Lebensgeschichte meiner Mutter

Von Louisa Reimer

Manchmal ist es schwer, Tatsachen zu akzeptieren. Oftmals wird uns erst im Nachhinein bewusst, wie wenig Zeit uns bleibt für die Menschen, die wir lieben. Genau dies wurde mir schon im zarten Alter von siebzehn Jahren bewusst. Wenn man klein ist, denkt man, einem steht die ganze Welt offen und man ist unbesiegbar, aber als meine Mutter die Diagnose Brustkrebs bekam, ist meine scheinbar kleine, aber perfekte Welt zerschlagen worden.
Doch nicht nur ich wurde aus meinem Alltag gezogen, sondern auch mein kleiner Bruder, damals zwölf Jahre alt, dem erst später wirklich bewusst wurde, was um ihn herum passierte, musste er doch mit dieser vollendeten Tatsache, dass unsere Mutter möglicherweise an Krebs sterben würde, fertig werden. Als schließlich die Chemotherapie meiner Mutter anfing, waren alle Freunde wie Verwandte und natürlich wir als Familie optimistisch, dass sie wieder gesund werden würde.

Ich kann mich noch an die Abende erinnern, wie wir alle zusammensaßen und über Gott und die Welt geredet haben. Besonders mit meinen zwei besten Freundinnen habe ich oft über die schwerwiegende Krankheit meiner Mutter gesprochen. Erst, wenn ich heute zurückschaue, fällt mir auf, wie stark meine Mutter war, wie sie mir immer beigestanden hat oder wie sie mir so unendlich viel Liebe, Kraft für meinen Lebensweg geschenkt hat. Trotz der schweren Chemotherapie hat sie nie ihren Mut oder ihren Optimismus aufgegeben, sondern war stets stark. Mir selbst ist es nie aufgefallen, dass sie auch mal schwach war, aber vor uns Kindern es nie gezeigt hat. Meine Mutter war in der Zeit genau wie jeder andere Mensch, auch mal traurig, frustriert oder zu schwach, um ihren Alltag zu bewältigen, aber für mich und meinem Bruder war sie stets eine Superheldin, die unbesiegbar war, auch in dieser dramatischen Zeit.

Nach einigen Untersuchungen wurde den Ärzten meiner Mutter klar, dass es notwendig war, ihre linke Brust abzunehmen, um den Krebs endgültig zu besiegen. Am 7. Oktober 1983 war endlich der Tag der Tage gekommen und meine Mutter wurde von meinem Vater ins Krankenhaus gebracht. Mein Bruder und ich warteten ungeduldig mit klopfenden Herzen auf ein Lebenszeichen von unseren Eltern; und nach einer gefühlten Ewigkeit des Wartens und einem mulmigen Gefühl in der Magengrube, haben wir den erlösenden Anruf erhalten, dass alles gut verlaufen und meine Mutter nach einem Jahr frei vom Brustkrebs sei. Genau wie Verwandte und Freunde, dachte ich, dass wir uns als Familie gegen das Schicksal gewehrt haben und als Gewinner hervorgetreten sind. Aber niemand hätte gedacht, dass dies erst der Anfang unserer traurigen Geschichte sein würde.

Drei Jahre, in denen alles gut war, drei Jahre, nachdem sich alles wieder normalisiert hatte, klagte mein Vater über zunehmende Herzschmerzen, bis festgestellt wurde, dass er einen Herzinfarkt gehabt hatte und eine Bypass-Operation benötigte. Trotz der Schwere der Situation waren wir alle sehr positiv eingestellt, dass er die Operation ohne große Komplikationen überstehen würde. Als mein Vater am 5. Dezember 1986 in den OP gebracht wurde, war das Glück nicht mehr auf unserer Seite. Ich weiß noch – als wäre es wirklich gestern gewesen –, wie ich morgens an dem Tag mit elendem Gefühl zur Arbeit gefahren bin und mich mittags mit meiner Mutter ohne große Sorge zum Essen getroffen habe. Absolut niemand hätte an diesem Tag ahnen können, wie oder wann der vielleicht unausweichliche Tod meines Vaters kommen würde. Schließlich mussten wir mit der Tatsache zurechtkommen, dass dies nun Wirklichkeit geworden war.

Oftmals fühlt es sich immer noch an, als würde ich träumen, wenn ich an die Beerdigung meines Vaters zurückdenke. Weinend und kaum fassend, was geschehen war, wurde das Gefühl der Einengung durch das Mitleid aller Anwesenden für mich überwältigend groß. Ich dachte damals nicht, dass ich den Tod meines Vaters jemals verkrafte, aber die Zeit heilt die Wunden auch dann, wenn man den Verlust niemals ersetzen kann.

Auch wenn es schwer war, haben wir, meine Mutter, mein Bruder und ich, uns wieder erholt und der Alltag hat uns wieder in Beschlag genommen. Zwar war es anfangs komisch und unbeschreiblich, dass mein Vater vom einen auf den anderen Tag nicht mehr mit uns am Esstisch saß oder seine Fußballspiele geguckt hat, aber mit der Zeit war auch dies verschwommen und verblasst.

Mein Vater Walter war, seit ich denken konnte, ein leidenschaftlicher Fußballfan, der oftmals zu allen möglichen Meisterschaften, Pokalspielen und Saisonspielen gefahren ist. Lange hegte mein Vater die Hoffnung, dass mein kleiner Bruder genauso ein Interesse an Fußball entwickeln würde wie er, was aber nie geschah. Meine Mutter Inge war eine sehr anmutige, liebevolle und lebensfrohe Frau gewesen, so wie eine Mutter, die viel und gerne mit ihren Freunden unterwegs war. Wie auch ich hatte sie eine Vorliebe für Klamotten und wir gingen oft zusammen shoppen.

Knapp zweieinhalb Jahre nachdem mein Vater verstorben war, merkte meine Mutter, dass etwas nicht in Ordnung war mit ihrer rechten Brust und ihr Verdacht bestätigte sich. Manchmal frage ich mich, ist es Schicksal oder Zufall, dass meine Familie so viel Leid und Trauer durchstehen muss, aber schlussendlich ist es eine Tatsache, dass man das Leben so hinnehmen muss, wie es zu uns kommt. Als ich die Nachricht erfuhr, dass meine Mutter zum zweiten Mal Krebs bekommen habe, war es, als würde mir die Luft zugeschnürt werden, und eine eisige Kälte breitete sich in meinem Körper aus; alles, was ich damals wahrnahm, war verschwommen und taub. Meine Gedanken waren ein einziges Durcheinander und ich konnte nicht mehr klar denken, außer dass dies doch alles nur ein Traum und nicht Wirklichkeit sein könnte. Die Hoffnung, dass alles wieder gut werden würde, so klein sie auch war, war stets in meinen Gedanken vorhanden.

Nachdem meiner Mutter die zweite Brust abgenommen worden war, beschlossen meine Großeltern, den Traum meiner Mutter zu erfüllen und schenkten uns dreien einen Urlaub bei meinem Onkel und meiner Tante in Kanada. Das kleine Örtchen Gibsons war unser Ziel und so flogen wir an unserem Abreisetag, mit Hinblick auf einen Neuanfang, voller Neugier nach Kanada. Dieser Urlaub hat den Lebensgeist meiner Mutter noch einmal mit voller Kraft hervorsprudeln lassen und uns als Familie Erinnerungen geschenkt, die sonst niemals möglich gewesen wären. Obwohl die Kräfte meiner Mutter stetig weniger wurden, haben wir schöne Ausflüge, lustige Abende erlebt wie auch viel Quatsch gemacht. Mir war es damals nicht bewusst, aber meiner Mutter war schon während dieser schönen Tage in Kanada klar, dass sie bald sterben würde. Mein Onkel versuchte in der Zeit oft, bewusst zu machen, dass meine Mutter sterben und wie es denn weiter gehen werde, aber ich war der festen Überzeugung: „Nein, meine Mutter wird nicht sterben!“

Nachdem wir wieder zurück nach Deutschland gekommen sind, ging es meiner Mutter rapide schlechter und wir brachten sie ins Krankenhaus.

Schon einige Tage später wollten die Ärzte mit mir wegen meiner Mutter sprechen. Hätte ich damals gewusst, was sie mir mitteilen wollten, denn wäre ich vielleicht gefasster, weniger verwirrt und tapferer gewesen, aber was erwartete man von einem zweiundzwanzig Jahre alten Mädchen, das in seinen jungen Jahren beide Eltern schnell verloren hatte?

Die Ärzte nahmen mich zu Seite und sagten ohne jedes Mitleid oder Empathie: „Wir können für ihre Mutter nichts mehr tun, Sie können ihre Mutter mit nach Hause nehmen.“

Kurz nachdem die Worte mein Gehör erreichten, brach meine Welt in sich zusammen; es war, als wäre ich gelähmt und nichts schien mehr wichtig zu sein, denn fast alles in meinem Leben würde von nun an ständig – das war mir klar – von einer nie endenden Trauer, Wut, Verwirrung und einem Taubheitsgefühl überschwemmt werden. Es war, als würde ich auf Autopilot schalten und die Welt um mich herum nur noch durch ein volles Milchglas wahrnehmen. Und nachdem ich meinen Verwandten Bescheid gegeben hatte, habe ich die Kraft gefunden, die Nachricht meinem kleinen Bruder mitzuteilen. Schon nach wenigen Tagen war mein Onkel aus Kanada bei uns und hat uns geholfen.

Teilweise ist es immer noch ein surreales Gefühl, wenn ich an den Tag zurückdenke, an dem meine Mutter gestorben ist. Ich weiß noch, wie ich an diesem Tag später als üblich zu Hause ankam und mir schon auf dem Weg zum Zimmer meiner Mutter meine Tante entgegenschritt und mich in die Arme schloss: Mir wurde dann sofort bewusst, dass meine Mutter gerade friedlich eingeschlafen war und nicht mehr aufwachen würde. In dem Moment hätte ich nichts lieber getan, als meine Mutter wieder in den Arm zu nehmen und ihr zu sagen, wie sehr ich sie doch liebhabe und ich nicht dazu bereit sei, ein Leben ohne sie zuführen.

Innerhalb weniger Jahre hatte ich fast alles in meinem Leben durch den Tod verloren, es gab nur noch mich und meinem kleinen, mittlerweile achtzehn Jahren alten Bruder und keiner von uns wusste, wie wir mit all dieser Verantwortung, der Trauer, dem Haus und der Planung der Beerdigung zurechtkommen sollten. Zum Glück waren mein Onkel und meine Tante noch da und halfen uns.

Ähnlich wie bei der Beerdigung meines Vaters, war der Tag eine einzige Trauerfeier, die ich taub, weinend und verschwommen mitbekommen habe. Schließlich habe ich mich an dem Tag langsam mit der Tatsache abfinden können, dass ich nun die komplette Verantwortung für alles trug und meine Eltern niemals wieder mit mir zusammen am Tisch sitzen würden oder ich sie niemals mehr in den Arm nehmen würde.

Die nächsten sechs Wochen lebte ich und nahm alles wie in einem Traum wahr, nichts schien mehr Geschmack zu haben oder Spaß zu machen, alles schien nur noch Grau in Grau zu sein. Trotz all der Versuche meiner Freunde konnte ich meine Lebensfreunde nach dem Tod meiner Eltern einfach nicht wiederfinden.

Bis zu dem Zeitpunkt, als ich den gutaussehenden, lustigen und charmanten jungen Mann von den Freunden meiner Bekannten kennenlernte, und das Leben wieder einen Sinn bekam. Dieser neu entdeckte Sinn gab mir Kraft, neu anzufangen und nach anderen Dingen zu streben. Den Sinn im Sinnlichen zu einer neuen Reise zu finden.

Flowers green

Von Gina Grote

Kapitel 1
Krieg der Waffen

Meine Eltern lieben Blumen. Warum ist mir das nicht schon früher aufgefallen? Ich fühle mich ignorant bei dem Gedanken, dass ich dachte, meine Familie wäre durchschnittlich: für normale Verhältnisse. Verdammt, man sollte mich ordentlich schütteln!

Seit ein paar Atemzügen spüre ich einen seltsamen Druck an meinem rechten Finger. Eine grüne Blume hat sich nämlich wie ein Ring um meinen Finger gesponnen. Diese Blume gehört zu unserer Familientradition. Schon seit alten Zeiten, die schon so lange zurückliegen, dass sich daran niemand mehr erinnern kann. Es ist eine Blume mit magischen Fähigkeiten. Sie ist kostbar und mächtig. Sie kann die Zeit anhalten und Reisen in die Vergangenheit schenken – den Menschen, die sich einst um sie gekümmert haben.

In diesem Fall geht es um meine Familie. Der Hüter und Träger dieser zarten Blume erhält damit auch das Privileg, Zeitreisen durchführen zu dürfen.

Und diese mächtige Pflanze mit solchen Fähigkeiten – diese mächtige Präsenz – bewahrte meine Mutter ohne mein Wissen all die Jahre auf der Küchenablage auf: gleich neben den Küchenkräutern versteckt.

***

Als meine Mutter mir das Familiengeheimnis eines Tages anvertraut hat, habe ich sie den Umständen entsprechend angeschaut: „Eine Zauberpflanze? Das ist doch ein Scherz!“

Ich brach in Lachen aus und merkte dabei nicht, wie meine Mutter den Kopf schüttelte: „Nein, ich scherze nicht, aber warum überzeugst du dich nicht selbst?“

Meine Mama stand auf und legte die zarte Blume mit dem leuchtenden Grün auf meine Handfläche.

„Eins muss man ihr lassen: Wunderschön ist diese Pflanze!“, sagte ich.

***

Eines Tages nehme ich die Blume in die Hand, verträumt bewundere ich die magische Pflanze, wie sie sich langsam um meinen Finger schlängelt: Und auf einmal bin ich verschwunden.

Nicht wirklich verschwunden, ich war einfach woanders. Mitten auf einer großen Wiese, um genau zu sein. Der Regen prasselte wild auf die Erde und die Wiese ähnelte eher einer großen Schlammgrube. Doch ich wurde vom heftigen Regen verschont, den physikalischen Gesetzen zum Trotz blieb mein Körper trocken. Auch als ich anfing, die Wiese zu überqueren, hinterließ ich im Schlamm keinen Spuren.

Doch nachdem was jetzt passiert ist, bemerkte ich den großen Elefanten nicht.

„PENG!“ Das laute Geräusch hallte laut über den Platz, danach hörte man ein dumpfes „PLATSCH!“, das Gleiche wiederholte sich abermals: „PENG!“, „PLATSCH!“: Langsam realisierte ich, dass jemand wohl mit einem Gewehr geschossen hat. Auf Menschen.

Ich rannte schneller als ich konnte. Etwa auf der Mitte des Feldes blieb ich stehen.

Männer in Uniform standen auf dem Feld und schossen mit Pistolen auf andere Männer. Sie führten Krieg.

Ich stand also auf einem Schlachtfeld. „PENG!“, „PENG!“: Darauf folgte dreimal „Platsch!“. Männer werden erschossen und fallen tot um.

„Aufhören!“, schreie ich schrill aus meiner Kehle. „Warum tut ihr das?“, schrie ich weiter verzweifelt.

Niemand drehte sich zu mir um, niemand bemerkte mich. Ich fühle mich wie ein Geist. Eine bedrückende Erkenntnis. Ein Mann kommt mitten auf mich zu gerannt, nur um dicht vor meiner Nase erschossen zu werden.

„Oh Mein Gott!“, rufe ich. Das Gebrüll in einer fremden Sprache (wahrscheinlich Russisch) klang wie Jubel.

Mir wird schlecht. Eine leise Stimme von ganz weit hinten ertönte übers Feld: „Ich ergebe mich, bitte, ich will nicht schießen!“

Neugierig schaute ich zu dem Mann herüber, er sah meinem Opa erschreckend ähnlich. Seine Figur, seine runden Augen. Seltsam. Im gebrochenen Deutsch ertönte dann: „Mitkommen!“ Und der Mann, der sogar ging wie mein Opa, wurde abgeführt. Bei diesem Anblick rollten mir Tränen über mein Gesicht.

Kapitel 2
Krieg der Bomben

Der Regen hatte aufgehört. Logisch, denn ich befinde mich in einem geschlossenen Raum. Nicht mehr auf dem Schlachtfeld. „Gott sei Dank!“, flüstere ich verstört. Diese Bilder werden mich noch lange Zeit verfolgen.

Schleichend spürte ich den Geruch von altem Holz in der Nase. Im Kamin brannte Feuer. Beruhigend. „BUM!“. Der Boden vibrierte. Die Deckenlampe flimmerte. Ein Mädchen mit geflochtenen Zöpfen, es war ungefähr acht, drückte seinen Kuschelbären an sich. Es hatte Angst, weinte aber nicht. Mein Beschützerinstinkt schaltete sich ein: „Hey! Alles okay?“

Ich kniete mich direkt vor das Kind, doch es schaute einfach durch mich hindurch.

“Mutti, es ist schon wieder passiert, aber Elfriede schläft noch.“

Irritiert schaute ich mich um und dann sah ich sie. Eine Erscheinung von Frau, die einen einschüchterte. Die Frau war etwa dreißig, das verrieten ihre Augen, aber der Rest ihres Äußeren war unfassbar alt. Die braunen Haare ergrauten langsam. Ihr Mund war grimmig verkniffen. Der Körper hager, in ein graues Kleid gehüllt. Wahrscheinlich aus dem gleichen Stoff wie das Kleid, welches das Mädchen trug.

„Das war eine Bombe, die erste in dieser Woche. Ein Graus. Gut, dass deine Schwester schläft. Du solltest das auch tun. Ich bin im Keller bei unseren Nachbarn, ich muss ihnen die Sachen vom Markt bringen.“

Mit diesen Worten ließ die Mutter ihre Tochter stehen. Das kleine Mädchen atmete aus und drückte seinen Teddy noch enger an sich. Auf dem Holzbett, fast so groß wie ein Doppelbett, lag ein anderes, jüngeres Mädchen quer und schlief tief und fest. Seinen Kopf bedeckte ein Tuch. Das war dann wohl Elfriede. Das mir unbekannte Mädchen nahm das Tuch und tauchte es in einen Topf mit Wasser, der vor dem Fenster stand, und legte es nass zurück auf die Stirn des kleinen Mädchens.

Elfriede ist krank, stellte ich erschrocken fest.

Und das große „BUM!“ kam von einer Bombe, die Leben auslöschen kann. Das Leben der jungen und gleichzeitig viel zu alten Mutter wie auch das der Kinder, die bei Anschlägen weder weinen noch aufwachen: Ihr hohes Alter und die scheinbare Ruhe ihrer Sprösslinge waren das Resultat des Krieges.

Ich bin ein Idiot, doch die Erkenntnis trifft mich ins Mark.

„Du bist meine Oma“, flüsterte ich. „Oma Anneliese, ich konnte dich nie kennenlernen“, sagte ich, was noch idiotischer war, das kleine Mädchen hörte mich doch nicht.

Die grüne Blume funkelte unschuldig an meinem Ringfinger. Dieses Teufelsgewächs hatte mir das ermöglicht. Unfassbar.

Anneliese setzte sich auf dem Boden vor das Bett. Regungslos, wie es eigentlich keine Kinder können, schaute sie durch den Raum und wartete. Wahrscheinlich darauf, dass der Krieg aufhörte.

Ich verschwand aus dem Raum.

Kapitel 3
Krieg der Erkenntnis

Ich riss die Augen auf. O mein Gott! Bin ich tatsächlich in der Zeit gereist? Habe ich Dinge gesehen, die schon seit Langem der Vergangenheit angehören? Oder ist das Einbildung?

Nein, so stark kann der Verstand nicht aussetzen. Es sei denn, man wäre … Man wäre verrückt!

Mein Blick huschte zu meinem rechten Ringfinger. Die grüne Blume war immer noch da. Leuchtend grün. Wunderschön. Wenn sie noch da ist, dann muss alles, was geschehen war, Wirklichkeit sein, oder? Es hat sich doch echt angefühlt. Die Situationen hatten sich wirklich in der Zeit abgespielt, die ich besucht habe.

Der Mann, der sich ergeben hat – einfach um selbst nicht mehr schießen zu müssen. Er hatte Ähnlichkeiten mit meinem lieben Opa. Ich hatte meinen Urgroßvater gesehen. Mein Vater hat mir von ihm erzählt. Im Zweiten Weltkrieg hatte er sich ergeben, sonst hätte er weiter schießen müssen. Danach hatte er bis zum Ende des Krieges in russischer Gefangenschaft gelebt.

Oh! Und die alte Frau war meine Urgroßmutter. Ich bewundere sie schon seit geraumer Zeit. Sie hatte all ihre Söhne im Krieg verloren. Ihre Töchter aufgezogen und ihre Nachbarn, sie waren Juden, im Keller beschützt.

Ich verstehe es endlich. Die Blume hatte mir meine Wurzeln gezeigt. Mir gezeigt, wie stark und zerbrechlich meine Vergangenheit ist.