Wenn zwei zu einem werden

Von Amelie Büsing

Imke, 1986

Es war ein langer Schultag und ich freute mich nach langer Zeit wieder darauf, etwas mit meiner Freundin zu machen; wir fuhren mit der Bahn zu ihr nach Tenever. Wir guckten einen Film und aßen etwas. Es war ein schöner Tag, doch als ich nach Hause musste, hatte ich Angst, denn ich wusste, dass mein Stiefvater wieder getrunken hatte. Als ich zu Hause ankam, hörte ich ihn schon meine Schwester anschreien. Ich hatte Angst, er würde sie wieder schlagen, oder sogar mich. Er rastete oft aus, manchmal auch aus total unnötigen Gründen. Auch meinen Bruder hat er oft beschimpft. Nur seine eigene Tochter Natalie, meine Halbschwester, hatte er nie angeschrien oder geschlagen. Sie kriegt alles, was sie möchte. Ich ging schnell in das Zimmer von mir und meiner Schwester, welches wir uns teilen mussten. Ich sagte ihr „Hallo!“, aber sie war nur genervt und gestresst, was ich verstehen konnte.

Ich hörte nun meinen Stiefvater wieder heftig schreien. So hatte er meinen Bruder noch nie angeschrien. Sie standen im Flur und ich wollte wissen, worum es ging. Ich guckte aus meiner Tür und sah, wie er meinen Bruder schlug; er war sehr aggressiv und ich hatte Angst.

Ich wünschte, mein Vater würde noch bei mir sein und nicht dieser Mann hier. Ich kenne meinen Vater nur von Bildern und seinem Grab.

Wieso ist Mama ausgerechnet mit diesem Mann verheiratet?

Er ging in das Zimmer meines Bruders. Mein Bruder stand aufgebracht im Flur und ich hatte Angst um ihn. Mein Stiefvater kam kurz darauf aus dem Zimmer mit vielen Tragetaschen und Tüten in seinen beiden Händen. Er sagte, mein Bruder müsse ausziehen.

Er guckte unseren Stiefvater fragend und erschüttert an. Sein Blick drückte Wut aus, er war sauer, er nahm seine Sachen und ging schnell aus der Tür.

Ich stand nur wie versteinert im Flur und wusste nicht, was ich tun sollte.

Mein Stiefvater hatte schon immer etwas gegen meinen Bruder, ich glaube, es liegt nur daran, dass mein Bruder schwarz ist. Das ist so ungerecht und ergibt keinen Sinn. Ich verstehe das einfach nicht.

Erik, 1986

Heute müssen wir umziehen von Heidelberg nach Bremen. Eigentlich würde ich viel lieber bei meinen Freunden bleiben, denn sie sind das Einzige, was ich habe. Meinen Vater kenne ich nicht und meine Mutter ist nie zu Hause, da sie arbeiten muss. Ich bin oft alleine zu Hause und muss selbst klarkommen. Aber ich hoffe, das wird sich ändern, sobald wir umgezogen sind. Die Kartons sind alle schon gepackt und in ein paar Minuten fahren wir schon los.

Wir steigen ins Auto und es geht los; die Fahrt dauert lange und es kommt mir nach drei Stunden vor, als wären wir einen ganzen Tag gefahren.

Ein paar Stunden später sehe ich schon das Ortsschild „Bremen“. Ich bin aufgeregt. Wir fahren durch die Stadt, die viel belebter und verkehrsreicher ist als meine Heimat. Auf einmal sehe ich nur noch Hochhäuser, die bis in den Himmel ragen. In so eins würden wir einziehen. Wir steigen aus und ich bin froh, mir die Beine vertreten zu können. Wir gehen in das Hochhaus und es sieht ziemlich heruntergekommen aus. Im Fahrstuhl drückt meine Mutter auf das Stockwerk dreizehn. Früher hatten wir in einem Einfamilienhaus gelebt. Zwar auch kein Luxus, aber nicht so wie hier.

Ich packe meine Sachen aus, lege mich kurz in mein neues Bett und schlafe einfach ein, da ich so müde bin.

Familie Zengin

Von Kenan Zengin

Nachdem die Familie meines Vaters sich dazu entschlossen hatte, in der Türkei in eine andere Stadt umzuziehen, sind sie nach Giresun gezogen: in die Heimatstadt meiner Mutter, die im Norden der Türkei liegt, direkt am Schwarzen Meer. Die Familie meines Vaters ist damals in eine Wohnung gegenüber der meiner Großeltern und meiner Mutter eingezogen. Für die Schule hatte mein Vater damals als Jugendlicher keine Zeit gehabt, denn er musste von morgens bis abends in dem Café seines Vaters als Kellner arbeiten. Eine Chance, Profifußballer zu werden, hatte mein Vater auch bekommen, mein Opa ließ ihn jedoch den Vertrag mit einem Fußballclub nicht unterschreiben, weil ihm das Café wichtiger war und weil es ihnen zu dieser Zeit finanziell sehr schlecht ging. Trotz der großen Chance sagt mein Vater mir immer, dass man mit den Eltern nicht diskutieren dürfe – wenn sie etwas sagen, dann solle es so sein, auch in so einer Situation.

Ganz anders war es bei meiner Mutter, sie hatte die Zeit, zur Schule zu gehen, jedoch musste sie als älteste Schwester nach der Schule immer auf ihre kleine Schwester aufpassen und gleichzeitig Hausarbeiten erledigen, da blieb oft keine Zeit mehr für Hausaufgaben.

Irgendwann auf einer Hochzeit sind meine Eltern sich nähergekommen und wurden einander vorgestellt. Bei uns Türken ist es Tradition, dass die Familie des Jungen zur Familie des Mädchens geht, man sich dort kennenlernt, und am Ende sagt dann der Vater des Jungen, dass man die Tochter von dem Vater haben wolle und erst, wenn er einwilligt, dürfen die beiden dann heiraten.

1986 war es dann soweit, meine Eltern heirateten und es dauerte nicht lange, bis sie wussten, dass sie Eltern werden. Für sie war das Wichtigste die Zukunft des Kindes. Sie wollten nicht, dass es dem Kind so erginge wie ihnen. Deswegen flog mein Vater als erstes nach Deutschland, genauer gesagt nach Frankfurt zu Verwandten, um nach Arbeit zu suchen, weil es der Bundesrepublik Deutschland zu dieser Zeit wirtschaftlich sehr gut ging.

Als er dann gemerkt hatte, dass er nicht vorankam, fuhr er nach Bremen und holte meine Mutter und ihre Familie auch hierher. Und während die Familie meines Vaters in der Türkei blieb, außer seiner ältesten Schwester, war 1987 schon ihr erstes Kind auf die Welt gekommen: mein Bruder. Lange blieb er aber nicht bei ihnen. Zwei Monate nach seiner Geburt starb er bei einem Autounfall und für meine Mutter war das das Ende der Welt.

Trotz des großen Verlustes und der Angst, weitere Kinder zu bekommen, und trotz der politischen Lage in Deutschland kam zwei Jahre später meine Schwester auf die Welt. Ein weiterer Lebenssinn für meine Eltern.

Vor der Geburt des nächsten Kindes sind sie weiter in eine andere Wohnung umgezogen und 1995 kam dann mein Bruder zur Welt. Als es dann hieß, mit den Kindern reiche es bis hierhin erstmal, stand schon die nächste Geburt an. Sieben Jahre nach der Geburt des ersten Jungen kam nämlich der zweite Junge auf die Welt: ich.

Meine Heimat

Von Derya Tut

1

Es begann mit einer örtlichen Zeitungsanzeige in Kahramanmaras …

Im August 1971 begegnen Oma und Opa in Kahramanmaras durch Zufall einem Bekannten, der Stellenangebote ins Ausland vermittelt. Da die Armut in der örtlichen Provinz zunehmend größer wird, ist dies die große Chance.

Meiner Oma wird angeboten, als Gastarbeiterin nach Deutschland zu reisen. Nach der Ausstellung der Papiere gab es einen Aufenthalt in Istanbul, um durch die letzten Gesundheitskontrollen zu kommen.

Oma tritt am 30. Mai 1972 die Reise nach Deutschland an. Ihre ganze Familie lässt sie hinter sich und macht sich unwissend auf den Weg in ein komplett fremdes Land, dessen Sprache sie nicht mal beherrscht. Von Istanbul nach München, die Weiterfahrt geht mit der Bahn.

In Bremen angekommen, wohnt sie zunächst acht Monate in einem Gastarbeiterheim der für sie zuständigen Firma, nämlich der Schokoladenfabrik „Hachez“. Zu dem Zeitpunkt ist sie bereits hochschwanger mit meinem Papa.

Opa kommt schließlich am 15.12.1972 nach Deutschland, genau einen Monat vor der Geburt von Papa. Nach wenigen Wochen beziehen Oma und Opa schließlich eine eigene kleine Kellerwohnung in Bremen Neustadt.

Am 15.01.1973 kommt Papa in Bremen zur Welt.

Mein Vater wächst in Bremen auf und besucht hier die Schule bis zur 9. Klasse und fängt schließlich eine schulische Ausbildung an.

Die glücklichsten Erinnerungen meines Vaters an seine Jugend?

„Die Sonntagsausflüge in die Stadt mit der Familie und die wertvoll verbrachte Zeit mit meinem Vater sind meine schönsten Erinnerungen“, sagt er.

Die traurigste Erinnerung, zurückblickend?

„Der Tod von meinem Vater an der Krankheit Lungenkrebs“, sagt er.

2

Als mein Vater einundzwanzig Jahre alt ist, heiratet er meine Mama, die in der Türkei geboren und auch aufgewachsen ist.

Meine Mama hat in der Türkei die Schule besucht und dort ihr Wirtschaftsstudium zu Ende gebracht.

1994, nach ihrem Studium, kam sie nach Deutschland und gab meinem Vater das Ja-Wort.

Was sind die schönsten Erinnerungen für dich, Mama?

„Deine Mutter und die deiner Brüder zu sein, ist meine schönste Erinnerung und mein größtes Glück“, sagt sie.

3

Nun lebe ich mit meinen zwei Brüdern in der dritten Generation hier in diesem Land, welches sich Deutschland nennt.

Ich bin in Bremen geboren und aufgewachsen.

Die schönsten Erinnerungen meiner Kindheit sind die Sommerferien, in denen wir mit meiner ganzen Familie in die Türkei, in meine Heimat, gefahren sind, zu meinen Großeltern, um dort unsere Ferien zu verbringen.

Ich bin dankbar für diese Zeit. Am liebsten teile ich meine Erinnerungen mit meinen zwei Brüdern. Wir hatten eine schöne Kindheit.

Ich habe die deutsche Sprache im Alter von drei Jahren im Kindergarten gelernt. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde zu Hause zum größten Teil Türkisch oder Kurdisch gesprochen.

Es wurde sehr viel Wert darauf gelegt seitens meiner Eltern, uns unsere Muttersprache beizubringen. Ebenfalls die deutsche Sprache.

Ich bin dankbar für die Vielfalt, denn ich spreche drei Sprachen, was ich liebe.

Dennoch fühle ich die Verpflichtung, mich zu einer der beiden Nationen zu bekennen, weil ich in dem Land, wo ich aufgewachsen bin, eine „Ausländerin“ bin, während ich in der Türkei als „Deutsche“ gelte.

Ich bin froh, in diesem Land zu leben und genieße die Möglichkeiten der Bildung, die dieses Land bietet.

Ich kann mich situationsbedingt mit beiden Nationalitäten identifizieren. Dennoch würde ich mir wünschen, dass weniger Wert darauf gelegt wird, woher ein Mensch stammt, an was er glaubt und welche Sprache er spricht. Denn ist es nicht das Wichtigste, dass wir die Einsicht gewinnen, dass jeder nur zu Besuch auf diesem Planeten ist? Zu Besuch für eine kurze Zeit, die wir zum Leben haben, friedlich miteinander verleben können, ohne hoffentlich dem Drang zu erliegen, sich und seine Nationalität anderen Menschen „auf Teufel komm raus“ näher bringen zu wollen. Es ist nicht wichtig, welche Sprachen wir sprechen, wir lachen doch alle zusammen in derselben Sprache – international.

Ich liebe die bunte Vielfalt der Kulturen und Sprachen, die auf dieser Welt existieren. Vor allem die Menschen, die alle eine Geschichte mit sich tragen, genauso wie du und ich.

Ich möchte von meinen Eltern wissen: Welchen Ratschlag könnt ihr mir, gewonnen aus euren Lebenserfahrungen, geben?

„Meine Tochter, wir wünschen für dich, dass du immer so bleibst, wie du bist. Du begegnest allen Menschen auf deinem Weg mit Respekt, Liebe, voller Lebensfreude. Wenn es etwas gibt, was wir dir mit auf den Weg geben können, dann ist es, dir zu sagen, dass du nie aufhören sollst, deinen Träumen nachzueifern, dass du alles erreichen kannst, was du dir wünschst und dass deine Familie immer hinter dir steht, egal für welchen Weg du dich entscheidest. Deine Brüder und du seid die schönste Erfahrung, die wir machen durften und wir sind unfassbar stolz auf euch, dass ihr zu den erwachsenen Menschen geworden seid, die ihr heute seid.“