Der Neuanfang

Von Tarkan Sättele

Mein Name ist Regina Lisiecki und ich wurde in Prag geboren.

Mit meiner Mutter und meinem Vater kam ich nach Deutschland.

Hier in Deutschland ging ich zur Schule und absolvierte meinen Schulabschluss.

Und hier traf ich nun auch meine große Liebe: Reinhard.

Mein erster Job war in einer Apotheke, danach arbeitete ich in der AG Weser, im Büro.

Einer der schönsten Momente in meinem Leben war die Geburt meiner Nichte.

Sie war wie mein eigenes Kind und ich habe sie natürlich auch so geliebt.

Doch sowie gute Zeiten kommen, so kommen auch schlechte Zeiten.

Eine der schlimmsten Zeiten war, als mein Mann durch einen Autounfall ums Leben kam.

Danach war ich auch nie wieder verheiratet. 

Einige Zeit später starben auch mein Vater und meine Mutter sowie meine Schwester.

Nun gab es nur noch meine Nichte und mich.

Wie glücklich war ich, als meine Nichte heiratete und zwei Kinder bekam.

Jetzt bin ich die Großtante.

Feinschliff in Walle mit Schriftsteller Artur Becker

Das internationale Erzählprojekt „Diverse People Remember“ geht in den Endspurt.

Am 30. April fand der dritte und somit letzte Autorenworkshop mit Artur Becker im Schulzentrum Walle statt. Die Herkunftsgeschichten der Schülerinnen und Schüler sind aufgeschrieben, nur der Feinschliff fehlt noch. Heike Müller eröffnete den Workshop mit lobenden Worten: Jeder Text ermöglicht einen Einblick in eine interkulturelle Familiengeschichte – mutig, berührend und spannend.

Im ersten Teil des Workshops besprachen Annika Depping und Artur Becker gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern beispielhafte Textstellen der selbstverfassten Geschichten. Im Mittelpunkt stand die Frage, was man orthografisch und stilistisch noch verbessern kann. Schriftsteller Artur Becker unterstützte die Jugendlichen mit seinem reichhaltigen Erfahrungsschatz und gab ihnen hilfreiche Tipps für das literarische Schreiben. Es ging beispielsweise darum, wie man Übergänge anschaulicher formulieren kann, welche Rolle der Tempusfluss spielt und dass man beim Schreiben immer auch die Leserinnen und Leser im Blick haben sollte. Man könne die Fragen, die beim Lesen entstehen, vorausahnen und die Neugierde stillen, so Artur Becker. Die eigene Geschichte sollte immer auch mit Distanz betrachtet werden.

Anschließend bekamen die Schülerinnen und Schüler noch einmal die Zeit, an ihren Texten zu feilen und gegebenenfalls Änderungen einzuarbeiten. Von Prosa über Erzählung bis hin zum Poetry Slam – die Formen der Herkunftsgeschichten wurden sehr unterschiedlich gewählt. Artur Becker stand den Schülerinnen und Schülern während dieser Arbeitsphase gerne für Fragen zur Verfügung, erklärte seine Verbesserungsvorschläge oder half, die passenden Formulierungen zu finden.

Artur Becker konstatierte zum Abschluss, dass es für ihn auch aus der soziologischen Perspektve sehr spannend sei, die Texte der Jugendlichen zu lesen. Im Laufe der letzten Jahrzehnte habe sich der Umgang mit Interkulturalität und Identitätsfragen sehr verändert. Der aus Polen stammende Schriftsteller berichtete, dass zu seiner Zeit kaum darüber gesprochen wurde, wenn man multinational aufgewachsen war und dass das Bekenntnis dazu keineswegs einfach gewesen ist.

Im letzten Teil des Workshops bekamen die Jugendlichen Besuch von einer Journalistin des Weserkuriers. Sie informierte sich über das internationale Erzählprojekt, um einen Presseartikel dazu zu verfassen. Anfang Juni ist der erste Austausch mit Jugendlichen aus Johannisburg per Skype geplant. Die von den Schülerinnen und Schülern eigenständig in die englische Sprache übersetzten Texte werden Mitte Juni der Website der Sylt Foundation zu lesen sein.

Unsere Partner: Schulzentrum Walle, Westbury Secondary School im Westbury Township in Johannesburg/Südafrika, Sylt Foundation in Johannesburg, start Jugend Kunst Stiftung Bremen, Sparkasse Bremen und Stadtbibliothek Bremen

Projektleitung: Virtuelles Literaturhaus Bremen, Annika Depping

Text und Fotos: Tabea Scherer

Literarische Spurensuche am Schulzentrum Walle

Bei dem ersten Workshop von Diverse People Remember Anfang März hatten die Schülerinnen und Schüler des Deutschprofils des Schulzentrums in Walle die Aufgabe bekommen, anhand eines Fragebogens die Geschichten ihrer Eltern und Großeltern im Bezug auf die eigene Herkunft zu erfahren und die Erinnerungen in kurzen Texten zu sammeln, damit sie im zweiten Workshop besprochen werden können.

Am 2. April fand der zweite Autorenworkshop mit Schriftsteller Artur Becker im Schulzentrum Walle statt. Projektleiterin Annika Depping eröffnete den Workshop gemeinsam mit der Deutschlehrerin der Schulklasse, Frederike Kiesel. Annika bedankte sich zunächst bei den Schülerinnen und Schülern für die angefertigten Texte. Sie lobte die Ehrlicheit, mit der die Schülerinnen und Schüler die Herkunftsgeschichten erzählen. Die Emotionalität der geschriebenen Worte ist berührend für jeden Leser.

Artur Becker übernahm dann die Leitung des Workshops indem er sich zuerst auch bei den Schülerinnen und Schülern für ihre Offenheit bedankte. Anschließend begann er, die Texte vorzutragen, und schlug einige sprachliche Änderungen vor. Der Raum war erfüllt vom gespannten Lauschen der Anwesenden, jede Geschichte erhielt Aufmerksamkeit und bei den Jugendlichen war Spannung und Stolz erkennbar, dass ein Schriftsteller wie Artur Becker ihre selbstverfassten Texte las und kommentierte.

Betont wurde von Artur Becker, dass er lediglich die Orthografie und sprachlich-stilistischen Mittel der Schüler und Schülerinnen kommentiere, nicht jedoch den Inhalt. Er habe sehr großen Respekt vor dem in den Texten Offenbarten. Er bezeichnete das Geschriebene als „Geschenk, welches ihn ideologisch und intellektuell weitergebracht“ habe. Die Authentizität, mit der die Jugendlichen die Geschichten erzählen, erweckt auch bei den LeserInnen Emotionen wie Trauer, Mitleid und Freude. Autor Artur Becker ist begeistert von den Texten: man hätte die eigenen Geschichten auch kaschieren können, umso dankbarer sei er für die Ehrlichkeit. Die Herkunftsgeschichten sind geprägt von Themen wie Liebe, Hoffnung, Dankbarkeit, aber sie handeln auch von Krankheiten, Trauer und Tod. Mehr soll an dieser Stelle noch nicht verraten werden. Am 30. April 2019 geht es weiter mit der Reise durch die Vergangenheit, mit Diverse People Remember.

Projektleitung: Virtuelles Literaturhaus Bremen, Annika Depping

Unsere Partner: Schulzentrum Walle, Westbury Secondary School im Westbury Township in Johannesburg/Südafrika, Sylt Foundation in Johannesburg, start Jugend Kunst Stiftung Bremen, Sparkasse Bremen und Stadtbibliothek Bremen

Text und Fotos: Tabea Scherer