Zufall oder Schicksal

Von Cara Schulze

Großvater aus Deutschland

Mit viel Angst und Ungewissheit, wie es weiter gehen wird, begab ich mich auf die Flucht aus Schlesien vor den vordringenden Russen. Mit wenig Verpflegung und schlechter Kleidung und bei eisiger Kälte machte ich mich auf den Weg. Viele Menschen starben auf der Flucht. Es quälte mich, nicht zu wissen, ob ich bald auch einer von ihnen werden würde. Auf meinem Weg zur Hoffnung auf Sicherheit musste ich viel über meine Kindheit nachdenken, die sehr aufregend gewesen war. Ich habe viel mit meinem Bruder gespielt. Doch einige Spiele hätten auch zum Tode führen können, zum Beispiel haben wir einen Stier mit einem roten Tuch geärgert, der auf einem Bauernhof lebte oder sind auf dem See Schlittschuh gefahren, auch wenn er nicht fest gefroren war. An einem Tag hatte mein Bruder ganz schön Glück gehabt. Er ist eingebrochen, doch er konnte sich zum Glück noch retten. Allerdings war das Glück immer auf meiner Seite. Somit hoffte ich, dass es auch diesmal so sein würde.

Nach fünfundzwanzig Kilometern hatte ich endlich die Gewissheit: Eine Bäuerin nahm mich auf. Endlich hatte ich die Hoffnung auf eine bessere Zukunft Nach einer gewissen Zeit kehrte wieder Ruhe in das Land ein und ich habe dann auch wieder gearbeitet. Eines Tages buchte ich mir einen Flug nach Madrid, den ich allerdings aus beruflichen Gründen nicht antreten konnte. Und als ich dann hörte, dass dieses Flugzeug abgestürzt sei und dieses Unglück nur zwei Menschen überlebt hätten, war ich sehr erleichtert. Aber ich fragte mich auch sofort, ob dies wirklich mein Schicksal sein sollte und warum nicht von jemandem anderen? Umso glücklicher bin ich heute darüber, dass ich so leben kann, wie ich lebe, auch wenn es nicht immer einfach war. Meine Eltern hatten ein härteres Leben als ich: im Zweiten Weltkrieg und in der Nachkriegszeit. Sie haben mit ständiger Angst gelebt. Mit der Angst, jeden Tag nicht mehr zu überleben. Glücklicherweise haben sie diese schreckliche Zeit überstanden.

Später habe ich dann in einer Brokerfirma gearbeitet, die auch Filialen in Südamerika hatte, wie zum Beispiel in Brasilien, Argentinien, Kolumbien und so weiter. Ich habe mich dafür entschieden, dass ich nach Kolumbien auswandern werde, und so bin ich dann nach Kolumbien ausgewandert. Diese Entscheidung stellte sich als eine meiner besten Entscheidungen heraus. Als ich eines Tages in Kolumbien mit einem Bus fuhr, traf ich meine heutige Frau. Mit der ich eine großartige Familie gegründet habe. Mit meinen zwei Kindern und meiner Frau habe ich eine lange Zeit in Deutschland verbracht, mit meiner Frau bin ich dann später wieder nach Kolumbien gegangen, wo wir heute noch leben. Südamerika selbst hat mich nicht verändert. Ich bin meiner Persönlichkeit immer treu geblieben. Die deutsche Ordentlichkeit und Disziplin, mit denen ich erzogen und aufgewachsen bin, habe ich beibehalten, doch manchmal schleichen sich auch Unordentlichkeiten und undisziplinierte Dinge ein. In meinem Leben habe ich schon Vieles gesehen, dementsprechend auch Vieles gelernt. Viele Sachen habe ich mit Humor betrachtet, und somit sah die Welt manchmal ganz anders aus. Eine Sache, die ich zum Beispiel durch meine Flucht gelernt habe, ist, dass man niemals die Hoffnung aufgeben sollte, niemals.

Großmutter aus Kolumbien

1945 wurde ich geboren und hatte seitdem ein schönes Leben. Mit allen Höhen und Tiefen natürlich. Meine Kindheit war wunderschön. Ich bin mit meiner Mutter und ihrer Familie aufgewachsen, welche mich verwöhnt haben. Ich hatte dort mehrere Tiere: ein Kalb, ein Huhn, Katzen, Hunde und einen Affen. Mit ihnen habe ich jeden Tag lange gespielt. Den Affen habe ich oft verkleidet, das hat so einen Spaß gemacht! Eines Tages habe ich mein Huhn gesucht, ich habe es überall gesucht. Die Haushälterin, die bei uns arbeitete, hat mich gefragt, ob ich ein Huhn mit bunten Federn suchen würde? Denn sie erzählte mir, dass sie nämlich eine Hühnersuppe koche. Das war wie ein Schlag ins Gesicht. Ich war so schrecklich traurig. Sodass ich sogar Fieber bekam. Von dem Moment an habe ich Jahre lang kein Hühnerfleisch mehr gegessen.

Irgendwann lernte ich auf einer Busfahrt in meiner Heimat einen Mann kennen. Ich saß im Bus, mit einem Huhn im Arm, auf dem Weg nach Hause, als mich plötzlich ein Mann ansprach und ein paar Witze machte, an die ich mich leider nicht mehr erinnere und so kam es dazu, dass wir uns öfter getroffen und drei Jahre später geheiratet haben.

Die Ehe besteht auch heute noch. Wir haben eine Familie gegründet. Mit unseren zwei Kindern gingen wir ein paar Jahre später nach Deutschland. Zu Anfang habe ich mich in Deutschland nicht wohl gefühlt. Anderes Land, andere Sitten. Zu diesem Zeitpunkt habe ich auch die deutsche Sprache nicht beherrscht. Es ist auch ein anderes Klima, an das ich mich erst mal gewöhnen musste. In der ersten Zeit machte mich das Klima ziemlich fertig, aber ich konnte mich überwinden, und heute ist es für mich wie eine zweite Heimat. Auch wenn ich eine andere Nationalität habe. Die Jahre in Deutschland habe ich aber sehr genossen. Dadurch habe ich gelernt, dass man sich manchmal auf neue Dinge einlassen sollte, auch wenn es zu Anfang schwierig ist.

Lebensgeschichte meiner Mutter

Von Louisa Reimer

Manchmal ist es schwer, Tatsachen zu akzeptieren. Oftmals wird uns erst im Nachhinein bewusst, wie wenig Zeit uns bleibt für die Menschen, die wir lieben. Genau dies wurde mir schon im zarten Alter von siebzehn Jahren bewusst. Wenn man klein ist, denkt man, einem steht die ganze Welt offen und man ist unbesiegbar, aber als meine Mutter die Diagnose Brustkrebs bekam, ist meine scheinbar kleine, aber perfekte Welt zerschlagen worden.
Doch nicht nur ich wurde aus meinem Alltag gezogen, sondern auch mein kleiner Bruder, damals zwölf Jahre alt, dem erst später wirklich bewusst wurde, was um ihn herum passierte, musste er doch mit dieser vollendeten Tatsache, dass unsere Mutter möglicherweise an Krebs sterben würde, fertig werden. Als schließlich die Chemotherapie meiner Mutter anfing, waren alle Freunde wie Verwandte und natürlich wir als Familie optimistisch, dass sie wieder gesund werden würde.

Ich kann mich noch an die Abende erinnern, wie wir alle zusammensaßen und über Gott und die Welt geredet haben. Besonders mit meinen zwei besten Freundinnen habe ich oft über die schwerwiegende Krankheit meiner Mutter gesprochen. Erst, wenn ich heute zurückschaue, fällt mir auf, wie stark meine Mutter war, wie sie mir immer beigestanden hat oder wie sie mir so unendlich viel Liebe, Kraft für meinen Lebensweg geschenkt hat. Trotz der schweren Chemotherapie hat sie nie ihren Mut oder ihren Optimismus aufgegeben, sondern war stets stark. Mir selbst ist es nie aufgefallen, dass sie auch mal schwach war, aber vor uns Kindern es nie gezeigt hat. Meine Mutter war in der Zeit genau wie jeder andere Mensch, auch mal traurig, frustriert oder zu schwach, um ihren Alltag zu bewältigen, aber für mich und meinem Bruder war sie stets eine Superheldin, die unbesiegbar war, auch in dieser dramatischen Zeit.

Nach einigen Untersuchungen wurde den Ärzten meiner Mutter klar, dass es notwendig war, ihre linke Brust abzunehmen, um den Krebs endgültig zu besiegen. Am 7. Oktober 1983 war endlich der Tag der Tage gekommen und meine Mutter wurde von meinem Vater ins Krankenhaus gebracht. Mein Bruder und ich warteten ungeduldig mit klopfenden Herzen auf ein Lebenszeichen von unseren Eltern; und nach einer gefühlten Ewigkeit des Wartens und einem mulmigen Gefühl in der Magengrube, haben wir den erlösenden Anruf erhalten, dass alles gut verlaufen und meine Mutter nach einem Jahr frei vom Brustkrebs sei. Genau wie Verwandte und Freunde, dachte ich, dass wir uns als Familie gegen das Schicksal gewehrt haben und als Gewinner hervorgetreten sind. Aber niemand hätte gedacht, dass dies erst der Anfang unserer traurigen Geschichte sein würde.

Drei Jahre, in denen alles gut war, drei Jahre, nachdem sich alles wieder normalisiert hatte, klagte mein Vater über zunehmende Herzschmerzen, bis festgestellt wurde, dass er einen Herzinfarkt gehabt hatte und eine Bypass-Operation benötigte. Trotz der Schwere der Situation waren wir alle sehr positiv eingestellt, dass er die Operation ohne große Komplikationen überstehen würde. Als mein Vater am 5. Dezember 1986 in den OP gebracht wurde, war das Glück nicht mehr auf unserer Seite. Ich weiß noch – als wäre es wirklich gestern gewesen –, wie ich morgens an dem Tag mit elendem Gefühl zur Arbeit gefahren bin und mich mittags mit meiner Mutter ohne große Sorge zum Essen getroffen habe. Absolut niemand hätte an diesem Tag ahnen können, wie oder wann der vielleicht unausweichliche Tod meines Vaters kommen würde. Schließlich mussten wir mit der Tatsache zurechtkommen, dass dies nun Wirklichkeit geworden war.

Oftmals fühlt es sich immer noch an, als würde ich träumen, wenn ich an die Beerdigung meines Vaters zurückdenke. Weinend und kaum fassend, was geschehen war, wurde das Gefühl der Einengung durch das Mitleid aller Anwesenden für mich überwältigend groß. Ich dachte damals nicht, dass ich den Tod meines Vaters jemals verkrafte, aber die Zeit heilt die Wunden auch dann, wenn man den Verlust niemals ersetzen kann.

Auch wenn es schwer war, haben wir, meine Mutter, mein Bruder und ich, uns wieder erholt und der Alltag hat uns wieder in Beschlag genommen. Zwar war es anfangs komisch und unbeschreiblich, dass mein Vater vom einen auf den anderen Tag nicht mehr mit uns am Esstisch saß oder seine Fußballspiele geguckt hat, aber mit der Zeit war auch dies verschwommen und verblasst.

Mein Vater Walter war, seit ich denken konnte, ein leidenschaftlicher Fußballfan, der oftmals zu allen möglichen Meisterschaften, Pokalspielen und Saisonspielen gefahren ist. Lange hegte mein Vater die Hoffnung, dass mein kleiner Bruder genauso ein Interesse an Fußball entwickeln würde wie er, was aber nie geschah. Meine Mutter Inge war eine sehr anmutige, liebevolle und lebensfrohe Frau gewesen, so wie eine Mutter, die viel und gerne mit ihren Freunden unterwegs war. Wie auch ich hatte sie eine Vorliebe für Klamotten und wir gingen oft zusammen shoppen.

Knapp zweieinhalb Jahre nachdem mein Vater verstorben war, merkte meine Mutter, dass etwas nicht in Ordnung war mit ihrer rechten Brust und ihr Verdacht bestätigte sich. Manchmal frage ich mich, ist es Schicksal oder Zufall, dass meine Familie so viel Leid und Trauer durchstehen muss, aber schlussendlich ist es eine Tatsache, dass man das Leben so hinnehmen muss, wie es zu uns kommt. Als ich die Nachricht erfuhr, dass meine Mutter zum zweiten Mal Krebs bekommen habe, war es, als würde mir die Luft zugeschnürt werden, und eine eisige Kälte breitete sich in meinem Körper aus; alles, was ich damals wahrnahm, war verschwommen und taub. Meine Gedanken waren ein einziges Durcheinander und ich konnte nicht mehr klar denken, außer dass dies doch alles nur ein Traum und nicht Wirklichkeit sein könnte. Die Hoffnung, dass alles wieder gut werden würde, so klein sie auch war, war stets in meinen Gedanken vorhanden.

Nachdem meiner Mutter die zweite Brust abgenommen worden war, beschlossen meine Großeltern, den Traum meiner Mutter zu erfüllen und schenkten uns dreien einen Urlaub bei meinem Onkel und meiner Tante in Kanada. Das kleine Örtchen Gibsons war unser Ziel und so flogen wir an unserem Abreisetag, mit Hinblick auf einen Neuanfang, voller Neugier nach Kanada. Dieser Urlaub hat den Lebensgeist meiner Mutter noch einmal mit voller Kraft hervorsprudeln lassen und uns als Familie Erinnerungen geschenkt, die sonst niemals möglich gewesen wären. Obwohl die Kräfte meiner Mutter stetig weniger wurden, haben wir schöne Ausflüge, lustige Abende erlebt wie auch viel Quatsch gemacht. Mir war es damals nicht bewusst, aber meiner Mutter war schon während dieser schönen Tage in Kanada klar, dass sie bald sterben würde. Mein Onkel versuchte in der Zeit oft, bewusst zu machen, dass meine Mutter sterben und wie es denn weiter gehen werde, aber ich war der festen Überzeugung: „Nein, meine Mutter wird nicht sterben!“

Nachdem wir wieder zurück nach Deutschland gekommen sind, ging es meiner Mutter rapide schlechter und wir brachten sie ins Krankenhaus.

Schon einige Tage später wollten die Ärzte mit mir wegen meiner Mutter sprechen. Hätte ich damals gewusst, was sie mir mitteilen wollten, denn wäre ich vielleicht gefasster, weniger verwirrt und tapferer gewesen, aber was erwartete man von einem zweiundzwanzig Jahre alten Mädchen, das in seinen jungen Jahren beide Eltern schnell verloren hatte?

Die Ärzte nahmen mich zu Seite und sagten ohne jedes Mitleid oder Empathie: „Wir können für ihre Mutter nichts mehr tun, Sie können ihre Mutter mit nach Hause nehmen.“

Kurz nachdem die Worte mein Gehör erreichten, brach meine Welt in sich zusammen; es war, als wäre ich gelähmt und nichts schien mehr wichtig zu sein, denn fast alles in meinem Leben würde von nun an ständig – das war mir klar – von einer nie endenden Trauer, Wut, Verwirrung und einem Taubheitsgefühl überschwemmt werden. Es war, als würde ich auf Autopilot schalten und die Welt um mich herum nur noch durch ein volles Milchglas wahrnehmen. Und nachdem ich meinen Verwandten Bescheid gegeben hatte, habe ich die Kraft gefunden, die Nachricht meinem kleinen Bruder mitzuteilen. Schon nach wenigen Tagen war mein Onkel aus Kanada bei uns und hat uns geholfen.

Teilweise ist es immer noch ein surreales Gefühl, wenn ich an den Tag zurückdenke, an dem meine Mutter gestorben ist. Ich weiß noch, wie ich an diesem Tag später als üblich zu Hause ankam und mir schon auf dem Weg zum Zimmer meiner Mutter meine Tante entgegenschritt und mich in die Arme schloss: Mir wurde dann sofort bewusst, dass meine Mutter gerade friedlich eingeschlafen war und nicht mehr aufwachen würde. In dem Moment hätte ich nichts lieber getan, als meine Mutter wieder in den Arm zu nehmen und ihr zu sagen, wie sehr ich sie doch liebhabe und ich nicht dazu bereit sei, ein Leben ohne sie zuführen.

Innerhalb weniger Jahre hatte ich fast alles in meinem Leben durch den Tod verloren, es gab nur noch mich und meinem kleinen, mittlerweile achtzehn Jahren alten Bruder und keiner von uns wusste, wie wir mit all dieser Verantwortung, der Trauer, dem Haus und der Planung der Beerdigung zurechtkommen sollten. Zum Glück waren mein Onkel und meine Tante noch da und halfen uns.

Ähnlich wie bei der Beerdigung meines Vaters, war der Tag eine einzige Trauerfeier, die ich taub, weinend und verschwommen mitbekommen habe. Schließlich habe ich mich an dem Tag langsam mit der Tatsache abfinden können, dass ich nun die komplette Verantwortung für alles trug und meine Eltern niemals wieder mit mir zusammen am Tisch sitzen würden oder ich sie niemals mehr in den Arm nehmen würde.

Die nächsten sechs Wochen lebte ich und nahm alles wie in einem Traum wahr, nichts schien mehr Geschmack zu haben oder Spaß zu machen, alles schien nur noch Grau in Grau zu sein. Trotz all der Versuche meiner Freunde konnte ich meine Lebensfreunde nach dem Tod meiner Eltern einfach nicht wiederfinden.

Bis zu dem Zeitpunkt, als ich den gutaussehenden, lustigen und charmanten jungen Mann von den Freunden meiner Bekannten kennenlernte, und das Leben wieder einen Sinn bekam. Dieser neu entdeckte Sinn gab mir Kraft, neu anzufangen und nach anderen Dingen zu streben. Den Sinn im Sinnlichen zu einer neuen Reise zu finden.