Artur Becker: Der Mut zum Entblößen und Erzählen – Ein Rückblick

Schülerworkshop »Diverse People Remember«:

Dreiundfünfzig Seiten im Manuskript, Stories und Gedichte, aber geschrieben von Schülerinnen und Schülern aus Bremen, Gymnasiasten des Schulzentrums Walle, die sich auf das Abitur vorbereiten. Und jeder dieser Texte, die im Rahmen unseres Workshops »Diverse People Remember« entstanden sind, ist eine persönliche Begegnung und Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit und Familienherkunft – eine erfrischende und überraschende Begegnung, die im Dunkel der Weltgeschichte kurz aufleuchtet, um in unserem Gedächtnis wenigstens für wenige Augenblicke haftenzubleiben. Und das Aufleuchten gelingt allen Texten ausgezeichnet, weil sie vor Entblößung, dem Drang nach Wahrheit, keine Angst haben.

Denn es ist erstaunlich, wie mutig und forsch die jungen Autorinnen und Autoren vorgegangen sind, um ihren Familienstoff zu präsentieren. Sie ersparen uns nichts, wir leiden mit, wenn Tragisches und Unglückseliges erzählt wird; wir freuen uns zusammen mit ihnen über jeden Erfolg, mag er auch auf den ersten Blick gewöhnlich und austauschbar sein. Und wir staunen im nächsten Moment auch über die Leichtigkeit der Texte, obwohl sie oft von den letzten Dingen erzählen: vom Sterben, von der Übermacht einer schweren Krankheit, vom Scheitern der Emigration, von der Einsamkeit, vom Bürgerkrieg oder von der tragischen Geschichte Deutschlands in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Außerdem zeigen die Früchte unseres Workshops, wie vielschichtig und kompliziert in der globalisierten Welt unsere Identitäten geworden sind, die wir von unseren Familien geerbt haben und in einem fremden Land mit uns herumtragen müssen wie einen vollgestopften Rucksack. Gleichzeitig bauen wir neue Identitäten, da wir uns mit unserem neuen Land solidarisieren und identifizieren, sofern wir nicht an der schlimmsten Emigrantenkrankheit leiden – dem Defätismus, der ewigen Nörgelei und Schwarzmalerei.   

Und was auch noch erstaunt, ist die Tatsache, dass wir in diesen Texten  einem Deutschland begegnen, das wie ein Katalysator funktioniert, oder vielmehr wie  ein Transformator: Altes wird mit Neuem vermischt, und trotzdem entsteht dabei nicht nur eine moderne bundesrepublikanische Identität, die all die jungen Menschen ausmacht, deren Familiengeschichten wir auf Papier kennengelernt haben. Es entstehen auch Paare, die friedlich miteinander koexistieren: Die zu Hause erlernte Muttersprache ist genauso wichtig und lebendig wie die deutsche Sprache, die hinzugekommen ist. Das betrifft auch die Kultur – die ursprüngliche und die hinzugekommene: Es bilden sich jedes Mal unzertrennliche Paare wie in der Liebe.

Glücklich kann sich deshalb ein Land schätzen, das solche Geschichten von Herkunft und Kampf um ein besseres Leben in der Fremde, wie sie auf den dreiundfünfzig Manuskriptseiten zu lesen sind, auch zu seinem geistigen Eigentum zählen kann: glücklich deshalb, weil diese Familienstories für uns alle eine Bereicherung sind und keine Bürde, die obendrein politisch instrumentalisiert werden könnte.

Hinzu kommt noch etwas Überraschendes und Erfreuliches, dass nämlich in allen Themen, die in den Texten der Bremer Schülerinnen und Schüler auftauchen, oft klassische Stoffe der Literatur erkennbar werden, zumindest im Keim: die Odyssee, der lange Weg nach Hause; der Kampf um ein besseres Leben in der Fremde; der Verlust von geliebten Menschen, die der  Krieg einem genommen hat; das Leben auf Inseln, die man sich in der Fremde erschafft, da man sich in seinem neuen Land nicht neu erfinden kann; dann die Auseinandersetzung mit der Familientradition und der Religion, die Konflikte zwischen den Generationen – die jungen Wilden, die dem Altbackenen und Erprobten entfliehen wollen; und zum Schluss dieses Rückblicks muss man noch die Sorge um unsere Zukunft hervorheben, die in vielen Texten geäußert wird, wenn auch manchmal zwischen den Zeilen, aber nach nochmaligem Lesen fühlt man, dass diese Texte sorgenvoll in die Zukunft der Erde und ihrer Bewohner schauen, weil der Wunsch nach einem erfüllten, glücklichen Leben für die Erdlinge ihr eigentlicher Motor ist.

Und noch etwas Wichtiges: Man staunt während der Lektüre über die positive, lebensbejahende und zum moralischen Handeln animierende Haltung der Eltern und Großeltern, die ihren Sprösslingen im Prinzip einen wichtigen Satz mit auf den weiten Lebensweg geben: »Versuch ein guter Mensch zu sein!« Nichts anderes sagte mir meine polnische Großmutter Natalia, wenn ich Anfang der Achtzigerjahre, damals ein Sechzehnjähriger, wieder einmal auf Reisen ging und in den nächstbesten Zug sprang, um zum Beispiel in Posen mein Mädchen zu besuchen. »Geh mit Gott!«, sagte sie, aber es meinte ja das Gleiche: »Versuch ein guter Mensch zu sein.«

Was jedoch an diesen Workshoptexten am besten gefällt, ist ihr Mut zur Wahrheit, zum Erzählen: Keiner soll denken, dass Tragisches, Hässliches, Schreckliches, was vor allem Kindern und Jugendlichen normalerweise nicht widerfahren darf, in diesen Geschichten auf der Strecke bleibt. Nein, das nicht. Zum Glück nicht. Die Authentizität ist nämlich das wichtigste Charakteristikum dieser Prosatexte und Gedichte, auch wenn uns manchmal Tränen den Hals zuschnüren wollen – uns erfahrenen Lesern.

Wir haben viel gelernt: Wir haben gelernt, wie zerbrechlich unsere Familien und ihre Ursprünge sind; wie man Geschichten knapp und herzlich und wahrhaftig erzählt; wie man mit Kritik umgeht und wie wichtig der Dialog ist, den wir miteinander führen mussten: als Schreiber und Leser. Wir haben gelernt, wie man bestimmte Motive, die in einer Story scheinbar zufällig aufgetaucht sind, weiterentwickeln und zu Ende erzählen kann; und wir haben gelernt, wie wichtig es ist, an den Texten sprachlich zu arbeiten, an der Sprache zu feilen, in einem Tempus den roten Faden einer Geschichte zu spinnen.

Mein Dank gilt der Deutschlehrerin Frederike Kiesel, die für eine produktive Arbeitsatmosphäre gesorgt und den Schülerinnen und Schülern ihre Wünsche von den Lippen abgelesen hat. Ein großer Dank gilt auch dem Team des virtuellen Literaturhauses Bremen: Heike Müller, Annika Depping und Tabea Scherer – sowie der Sylt Fundation aus Johannesburg, ihrem guten Geist Indra Wussow.           

Von Artur Becker
Verden-Bremen, März – August 2019  

Diverse People Remember

Das internationale Projekt Diverse People Remember möchte ein „Archiv von geteilten Leben“ aufbauen, um die schwierigen Altlasten der Vergangenheit miteinander zu teilen. Kinder und Jugendliche sind aufgefordert, die Geschichten ihrer Großeltern und Eltern zu erzählen und in eigenen Texten zu sammeln.

Seit März 2019 beteiligt sich das virtuelle Literaturhaus Bremen gemeinsam mit den Schulzentrum Walle und dem deutsch-polnischen Schriftsteller Artur Becker an dem internationalen Projekt der Sylt Foundation. Jeder der entstandenen Texte ermöglicht einen Einblick in eine interkulturelle Familiengeschichte – mutig, berührend und spannend.

>> zu den Texten

Der Weg nach Deuschland Selin Karaca
Gäste in Almanya Rabia Yakac
Wenn zwei Wege zu einem werden Amelie Büsing
Familie Zengin Kenan Zengin
Meine Heimat Derya Tut
Der Tod als Begleiter Daria Schwabe
Mitten im Bombenhagel Marleen Krause
Zufall oder Schicksal? Cara Schulze
Lebensgeschichte meiner Mutter Louisa Reimer
Flowers Green Gina Grote
Der Bezirk Huzur Bogatekin
Die Diaspora Arijan Bakiji
In Gedenken Yolenn Mindt
Die Einwanderung meines Großvaters und meines Vaters Erijona Nrecaj
Aus Sicht meiner Mutter (das traurige Geschehen) Jasja Mustapha
Vom Norden Afrikas nach Europa Amina Louaye
Die Geschichte meiner Oma Tim an Haack
Ohne Titel Selenay Karakaya
Aufgewachsen in Guinea Emilia Mariam Camara
Weg meines Onkels nach Deutschland Mervan Dag
Der Neuanfang Tarkan Sättele


Unsere Partner: Schulzentrum Walle, Sylt Foundation, start Jugend Kunst Stiftung Bremen, Sparkasse Bremen und Stadtbibliothek Bremen

Der Weg nach Deutschland

Von Selin Karaca

Mein Name ist Selin. Die Bedeutung von meinem Namen ist der Segen. Meine Eltern hatten mich deshalb so genannt, weil sie der Meinung waren, dass es dann für Deutschsprachige leichter wäre, meinen Namen in Deutschland auszusprechen. Sie wollten mir einen türkischen Namen geben, er sollte aber nicht allzu kompliziert, sondern leicht sein.

Ich wurde in Deutschland geboren, doch meine Großeltern kamen mit meinen Eltern als Gastarbeiter nach Deutschland. Sie gründeten hier in Deutschland ein neues Leben, ganz anders als in der Türkei, wo sie eigentlich herkamen. Mein Opa arbeitete überall dort, wo es Arbeit gab. Egal, wie weit der Ort entfernt war, ging er dorthin arbeiten, er tat es natürlich für seine Familie.

Wenn ich mich mal beschwere, weil ich in die Schule gehen und früh aufstehen muss, erzählt er mir (er ist heute Rentner), wie es bei ihm in seiner Zeit war, als er nach Deutschland gekommen ist. Wie er jeden Tag, jede Woche ans andere Ende von Deutschland gefahren ist, nur um zu arbeiten und Geld zu verdienen. Wie er jeden Morgen um drei Uhr aufstehen und zur Arbeit gehen musste – aufgrund der großen Entfernung. Wie sie als Gastarbeiter manchmal keinen Platz zum Schlafen hatten und auf dem Boden schlafen mussten. Dass er so vieles durchgemacht hat, in ein fremdes Land eingewandert ist, ohne jemanden zu kennen, ohne die Sprache zu können. Ein völlig fremder Ort, aber für ein besseres Leben, für eine bessere Zukunft seiner Kinder und Enkel.

Jedes Mal, wenn ich mich über etwas (in der Schule oder zu Hause) beschwere, erzählt er mir Geschichten, die er erlebt hat. Dank ihm und seiner Erlebnisse und Lebenserfahrung wird mir jedes Mal klar, dass wir heutzutage unser Glück nicht schätzen: Wir sprechen die deutsche Sprache fließend, als wäre es unsere Muttersprache, können lesen, schreiben und gehen auf die Schule. Wir leben in Frieden und müssen uns keine Sorgen über morgen und über unsere Zukunft machen. Wir sind an niemanden gebunden und können das machen, was wir wollen. Auch wenn es nicht leicht wird, haben wir es leichter als unsere Großeltern damals und dafür sollten wir dankbar sein. Wir sollten unser Glück schätzen und versuchen, das Beste daraus zu machen, denn es gibt am anderen Ende der Welt Menschen, die dieses Glück nicht haben. 

Das Leben meiner Großeltern ist für mich deshalb eine große Lehre, weil sie mich jedes Mal aufs Neue motivieren. Sie wollen, dass meine Zukunft sicher ist und dass ich ein schönes Leben führe und glücklich bin.

Als Mädchen in die Schule gehen zu können, zu studieren und später einen Job in der Hand zu haben, scheint im Gegensatz zu damals wie ein Traum (für die damaligen Frauen): von allem und jedem unabhängig zu sein und auf eigenen Beinen stehen zu können. Für uns ist es die Realität und ich bin dankbar dafür, dass ich diese Freiheit erleben darf.

Meine Großeltern sind in meinen Augen tapfere Menschen. Sie haben für unsere Zukunft alles, was sie in der Türkei hatten, stehen und liegen gelassen, für ihre Kinder. Um uns ein besseres Leben zu ermöglichen. Damit wir nicht wie sie in ein anderes Land ziehen müssen, um dort arbeiten zu können. Damit wir kein Heimweh bekommen, sondern glücklich sind und einen guten Job in der Hand haben. Dafür bin ich ihnen dankbar, dass sie sich für mich und meine Geschwister (Cousinen …) geopfert haben. Dank ihnen bin ich heute die Person, die ich bin und alles, was ich erreicht habe und erreichen werde, habe ich ihnen zu verdanken.