‚Diverse People Remember‘ mit Artur Becker

Das internationale Erzählprojekt „Diverse People Remember“ ist im März gestartet.

Bei dem ersten Workshop von Diverse People Remember am 07. März 2019 hatten die Schülerinnen und Schüler des Deutschprofils des Schulzentrums in Walle die Aufgabe bekommen, anhand eines Fragebogens die Geschichten ihrer Eltern und Großeltern im Bezug auf die eigene Herkunft zu erfahren und die Erinnerungen in kurzen Texten zu sammeln, damit sie im zweiten Workshop besprochen werden können.

Am 02. April 2019 fand der zweite Autorenworkshop mit Schriftsteller Artur Becker im Schulzentrum Walle statt. Projektleiterin Annika Depping eröffnete den Workshop gemeinsam mit der Deutschlehrerin der Schulklasse, Frederike Kiesel. Annika bedankte sich zunächst bei den Schülerinnen und Schülern für die angefertigten Texte. Sie lobte die Ehrlicheit, mit der die Schülerinnen und Schüler die Herkunftsgeschichten erzählen. Die Emotionalität der geschriebenen Worte ist berührend für jeden Leser.

Artur Becker übernahm dann die Leitung des Workshops indem er sich zuerst auch bei den Schülerinnen und Schülern für ihre Offenheit bedankte. Anschließend begann er, die Texte vorzutragen, und schlug einige sprachliche Änderungen vor. Der Raum war erfüllt vom gespannten Lauschen der Anwesenden, jede Geschichte erhielt Aufmerksamkeit und bei den Jugendlichen war Spannung und Stolz erkennbar, dass ein Schriftsteller wie Artur Becker ihre selbstverfassten Texte las und kommentierte.

Betont wurde von Artur Becker, dass er lediglich die Orthografie und sprachlich-stilistischen Mittel der Schüler und Schülerinnen kommentiere, nicht jedoch den Inhalt. Er habe sehr großen Respekt vor dem in den Texten Offenbarten. Er bezeichnete das Geschriebene als „Geschenk, welches ihn ideologisch und intellektuell weitergebracht“ habe. Die Authentizität, mit der die Jugendlichen die Geschichten erzählen, erweckt auch bei den LeserInnen Emotionen wie Trauer, Mitleid und Freude. Autor Artur Becker ist begeistert von den Texten: man hätte die eigenen Geschichten auch kaschieren können, umso dankbarer sei er für die Ehrlichkeit. Die Herkunftsgeschichten sind geprägt von Themen wie Liebe, Hoffnung, Dankbarkeit, aber sie handeln auch von Krankheiten, Trauer und Tod. Mehr soll an dieser Stelle noch nicht verraten werden. Am 30. April 2019 geht es weiter mit der Reise durch die Vergangenheit, mit Diverse People Remember.

Projektleitung: Virtuelles Literaturhaus Bremen, Annika Depping

Unsere Partner: Schulzentrum Walle, Westbury Secondary School im Westbury Township in Johannesburg/Südafrika, Sylt Foundation in Johannesburg, start Jugend Kunst Stiftung Bremen, Sparkasse Bremen und Stadtbibliothek Bremen

Text und Fotos: Tabea Scherer

Schriftsteller Artur Becker zu Gast im Schulzentrum Walle

Das internationale Erzählprojekt „Diverse People Remember“ ist im März gestartet.

Erzählen ist ein kritisches Instrument menschlicher Handlungsmacht und es gibt enorme Mengen an Literatur zu den verheerenden Auswirkungen des (Ver-) Schweigens. Das Pilotprojekt Diverse People Remember beabsichtigt, den TeilnehmerInnen eine Handlungsmacht zurückzugeben, die nach dem künstlerischen Prozess einen Dialog mit anderen Gemeinschaften ermöglicht. Ziel ist es, ein „Archiv von geteilten Leben“ aufzubauen und die schwierigen Altlasten der Vergangenheit miteinander zu teilen. Dazu werden SchülerInnen aufgefordert, die Geschichte ihrer Großeltern/ Eltern zu erzählen und in eigenen Texten zu sammeln.

Seit März 2019 beteiligen sich das virtuelle Literaturhaus Bremen mit dem deutsch-polnischen Schriftsteller Artur Becker an dem internationalen Projekt der Sylt Foundation. Schulpartner sind die Westburg Secondary School im Westbury Township in Johannesburg in Südafrika und das Gymnasium des Schulzentrums Walle in Bremen. Die für das Erzählprojekt ausgewählte Schulklasse belegt das Deutschprofil des angehenden Deutsch-Leistungskurses und besteht aus 28 Jugendlichem im Alter von 17-18 Jahren. Es sind lediglich sieben Jugendliche in der Klasse, die keinen Migrationshintergrund haben. Mit Unterstützung des Schriftstellers Artur Becker werden die jungen Menschen angeregt, über die Geschichte und Vergangenheit ihrer Familien zu schreiben. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte bietet eine Möglichkeit, die persönliche Entwicklung positiv zu beeinflussen.

Am 7. März 2019 fand der erste Autorenworkshop im Schulzentrum Walle statt. Nach der ersten Begrüßung stellte Artur Becker sich und seine Herkunftsgeschichte vor. Er war den SchülerInnen als Autor größtenteils unbekannt. Mit seinen Erzählungen konnte er das Eis jedoch schnell brechen, indem er sich geschickt auf Augenhöhe mit den Anwesenden begab. Er erzählte von seinen Anfängen als Schriftsteller, seiner eigenen Unsicherheit und den Hürden, die das Leben uns allen hin und wieder bereitet.

In der folgenden Vorstellungsrunde der SchülerInnen wurde deutlich, dass die Familien der Jugendlichen aus sehr unterschiedlichen Herkunftsländern stammen. Die Türkei wurde häufig als Herkunftsland genannt, außerdem der Kosovo, Kolumbien, Frankreich, Marokko und der Libanon.

Passend zu dem Themenkomplex las Artur Becker anschließend Abschnitte seiner Werke, beispielsweise aus „Spuren der Familie“. Er betonte, dass jede Herkunftsgeschichte es wert ist, erzählt zu werden. Die Individualität steht dabei im Vordergrund, es gibt keine globale oder universelle Herkunft. Gerade das macht das interkulturelle Projekt so spannend und wichtig. Zwischendurch wurde den SchülerInnen immer wieder die Möglichkeit gegeben, einer Pesönlichkeit wie Artur Becker Fragen zu stellen. Gefragt wurde beispielsweise, wie Artur Becker mit einer Schreibblockade umgeht, wie viel Zeit er durchschnittlich benötigt, um ein Werk fertigzustellen und ob er jeweils nur an einem oder gleichzeitig an mehreren Büchern arbeitet. Durch seine authentischen Antworten trauten sich die Jugendlichen, ihre Fragen zu stellen. Es herrschte eine angenehme, positiv gespannte Atmosphäre. Artur Becker konnte die Jugendlichen schnell für das gemeinsame Schreibprojekt gewinnen.

Zum Ende der Stunde wurde ein Fragebogen an die SchülerInnen verteilt. Er stellt eine Art Leitfaden dar für die Interviews der Familienmitglieder. Zum Abschluss des Workshops stellte Artur Becker noch die teilnehmende Schule in Johannesburg und das oft schwierige Leben der Jugendlichen in Südafrika vor. Er sprach über die dort herrschende Diskrepanz zwischen arm und reich, die teils menschenunwürdigen Gegebenheiten. „Es koexistieren zwei Welten in einem Land, doch es gibt nur eine Menschheit, da spielt Hautfarbe keine Rolle“, konstatierte Artur Becker zum Abschluss.

Projektleitung: Virtuelles Literaturhaus Bremen, Annika Depping

Unsere Partner: Schulzentrum Walle, Westbury Secondary School im Westbury Township in Johannesburg/Südafrika, Sylt Foundation in Johannesburg, start Jugend Kunst Stiftung Bremen, Sparkasse Bremen und Stadtbibliothek Bremen

Text und Fotos: Tabea Scherer