eltern zu erzählen und in eigenen Texten zu sammeln.

Seit März 2019 beteiligen sich das virtuelle Literaturhaus Bremen mit dem deutsch-polnischen Schriftsteller Artur Becker an dem internationalen Projekt der Sylt Foundation. Schulpartner sind die Westburg Secondary School im Westbury Township in Johannesburg in Südafrika und das Gymnasium des Schulzentrums Walle in Bremen. Die für das Erzählprojekt ausgewählte Schulklasse belegt das Deutschprofil des angehenden Deutsch-Leistungskurses und besteht aus 28 Jugendlichem im Alter von 17-18 Jahren. Es sind lediglich sieben Jugendliche in der Klasse, die keinen Migrationshintergrund haben. Mit Unterstützung des Schriftstellers Artur Becker werden die jungen Menschen angeregt, über die Geschichte und Vergangenheit ihrer Familien zu schreiben. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte bietet eine Möglichkeit, die persönliche Entwicklung positiv zu beeinflussen.

Am 7. März 2019 fand der erste Autorenworkshop im Schulzentrum Walle statt. Nach der ersten Begrüßung stellte Artur Becker sich und seine Herkunftsgeschichte vor. Er war den SchülerInnen als Autor größtenteils unbekannt. Mit seinen Erzählungen konnte er das Eis jedoch schnell brechen, indem er sich geschickt auf Augenhöhe mit den Anwesenden begab. Er erzählte von seinen Anfängen als Schriftsteller, seiner eigenen Unsicherheit und den Hürden, die das Leben uns allen hin und wieder bereitet.

In der folgenden Vorstellungsrunde der SchülerInnen wurde deutlich, dass die Familien der Jugendlichen aus sehr unterschiedlichen Herkunftsländern stammen. Die Türkei wurde häufig als Herkunftsland genannt, außerdem der Kosovo, Kolumbien, Frankreich, Marokko und der Libanon.

Passend zu dem Themenkomplex las Artur Becker anschließend Abschnitte seiner Werke, beispielsweise aus „Spuren der Familie“. Er betonte, dass jede Herkunftsgeschichte es wert ist, erzählt zu werden. Die Individualität steht dabei im Vordergrund, es gibt keine globale oder universelle Herkunft. Gerade das macht das interkulturelle Projekt so spannend und wichtig. Zwischendurch wurde den SchülerInnen immer wieder die Möglichkeit gegeben, einer Pesönlichkeit wie Artur Becker Fragen zu stellen. Gefragt wurde beispielsweise, wie Artur Becker mit einer Schreibblockade umgeht, wie viel Zeit er durchschnittlich benötigt, um ein Werk fertigzustellen und ob er jeweils nur an einem oder gleichzeitig an mehreren Büchern arbeitet. Durch seine authentischen Antworten trauten sich die Jugendlichen, ihre Fragen zu stellen. Es herrschte eine angenehme, positiv gespannte Atmosphäre. Artur Becker konnte die Jugendlichen schnell für das gemeinsame Schreibprojekt gewinnen.

Zum Ende der Stunde wurde ein Fragebogen an die SchülerInnen verteilt. Er stellt eine Art Leitfaden dar für die Interviews der Familienmitglieder. Zum Abschluss des Workshops stellte Artur Becker noch die teilnehmende Schule in Johannesburg und das oft schwierige Leben der Jugendlichen in Südafrika vor. Er sprach über die dort herrschende Diskrepanz zwischen arm und reich, die teils menschenunwürdigen Gegebenheiten. „Es koexistieren zwei Welten in einem Land, doch es gibt nur eine Menschheit, da spielt Hautfarbe keine Rolle“, konstatierte Artur Becker zum Abschluss.

Projektleitung: Virtuelles Literaturhaus Bremen, Annika Depping

Unsere Partner: Schulzentrum Walle, Westbury Secondary School im Westbury Township in Johannesburg/Südafrika, Sylt Foundation in Johannesburg, start Jugend Kunst Stiftung Bremen, Sparkasse Bremen und Stadtbibliothek Bremen

Text und Fotos: Tabea Scherer

Tapetenwechsel: Akın Emanuel Şipal und Crauss erhalten Stipendien

Das Förderprogramm „Tapetenwechsel – Ein deutsch-tschechischer Literaturaustausch“ ist eine Form der Schriftstellerförderung, die es Autorinnen und Autoren aus Deutschland ermöglicht, sich während eines Aufenthalts in Tschechien ganz ihren künstlerischen Tätigkeiten zu widmen. Vergangenen Montag hat die Jury den Schriftsteller Akın Emanuel Şipal für das Stipendium in Prag und den Lyriker Crauss für einen Aufenthalt im Kloster Broumov ausgewählt.

Akın Emanuel Şipal, 1991 in Essen geboren, gehört zu den jüngsten Suhrkamp-Autoren. Er studiert Film an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Für sein erstes Theaterstück, Vor Wien, gewann er den bundesweiten Wettbewerb »In Zukunft« 2012, für Santa Monica erhielt er den Förderpreis Literatur der Kulturbehörde Hamburg. Für den erfolgreichen Sezen-Aksu-Liederabend Istanbul schrieb er das Libretto, Ein Haus in der Nähe einer Airbase, uraufgeführt 2018 am Theater Bremen, vertiefte und erweiterte den aktuellen Diskurs über die deutsch-türkische Geschichte. Şipal ist als Drehbuchautor an diversen Kurz- und Langfilmen beteiligt, die auf internationalen Filmfestivals gezeigt wurden. Seit 2016 ist Şipal eng mit dem kulturellen Geschehen in Bremen verbunden, an dem er sich als Theaterautor, Dramaturg und Essayist betei

Şipals Vorhaben, in Prag für eine drei-Generationen-umspannende Geschichte zu recherchieren, in der sich die Entwicklung Europas über Jahrzehnte widerspiegelt, ist zeitgemäß, genre- und kulturübergreifend. In seinen Arbeiten setzt er sich kontinuierlich mit autobiografischen Stoffen auseinander, insbesondere mit der Geschichte dreier Generationen seiner Familie, die von Adana und Istanbul über Ruhrgebiet bis nach Breslau, Brünn und Prag reicht. Sein Großvater väterlicherseits, Kamuran Şipal, gehört außerdem zu den wichtigsten Übersetzer*innen der Türkei und hat u.a. das Werk von Franz Kafka, Siegmund Freud oder Robert Musil den türkischsprachigen Leser*innen zugänglich gemacht. Auf den Spuren seiner Familiengeschichte begibt sich der junge Autor nun für einen Monat nach Prag und verarbeitet seine Recherche in einem neuen Auftragswerk für das Theater Bremen, sowie in einem Essay für die tschechische Literaturzeitschrift HOST.

Für einen Aufenthalt im Kloster Broumov überzeugte die Jury die Bewerbung von Crauss. Der 1971 in Siegen geborene Lyriker stach aus der Vielzahl der hervorragenden Bewerbungen vor allem mit seinem eigenwilligen interdisziplinären Ansatz hervor. Crauss sucht die Erweiterung von Literatur mit Musiker*innen und Künstler*innen zu besonders intensiven genreübergreifenden Dialogen. Die nachhaltige Beeinflussung seiner eigenen Arbeit durch „Tapetenwechsel“, die Erkundung von fremden Orten und die Auseinandersetzung mit anderen Kulturen erklärte seine Motivation für den Antritt des Stipendiums. Crauss studierte allgemeine Literaturwissenschaft sowie Kulturwissenschaften und ist Dozent für Kreatives Schreiben an der Universität Siegen; als Sprach- und Literaturvermittler ist er zudem in der Integrationsförderung bzw. der Kinder- und Jugendbildung tätig. Mitte der 1990er Jahre wurde Crauss durch neue produktive Verfahren einer Videoclip-Ästhetik in der Lyrik einem breiteren Publikum bekannt. Es erschienen populärwissenschaftliche Essays und mehrere Gedichtbände, zuletzt Die Harte Seite des Himmels im Jahr 2018.


Akın Emanuel Şipal und Crauss werden ihr vierwöchiges Aufenthaltsstipendium am 1. Mai antreten. Zusätzlich wird eine Zahlung in Höhe von 1.000.- € pro Stipendium gewährt.

Das Förderprogramm „Tapetenwechsel – Ein deutsch-tschechischer Literaturaustausch“ wird realisiert vom virtuellen Literaturhaus Bremen, globale e.V., den Künstlerhäusern Worpswede, dem Tschechischen Literaturzentrum (Sektion der Mährischen Landesbibliothek), dem Goethe-Institut in Prag und dem Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds.

Online: Preisträgerin Sabine Scho

Im Rahmen ihrer dreimonatigen „Bremer Netzresidenz“ hat die Lyrikerin Sabine Scho einen virtuellen Hochsitz für Tierbeobachtung eingerichtet, der von ihr mit einem literarischen Blog begleitet wird. Dem Blog ab jetzt folgen unter: www.netzresidenz.de.

Fotos: Matthias Holtmann/Sabine Scho

Aufzeichnungen aus einem virtuellen Hochsitz – wer beobachtet die Natur beobachtenden Webcams?
(Records from a virtual raised hide – who watches the wildlife webcams?)

Zum Projekt: Wildlife Webcams gehören heute, nicht zuletzt wegen der dramatischen Ausmaße der Wilderei und der Naturzerstörung, zu jeder Ausstattung von Biodiversitäts-Hotspots, Naturreservaten, Biosphärenzonen, Zoos und Aquarien. Nur, wer schaut sie sich eigentlich an? Welche Naturfilme ohne Regie werden dort gezeigt? Welche Geschichten erzählen die Wild-Livestreams? Werden die wertvollen Gelege von bedrohten Arten bewacht? Zeigen die Webcams verspielte Elefanten an Wasserstellen? Oder stellen sie selbst in Zoos noch sicher, dass sich die Tiere nicht doch noch auf und davon machen? Sind sie gar selbst Teil des Problems, weil sich so auch Wilderer ein gutes Bild davon verschaffen können, wo sich die Tiere wann aufhalten?

Es wird heutzutage sehr viel aufgezeichnet und zum Anschauen bereitgestellt, ohne dass oft überhaupt noch davon Notiz genommen würde. Die Records from a virtual raised hide wollen die Suspense an der Tierbeobachtung neu wecken und dafür sensibilisieren, dass neben den milllionenfach aufgerufenen Tierclips, die auf Konservendeckel snowboardende Krähen oder auf Trampolin springende Füchse zeigen, Natur auch interessant bleibt, wenn wenig Spektakuläres in ihr geschieht, Tiere ihren täglichen Verrichtungen nachgehen und Kameras ihnen stoisch dabei zuschauen, oder auch sehr lange darauf warten müssen, sie überhaupt einmal vor die Linse zu bekommen.

Schauen wir gemeinsam hin und schauen Sie mir dabei zu, wie ich aus meinem virtuellen Hochsitz schreibend begleite, was so meditativ, wie aufregend sein kann: der tierische Alltag.
Schon im ersten Beitrag lernen wir „Lappenohr“ kennen, einen Elefanten mit einem ganz besonderen Merkmal: ein Knickohr zeichnet ihn aus, eine Eigenheit, die man eher bei einem heimischen Feldhasen vermuten würde als bei einem Großsäuger aus Afrika.
Also nichts verpassen: Auf www.netzresidenz.de erwartet uns in den nächsten Wochen ein spannendes literarisches Experiment!

Foto: Matthias Holtmann

Sabine Scho, *1970 in Ochtrup NRW, lebt nach längeren Aufenthalten in Münster, Hamburg und São Paulo heute in Berlin. Nahezu alle ihre Texte sind im Grenzbereich zu Fotografie und Bild angesiedelt. Zwei Gedichtbände und ein Band mit Prosaminiaturen sind bei Kookbooks erschienen: Album und farben, beide 2008, sowie Tiere in Architektur, 2013. Zuletzt wurde sie 2018 mit dem Deutschen Preis für Nature Writing und dem Stipendium der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo 2019 ausgezeichnet.