Die Geschichte meiner Oma

Von Tim an Haack

Es war eine ruhige Nacht im Jahre 1943.Wie jeden Abend wurden in Bremen alle Lichter ausgeschaltet. Es war stockdunkel. Verdächtige Stille auf den Straßen. Wie die Ruhe vor dem Sturm. Natürlich schliefen wir in Angst ein, den nächsten Tag nicht mehr zu erleben, aber wir waren es schon gewohnt. Doch was ich an jenem Morgen sah, ließ mir das Blut in den Adern gefrieren.

Mitten in der Nacht heulten plötzlich die schrillen Sirenen. Da wir angezogen schlafen gegangen waren, konnten wir, so schnell es ging, in den nächsten Bunker rennen. Man hörte die furchterregenden Feindbomber am Himmel. Im Bunker spürte man die Angst jedes einzelnen. Menschen beteten und Babys schrien … Einen Moment war es still und die Leute horchten. Dann hörte man von der einen auf die andere Sekunde dutzende Bomben einschlagen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit gab es die Entwarnung und die Türen wurden vorsichtig aufgemacht. Ein scheußlicher Geruch von verbrannter Asche und verbranntem Schutt durchzog die Kammer des Bunkers. Ich ging an der Hand meiner Mutter nach draußen und sah diese Bilder. Ein blutroter und mit schwarzen Aschewolken bedeckter Himmel füllte den Horizont und überall stiegen Flammen empor. Ganze Stadtteile brannten lichterloh und der Teer der Straßen verflüssigte sich vor Hitze. Alles kaputt und zerstört.

Nächte wie diese, nur nicht so gravierend, gab es noch gut zwei Jahre.

Ich lernte meinen Mann kennen, der lange bei der Marine tätig war. Und jeder, der noch arbeiten konnte, half bei dem Wiederaufbau der Stadt, wie auch mein Vater.

Nach einigen Jahren des Wiederaufbaus von Bremen heirateten mein Mann und ich im Jahre 1961. Nach einem Jahr kamen unsere Kinder zur Welt und für mich wurde die Welt wieder besser.

Ohne Titel

Von Selenay Karakaya

Die Nacht am 17. August 1999 war eine ruhige Nacht. Ich – mit meinen achtzehn Jahren – war alleine mit meinen Geschwistern in der Türkei in Istanbul. Meine Eltern waren nämlich zu der Zeit in Frankreich, da sie dort etwas zu tun hatten. Plötzlich spürte ich den Boden unter mir wackeln. Zuerst dachte ich, dass das ein Traum ist, doch als ich meine Augen öffnete und die Lampe über mir hin und her schwanken sah, wurde mir bewusst, dass das die Realität war.
Mein erster Gedanke war, dass ich meine Geschwister retten musste. Sofort sprang ich aus dem Bett und weckte alle auf. Meinem großen Bruder Yüksel wurde sofort klar, was passierte – er wollte mit uns aus unserem Apartment fliehen. Alle liefen zum Ausgang und mein Bruder zog an der Türklinke. Die Tür ging jedoch nicht auf. Ich hatte noch nie so eine Angst gehabt, aber ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen, damit nicht alle in Panik ausbrachen. Yüksel fing an, kräftiger zu ziehen, doch die Tür wollte einfach nicht aufgehen. Eine meiner Schwestern deutete darauf hin, dass der Teppich unter die Tür gerutscht war. Zu dritt trugen wir diesen dann von der Tür weg und liefen aus dem Gebäude nach draußen.
Diese Bilder werde ich niemals vergessen: Alles lag in Trümmern, teilweise sah man sogar Arme, die einfach so aus den Trümmern hervorragten. Ich versuchte, nicht auf Leichen zu gucken und lief einfach weiter. Nach einer Stunde kamen wir bei meinem Onkel an, dessen Haus unversehrt geblieben war. Zu siebt schliefen wir dann in einem Zimmer auf dem Boden. Vor dem Schlafengehen hörte ich nur noch das Schluchzen von den anderen und auch ich schluchzte. Als ich am nächsten Tag aufwachte, konnte ich nicht glauben, was ich erlebt hatte. Warum ausgerechnet ich? Ich hörte die Nachrichten, die über das Erdbeben berichteten. Ich bekam nur mit, dass es achtzehntausend Leichen gab. Gott sei Dank war nichts mir oder meinen Verwandten passiert. Unser Haus blieb auch unversehrt. Und das war mein schlimmstes Erlebnis, das ich nicht mal meinen Feinden wünschen würde.

Aufgewachsen in Guinea

Von Emilia Mariam Camara

Mein Vater ist geboren im Westen Afrikas,
Mamou heißt die Geburtsstadt und Guinea das Land.
Zwei Stämme fließen in seinem Blut: Mandinka und Fula.
Er lebt sehr streng unter den Regeln seines Vaters,
Doch sein Leben dort ist gut – er liebt seine Heimat.

Die Familie ist groß und groß nur durch die Heirat,
Sein Vater hat zwei Frauen und sechzehn Geschwister.

Das Leben dort ist nicht immer leicht,
Nicht immer leicht die Situation.

Es ist strenger als hier, denn sie streben nach Tradition,
Und dies ohne Diskussion.

Sein Weckruf ist der Gebetsruf in aller Frühe,
Vor der Schule eilt man zum Koran-Unterricht mit viel Mühe.
Denn das ist dort am wichtigsten: die Lehren des Islam.

Danach ging er zur Schule voller Elan.

Die Schule war nicht weit, doch der Weg war sehr gefährlich,
Viele Schlangen waren dort, dies machte es beschwerlich.

Für die Schule hat er viel getan, denn er hatte einen Plan,
Doch dieser ging zunichte – etwas zog ihn aus der Bahn.
Er wollte es nochmal versuchen und kam dann in die Hufen.
Freiheraus entschied er sich fortzugehen,
Um in Deutschland auf eigenen Beinen zu stehen.

Jede seiner Erfahrungen ergibt einen Sinn,
Diese möchte er weiter geben an seine Erben.
Denn drei Töchter und ein Sohn – das ist sein Lohn.