Der Tod als Begleiter

Von Daria Schwabe

Mein Name ist Max, ich bin im Jahre 1938 auf die Welt gekommen. Ich bin der Älteste unter meinen zehn Geschwistern. Meine Familie besaß einen großen Bauernhof in Okel, wo ich bis heute noch lebe. Meine Kindheit verbrachte ich auf dem Dorf, wir hatten das Glück, nicht viel vom Zweiten Weltkrieg mitzuerleben. Meine Mutter verrichtete meist den Haushalt oder half dabei, die Kühe zu melken. Mein Vater hingegen verbrachte die Tage draußen, ob es Sonntage oder Feiertage waren, er ließ seine Arbeit keinen einzigen Tag liegen. Zum Essen und Schlafen kam er ins Haus. Meine Kindheit war toll, besser hätte ich es mir bis heute nicht vorstellen können. Ich bin sehr froh darüber, dass ich nicht in der heutigen Zeit groß werde. So etwas wie Handys gab es damals nicht, meine Kindheit bestand daraus, mit Geschwistern und Freunden den Tag draußen zu verbringen, vom anderen Bauern Äpfel vom Baum zu klauen und im Nachhinein die Ohren von Vater lang gezogen zu bekommen.

Mit vierzehn Jahren ging ich in die Lehre zum Postboten; nach Ende der Ausbildung fing ich eine neue Lehre an, als Maurer. Ich hatte das Glück, dass man damals als Postbote ein Beamter war, aber auch durch meine Ausbildung zum Maurer hatte ich viele Vorteile. Ich kaufte ein Grundstück, eine Straße weiter als mein Elternhaus war. Ich baute ein eigenes Haus, setzte jeden einzelnen Stein selbst. Nach anderthalb Jahren war das Haus fertig gebaut, bis auf das Badezimmer oben und den Garten, der bestand nur aus Sand. Ich war so glücklich, mein Traum vom eigenen Haus hatte sich nun endlich erfüllt. Das Leben konnte nun endlich richtig losgehen, ein eigenes Haus, meine Tochter und meine geliebte Ehefrau. Was hätte ich mir mehr wünschen sollen?

Doch dann kam der Schicksalsschlag, wie ein Schlag ins Gesicht. Am 48. Geburtstag meiner Ehefrau wendete sich mein Leben komplett. Ich bekam einen Anruf gegen 13 Uhr von meiner Mutter, mir war klar: irgendwas war passiert. Sie rief sonst nie so kurzfristig an, bevor sie zu uns zu Besuch kam. Als ich den Hörer abnahm, hörte ich ihr Schluchzen, es kam nichts von ihr außer „Vater….Vater“. Ich rannte zu meinem Elternhaus, sie war so aufgebracht, sie zitterte, die Tränen liefen, sie hat es nicht geschafft, aufzustehen. Sie schickte mich in die Scheune, ich wusste: Was ich vorfinden werde, wird mich mein Leben lang verfolgen. Ich stand vor der roten Scheune, ich öffnete die Tür und vor mir, mein Vater mit einem Strick um den Hals, am Balken hängend. Er hatte sich das Leben genommen. Ich fühlte mich nicht in der Lage, ihn loszubinden, ich war wie erstarrt. Ich schrie: „Vater…Vater“, doch es kam keine Antwort. Es war zu spät, meine Tränen liefen, ich war kraftlos, doch ich musste stark sein. Stark für meine Mutter sein. Ich band ihn mit meinen bloßen, zittrigen Händen los. In meinem Kopf drehen sich die Fragen bis heute noch, warum er sich das Leben nahm. Doch mir ist bewusst, dass ich keine Antwort darauf erhalten werde. Meine Mutter folgte ihm glücklich erst Jahre später.

Als sich die Lage etwas beruhigt hatte, kam es wieder plötzlich zu einem Todesfall. Die Frau meines Neffen arbeitete bis abends spät in die Nacht: Eines Nachts auf dem Nachhauseweg war sie so erschöpft von der Arbeit, dass sie in den Sekundenschlaf fiel. Und schon war es passiert, ihr Auto fuhr gegen einen Baum, als sie gefunden wurde, war sie schon verstorben. Ich hatte das Gefühl, dass mich der Tod verfolgte. Er war ein ständiger Begleiter, den ich nicht loswurde. Mein Neffe stand nun allein da, mit zwei kleinen Jungs. Wie sollte er ihnen erklären, dass Mutter nun nicht mehr wiederkommt?

Doch vier Jahre später war es wieder Zeit geworden, das Schicksal musste uns wieder eine geliebte Person aus dem Leben reißen. Diesmal sollte es mein Neffe sein, wobei er mit seinen beiden Jungs auf dem Fußballplatz Fußball spielte. Er fiel einfach um und war auf der Stelle tot. Wie sollen wir das noch bewältigen, ohne zusammenzubrechen? Womit haben wir das verdient? Warum ausgerechnet wir? Alles drehte sich in meinem Kopf. Doch die beiden Jungs sind heute glücklich verheiratet und haben selbst Kinder.

Jahre später war ich mir sicher, dass es nun vorbei wäre. Der Tod war nun nicht mehr unser Begleiter. Ich lebte mit meiner Ehefrau immer glücklich zusammen, meine einzige Tochter bekam fünf Kinder. Meine Ehefrau liebte das Reisen und so überraschte sie mich eines Tages mit Flugtickets nach Rom. Wir verbrachten viele schöne Jahre zusammen, bis meine Ehefrau am 21.12.2015 verstarb. Mein Begleiter war wieder an meiner Seite. Sie machte wie jeden Abend ihren Spaziergang, doch kam nicht wieder nach Hause. Ich rief unsere Bekannten an, denn sie war eine Tratschtante. Keiner hatte sie gesehen oder etwas von ihr gehört. Ich wusste, ich werde sie nie wieder sehen, doch ich wollte es nicht wahrhaben und ging sie suchen. Ohne Erfolg. Ich saß in meiner Küche und wartete nur auf das Klingeln vom Polizisten. Es war so weit, ich brach in Tränen aus. Der Polizist stand vor der Tür, mit ihren Handschuhen in der Hand und sagte kein Wort. Meine Welt brach nun vollkommen zusammen, ich wollte nicht mehr. Doch meine Familie unterstütze mich. Bis heute frage ich mich, wozu mir das alles passiert ist. Doch meine geliebten Verstorbenen bleiben immer in schöner Erinnerung.

Mitten im Bombenhagel

Von Marleen Krause

Meine Oma hat im Krieg ihren Mann verloren und stand dadurch alleine mit zwei Kleinkindern da. Ein Junge und ein Mädchen, der Junge (mein Onkel) war sieben Jahre alt und das Mädchen (meine Mutter) sechs Jahre alt.

Meine Oma wurde von ihrem Mann total verwöhnt, sie musste nie etwas alleine machen. Er hatte sich immer um alles gekümmert: um das Essen, den Haushalt und um die Kinder. Nach seinem Tod ist für sie die Welt zusammengebrochen. Meine Oma war gänzlich überfordert, sie war so mit sich selbst beschäftigt, dass sie sich gar nicht um die Kinder kümmern konnte. Sie konnte nicht mal alleine fürs Essen sorgen. Deshalb waren die Kinder durch den großen Hunger dazu gezwungen gewesen, bei den Nachbarn Kartoffeln zu stehlen. Nur damit wenigstens ein bisschen was zu essen abends auf den Tisch kam.

Der schlimmste Tag war aber, als meine Oma mit den Kindern zum Ohrenarzt gegangen ist. Der Arzt stellte fest, dass das Mädchen, meine Mutter, zu dem Zeitpunkt eine schwere beidseitige Mittelohrentzündung hatte. Sie hatte dadurch hohes Fieber und konnte nichts richtig hören.

Nach der Untersuchung beim Arzt, als sie nach Hause gehen wollten, ertönten die Sirenen. Das bedeutete, dass alle sofort in den am nächstgelegenen Schutzbunker flüchten sollten. Vor lauter Angst ist meine Oma einfach vorgelaufen und hat nicht mitbekommen, dass ihre Tochter mitten auf dem Marktplatz gestolpert ist und sich dabei verletzt hatte.

Fast am Schutzbunker angekommen, bemerkte mein Onkel, dass seine Schwester fehlte. Er lief dann direkt zum Marktplatz zurück, suchte seine Schwester. Währenddessen fielen schon die Bomben.

Völlig geschockt fand mein Onkel seine Schwester weinend auf dem Boden mitten auf dem Marktplatz sitzend und schaffte es, sie zum Bunker zu bringen.

Dieses Erlebnis konnte meine Mutter nie vergessen, dass sie völlig allein im Bombenhagel saß und von allein nicht aufstehen konnte.

Zum Glück fand aber meine Oma schnell genug einen neuen Mann, der sich wieder um alles gekümmert hat, alle täglichen Aufgaben erledigte und die ganze Verantwortung auf sich genommen hat. Hätte sie diesen Mann nicht gefunden, wäre es vielleicht wirklich schlimm für die Kinder ausgegangen.